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Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Ein Ruhehafen.

Rachel verließ Professor Wellingfords Haus weder am nächsten Tage noch in der nächsten Woche, und man begegnete ihr dort wie einem lieben Gaste. Den beiden Töchtern des Hauses, Mabel und Adelaide, erschien Rachel wie eine Romanheldin, und sie beschäftigten sich abends in ihrem Schlafzimmer ernstlich mit der Frage, in welcher Novelle sie schon einer solchen Figur begegnet wären. Die Spuren des Leidens in Rachels Gesicht und der leise orientalische Anflug in ihrer Erscheinung erhöhten in den Augen der beiden jungen Mädchen nur den poetischen Reiz und ließen sie mit einer Art von bewundernder Verehrung zu der jungen Jüdin aufblicken; ja es kam endlich so weit, daß Rachel geradezu als ein Gottessegen im Wellingfordschen Hause betrachtet wurde, weil sie der unverbrauchten Zärtlichkeit, welche in Mabels und Adelaides jungfräulichen Busen aufgespeichert lag und welche sich sonst vielleicht einem unwürdigen Manne zugewendet hätte, als Ableiter diente.

Die Professorin war im ersten Moment etwas unsicher, welche Haltung sie dem Gaste gegenüber einnehmen sollte; aber nachdem sie sich klar gemacht hatte, daß es nicht der Professor (für dessen schwächliches Wohlwollen sie eine tiefe Verachtung zur Schau trug), sondern Harry gewesen war, der die junge Jüdin ins Haus gebracht hatte, hielt sie es für besser, gute Miene zu machen, denn Harry war leicht beleidigt und hatte, wenn er es war, eine verzweifelt selbständige, rasche Art und Weise, die er jedenfalls nicht seinem Vater verdankte.

In Rachels Augen erschien die wohlbeleibte, strenge Mrs. Wellingford wie eine Verkörperung von Achtbarkeit und hausmütterlicher Tugend. Wenn sie, am obern Ende des Tisches sitzend, den Thee einschenkte, nach der Reihenfolge jeden fragte, ob er ein oder zwei Stücke Zucker wünsche, und dabei ihre schönen, weißen Arme (die immer bis zum Ellbogen sichtbar waren) so würdevoll und gemessen bewegte, überkam Rachel ein heißes Verlangen nach solcher Achtbarkeit, die sie, wie sie sich selbst sagte, für immer verscherzt hatte. Die geistige Luft des Hauses war so himmelweit verschieden von der Atmosphäre moralischer Ungebundenheit, welcher sie eben entronnen, und als Rachel eines Tages Zeuge wurde, wie sich die beiden blonden Mädchen an den Hals des Vaters hingen und ihm unter Liebkosungen gute Nacht sagten, als sie beobachtete, mit welchem liebevollen Lächeln er ihr Haar und ihre Wangen streichelte, da vermochte sie ihre Bewegung nicht zu bemeistern, sondern eilte in ihr Zimmer, warf sich aufs Bett und weinte bitterlich.

Auch auf Alma hatte das schöne Familienleben im Hause ihres Schwiegervaters einen tiefen Eindruck gemacht und das Bewußtsein, sein Liebling zu sein und einen bevorzugten Platz in seinem Herzen einzunehmen, erfüllte sie mit nicht geringem Stolze. Welches Gefühl von Sicherheit und Behagen, daß hier kein Mensch von dem andern im geheimen etwas Uebles wußte und daß keins der Familienglieder seinen eignen Umgangskreis hatte, der den übrigen nicht zusagte! Hier bereitete das Fallen und Steigen der Kurse keinem Menschen Herzklopfen, dagegen aber nahm man das lebhafteste Interesse an den großen Tagesfragen, an jeder bedeutenden litterarischen Erscheinung, an jeder neuen wissenschaftlichen Entdeckung, mit einem Worte an allem, was die wirklichen Lebensinteressen des Landes und der Menschheit im allgemeinen berührte. Alma hatte sich noch nirgends so behaglich gefühlt, wie in diesem Hause; sie fing sogar an, die wirtschaftlichen Talente ihrer Schwiegermutter zu beneiden, und gewann deren ganzes Herz, indem sie ihre eigne Unerfahrenheit offen eingestand und um einige Unterweisung bat. Seit ihren Kinderjahren, wo sie zuweilen auf den Raub einer Leckerei ausging, war sie nie mehr in einer Küche gewesen, aber Mrs. Wellingford fand dennoch in ihr eine gelehrige Schülerin und war ebenso erstaunt über ihren guten Willen wie über ihre Geschicklichkeit.

Etwa eine Woche nach Rachels Ankunft machte die junge Jüdin eine überraschende Entdeckung. Sie hatte sich schon immer den Kopf zerbrochen, warum Almas Zimmer fast den ganzen Tag verschlossen blieb und warum, wenn Harry oder sein Vater an die Thür klopfte, drinnen stets eine hörbare Aufregung, ein Flüstern, unterdrücktes Lachen, ein Auf- und Zuschieben von Kommodenkasten und so weiter entstand. Mabel und Adelaide, welche den ganzen Vormittag im Zimmer ihrer Schwägerin zuzubringen pflegten, sahen so glückselig aus, als hätten sie ein wichtiges Geheimnis zu verbergen, dessen Besitz sie stolz machte und ihre Würde erhöhte. Harry und der Professor, welche in Abwesenheit der Damen Sorge trugen, Rachel zu unterhalten, gaben sich zuweilen den Anschein, als hätten sie in Bezug auf dies erfreuliche Geheimnis wohl ihre Vermutungen, seien aber ihrer Sache nicht sicher genug, um darüber zu sprechen. Rachel konnte sich, trotz ihrer Betrübnis, der Neugier nicht erwehren, ja sie fühlte sich gewissermaßen verletzt, daß die drei sie von ihrer heimlichen Beschäftigung ausschlossen, und dies sowie die Reue über das, was hinter ihr lag, und die Ungewißheit über ihre Zukunft machten sie oft so traurig, daß sie sich in ihr Schlafgemach zurückzog und sich dem Gefühl ihres Elends willenlos hingab.

In einem solchen Moment wurde sie eines Tages von Alma überrascht. Die junge Frau beugte sich zu ihr nieder, streichelte ihr Haar und sprach ihr beruhigend zu – aber Rachel drückte ihr Haupt nur tiefer in die Kissen und zeigte sich unzugänglich für jeden Trost. Da kam Alma ein Gedanke. Sie legte ihre Lippen dicht an Rachels Ohr und flüsterte ihr etwas zu. Rachel richtete sich sofort auf und blickte in Almas glückstrahlendes Gesicht. Sie hatte nie etwas Reizenderes gesehen, und obgleich ihr ein Stich durchs Herz ging, konnte sie nicht widerstehen. Sie erhob sich, faßte Almas Hand und ließ sich von dieser vor die verschlossene Thür führen. Als Alma klopfte, entstand drinnen das gewöhnliche Geräusch.

»Ich bin es, Mabel!« rief Alma. »Ich bringe Rachel mit. Sie weiß alles.«

Mabel öffnete nun vorsichtig die Thür und Rachel wurde sehr feierlich zu dem Bett geführt, auf welchem eine Menge rätselhafter Sächelchen lagen, welche allem Anschein nach zur Aussteuer eines winzigen Gastes aus dem Feenlande gehörten und wozu man eine Masse von Spitzen, fein wie Spinnwebe, duftiger Krausen und fabelhafter Stickereien verwendet hatte. Mabel und Adelaide, welche beide an einem lächerlich kleinen Flanellhemdchen nähten, ließen die Arbeit sinken und blickten Rachel erwartungsvoll an, sahen sich aber offenbar etwas enttäuscht. Sie hatten einen größeren Eindruck erwartet.

»Dies,« sagte Alma vor Stolz errötend, als sie ein Jäckchen von wunderbarer Feinheit und besonderm Schnitt aus dem Vorrat herausgriff, »dies ist für die ersten Wochen. Ist es nicht reizend? Sie können – Sie können es in die Hand nehmen, Rachel, wenn Sie wollen! Und vielleicht – vielleicht macht es Ihnen Vergnügen, uns nähen zu helfen?«

Die letzten Worte wurden so gleichsam atemlos hervorgestoßen, daß Rachel plötzlich Almas Absicht verstand und anfing, den ganzen Umfang der Gunst zu ermessen, die man ihr zu teil werden ließ. Aber grade in dieser Beeiferung, sie vor sich selbst wieder zu erheben, lag – das fühlte sie deutlich heraus – eine Art von Verurteilung, und da sie sich noch nicht über die Stellung klar war, welche die Welt ihr ohne Zweifel anwies, ging ihr bei dieser indirekten Hindeutung auf ihren Fehltritt ein unsagbares Weh durch die Seele. Sie nahm Alma das Jäckchen aus der Hand, und eine heiße Thräne fiel in die Spitzenkrause, mit welcher der Halsausschnitt verziert war. Rachel fing nun an, mit einem Eifer an der kleinen Ausstattung zu arbeiten, als hinge ihr Leben davon ab, und die drei Damen hatten Gelegenheit, die Geschicklichkeit ihrer schlanken Finger zu bewundern. Schon am nächsten Tage fand sie den Mut, einige Vorschläge zu machen, und bald kam es so weit, daß man ihre Meinung und ihren Rat in den verschiedensten Dingen einholte. Abends sang sie dem Professor und Harry etwas vor. Beide waren entzückt von ihrer Stimme, und es lag jetzt ein solcher Ausdruck und eine solche dramatische Kraft in ihrem Vortrage, daß die Zuhörer sich oft der tiefsten Ergriffenheit nicht zu erwehren vermochten.

Eines Tages äußerte der Professor, daß diese Mittel jeder Primadonna Ehre machen würden, und noch an demselben Abende schrieb Harry, der den Gedanken sofort auffaßte, an seinen Freund Palfrey, um ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit Rachels Geschichte mitzuteilen und ihn zu fragen, ob er vielleicht geneigt sei, eine Beisteuer zu den Kosten der Ausbildung des jungen Mädchens zur Sängerin zu gewähren. Ein drei- bis vierjähriger Aufenthalt in Europa würde dazu genügen.

Palfrey antwortete umgehend: das, was Harry ihm geschrieben, habe seine ganze Teilnahme erweckt; er sei, wenn nötig, bereit, die gesamten Kosten der künstlerischen Ausbildung Rachels allein zu tragen, und Wellingford möge sich an seiner Kasse die im Moment erforderliche Summe auszahlen lassen.

Als dieser Plan Rachel mitgeteilt wurde, sprang sie auf, um Harry zu umarmen, aber plötzlich besann sie sich eines andern, eilte auf den Professor zu und fiel in seine Arme.

Der alte Herr hielt sie lange zärtlich umfangen und streichelte ihr das Haar in seiner sanften, väterlichen Weise.



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