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XXXVI.

Drei Jahre waren vergangen.

Die Jordanwerke arbeiteten mit doppelt soviel Arbeitern als früher, aber nicht mehr Jordan war es, der sie leitete. Er hatte sich völlig vom Geschäftsleben zurückgezogen, und seinen Betrieb leiteten in prächtiger Zusammenarbeit Jenkins und Meyring.

Jordan selbst lebte unweit New Yorks mit seiner Frau Halja in einem kleinen Landhaus. Und noch einer lebte dort mit ihnen: der alte Norfolk. Es war an einem wunderbaren sonnigen Sommer morgen, als Jordan und Norfolk im Garten ihre dritte Schachpartie beendet hatten und sofort die Steine zu einer vierten Schlacht ordneten. Halja saß mit einer Handarbeit daneben, und im Grase spielte die jetzt schon siebenjährige Evelyn.

»Sie hätten gewinnen können«, sagte Norfolk eifrig. »Wenn Sie nicht diesen blödsinnigen dritten Zug ...«

»Der Zug ist nicht blödsinnig«, widersprach Jordan gekränkt. »Steinitz spielte mit Vorliebe so, und ...«

»Ach, Steinitz!« rief Norfolk verächtlich. »Der ist doch nicht maßgebend. Tartakower zum Beispiel sagt ...«

»Der ist mir nicht maßgebend«, unterbrach ihn Jordan. »Spielen Sie nun endlich?«

»Nein, erst will ich Ihnen beweisen ... Warten Sie, ich bringe Ihnen ein Buch. Da steht drin, wie blödsinnig Ihr Zug ...«

»Ich will das Buch nicht sehen!« rief Jordan wütend. »In Büchern steht mancher Unsinn drin ...«

Aber Norfolk war schon aufgesprungen und lief, so schnell ihn seine alten Beine trugen, zum Hause.

»Aerger dich doch nicht«, sagte Halja lächelnd und strich Jordan mit der Hand übers Haar.

»Da soll sich ein Mensch nicht ärgern!« rief er unwillig. »Mein Zug sei blödsinnig! Und dabei hättest du erst seinen dritten Zug sehen sollen. Geradezu beschränkt! ...«

»Weißt du, was für ein Tag heute ist?« fragte sie leise.

»Dienstag«, sagte er kurz.

»Heute vor zwei Jahren«, erzählte sie, »kam der große Jordan zu der kleinen Halja und holte sie sich.«

Plötzlich lächelte er.

»Das war nicht sehr schön. Ich kam wie ein Räuber, packte dich in den Wagen und fuhr zum Standesamt. Du wußtest nicht einmal, daß ich geschieden war und alle Papiere bereit hatte. Und du hattest mir nie gesagt, daß du mich liebtest. Erst vor dem Standesbeamten sagtest du ja, und dann hast du geweint, weil ich so roh gewesen war. Nein, das war nicht schön.«

»Es war wunderbar schön«, widersprach sie. »Wie ein Raubritter hast du mich erobert.«

»Dich – ja«, gab er zu. »Doch dein Herz konnte ich nicht erobern.«

»Weil es dir längst gehörte« sagte sie.

Er sah sie an und lächelte glücklich.

»Ich liebte dich vom ersten Abend an«, erzählte sie. »Aber ich wollte nicht, daß du mich kauftest – für dein Geld. Und dann konnte ich es gar nicht sagen. Ich weiß nicht ... aber ich konnte es einfach nicht.«

»Ich weiß«, erwiderte er und nickte. »Du erzähltest einmal von einem Adler, der schlecht laufen konnte. Das war ich.«

»So war es ja nicht gemeint. Aber du wolltest unbedingt Worte und immer wieder Worte hören. Wenn man wirklich liebt, gesteht man es nicht gern, weil die Worte zu oft – lügen ...«

Norfolk tauchte auf – mit seinem Buch. Es war ein dicker, stark abgenutzter Band, den er siegesgewiß in der Höhe schwenkte.

»Hier stehts!« rief er schon von weitem. »Der Zug wird veraltet genannt. Veraltet!«

»Lassen Sie mich mit Ihrem Zug in Ruhe«, sagte Jordan stirnrunzelnd. »Sie sind selbst veraltet!« In diesem Augenblick jagte ein hochfeiner Wagen um die Ecke und blieb laut hupend dicht neben den Spielenden stehen. Meyring und Mary, beide in blendendem Weiß, beide strahlend vor Glück und Zufriedenheit, sprangen heraus.

»Meinen Glückwunsch zum zweijährigen Fest!« rief Mary und reichte Halja einen riesigen Strauß herrlicher Nelken.

»Ich gratuliere!« rief auch Meyring und legte vor Jordan ein totes Huhn in Federn hin. »Selbst – überfahren«, erläuterte er.

Norfolk war erschrocken aufgesprungen.

»Aber was ist denn? Was ist denn?« fragte er schüchtern. »Warum diese Glückwünsche?«

»Papa hat heute vor zwei Jahren seine Halja geheiratet«, erläuterte Mary.

Ach, ach!« jammerte Norfolk. »Und ich wußte nicht ... Nichts vorbereitet ... Mr. Jordan, ach, gestatten Sie, daß ich Ihnen dieses Buch vermache? Es ist mir ans Herz gewachsen, denn es stehen viele blödsinnige Züge drin ...«

Jordan lachte Tränen.

»Danke, danke, alter Freund«, sagte er und klopfte Norfolk auf die Schulter. »Das ist eine Gabe, die bestimmt von Herzen kommt.«

»Na, mal los!« rief Meyring. »Spielen, meine Herren! Will mal sehen, ob Sie in den drei Jahren was zugelernt haben.«

»Wollen wir?« fragte Jordan und Norfolk nickte. Jordan zog einen Springer.

Norfolk dachte nach und zog dann ebenfalls einen Springer.

»Hören Sie mal«, begann Meyring unruhig. »Diese Partie kenne ich doch! Wenn jetzt Mr. Jordan den andern Springer zieht ...«

»Hier wird nicht geraten!« schrie Norfolk zornig.

»Er hat ja gar nicht geraten«, meinte Jordan versöhnlich. »Sie wissen sehr gut, daß ich sowieso den zweiten Springer gezogen hätte. So, da ist er.«

»Mit Hilfe«, erklärte Norfolk verächtlich.

»Unsinn!« fuhr Jordan auf. »Das ist häßlich von Ihnen ... So was mir zu sagen ...«

»Mit Hilfe!« betonte Norfolk eigensinnig und zog den vierten und letzten Springer.

»Und nun kommt der Damenbauer!« rief Meyring lachend. »Dann haben wir eine Stellung wie vor drei Jahren.«

»Jetzt hören Sie aber auf!« zischte Norfolk. »Sie – Kiebitz!«

»Ich ziehe den Königsbauer«, sagte Jordan. »Nicht schimpfen!«

»Sie haben gut reden«, murrte Norfolk. »Immer hilft er Ihnen. Das war schon vor drei Jahren so ... Ja was ist denn da los?«

Neben ihnen erklang lautes Weinen, und die kleine Evelyn kam tränenüberströmt auf Jordan zugelaufen. Hilfeflehend streckte sie ihm die Hand hin.

Jordan stand schnell auf. Ein Blick auf die Hand hatte ihm genügt.

»Sie hat einen Splitter«, sagte er aufgeregt. »Da muß sofort eingegriffen werden. Schnell, schnell, Evelyn! Wir fahren zum Arzt. Lieber Norfolk, Sie müssen die Partie mit meinem Schwiegersohn weiterspielen.«

Und schon saß Jordan am Steuer von Meyrings Wagen, die Kleine neben sich, und los ging es.

»Wie vor drei Jahren«, sagte Norfolk seufzend.

»Genau so«, bestätigte Meyring kopfschüttelnd.

»Auch damals war es eine Dame, die das Spiel störte.«

»Aber sie hatte keinen Splitter«, meinte Norfolk nachdenklich.

»Nein, das hatte sie nicht«, lachte Meyring und sah Halja an, die das Gespräch nicht verstanden hatte. »Dennoch ist die Sachlage sehr ähnlich. Aber mir scheint, vor drei Jahren war sie weniger angenehm.«

Norfolk nickte ernst.

»Das scheint mir auch so. Ich ziehe den Königsbauer. Sie sind am Zug, Mr. Meyring.«

 

Ende

 


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