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Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Wölfen und Lämmer.

In der Geschäftswelt zerbrach man sich mit Recht den Kopf darüber, wo Mr. Hampton die ungeheuren Stimmen hernehme, die sein Sohn im letzten Jahre verschwendet hatte, und da in Wallstreet nichts lange geheim bleibt, so kam man denn auch bald auf die Vermutung, Hampton & Sohn müßten stille Teilhaber eines vielleicht mehr einträglichen als ehrenhaften Unternehmens sein. Hielt man das mit den ausgedehnten Geschäften Simon Löwenthals & Co. zusammen, einer Firma, die, wie man wußte, kein eignes Vermögen besaß und dennoch eines ungeheuren Kredits genoß, so hatte man nicht mehr weit bis zu dem Schlusse, daß nicht Löwenthal & Co., sondern Hampton & Sohn die wahren Eigentümer der »Maid of Athens« seien, welche in der letzten Zeit so fabelhafte Dividenden gezahlt hatte. Mr. Palfrey, welcher ein boshaftes Vergnügen daran fand, auszuspüren, wer eigentlich hinter dem Juden stecke, setzte seine Nachforschungen mit geräuschlosem Eifer fort, und es gelang ihm wirklich mit Hilfe einiger Makler, die er ins Vertrauen zog, eine Reihe von Thatsachen festzustellen, welche sämtlich auf Hampton & Sohn zurückführten Die Frage war nur noch, was er mit den Beweisen, die er in der Hand hielt, thun, wie er sie benutzen sollte, und seltsamerweise gelangte er nach reiflicher Ueberlegung zu dem Schlusse, sie einfach für sich zu behalten und sich mit der eignen Befriedigung zu begnügen. Vielleicht hatten die gesammelten Thatsachen eines Tages ihren Wert – und wenn nicht – nun, so war es immerhin von Interesse, zu wissen, wer ihn betrogen hatte.

Es kam Mr. Palfrey weniger auf das verlorene Geld an, besonders da die »Maid of Athens«, seit die Leitung in andern Händen lag, ihren früheren Ruf wieder gewonnen hatte und die Taschen der Teilhaber füllte; aber es ärgerte ihn, zu wissen, daß irgend jemand schlau genug gewesen war, ihn längere Zeit in solcher Weise hinter das Licht zu führen.

Die Erfolge der »Maid of Athens« und mehrerer andrer Silberbergwerke des Bezirkes hatten der Spekulation in Minenpapieren in letzter Zeit einen mächtigen Aufschwung gegeben. Selbst völlig ausgebeutete Gruben waren wieder zu künstlichem Leben erwacht und die Kurse stiegen und sanken in der unberechenbarsten Weise. Die Stimmung des Publikums – erregt durch die Kunde von ungeheuren Reichtümern, welche mit fabelhafter Schnelligkeit in Colorado-Minen erworben sein sollten – war etwaigen Aktienunternehmungen dieser Art so günstig, daß fast jedes den Gründern eine reiche Ernte versprach, und Mr. Cunningham, welcher die feinste Nase für solche Stimmungen hatte, konnte der Versuchung nicht widerstehen, die Gelegenheit zu einem großen Fischzuge zu benutzen. Er hatte vielleicht nicht geradezu die Absicht, zu betrügen, aber jedenfalls wollte er »ein tüchtiges Stück Geld« verdienen, und aus welchen Taschen es in die seinigen floß, kümmerte ihn herzlich wenig. Es erschien ihm als eine völlig berechtigte Sache, aus der Leichtgläubigkeit vertrauensseliger Gimpel Nutzen zu ziehen, und er that es mit ebensowenig Bedenken, wie der Hecht eine Forelle verschlingt, welche ihm ahnungslos in den Rachen schwimmt. Die Welt war einmal so eingerichtet, daß der größere Fisch den kleineren auffrißt, und die großen haben diese Einrichtung immer vortrefflich gefunden.

Nachdem Mr. Cunningham verschiedene Pläne zu diesem Zwecke entworfen und sorgfältig durchdacht hatte, kam ihm eine plötzliche geniale Eingebung. Er wollte die »Maid of Athens« kaufen! Allerdings wußte er, daß man die Grube seit ihrer Erschließung mit großer Energie ausgebeutet hatte, und hegte den Verdacht, daß dieselbe binnen kurzem erschöpft sein dürfte, aber das kam für ihn nur insofern in Betracht, als es auf den Kaufpreis von Einfluß sein mußte. Das Werk stand gegenwärtig im besten Rufe, und nichts war leichter, als eine größere Gesellschaft zu bilden und dem Publikum für vier oder fünf Millionen Dollar Aktien aufzuhängen Er teilte diesen Gedanken mehreren großen Kapitalisten mit, zu denen er in freundlichen Beziehungen stand, und auch sie erkannten mit einem Blicke, daß hier Millionen zu verdienen wären. Man kam überein – falls es gelang, die Minen zu erwerben – ungefähr dreimal so viel Aktien auszugeben, als der Kaufpreis betrug, und wenn man das Papier in kleinen Abschnitten ausgab, etwa zu zehn Dollar (wodurch sie Witwen und Waisen, Armen und Reichen zugänglich wurden), so ließ sich gar nicht bezweifeln, daß sie reißenden Absatz fanden und vielleicht sogar noch über dem Emissionswerte verkauft wurden. Der Umstand, daß die derzeitigen Eigentümer durchaus nicht beeifert schienen, zu verkaufen, machte diese Kenner der menschlichen Natur durchaus nicht irre, und nachdem sie den Plan reiflich erwogen und sich gegenseitig Verschwiegenheit versprochen, beschlossen sie, jeden Inhaber von Anteilscheinen, dessen Einfluß zu erkaufen und auch des Erkaufens wert war, auf seine Zugänglichkeit zu prüfen und sich so vor der nächsten Generalversammlung eine zur Veräußerung der Grube geneigte Majorität zu sichern.

Nun ging Mr. Cunninghams erste Sorge dahin, sich der guten Dienste einer der maßgebenden Zeitungen zu versichern, und diese fing schon in ihrer nächsten Nummer an, darauf hinzuweisen, daß Silbergruben eine durchaus gewagte Kapitalanlage seien. Am folgenden Tage machte sie über dies Thema einige Witze, und noch einige Tage später erschien ein Artikel, welcher in warnender und eingehender Weise die Unmöglichkeit besprach, daß kleinere Teilnehmer an Bergwerksgesellschaften die Verwendung ihres Geldes überwachten, sowie darauf hindeutete, wie leicht es für einen gewissenlosen »Ring« sei, sie ungestraft zu täuschen und zu plündern – Ausführungen, denen sich als Beispiel ein versteckter Hinweis auf die Verwaltung der »Maid of Athens« anschloß, welche sich und ihre Praktiken noch immer der Ahndung durch das Gesetz zu entziehen gewußt. Dann wieder etwas später folgten verdächtigende Andeutungen in Bezug auf den finanziellen Stand des Hauses Löwenthal & Co., sowie einige allgemeine Bemerkungen über mosaische Raubfische – aber alle diese Angriffe waren so geschickt und vorsichtig gehalten, daß sie keine Handhabe zu einer gerichtlichen Verfolgung geboten haben würden. Das Blatt war offenbar von den edelsten Beweggründen getrieben, bezweckte in erster Linie, die unerfahrenen Massen gegen die Ränke und Kniffe schwindelhafter Spekulanten zu schützen, und es würde sich kein Richter in den Vereinigten Staaten dazu hergegeben haben, es deshalb zu verurteilen. So wurde z. B. hier der oft aus den Augen gelassene Umstand, daß je mehr man aus einem Bergwerke nimmt, je weniger darin bleibt, einmal deutlich erklärt und festgestellt, und daraus ergab sich dann ganz von selbst der Schluß: je höher die Dividende, je geringer die Aussicht auf lange Dauer. Leute, welche aus einer solchen Anlage ihres Vermögens lebenslängliche Renten zu ziehen hofften, thaten besser, zu dem alten System – einem Strumpfe im Bettstroh – zurückzukehren, denn in diesem Falle blieb ihnen wenigstens das Kapital sicher.

Das Resultat dieser Taktik war, daß die Anteilscheine der »Maid of Athens« in Masse auf den Markt geworfen und, als sie den niedrigsten Kurs erreicht hatten, in aller Stille von den an dem Schwindel beteiligten Spekulanten aufgekauft wurden. Dessenungeachtet hatte dies kleine vorbereitende Scharmützel wenig Bedeutung, solange Hampton und Palfrey keine Neigung zeigten, sich zu ergeben. Um den ersteren dazu zu bestimmen, trat Cunningham, dem es eine geheime Freude gewesen wäre, den »alten Hampton« einmal ordentlich »zu machen«, in vorsichtige Verhandlungen mit Löwenthal, dessen Gewissen, wie er wohl wußte, eine käufliche Sache war, und nach längerem Bieten und Feilschen ließ sich der würdige Hebräer denn auch für die Summe von fünfundzwanzigtausend Dollar bereit finden, Hampton zum Verkauf seines Viertelanteils zu bestimmen und zwar zu einem Preise, welcher der Kaufsumme von zwei Millionen für die ganze Mine entsprach. Der Handel wurde abgeschlossen – unbedingtes Schweigen von beiden Seiten als selbstverständlich betrachtet.

Nach einigen Besprechungen mit Simon Löwenthal erklärte sich Mr. Hampton dem Projekt nicht ganz abgeneigt, denn obgleich die Grube noch immer reiche Erträgnisse abwarf, war sie doch nicht mehr, was sie gewesen, solange sein eigner Vertrauensmann und Bundesgenosse sie geleitet, und nach reiflicher Ueberlegung entschied sich der alte Herr, die Maske abzunehmen und direkt mit Cunningham zu verhandeln. Nach zweistündigem Hin- und Herreden kam denn auch richtig eine Abmachung zu stande, nach welcher Cunningham sich verpflichtete, im geheimen zweihundertfünfzigtausend Dollar an Mr. Hampton zu zahlen, wenn dieser es dahin brächte, daß das Bergwerk noch vor dem 1. August in die Hände der neuen Gesellschaft überging und zwar, anstatt für den Kaufpreis von zwei Millionen, den sie sich gesetzt, für die Summe von nur anderthalb Millionen. Als Pfand dieses Abkommens sollte die Gesellschaft die Summe von einmalhunderttausend Dollar bei einer Bank hinterlegen, und dieser Betrag fiel an Mr. Hampton, falls die Gesellschaft ihre Verpflichtungen nicht innehielt und ihm nicht den gesamten Betrag seiner Forderung bis zum 1. September ausgezahlt hatte. Durch das Abkommen sparte die Gesellschaft zweimalhundertfünfzigtausend Dollar, während Mr. Hampton als Frucht seines Verrates eine hübsche kleine Summe von gleicher Höhe gewann.

Es würde zu umständlich, wenn auch vielleicht nicht ohne Interesse sein, wollten wir hier weiter ausführen, auf welche Weise Mr. Hampton durch seinen Bevollmächtigten, Mr. Löwenthal, die übrigen Teilhaber dazu brachte, sich ihres Besitzes zu entledigen, indem er zuerst alle ihre Luftschlösser zerstören ließ und dann mit der ganzen Wucht seines Einflusses für den Verkauf der Grube stimmte. Der einzige Mensch, welcher Simon bei Befolgung dieser Taktik unbequem wurde, war Mr. Palfrey, in dessen Gegenwart er nicht imstande war, die ganze Macht seiner Beredsamkeit zu entfalten. Um ihn unschädlich zu machen, gab es nur einen Weg. Walther mußte Wellingford in Unruhe versetzen, und daß dieser jede wichtige Neuigkeit über die »Maid of Athens« sofort seinem Freunde Palfrey hinterbringen würde, unterlag keinem Zweifel. So geschah es denn auch.

Das nächste Mal, als Walther seinen Schwager im Klub traf, sagte er ihm ganz beiläufig mitten im Gähnen, die »Maid of Athens« sei fast ganz erschöpft und liege in den letzten Zügen. Weiter ging er auf die Sache nicht ein und Wellingford brachte trotz eines angestellten Kreuzverhörs, das Walther sehr zu langweilen schien, nichts aus ihm heraus, als daß einer seiner Schulfreunde, ein Bergwerksingenieur, der gerade aus Colorado gekommen war, um sich im Interesse der dortigen Silberminen nach England zu begeben, ihm die Nachricht mitgeteilt. Walthers träger Gleichmut und seine Unlust, sich weiter mit der Sache zu beschäftigen, täuschten Wellingford vollständig und er griff sofort nach seinem Hute, um zu Palfrey zu eilen und ihm zu melden, was er erfahren hatte. Palfrey, der Walther für einen Laffen und Dummkopf hielt, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach von den geheimen Machinationen seines Vaters keine Ahnung hatte, war nicht abgeneigt, dem beunruhigenden Bericht Glauben zu schenken, und forderte Wellingford auf, selbst nach dem Minenbezirk zu gehen, um sich in seinem Interesse von der Wahrheit oder Unwahrheit zu überzeugen. Währenddem sollte Mrs. Wellingford nicht der Langeweile überlassen werden, sondern bis zu seiner Wiederkehr als Gast im Hause Palfreys verweilen, der sein Bestes zu thun versprach, um sie bei gutem Mut zu erhalten, und alles dies wurde so schnell abgemacht und geordnet, daß Harry schon am nächsten Morgen abreisen konnte.

Welcher Art die Mitteilungen waren, die Harry nach Ablauf von acht Tagen an Mr. Palfrey einsandte, wurde nur diesem bekannt, aber sie bestimmten ihn, dem Verkauf der Gruben – zu Simons größtem Erstaunen – nicht entgegenzutreten. Cunningham und Genossen, welche diese Resultate natürlich dem geschickten Verfahren Simons zuschrieben, waren höchlich zufrieden und hegten nicht den entferntesten Verdacht, daß die »Maid« schlechter sein könne als ihr Ruf. Aber selbst wenn der Argwohn in ihnen aufgestiegen wäre, würden sie deshalb ihre Pläne nicht aufgegeben, sondern nur versucht haben, den Kaufpreis herunterzudrücken, denn es war eben nicht der wirkliche Reichtum der Grube an edlem Metall, den sie ausnutzen wollten, sondern nur ihre Reputation. Um diese noch weiter zu verbessern und zu befestigen, wurde jetzt alles gethan, Man verbreitete das Gerücht, daß neue Erzgänge erschlossen seien, und erklärte die früheren Versuche, die Gruben in der Meinung des Publikums zu schädigen, als das Manöver einer auf Baisse spekulierenden Partei, welchem die Gesellschaft, die jetzt die Leitung in die Hände genommen, ein schnelles Ende gemacht habe.

Nachdem auf diese Weise alle Hindernisse und Schwierigkeiten beseitigt waren, kam der Kontrakt zum Abschluß und die Gelder wurden, der Verabredung entsprechend, deponiert. Auch die geheime Abmachung zwischen Hampton und Cunningham wurde zu Papier gebracht und feierlich unterschrieben, wobei Simon Löwenthal als Zeuge anwesend war. Cunningham trat zum Zwecke der Bildung eines Komitees eine Reise an und versprach, binnen sechs Wochen mit der Kaufsumme zurückzukehren. Wohin er ging, wußte niemand und Mr. Hampton hatte deshalb keine Gelegenheit, sich mit ihm in Verbindung zu setzen, als er eines Tages bei der Ordnung der Papiere bemerkte, daß er sich in der Zahl der in seinen Händen befindlichen Anteilscheine geirrt hatte. Indessen hielt er die Sache nicht für wichtig zwischen Freunden, sondern nahm einfach sein Federmesser, radierte die Ziffer 1250 aus und setzte dafür die Zahl 1175 hin, welche seinem wirklichen Besitz an Anteilscheinen entsprach. Er hatte zur Zeit des Kontraktabschlusses ganz und gar vergessen gehabt, daß er fünfundsiebzig Stück davon an Simon Löwenthal, als Entschädigung für allerlei geleistete Dienste, gegeben – aber die Angelegenheit ließ sich ja, sobald Cunningham zurück war, leicht in Ordnung bringen.



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