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Elftes Kapitel.
Vorbereitungen zur Hochzeit.

Es ist wohl unnötig, zu sagen, daß Alma den Sieg davontrug, aber nachdem sie ihn vollständig erfochten, fand sie es unmöglich, noch längere Zeit im Hause ihres Vaters zu bleiben. Sie hatte sich, wie sie erklärte, immer als Fremdling darin gefühlt, aber wenn dies wirklich der Fall gewesen, hatte sie wenigstens die Stellung eines fremden Machthabers eingenommen, dessen Wille als Gesetz gilt und dessen leiseste Wünsche respektiert werden. Ihres Uebergewichtes an Bildung über die Eltern war sie sich vollkommen bewußt; ebenso war ihr wohlbekannt, daß die Mutter sie geschickt als Leiter benutzt hatte, um sich zu einer höheren sozialen Stellung emporzuschwingen. Sie stand ihren Eltern zu fern, als daß sie große Liebe für dieselben hätte empfinden können, und die Eltern hatten sich wiederum zu wenig um die Tochter gekümmert, um eine herzliche Anhänglichkeit beanspruchen zu dürfen. Alma hatte allerdings den Ehrgeiz ihrer Mutter geteilt, hatte die gesellschaftliche Stellung, welche man nach und nach durch ihre Schönheit und höhere Bildung erreicht, zu ihrem eignen Nutzen und Vorteil ausgebeutet; aber das konnte doch kein Grund sein, daß sie sich auch fernerhin als Werkzeug brauchen ließ, um ihre Familie vorwärts zu bringen und die kommerzielle Stellung derselben durch eine Heirat zu befestigen, wie sie ihr die Kreise der vornehmen Welt durch ein Aufgebot persönlicher Vorzüge erschlossen hatte! Diesmal wollte Alma nur für sich und zu ihrem eignen Nutz und Frommen handeln.

Wir machen keinen Versuch, die vielen Unterredungen zu schildern, in welchen diese Ansichten und Gefühle von der Tochter frank und frei ausgesprochen und ebenso frank und frei von der Mutter anerkannt wurden. Beide beobachteten dabei streng die Formen, welche der gute Ton in ihren Kreisen erheischt. Sie griffen weder zu Thränen, noch zu Vorwürfen, hatten weder Krampfanfälle, noch erlaubten sie sich heftige Gesten, sondern sagten sich die härtesten Dinge in den höflichsten Worten und begegneten einander so förmlich, wie etwa die Gesandten zweier feindlicher Mächte, welche sich den Krieg erklären. Das Ende war, daß die Eltern, nachdem sie sich in Drohungen wie in gütlichen Zureden erschöpft, einwilligten – um einen Skandal zu vermeiden – die Hochzeit auszurichten, und da es zu ihren Grundsätzen gehörte, keine Gelegenheit, sich und ihren Reichtum zu zeigen, unbenutzt vorübergehen zu lassen, so waren die Spalten der Tagesblätter wochenlang mit Beschreibungen der Zurüstungen zu dem »großen Ereignisse« gefüllt.

Wellingford hatte (um aufrichtig zu sein) eine so schnelle Erfüllung seiner Hoffnungen nicht erwartet, und war bei dem gegenwärtigen Stande seiner Finanzen schlecht darauf vorbereitet, einem so kostbaren Edelstein wie Miß Hampton die seinem Werte entsprechende Fassung zu geben. Er hatte auf einen Bräutigamsstand von ein oder zwei Jahren gerechnet, und sich, mit der gewöhnlichen Vertrauensseligkeit der amerikanischen Jugend, fest überzeugt gehalten, Dame Fortuna werde ihm in dieser Zeit einen Beweis ihrer Gunst zukommen lassen.

Einige Artikel aus seiner Feder, über die geologischen Untersuchungen, welche er im vergangenen Sommer vorgenommen, waren in wissenschaftlichen Blättern abgedruckt und ins Französische und Deutsche übersetzt worden. Dieselben hatten die Aufmerksamkeit eines berühmten englischen Geologen auf sich gezogen, und es ließ sich nicht verkennen, daß der Stern des jungen Mannes im Aufsteigen begriffen war – dessenungeachtet setzte es ihn in nicht geringe Bestürzung, als Alma, seine Einwilligung voraussetzend, von ihrer Verheiratung als von einem nahe bevorstehenden Ereignisse sprach und ihn über einige Einzelheiten in Bezug auf den Ausputz ihres Brautkleides zu Rate zog.

Mit jener großartigen Unbekümmertheit um die Kosten, welche man an jungen Mädchen so reizend zu finden pflegt, malte sich Alma die Zukunft – die »himmlische Einsamkeit zu zweien«, wie sie es nannte, mit goldenen Farben aus. Sie veranstaltete im Geiste bereits auserlesene kleine Diners, bei denen man sich vortrefflich unterhielt und die witzigsten Dinge sagte, und sprach die Absicht aus, auf allem ihrem Porzellangeschirr und allem venetianischen Glaswerk das Wappen der Wellingfords (einen goldenen Greif in blauem Felde) anbringen zu lassen. Venetianisches Glas mußte sie jedenfalls haben, denn nichts andres gab einem Hause so sehr das Ansehen echter Vornehmheit. Ihr Speiseservice wollte sie aus Limoges kommen lassen, denn die dortige Fabrik zeichnete sich durch geschmackvolle Formen aus und die Malerei war nicht allzu bunt und grell. Für Kaffee- und Theegeschirr aber zog sie Sèvres-Porzellan vor, das an Feinheit und Zartheit der Farben alles andre übertraf. Im ganzen kam es, wie Alma ihrem Verlobten erklärte, hauptsächlich darauf an, und war eigentlich die größte Kunst, ein geschmackvolles »Durcheinander« herzustellen, in welchem sich gewisse Excentricitäten und phantastische Neigungen des Besitzers so gut zum Ausdruck bringen ließen, während doch das Ganze, trotz aller Verschiedenartigkeit jene feine Harmonie und Einheit bewahrte, die auf eine ungewöhnliche Bildung oder eine besondre Eigentümlichkeit des Herrn oder der Frau des Hauses schließen ließ. Kaufte man alles auf einmal, so war dieser Effekt sehr schwer zu erreichen, denn die landläufigen Einrichtungen verrieten eben nur zu deutlich den Zweck, die Kaminsimse zu garnieren und die nackten Wände der Zimmer mit dem Notwendigsten zu bedecken.

Harold war vollständig starr bei dieser Aussicht in seine eigne Zukunft. War dies das Leben, wie Alma es sich an der Seite eines armen Bergwerksingenieurs vorstellte? Sèvres-Porzellan, venetianisches Glas und ein aus seltenen und kostspieligen Dingen hergestelltes, phantastisches Durcheinander! Und dabei hatte ihm ihr Vater soeben mit lächelnder Gleichgültigkeit mitgeteilt, daß er seiner Tochter keinen Dollar mitgeben und sie enterben werde. Das würde, da sie sich so sehr liebten, ja wohl nichts ausmachen, hatte Mr. Hampton hinzugefügt, und Harold hatte entgegnet, daß allerdings nicht das Geringste darauf ankomme, und daß es nicht der Mühe wert sei, ein weiteres Wort darüber zu wechseln. Er wollte nicht als einer jener Bewerber angesehen sein, welche auf das Vermögen ihrer Auserwählten spekulieren – aber die Ausblicke, welche ihm Alma auf das eröffnete, was sie vom Leben erwartete, machten ihn doch bedenklich. Er wagte die Bemerkung, ob venetianisches Glas, Sèvres-Porzellan u. s. w. nicht vielleicht etwas zu teuer für ihren Haushalt sein würden, aber Alma antwortete ihm vergnügt: »Teuer ist's freilich – aber wie lange wird's dauern, so bist du ein berühmter Mann. Wir werden Gold- und Silberminen entdecken und allerlei Erfindungen machen, und dann überläßt du dein Büreau hier dem blassen, jungen Menschen mit den Flachshaaren, während wir den Kontinent in einem separaten Salonwagen bereisen und in San Francisco und Chicago Bergwerksgesellschaften bilden, die uns dann Feste geben, und so weiter und so weiter. Wird das nicht sehr reizend sein, Harry?«

»Ich fürchte, geliebtes Herz, daß du dir eine ganz falsche Vorstellung von dem Leben machst, das dich an meiner Seite erwartet,« erwiderte er ernsthaft. »Ich habe kein Vermögen, Alma, und ich weiß nicht, ob du dir denken kannst, was das heißt.«

»Doch – ich kann es mir wohl denken,« fiel Alma eifrig ein. »Es heißt, daß wir in einem Mietwagen in die Gesellschaften fahren müssen, daß wir nicht bei Delmonico speisen können, und daß du nicht im stande bist, dir eine eigne Jacht zu halten«

»Es heißt noch viel mehr als das,« gab er trübe zur Antwort. »Wir werden uns viel notwendigere Dinge zu versagen haben, als Diners bei Delmonico, eigne Wagen und Pferde und eine eigne Jacht. Wir werden nicht in einer vornehmen Stadtgegend wohnen können, unsre hochnäsigen Bekannten werden uns ›schneiden‹, wenn sie wegkriegen, in welcher bescheidenen Stellung wir uns befinden, und daß sich Mrs. Wellingford, wenn ihre Aussteuer verbraucht ist, genötigt sieht, sehr einfache Kleider zu tragen, die eine billige Schneiderin gemacht hat.«

»Warum sagst du mir nur so unangenehme Dinge, Harry!« rief Alma. »Du würdest gewiß nicht so unliebenswürdig gegen mich sein, wenn du wüßtest, wie unglücklich ich seit unsrer Verlobung gewesen bin, wie Vater und Mutter mich bedroht und gequält, und was sie mir alles gesagt haben. Bedenke doch nur, daß alles dies einzig und allein geschieht, weil ich dich und nicht Mr. Cunningham liebe.«

Wie hätte er solchen Worten zu widerstehen vermocht, besonders da sie mit bebenden Lippen und einer Stimme gesprochen wurden, die trotz aller Anstrengung, fest zu bleiben, in Thränen zu brechen drohte. Dies entzückende Geschöpfchen hatte um seinetwillen die Härte und Mißhandlungen der Eltern zu erdulden, wie hätte er es über sich gewinnen können, das geliebte Mädchen noch unglücklicher zu machen, indem er ihr sagte, welche Bedenken er hegte, sie auf jede Gefahr hin, sobald als möglich zu der Seinigen zu machen? Er mußte einen Entschluß fassen und lieber alles wagen, als daß er Alma weiteren Quälereien aussetzte. Jedenfalls vermochte er nicht, gegen die Fügungen des Schicksals anzukämpfen; der Hochzeitstag war bereits festgesetzt und alle Vorbereitungen dazu im Gange. Unter einem bedrückenden Gefühl der eignen Hilflosigkeit und der beständigen Befürchtung, diese zu verraten, beobachtete Harold, mit welcher Ungeduld Alma die Tage zählte, die sie noch von ihm und ihrem Glück trennten. Sie legte ihm ganze Haufen von Proben der kostbarsten Möbelstoffe vor, breitete sie über ein Sofakissen und holte seinen Rat und seine Meinung über Farbe und Muster derselben mit dem leichtherzigen Eifer ein, der ihr so gut stand. Konnte er sich nicht jetzt schon denken, wie reizend es aussehen müsse, wenn sie in einem cremefarbigen, mit ganzen Kaskaden von Spitzen und roten Atlasschleifen verzierten Morgenkleide vom feinsten Kaschmir, an ihrem eignen Frühstückstische den Kaffee für ihn in eine schön geformte Tasse von Meißner Porzellan gießen würde?

»Mit einem kleinen, koketten Spitzenhäubchen auf dem Kopfe, Harry,« fuhr sie mit vergnügtem Auflachen fort, »denn weißt du, als Mrs. Wellingford muß ich etwas Gesetztes, Hausfrauliches haben. Und an den Füßen denke dir, reizende rote Atlaspantöffelchen, von denen ich vielleicht auf der Treppe, während wir zusammen in das Frühstückszimmer hinuntergehen, das eine oder andre verliere. Sage mir aufrichtig, Harry, wird dies nicht das reine Paradies sein?«

»Das würde es ohne Zweifel sein, wenn wir von Kräutern und Früchten leben könnten, wie Adam und Eva, und wenn uns Schneider und Putzmacherin nicht mehr kosteten, als unsern Stammeltern,« entgegnete er bedenklich.

»Du denkst immer nur an die Kosten, Harry! Warum hast du immer nur die Rechnungen und wieder die Rechnungen im Kopfe? Wie die Welt nun einmal ist, kann man ohne Geld nichts haben, obwohl ich zugebe, daß dies zu den unbequemsten Einrichtungen gehört.«

Wellingford hatte das Bewußtsein, ein recht wenig angenehmer Bräutigam zu sein. Man war sogar genötigt gewesen, ihn daran zu erinnern, daß es, dem Herkommen gemäß, seine Sache sei, die Karten mit der Vermählungsanzeige zu bestellen, und daß diese nach den Gesetzen der Mode aus dem kostbarsten, elfenbeinfarbigen Papier mit graviertem Monogramm oder Wappen bestehen mußten. Der Aermste wußte sich endlich, um aus all diesen Schwierigkeiten herauszukommen, keinen andern Rat, als seinen Freund Palfrey um ein Darlehen anzugehen.

Palfrey, welcher gegen Menschen, die er gern hatte, die Liebenswürdigkeit selbst war, obgleich er sich gegen andre, die er nicht mochte, ziemlich abweisend zeigen konnte, freute sich, Harry einen Dienst zu leisten, und hatte, ehe er ihn wieder gehen ließ, durch halbe Fragen und zart geäußerte Vermutungen ein zwar unzusammenhängendes, aber doch beinahe vollständiges Bekenntnis seiner Lage von ihm erhalten, und Wellingford konnte kaum umhin, ein Telegramm, welches er zwei Tage später erhielt, mit diesem Vorgange in Zusammenhang zu bringen. Dieses Telegramm lautete:

»Die Eigentümer des Bergwerkes ›Maid of Athens‹ in Silvertown wünschen Sie als Oberingenieur zu engagieren. Gehalt sechstausend Dollar. Antwort umgehend erbeten.«

Harry versuchte ein gleichgültiges Gesicht zu machen, als er in das Bibliothekzimmer des Hamptonschen Hauses eintrat und dies Telegramm Alma überreichte – aber das Herz schlug ihm bis in die Kehle hinauf. Das war ein Glücksfall, wie er sich längst einen solchen gewünscht hatte. Es bot sich ihm hier eine Thätigkeit, welche sowohl seinen Neigungen, wie seinen Fähigkeiten entsprach – aber er machte alles von Almas Entscheidung abhängig. Würde sie den Mut haben, mit ihm in die Berge zu ziehen und Anstrengungen und Entbehrungen um seinetwillen zu ertragen? Und was sollte aus ihren bei Worth in Paris bestellten und bereits unterwegs befindlichen Toiletten, was aus dem cremefarbigen Morgenkleide mit der Spitzenkaskade werden? Sein Blick fiel auf die zarte Hand, mit der sie sich auf die Lehne des Stuhles stützte, und die vier kleinen Grübchen derselben gaben ihm plötzlich ein Maß für das Opfer und den Grad des Heldenmutes, welche er bei einem solchen Wesen voraussetzte, indem er ihm diesen Entschluß zumutete.

Alma schwieg einige Augenblicke, während sie die Lippen bewegte und die Augen aufmerksam auf das Papier heftete.

»Harry,« sagte sie dann, indem sie wie bestürzt die Stirn zusammenzog, »Harry, warum spekulierst du eigentlich nicht lieber an der Börse?«

»Weil ich von meiner eignen Arbeit zu leben wünsche, anstatt vom Spiele und von den Resultaten der Arbeit andrer Leute,« entgegnete er nachdrücklich

»Du mißbilligst also die Börsengeschäfte?«

»Ja, und ich werde dir auch später einmal sagen, warum.«

»So hast du wohl auch meine damalige Spekulation mißbilligt?«

»Ja, Alma. Aber warum erinnerst du mich jetzt an die Sache?«

»Weil mir das aus Kritik und Liebe gemischte Gefühl, welches du mir bietest, nicht gefällt,« entgegnete sie in gereiztem Tone. »Ich bin gewöhnt, daß man mich ohne Rückhalt liebt. Du kannst mich meinetwegen hassen, aber wenn du glaubst, mich erziehen zu können, so dürftest du dich irren.«

Dabei warf sie das Telegramm auf den Tisch, als ob ihr die Berührung desselben unangenehm sei, und verließ mit stolzer Gebärde das Zimmer. Wäre Harold weniger bestürzt gewesen, er würde bemerkt haben, wie malerisch eine schöne Frau selbst im Zorn und in der Leidenschaft ist. Statt dessen stand er mit einer Miene vollständiger Verzagtheit von seinem Stuhle auf und trat in der heimlichen Hoffnung, Alma werde zurückkommen, zögernd in die Vorhalle hinaus. Aber nachdem er drei falsche Hüte ausprobiert und endlich den seinigen gefunden hatte, fehlte es ihm an jedem Vorwande zu längerem Verweilen. Er bedauerte nichts, als daß er nicht Geistesgegenwart genug besessen hatte, zu fragen, ob er etwa die Vermählungsanzeigen abbestellen solle.

Zwei Tage vergingen, während es Harry schien, als sei die ganze Welt aus den Fugen gewichen. Er schrieb drei Briefe an den Graveur, welcher mit der Anfertigung der Karten betraut war, in welchen er ihn aufforderte, die Arbeit einzustellen, bis er weiteres höre; aber er konnte sich nicht entschließen, diese Briefe abzuschicken. Es schien ihm, als brenne er damit alle Brücken hinter sich ab. Um als Antwort auf das Telegramm ein Schreiben abzufassen, in welchem er die Anfrage stellte, ob man ihm die Stellung einige Tage offen halten könne, da es ihm nicht möglich sei, sich sofort zu entscheiden, bedurfte er nicht weniger als drei Stunden Zeit. Am Abend des zweiten Tages saß er in seinem Arbeitszimmer, welches für das eines Junggesellen hübsch genug ausgestattet war, und bemühte sich, große Rauchwolken in die Luft blasend, mit verzweifelter Anstrengung, zu einem endgültigen, festen Entschlusse zu kommen, als es leise an die Thür klopfte. Wellingford hörte es nicht. Da wurde die Thür langsam geöffnet, und verwundert ausschauend erblickte er Alma. Sie warf ihren Schleier zurück und zeigte ihm ihr bleiches, ernstes Gesicht. Ihre Augenlider waren geschwollen – offenbar hatte sie geweint. Sie sprach nicht, aber sie sah ihn flehend an. Der dichte Nebel draußen hatte sich in kleinen silbernen Tropfen an ihre krausen Löckchen geheftet, und als sie dieselben mit dem Handschuh zurückstrich, durchbebte ein leichter Schauer ihre ganze Gestalt.

»Harry,« sagte sie mit einer Stimme, die ihm tief ins Herz drang, »Harry, ich bin gekommen, um mir deine Verzeihung zu erbitten.«

Diesen Worten folgte ein kleines Aufschluchzen. Es wurde ihr sichtlich schwer, ein solches Wort auszusprechen.

»Alma, mein geliebtes Kind,« murmelte er, indem er zärtlich ihre Hand ergriff, »es war sehr unvernünftig von mir, dir zu zürnen.«

Es kam wenig darauf an, daß eigentlich sie der zornige Teil gewesen war. Im Gegenteil schien es ihr ganz natürlich, daß, nachdem sie den ersten entgegenkommenden Schritt gethan und ihr Unrecht eingestanden hatte, er seinerseits dasselbe that. Die Büßermiene, der eine Beimischung tugendhafter Befriedigung, eine schwere Pflicht erfüllt zu haben, nicht fehlte, ließ Alma so reizend erscheinen, daß Wellingford seine ganze Zärtlichkeit für sie wieder erwachen fühlte. Innig zog er sie in seine Arme und das Blut stieg ihr wieder in die bleichen Wangen, als sie ihr Köpfchen aufhob und mit strahlenden Augen zu ihm aussah.

»Harry,« sagte sie mit unterdrückter Schelmerei, »Harry, ich kann nicht mehr ohne dich leben. Ich habe dir gegeben, was ich weder zurücknehmen, noch je einem andern gewähren kann. Ich habe immer gewünscht, mich einmal ganz toll zu verlieben, und da mir das nun so ziemlich gelungen ist, kann ich doch eine solche große, schöne Leidenschaft unmöglich verschwendet haben.«

»Du beschämst mich, Alma,« gab er traurig zur Antwort. »Ich hoffe nur, du gibst mir Gelegenheit, dir ein Opfer zu bringen und mich dadurch in meiner eignen Achtung wiederherzustellen. Ich bin in einer so seltsamen Stimmung,« setzte er dann in leichterem Tone hinzu, »daß es gefährlich werden könnte, wenn sich mir nicht eine sofortige Gelegenheit böte, meiner Großmut Luft zu machen.«

Sie sah ihn mit einem schelmisch-arglistigen Blicke an, zog dann seinen Kopf soweit zu sich herab, daß sein Ohr ihre Lippen berührte, und flüsterte: »Gib die Stelle in Colorado auf. Laß uns hier in New York bleiben und glücklich sein. Ich verspreche dir, mich einer erschrecklichen Sparsamkeit zu befleißigen.«

»Gut, so sei es,« entgegnete er düster. »Wenn ich nur die Wahl habe, entweder dich oder Silvertown aufzugeben, so kann mein Entschluß selbstverständlich nicht zweifelhaft sein.«

»Aber du sollst gar nicht wählen, Harry. Ich würde sogar nach Sibirien oder auf eine von Menschenfressern bewohnte Insel mit dir gehen.«

Dabei war sie bemüht, mit der linken Hand eine rebellische Locke wieder unter ihren Hut zu bringen, und ein schelmisches Blitzen in ihren Augen widersprach der ernsten Feierlichkeit ihrer Erklärung. Aber Wellingford war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um das zu bemerken. Mit halb abgewendetem Gesicht erwog er noch einmal die schwierige Frage, und nachdem er sich einige Minuten bedacht, drehte er den Kopf wieder seiner Braut zu.

»Gut, Alma,« sagte er mit einer Art trauriger Unbekümmertheit, »du sollst deinen Willen haben. Wenn du, nachdem ich eine Stunde ernsthaft mit dir gesprochen, noch den Wunsch hegst, hier zu bleiben, so soll es geschehen.«

»Das wollte ich nur hören,« rief sie in heller Freude. »Ich weiß, daß du mich viel zu lieb hast, um mich in die schreckliche, abscheuliche Wildnis hinauszuschleppen. Wir können ja, wenn du willst, unsre Hochzeitsreise in die Berge machen. Sind wir wirklich arme Leute, so wollen wir unsrer Liebe in einem Häuschen – natürlich muß es ein hübsch ausgestattetes Häuschen sein – in Harlem oder Jersey City leben, obgleich es gewiß leichter ist, ein Häubchen, das schon im vorigen Jahre Mode war, im Gebirge zu tragen, als in der fünften Avenue, und es vielleicht weniger schwer wäre, in Silvertown in einem Blockhause zu wohnen, als hier in einer uneleganten Gegend. Ein mit Wachsleinwand belegter Vorsaal würde meine Nerven allerdings für immer ruinieren, liebster Harry, während ich den Anblick eines mit den Kriegsfarben bemalten Wilden wahrscheinlich recht gut ertragen könnte. Laß uns also einmal sehen und berechnen, was wir eigentlich besitzen, um unsern Hausstand einzurichten,« setzte sie hinzu, nachdem sie ihre Blicke rings im Zimmer hatte umherschweifen lassen. »Da ist ein Schreibzeug von Bronze, gut, das kann man schon zur Not auf einen Kaminsims stellen; da sind etwa tausend alte Bücher in schäbigen Kattuneinbänden – die schicken wir in eine Auktion und kaufen für den Erlös Töpfe und Kessel und was sonst für die Kücheneinrichtung nötig ist. Hier ist ferner ein Cigarrenkasten, sowie ein Gasofen, den wir brauchen können, wenn unser Hüttchen nicht für Luftheizung eingerichtet sein sollte – da haben wir zwei Leuchter von Bronze –«

Alma ging bei dieser Rundschau im Zimmer auf und ab und nahm jeden Gegenstand, der ihr in den Weg kam, mit kritischem Blicke in Augenschein, während Wellingford ihr voll Bewunderung zusah und sich sagte, daß sich ein so herrliches Produkt menschlicher Kultur schwerlich in eine Wildnis des Westens verpflanzen lasse, ohne ernstlich Schaden zu leiden.

Nachdem sie diese Uebersicht seines gegenwärtigen Besitzes beendigt und sogar durch die Vorhänge in Harolds Schlafzimmer geblickt hatte, dessen Einrichtung sie, ohne zu sagen warum, sehr lächerlich fand, nahm sie ihren Mantel wieder um und bat Harry, sie nach Hause zu begleiten. Ihr Wagen stand noch vor der Thür, und als er sich an ihre Seite setzte, als das Gaslicht voll auf ihr schönes, liebliches Antlitz fiel, als er die Berührung ihrer weichen, feinen Kleider fühlte und den leichten Jasminduft einatmete, der sie wie ein Hauch umgab, da bemächtigte sich seiner ein solches Gefühl trunkener Glückseligkeit, daß nur die räumliche Unmöglichkeit dieser Bewegung ihn hinderte, zu ihren Füßen niederzuknien. Ihre Hand, ihr Haar, ihr Gesicht, ihre Kleider erschienen ihm anbetungswürdig. Als er gegen Mitternacht in seine Wohnung zurückkehrte, war sie noch von Jasminduft erfüllt.

Am nächsten Morgen, während Wellingford, über allerlei Zukunftsplänen brütend, gedankenvoll in seinem Zimmer auf und ab schritt, trat Palfrey, welcher sich in bester Laune zu befinden schien, bei ihm ein. Er gestand zu, den Direktoren der »Maid of Athens«, zu denen er gehörte, den Namen seines Freundes genannt zu haben, hatte indessen, wie er behauptete, nachdem er die Sache noch einmal überlegt, sofort die Unmöglichkeit erkannt, eine junge Frau, wie Miß Hampton, in jene Wildnis zu führen. Aber er trug schon etwas andres im Sinne, das, seiner Meinung nach, eine noch bessre Verzinsung des aufgewendeten Kapitals versprach. Seit längerer Zeit beschäftigte ihn die Idee, unter dem Titel: »Zeitung für den Bergbau der Vereinigten Staaten«, ein Organ für die gesamten Interessen des Bergbaues zu gründen, und er kannte niemand, der sich zum Herausgeber eines solchen Blattes besser geeignet hätte, als Harry Wellingford. Dieser Redakteur und Herausgeber sollte einen Gehalt von viertausend Dollar beziehen. Wenn Harry ablehnte, mußte man sich nach einer andern passenden Persönlichkeit für die Stellung umsehen. Würde das Blatt gut und geschickt redigiert, so konnte es einen bedeutenden Gewinn abwerfen, und Harry mit seinen ausgebreiteten Beziehungen zu den Fachgelehrten des In- und Auslandes und seinem großen litterarischen Einflusse war gerade der Mann, die Sache in Gang zu bringen und erfolgreich zu leiten.

Palfrey erklärte ganz ausdrücklich, daß es sich hier nicht etwa um einen Freundschaftsdienst handle, sondern um ein einfaches Geschäft, und obwohl Harry den Verdacht hatte, daß die Freundschaft dabei eine größere Rolle spielte, als Palfrey zugab, so mußte er sich doch auf der andern Seite sagen, daß das Unternehmen, von rein geschäftlichem Standpunkte betrachtet, gar nicht übel aussah. Er nahm also die gebotene Stellung mit Dank an und blickte zum erstenmal seit vielen Monaten leichten Herzens in die Zukunft. Er und Palfrey kamen ferner überein, daß Wellingford Silvertown zum Ziel seiner Hochzeitsreise machen solle, um sich einen Einblick in die Angelegenheiten der »Maid of Athens« zu verschaffen, denn Palfrey hegte den Verdacht, daß der gegenwärtige Leiter des Unternehmens ein bloßes Werkzeug in den Händen Simon Löwenthals und seiner Genossen sei und zu gunsten dieses Ringes die übrigen Teilhaber nicht unerheblich schädige.

Die Gesellschaft, welche unter der Firma Löwenthal & Cie. arbeitete, besaß nur ein Viertel der Minen; zwei Teiles der Aktien befanden sich in den Händen kleinerer Spekulanten, und der noch übrige vierte Teil gehörte Palfrey. Die kleinen Teilhaber waren, infolge ihrer Unkenntnis und Unerfahrenheit in solchen Unternehmungen, und weil sie meist einem andern Berufe oblagen, nicht in der Lage, sich ein Urteil zu bilden, oder dienten wohl gar dem gewissenlosen Löwenthal als Werkzeug – genug, es stand, obwohl man ungeheure Massen von Erz aus den Werken herausbefördert, dennoch, soviel man bis jetzt wußte, nur eine winzige Jahresdividende in Aussicht, und unaufhörliche Abzüge für »Verbesserungen« hatten nachgerade die kleinen Aktionäre so ungeduldig gemacht, daß Palfreys ganze Beredsamkeit und sein ganzer Einfluß sie kaum abhalten konnten, ihre Anteilscheine um jeden Preis an den gemeinschaftlichen Feind zu verkaufen. Palfrey täuschte sich keinen Augenblick darüber, daß dies Löwenthals eigentliches Ziel und der Zweck war, auf welchen er hinarbeitete, und wenn es seiner, das heißt Palfreys Partei, nicht bald gelang, den Juden der Betrügerei zu überführen, mußte sie den Kampf aufgeben und sich für besiegt erklären.

Aber neben den bedeutenden Vermögensverlusten, welche dies mit sich geführt hätte, empfand es Palfrey als Ehrensache, auf seinem Platze zu bleiben. Er hatte ganz offen eine feindselige Haltung gegen Löwenthal angenommen und es war ihm in der letzten Direktorialsitzung mit Hilfe einer kleinen Majorität gelungen, die Entlassung des jetzigen Leiters durchzusetzen und Harry an dessen Stelle berufen zu lassen. Harry war demnach mit einer offiziellen Gewalt bekleidet, welche er indessen, sobald er die Untersuchung beendet und seinen Bericht abgestattet hatte, wieder niederlegen konnte, und übernahm er diesen Auftrag, so erwarb er sich wahrscheinlich das Verdienst, eine Anzahl kleiner Leute vor dem Ruin zu retten.

Harry erinnerte sich jetzt, daß ihm Löwenthal vor etwa sechs Monaten eine Erzprobe zugeschickt, welche angeblich der »Maid of Athens« entnommen war und bei der Untersuchung einen Silbergehalt von zweihundertfünfzig Unzen pro Tonne ergeben hatte. Löwenthal hatte Harry damals eine ansehnliche Summe in Aktien versprochen, wenn er dies Ergebnis der Untersuchung unter seinem Namen veröffentlichen wolle, sobald er (Löwenthal) das verlange. Da Wellingford aber einesteils bezweifelte, daß irgend eine Mine so hohe durchschnittliche Erträgnisse zu geben vermöge, und er andernteils Löwenthal und seinen Absichten von vornherein mißtraute, so war er nicht auf den Vorschlag eingegangen.

Palfrey schloß aus diesen Mitteilungen, daß Simon und seine Leute für den wahrscheinlichen Fall ihres Sieges den Plan gemacht hatten, eine neue Minengesellschaft zu gründen, die Aktien zu hohen Kursen auf den Markt zu werfen, nachdem die Gruben vielleicht mehr als zur Hälfte ausgebeutet waren, und sich dieselben auf solche Weise vom Publikum vielleicht für den fünf- oder zehnfachen Betrag des ihnen noch verbliebenen Wertes abkaufen zu lassen. Es war also schon eine Pflicht der Humanität, der weiteren Ausplünderung Einhalt zu thun.



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