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Sechzehntes Kapitel.
Die Farm »Zum alten Manne«.

Der Sommer trat so urplötzlich ein, wie es in New York immer zu geschehen pflegt, und schon in der ersten Hälfte des Juni stieg das Thermometer auf neunzig Grad Fahrenheit. Der Frühling war im ganzen mild gewesen, hatte aber doch die Launen und die kühle Zurückhaltung eines schönen jungen Mädchens gezeigt und niemand hatte ihn eines solchen leidenschaftlichen Ausbruchs fähig gehalten.

Alma, welche noch immer mit der Aufgabe kämpfte, ihre Armut poetisch zu gestalten, und während der Anfälle enthaltsamer Strenge stets zu großen und erhabenen Thaten bereit war, hatte beschlossen, die heiße Zeit in einer Farm zubringen, wo man den ganzen Tag im Morgenkleide und im Gartenhute bleiben konnte, und wo gute Milch und fetter Rahm für die zweifelhafte Güte der Beefsteaks entschädigte. Was sie vor allem fürchtete, war das Zusammentreffen mit ihren früheren Freunden und Bekannten, die sie sicherlich, mochte sie auch eine noch so eherne Stirn zeigen, bemitleidet hätten. Zudem konnte sie sich's sehr hübsch und poetisch vorstellen, den ganzen Tag im Schatten der Bäume, in einer Hängematte zuzubringen, während ein halbes Dutzend neuer wissenschaftlicher Bücher und Abhandlungen rings um sie her im Grase lagen. Sie hatte den festen Entschluß gefaßt, Harry Achtung vor ihren geistigen Fähigkeiten einzuflößen, und war sicher, den Weg dazu gefunden zu haben.

Seltsamerweise wählte Simon Löwenthal, der wenig Sinn für das Poetische, noch weniger aber für eine poetische Armut besaß, und auch keine reichen Freunde zu vermeiden wünschte, dieselbe Farm zum Sommeraufenthalt für seine Familie. Er selbst würde sogar in den Hundstagen Wallstreet nicht verlassen haben, denn er hätte ohne Zweifel graue Haare bekommen, wäre er nur einen Tag außerhalb des Telegraphenbereichs gewesen; aber er hatte sich eingeredet, Rachel und die Kinder brauchten Landluft und etwas mehr Spielraum, als die enge Wohnung in der zweiten Avenue ihnen gewährte. Vielleicht war es keine ganz angenehme Ueberraschung für Alma, als sie am Morgen nach ihrer Ankunft ein jüdisch aussehendes junges Mädchen mit zwei gelben, schwarzäugigen Knaben in das Haus eintreten sah. Sie hatte sich gerade bequem in ihrer Hängematte zurecht gelegt, einen französischen Roman zur Hand genommen, den sie so interessant fand, daß ihm die wissenschaftliche Lektüre für einen Tag weichen mußte, und in dem gewöhnlichen Vorurteil gegen die semitische Rasse erzogen und befangen, beschloß sie, die junge Jüdin vornehm zu übersehen und sie in ihre Schranken zurückzuweisen, falls sie eine Annäherung versuchen sollte.

Es stimmte sie auch durchaus nicht milder, als sie beim Abendessen Gelegenheit fand, zu bemerken, daß ein Mißgriff dieser Art von Rachels Seite nicht wahrscheinlich schien – im Gegenteil kam es Alma gar nicht gelegen, daß ihr die junge Jüdin während der nächsten drei oder vier Tage keinerlei Veranlassung gab, ihre Würde zu entfalten. Aber auch diese Empfindung wich nach und nach, und die Neugier fing an, das Uebergewicht über das Vorurteil zu gewinnen. Die junge Frau bemerkte, daß Rachel jene Schüchternheit besaß, welche wie Stolz aussieht, daß ihre Haltung stets ein wenig hoch und selbstbewußt blieb, daß sie keinen Anflug der weichen Grazie hatte, welche einen so notwendigen Bestandteil moderner Toiletten bildet, daß sie keine Kokette war – wenigstens hätte sie dann eine ganz ausgelernte sein müssen – und daß ihr alles, was man hätte kätzchenhaft nennen können, vollständig fern lag. Mit diesen Ausdrücken etwa beschrieb Alma in dem ersten Briefe an Harry die Mitbewohnerin der Farm, die sich, wie die Schreiberin hinzusetzte, sehr wunderlich aber kostbar kleidete. Rachel war ihr vom ersten Augenblicke an bekannt vorgekommen, jetzt hatte sie sich besonnen, daß sie dasselbe junge Mädchen vor sich sah, welches an jenem denkwürdigen Abende, der jahrhunderteweit hinter ihr zu liegen schien, das Sul mare lucicca gesungen hatte.

Nachdem Alma diesen Brief geschrieben und abgeschickt, beschloß sie, Miß Löwenthal durch ihre Bekanntschaft zu beglücken, und benahm sich dabei so geschickt und liebenswürdig, daß Rachel von ihr bezaubert war und sie für die schönste Frau erklärte, die sie je gesehen. Das harmlose Geschöpf ahnte nicht, daß diese freundliche, reizende Dame drei volle Tage gebraucht hatte, um sich zu überlegen, ob sie die junge Jüdin bemerken solle oder nicht. Sie saß zu Almas Füßen, streute ihr Weihrauch, und that dies in so naiver, selbstverständlicher Weise, daß diese Anbetung Mrs. Wellingford bei ihren eifrigen, wissenschaftlichen Studien als eine sehr angenehme Abwechselung und Erholung erschien. Noch ehe acht Tage ins Land gegangen waren, hatte Alma dem schönen Mädchen nicht nur einige ihrer elegantesten Kleider anprobiert, sondern auch Rachels Garderobe darauf angesehen, ob sich dieselbe nicht einigen, mehr der Mode und dem feinen Geschmack entsprechenden Veränderungen unterwerfen ließe, und Rachel war auf alle ihre Anordnungen nicht mit mädchenhaftem Ungestüm, aber mit einer Art ernster Verwunderung und Dankbarkeit eingegangen, die etwas Rührendes hatte.

An einem schönen Sonnabendnachmittage, als Rachel gerade eins dieser vorteilhaft veränderten Kostüme probeweise trug, geschah es nun, daß ein Velocipedklub, welcher seine große, alljährliche Fahrt durch Neuengland machte, in der Farm »Zum alten Manne« einkehrte, um hier sein Mittagsmahl einzunehmen. Unter den Mitgliedern befand sich auch Walther Hampton, der in Kniehosen und weißem Flanellhemd mit rotem Kragen vortrefflich aussah. Ob er gewußt, daß seine Schwester in der Gegend wohnte, ließ sich nach seinen Aeußerungen nicht feststellen, da er sie aber einmal gefunden, schien er nicht gewillt, sich des Vergnügens ihrer Gesellschaft so bald wieder zu berauben. Ein geschwollener Knöchel oder eine schmerzende Hüfte diente ihm als Vorwand, sich von der weiteren Teilnahme an der Tour auszuschließen. Seiner Schwester vertraute er im geheimen, das Radreiten sei »eine verwünscht langweilige Sache« und er habe sich zum Eintritt in den Klub nur herbeigelassen, um ihm eine Gunst zu erweisen und ihm durch sein gesellschaftliches Ansehen zu nutzen. Im Laufe des Nachmittags stellte sich denn heraus, daß Walther den Entschluß gefaßt hatte, auch dem »alten Mann« die Wohlthat seines gesellschaftlichen Ansehens zu gute kommen zu lassen – eine Gnade, welche der »alte Mann« vielleicht nicht nach ihrem ganzen Werte zu würdigen wußte. Dessenungeachtet übersiedelte die Familie des Besitzers gegen Abend nach dem Heuboden und Walther nahm das dadurch leer gewordene Schlafzimmer derselben in Besitz. Er telegraphierte nun sofort nach Hause, man solle ihm einen Koffer voll »civilisierter Kleider«, zwei Reitpferde, ein Kutschpferd, seinen Landauer, seinen Phaethon, sowie seinen farbigen Diener senden. Alle diese Dinge kamen am Abend des folgenden Tages an. Walthers Befehle wurden immer schnell und pünktlich befolgt, denn trotz seiner anscheinenden Harmlosigkeit hatten seine Diener Furcht vor ihm. Er hatte das Zeug zu einem morgenländischen Selbstherrscher, und würde einen prächtigen Sultan von Tunis oder Marokko abgegeben haben.



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