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Zweiter Band.


Vierzehntes Kapitel.
Die Honigmonate und Darwin.

Schon im ersten Monate nach der Rückkehr in die Stadt machte Alma die Bemerkung, daß es nicht ganz so hübsch ist, in einem gewöhnlichen Miethause des oberen Broadway zu wohnen, wie hinter einer Fassade von braunen Sandsteinen in der fünften Avenue; aber sie war entschlossen, sich heldenmütig zu benehmen und kein Zeichen des Mißvergnügens zu geben. Um aufrichtig zu sein – sie fand eine »Armut« mit fünftausend Dollar jährlich lange nicht so belustigend, wie sie erwartet hatte, obgleich, solange ihre Aussteuer frisch und nicht aus der Mode war, keine Ursache zur Verzweiflung vorlag. Allerdings war Alma nicht dazu erzogen, sich mit der Lösung irgend welcher schwierigen Lebensaufgabe abzumühen, und die Dienstbotenfrage machte sie geradezu unglücklich. Wenn die Köchin ihr zehn Minuten vor dem Mittagessen sagte, sie werde den Dienst verlassen, denn sie sei nicht gewöhnt, in Miethäusern zu kochen, und habe bisher immer nur in anständigen Familien gedient, so bedauerte die junge Frau im ersten Zorn aufrichtig, daß die Prügelstrafe abgeschafft war, und wünschte sich nur fünf Minuten lang eine absolute Gewalt über die Person; wie die Dinge aber leider lagen, wußte sie nichts Bessres zu thun, als sich auf ihr Bett zu werfen und zu weinen, bis Harry nach Hause kam. Dann war sie allerdings schnell getröstet, und das junge Paar machte sich vergnügt auf den Weg, um bei Delmonico zu speisen und den Rest des Abends in einem Konzertlokale oder in einem Theater zu verbringen. Dies schien der einzige praktische Weg, allen Aerger zu vermeiden, und obwohl Harold viel Zeit an die Frage wendete, wie andre Leute es wohl anfingen, in einer geordneten Häuslichkeit zu leben, ließ er sich doch leicht bereden, dies als die einfachste Lösung des Rätsels anzusehen.

Alma brauchte nicht lange Zeit, um herauszufinden, daß es ihrem Manne sehr unlieb gewesen wäre, sich im Geldpunkte »unter ihr stehend« zu zeigen, obwohl sie keine Ahnung davon hatte, daß er oft über seine Mittel hinausging, um sich in ihrer guten Meinung zu behaupten. Sie wäre allerdings lieber gestorben, als daß sie im Theater auf einem andern als dem besten Platze gesessen hätte, würde lieber verhungert sein, als in einem Restaurant gegessen haben, das im Range unter Delmonico stand, und Harry, den zuweilen ein unbestimmtes Gefühl der Reue beschlich, daß er sie aus den früheren glänzenden Verhältnissen herausgerissen, konnte sich nicht entschließen, ihren Heldenmut auf allzu harte Proben zu stellen.

Seltsamerweise stand sie in seiner Phantasie nicht mehr als das unerreichbare Wunderwerk da, als welches sie ihm vor ihrer Verheiratung erschienen. Er hatte so viele ungeahnte kleine Eigentümlichkeiten und Schwächen an ihr entdeckt, daß sich jetzt mit seiner Zärtlichkeit eine Art heiterer Verwunderung mischte, die ihn, ihren Grillen und Einfällen gegenüber, nur noch hilfloser machte. So hatte sie z. B. eine wirklich unersättliche Vorliebe für Bonbons, und steckte ihm, wenn er nach seinem Büreau ging, nicht selten ein Zettelchen in die Westentasche, auf welchem die kleinen Leckereien: Praslines mit Creme und andre mit Nuß gefüllt, gebrannte Mandeln, verzuckerte Früchte u. s. w., die er ihr mitbringen sollte, verzeichnet standen. Zuweilen war ihm ihr Benehmen ganz und gar unverständlich. Sie brach bei dem leisesten Widerspruche in Thränen aus und zeigte Stimmungen und Launen, welche selbst den Gleichmut eines Sokrates gefährdet hätten. Am folgenden Tage lachte sie dann freilich über den »Unsinn«, sprach von ihrem rätselhaften Benehmen wie von etwas ganz Unpersönlichem und gab Harold unparteiische Ratschläge, wie solche »Anfälle« in Zukunft zu behandeln seien.

Wäre ihr Geschmack nicht so durch und durch gebildet, ihr ganzes Wesen nicht so fein, ihre körperliche Schönheit um einen Schatten weniger vollkommen gewesen, Harry hätte vielleicht die Geduld verloren und ihre Launen unerträglich gefunden. Wenn sie aber so strahlend und frisch von ihren Ladenbesuchen heimkehrte, die oft den ganzen Nachmittag in Anspruch nahmen und stets einen wahren Platzregen von Rechnungen im Gefolge hatten, zeigte der junge Ehemann wohl hin und wieder etwas wie Verdrießlichkeit, machte vielleicht sogar eine kleine mißbilligende Bemerkung, ließ sich indessen immer durch die sonnenklarsten Beweise überzeugen, daß es ohne diesen und jenen Gegenstand ganz unmöglich sei, auch nur den Schein einer anständigen Haushaltung aufrecht zu erhalten, und die Sache endigte stets damit, daß er sich schämte, nur einen Augenblick an ihrem bessern Verständnis gezweifelt zu haben. In Momenten, wo er nicht unter dem unmittelbaren Zauber ihrer Schönheit stand, beklagte er diese Eigenschaften allerdings als ein unvermeidliches Resultat ihrer Herkunft und Erziehung und machte sich selbst Vorwürfe, nicht rechtzeitig erkannt zu haben, daß Alma für einen armen Mann keine passende Frau sei, aber schon in der nächsten Minute schämte er sich dieses sträflichen Gedankens, und wenn er sich dann vorstellte, wie sie einsam daheim saß und seine Rückkehr sehnsüchtig erwartete, da ging ein Strom von Zärtlichkeit durch seine Seele, und er beeilte sich, nach Hause zu kommen, um sie mit reuevollen Liebkosungen zu überschütten.

So fehlte es dem Leben des jungen Paares, obwohl es arm an äußeren Ereignissen war, doch nicht an innerer Bewegung. Sogar Alma, welche seit Jahren in einem Wirbel von Vergnügen und Aufregung gelebt, vermißte ihren ehemaligen Umgangskreis nicht und hatte so viel zu denken, daß sie nicht dazu kam, sich zu langweilen. Erstens war sie voll vortrefflicher Vorsätze, die sie – auch wenn keiner ausgeführt wurde – dennoch unterhielten. So wollte sie sich zum Beispiel, so groß die Versuchung auch sein mochte, keinen ihrer »Anfälle« mehr gestatten, wollte alle ihre Einkäufe immer nur nach genauer Berechnung ihrer Mittel machen – ein Gedanke, in dem sie sich wirklich heldenhaft vorkam – wollte ihre Perlen verkaufen und den Erlös benutzen, um einen Neger in hübscher Livree zu halten, der das Amt haben sollte, die Thür zu öffnen, und was dergleichen praktische Pläne mehr waren. Außerdem nahm sie sich vor, in Zukunft eine größere geistige Regsamkeit zu entwickeln. Sie hatte bei mehreren Gelegenheiten bemerkt, daß der Gedankenkreis ihres Mannes ein von dem ihrigen verschiedener war, daß Harry sich viel weniger für persönliche Angelegenheiten interessierte, als zum Beispiel für gewisse soziale Ideen und Fragen, mit denen er sich eingehend beschäftigte. Ueber diese Dinge wollte sie sich schleunigst unterrichten und ihn dann – in etwa acht oder vierzehn Tagen – dadurch überraschen, daß sie ganz entschiedene Ansichten über diese Fragen, ihren moralischen Einfluß und ihre Wirkung auf die allmähliche Umgestaltung der Gesellschaft aussprach. Sie genoß ihren Triumph schon jetzt in vollen Zügen und lachte bei der Vorstellung an das verwunderte Gesicht, das Harry machen würde, wenn sie die Schätze ihres Wissens und den ganzen Reichtum ihrer Gedanken vor ihm ausbreitete. Rasch warf sie ihre Stickerei beiseite – es war eine Samtmütze, die Harry beim Rauchen aufsetzen sollte und die sie am Tage nach ihrer Verlobung angefangen hatte – schlich sich, obgleich niemand da war, der sie hätte belauschen können, auf den Zehen nach dem Bücherzimmer, wählte ein Dutzend Bücher mit langen Titeln aus und legte dieselben vor sich auf den Tisch.

»Nun, Mr. Harry,« sagte sie zu sich selbst, indem sie sich behaglich in den weichen Polstern eines bequemen Lehnstuhles einrichtete, »nun, Mr. Harry, wollen wir einmal sehen, ob ich ein solcher kleiner Tropf bin, wie Sie glauben; jetzt wird sich finden, ob eine ›geistige Kameradschaft‹ zwischen uns möglich ist oder nicht!«

Durch ein Kapitel in Hammertons »Geistesleben« angeregt, war nämlich plötzlich der Verdacht in ihr aufgetaucht, daß Harry sich in den höheren Regionen der Gedanken zur Einsamkeit verurteilt und aller Wahrscheinlichkeit nach mit männlicher Geringschätzung auf ihre weibliche Logik und Oberflächlichkeit herabgeblickt habe. Der Beweis geistiger Ebenbürtigkeit war also ein doppelter Triumph für Alma – aber sie beschloß, großmütig zu sein und ihre Vorteile nicht in unedler Weise auszunutzen, obgleich sie Harry, um seiner in Gedanken verübten Ueberhebung willen, etwas zürnte. Dergleichen ließ sich nicht so leicht verzeihen.

Das erste Buch, welches Alma aufschlug, waren Gregs »Litterarische und soziale Abhandlungen« William Rathbone Greg (1809-81), englischer Schriftsteller und Sozialphilosoph. Sein Buch » Litterary and social judgments« war 1868 erstmals erschienen. – Anm.d.Hrsg.. Die »sozialen Abhandlungen« waren ihr die interessantesten. Die Ueberschrift des einen Kapitels lautete: »Warum gibt es so viele überflüssige Frauen?« Der Essay trägt im Original den Titel: » Why are Women redundant?« – Anm.d.Hrsg. War das richtig? Sollte es wirklich überflüssige Frauen geben? Ihr Auge fiel auf eine von Harry unterstrichene Stelle: »Hunderte von Frauen bleiben in unsrer schlecht organisierten Gesellschaft unverheiratet, weil sie niemals zur Ehe verlangt wurden.« Das war zu dumm! Alma wußte das aus eigner Erfahrung besser. Sie selbst hatte wenigstens ein Dutzend Anträge gehabt und unter ihren Freundinnen war nicht eine, die nicht drei oder vier Bewerber abgewiesen.

Alma las weiter, indem sie besonders den Randbemerkungen Harrys und den von ihm unterstrichenen Stellen ihre Aufmerksamkeit zuwandte. Der Verfasser schlug als Mittel gegen dies Ueberhandnehmen der unverheirateten Frauen vor, den Ueberschuß alljährlich nach Ländern auszuführen, wo sich das weibliche Geschlecht in der Minderzahl befinde. Almas ganzes Wesen empörte sich gegen diese Anschauung, nach welcher ihr eignes Geschlecht nicht viel besser behandelt wurde, als eine Ware, von welcher in einem Lande und zu gewissen Zeiten Ueberfluß war, während es an andern Orten und zu andern Zeiten daran mangelte, wodurch der Preis in die Höhe getrieben wurde und die Ausfuhr lohnend erschien. Und solche abscheuliche Dinge konnte Harry nicht nur lesen, nein, sie auch noch unterstreichen, als ob er damit einverstanden wäre – er, der bis über die Ohren in sie verliebt gewesen und ihr das in so leidenschaftlichen Worten beteuert hatte! Wenn er nach Hause kam, wollte sie ihm schon sagen, was sie von solchen »sozialen Problemen« hielt. War es nicht unerhört, leidenschaftliche Liebe für eine Frau zu heucheln, durch diese Vorspiegelungen ihre Liebe zu gewinnen und sie dabei aller Wahrscheinlichkeit nach »als statistisches und wissenschaftliches Problem« zu betrachten, als ein soziales Uebel und eine zu beseitigende Abweichung von der Regel? Diese ganze für die Wissenschaft zur Schau getragene Begeisterung war eine Schande! Alma wußte aus eigner Erfahrung, daß ein Mann, der verliebt ist, nicht erst die Listen der letzten Volkszählung nachsieht, ehe er seinen Antrag macht.

Die junge Frau schleuderte das Buch auf den Fußboden und versetzte ihm, um ihrer Verachtung für die Sozialphilosophie im allgemeinen Ausdruck zu geben, noch einen Stoß mit der Spitze ihres reizenden Pantöffelchens. – Ihr nächster wissenschaftlicher Streifzug galt Darwin. Alles, was sie bis jetzt von ihm wußte, war, daß er gesagt haben solle: Die Menschen (mit Einschluß der Frauen) stammten von den Affen ab. Das sprach natürlich nicht für ihn, und außerdem hatte Prediger Stylish oft von der Kanzel herab bewiesen, was für ein thörichter, unzurechnungsfähiger und gottloser Windbeutel dieser Darwin war. Dessenungeachtet lohnte es vielleicht der Mühe, einen Blick in das Buch zu thun, denn der Umstand, daß eine Menge Blätter eingebogen und die Ränder mit zahllosen Notizen und Bemerkungen bedeckt waren, deutete auf die Wichtigkeit hin, welche Harold ihm beilegte. Alma nahm »Die Entstehung der Arten« in die Hand und geriet sofort auf eine sehr entmutigende Stelle. Es war darin von Maultieren, Tauben und der Züchtung von Schafen die Rede, und Alma stieß auf so viel unverständliche Worte, daß sie hoch aufatmete, als sie die Seite zu Ende gelesen. Schon der Anblick von Worten wie Anthropomorphismus, embryonisch u. s. w. brachten sie zur Verzweiflung. Sie sagten ihr gar nichts und manche standen nicht einmal im Wörterbuche. Das einzige, was sie begriff, war, daß das Maultier ein Sprößling von Pferd und Esel ist, und daß sie ein ganz und gar unschickliches Buch in den Händen hielt. Sie hätte nimmermehr geglaubt, daß ein so sittenreiner Mensch, wie Harry, solche Bücher lesen, und noch viel weniger, daß er sie mit Anmerkungen versehen könne. Sein Geist war offenbar mit einer Menge von Dingen angefüllt, die er lieber nicht hätte wissen sollen, und Almas Unwille darüber, daß er bei näherer Bekanntschaft ihren kindlichen Voraussetzungen nicht überall entsprach, war so groß, als habe er sie absichtlich getäuscht. Und je länger sie diesen Gedankengang verfolgte, je mehr fühlte sie sich als unglückliches Opfer. Daß man ihr Vertrauen mißbraucht hatte, war zweifellos – und dabei bemitleidete Harry sie um ihrer Unschuld und Harmlosigkeit willen und dachte keinen Augenblick daran, sich mit ihr über so wichtige, ins wirkliche Leben eingreifende Dinge zu besprechen und zu beraten. Aber – der Gedanke schoß ihr wie ein Blitz durch den Kopf – wenn sie wirklich, wie es ja den Anschein hatte, unfähig war, Darwin zu verstehen, lag dann nicht doch die Möglichkeit vor, daß Harry geistig über ihr stand? Er hatte sich offenbar tief in die Lehre versenkt! Fest von der Schärfe ihres Verstandes überzeugt, nahm sie das Buch wieder auf und fing diesmal an, es von vorn zu lesen.

Aber bald stieß sie abermals auf eine unverständliche Stelle über Maultiere, und obgleich sie las, bis ihr der Kopf wirbelte, war ihr, als sie das Buch endlich zuschlug, nicht ein einziger Gedanke vollständig klar geworden. Alma fühlte sich aufs äußerste entmutigt. Thränen traten ihr in die Augen, und obgleich sie recht gut wußte, daß es thörichte Thränen waren, konnte sie dieselben doch nicht zurückhalten. Sie hatte alle Feindseligkeit gegen Darwin aufgegeben und sogar ihr Zorn gegen Harry fing an zu schwinden und machte einem Gefühle der Demut Platz, das sie nie vorher gekannt hatte, denn sie war sich in ihrem bisherigen Umgangskreise immer sehr klug vorgekommen und sich innerhalb ihrer Familie der eignen Ueberlegenheit stets klar bewußt gewesen. Jetzt faltete sie die Hände über dem Buche und ließ ihre Wange darauf ruhen. Eine Menge seltsamer Betrachtungen und Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Unter andern faßte sie den Entschluß, fortan ein demütiges, frommes Leben zu führen und sich wie Dorothea in »Middlemarch« Erzählerisches Hauptwerk (1871/72) der britischen Dichterin George Eliot (d. i. Mary Anne Evans), eines der bedeutendsten Romane des 19. Jh. – Anm.d.Hrsg. nur noch in ein Büßergewand von grauer Wolle zu kleiden. Der rührende, selbstverleugnende Charakter, welcher in dieser Rolle lag, trieb ihr von neuem das Wasser in die Augen. Sie dachte, dachte und dachte, wie lange, wußte sie selbst nicht. Endlich wurden die vor ihr aufsteigenden Bilder wirrer und undeutlicher, und sanft und unmerklich glitt sie hinüber in das Land der Träume.

Es war gegen sechs Uhr, als Wellingford aus seinem Büreau nach Hause zurückkehrte. Er war in der herrlichen Frühlingsluft durch die Avenue gegangen und war einer Menge seiner früheren Bekannten und Freunde begegnet, von denen einige ihn mit kühlem Nicken begrüßt, andre ihn einfach »geschnitten« hatten. Er hatte ebenfalls eine zur Bescheidenheit mahnende Lehre empfangen und, innerlich belustigt, machte er sich klar, wie tief ein junger Mann in der gesellschaftlichen Schätzung sinkt, wenn er sich verheiratet und in ein weniger elegantes Stadtviertel zieht. Wie anders war dies in der guten Gesellschaft in Europa! Dort gewinnt der Mann eher an Ansehen und Einfluß, wenn er einen eignen Hausstand gründet, und die Stadtgegend, in welcher er wohnt, ist, wenn sie nur zu den anständigen gehört, so ziemlich gleichgültig. New York ist das Paradies des nachahmenden Pöbels, London die Geburtsstätte der Urform; trotz alledem können aber Menschen, welche sich dem fieberhaften Treiben der fashionabeln Langweiligkeit und Unbequemlichkeit, die man Gesellschaft nennt, entziehen, in New York ebensogut wie anderswo, ihr Leben so einrichten, daß sie sich eines bescheidenen Teils von Glück erfreuen. Harry hatte einen Wirkungskreis gefunden, und seit er zu seinem Unternehmen Vertrauen gefaßt und des Erfolges sicher war, erfüllte ihn ein Gefühl von Zufriedenheit und Thatkraft, das wohl stärkere Proben bestanden hätte, als das Nasenrümpfen von Leuten, auf deren Meinung er so wenig gab.

Wellingford trat in den großen Bienenkorb ein, in dessen oberen Stockwerken er die Ehre hatte, ein halbes Dutzend hübsch eingerichteter Zellen zu bewohnen, und öffnete mit seinem Schlüssel die Thür des Vorplatzes. Er fühlte sich ein wenig in seinen Erwartungen getäuscht, als ihn diesmal das schöne Gesichtchen und die süße Stimme, welche ihn sonst stets zu begrüßen pflegten, sobald er die Thür öffnete, nicht empfingen, und eine gewisse Besorgnis durchbebte ihn, als er in das Bücherzimmer eintrat und Alma, in seinem großen Lehnstuhle zusammengeringelt, über Darwins »Entstehung der Arten« eingeschlummert fand. Ihre im Schlafe noch weicheren Züge trugen einen kindlichen Ausdruck, der Harry rührte. Er beugte sich nieder und küßte sie auf den Nacken. Sie fuhr in die Höhe und blickte ihn einen Augenblick voll Verlegenheit an, als sei sie bei etwas Unrechtem ertappt worden. Ihr Haar war in Unordnung geraten und auf ihren Wangen waren noch Thränenspuren bemerklich.

»Mein liebes Kind, was hast du denn gemacht?« rief Harry mit verwundertem Lächeln.

»Ich – ich habe – gelesen.«

»Gelesen? Was hast du denn gelesen? Darwin? Und du hast die Entstehung der Arten so rührend gefunden, daß du Thränen darüber vergossen?«

Dabei nahm er das Buch in die Hand und überblickte mit halb ergötztem, halb übermütigem Lächeln die aufgeschlagenen Seiten. Alma hätte kaum zu sagen vermocht, warum der Moment ihr so feierlich erschien, warum ihr Herz so heftig klopfte, warum ihre Augen so ängstlich an den seinigen hingen.

»Nun, mein Liebling, warum sprichst du nicht?« fragte Wellingford etwas ungeduldig.

»Harry, glaubst du, daß ich dir eine schlechte Frau bin?« fragte sie zitternd.

»Mir eine schlechte Frau? Hast du das aus Darwin herausgelesen? Welche thörichte Frage!«

»Ja, ich meine, weil ich so wenig weiß. Ich verstehe gar nichts von der Entstehung – der« – hier hielt sie ein wenig inne, um nach dem Worte zu suchen – »der Maultiere,« fuhr sie dann fort und brach abermals in einen Strom von Thränen aus.

»Mein liebes, thörichtes, herziges Kind!« rief Harry, indem er seine kleine Frau voll Innigkeit in die Arme schloß, »bist du eine weniger gute Frau, auch wenn du nichts von der Entstehung der Maultiere weißt?«

»Aber du hältst so vieles vor mir geheim, Harry,« schluchzte sie, das Gesichtchen an seinem Busen verbergend. »Du hast mir nicht die Hälfte von dem gesagt, was du weißt, hast so viele Gedanken, die mir fern liegen, und ich hätte doch so sehr gewünscht, alles mit dir zu teilen. Aber ich wußte bis heute gar nicht, wie dumm ich bin und daß es so viele Dinge gibt, die außerhalb meines Verständnisses liegen. Jetzt weiß ich, daß du recht gethan hast, vor mir zu verheimlichen, was dein bestes ist – was du an dir selbst am höchsten schätzest.«

»Mein geliebtes, närrisches Kind,« sagte Harry beruhigend, indem er ihr mit sanfter Hand das Haar von der Stirn und den Schläfen strich, »ich glaube, es gehört sehr viel dazu, solche wunderliche Gedanken aus einem naturgeschichtlichen Buche zu ziehen. Aber da du dir die Sache einmal in den Kopf gesetzt hast, will ich dir sagen, warum ich niemals versucht habe, dich für wissenschaftliche Fragen zu interessieren. Erstens gehört dazu eine Vorbildung, welche bei jungen Mädchen ziemlich selten ist, und zweitens hätte ich nie geglaubt, daß du an Dingen, die deinem Gedankenkreise so fern liegen, Vergnügen finden könntest.«

»Mit andern Worten, du hast mich für eine kleine dumme Gans gehalten. Aber ich will es dir verzeihen,« fuhr Alma fort, indem sie ihr Köpfchen aufrichtete und ihn durch Thränen anlächelte – »ich will dir unter einer Bedingung alles verzeihen.«

»Und wie lautet diese Bedingung?«

»Du mußt mich unterrichten, mußt mein Lehrer sein.«

Es war ein unbeschreiblich köstliches Gefühl für Alma, die Last so von sich abgewälzt zu sehen und den beruhigenden, liebevollen Worten zu lauschen, welche sie gegen die Vorwürfe, die sie sich selbst machte, in Schutz nahmen. Selbst in dem Augenblicke, da sie sich dagegen empörte, empfand sie die zärtliche Nachsicht, mit der Harry sie behandelte, wie man ein verwöhntes Kind behandelt, gar nicht unangenehm. Sie schwelgte in Demut, und doch war ihre Zerknirschung, obwohl etwas dramatisch aufgebauscht, nicht unecht. Nach Tische, als sich die beiden Almas Rolle als frommes, gelehriges Kind in allen Einzelheiten zurecht gelegt, setzten sie sich zusammen in eine Sofaecke und betrachteten ihre neu entdeckte Zukunft mit denselben Gefühlen, die etwa Josua und Kaleb bewegt haben mußten, als sie in das Land der Verheißung hinabschauten, in welchem sie und ihr Volk sich niederlassen wollten.

Als das Mädchen kam, um das Gas anzustecken, waren sie über die Störung förmlich empört – aber da Aufregungen immer ermüdend wirken, so war Alma, nachdem sie sich so den Rest ihres Lebens zu ihrer Zufriedenheit neu zurecht gelegt, doch sehr froh, als die Schlafenszeit herankam. Harry, der etwas zu schreiben hatte, blieb noch bis Mitternacht im Bücherzimmer. Als er dann in das von einer beschatteten Lampe matt erhellte Schlafgemach eintrat, blieb er mit gefalteten Händen vor dem großen Himmelbett stehen. Dort lag Alma friedlich schlafend, das schöne Gesichtchen glänzend von Coldcream, die in feinen weiten Handschuhen steckenden Hände über der Decke gefaltet. Auf dem Toilettentische von Rokokoform stand, in rotseidenem Etui, eine kleine Batterie von geschliffenen Parfümfläschchen, und auf dem Deckel einer kleinen silbernen, ebenfalls auf rotseidenem Kissen ruhenden Büchse, lag eine Puderquaste, welche schwachen Veilchenduft ausströmte. Alles war so reizend und elegant, daß es dem Spiegel offenbar Freude machte, das Bild wieder zu geben. Ein melancholischer, vielleicht ergebungsvoller Seufzer entrang sich Harrys Brust, aber im nächsten Augenblicke schon beugte er sich nieder und drückte einen leisen Kuß auf die Lippen der Schläferin. Er hätte kaum zu sagen vermocht, warum der Anblick ihn so tief bewegte.



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