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X.

Viel später als Jordan nahm der Untersuchungsrichter Hornung sein Frühstück ein. Die Sonne schien schon hell ins freundlich eingerichtete Speisezimmer, und die Uhr schlug zehn, als er sich beim Frühstückstisch einfand.

Halja wartete auf ihn. Sie machte einen frischen und ausgeruhten Eindruck, und neben ihr nahm er sich aus, als sei er noch um zehn Jahre älter als in Wirklichkeit.

Er küßte sie zärtlich auf die Stirn, legte ein Aktenstück neben seine Kaffeetasse und setzte sich Halja gegenüber. Dann rückte er den Stuhl etwas seitwärts, damit ihm die Sonne nicht in die Augen schien.

»Hast du gut geschlafen?« fragte er höflich.

»Danke, ausgezeichnet.«

Mit einem leisen Schlürfen nahm er einen Schluck Kaffee und öffnete das Aktenstück. Seine braunen, ältlichen Hände fuhren wie liebkosend über die kostbaren Blätter. Oh, er wußte es sehr gut: diese Blätter waren ein Vermögen wert!

Er las für sich, dazwischen immer wieder kleine, schlürfende Schlucke nehmend:

 

»Aussage Ellinor Perkins', der Mutter des Vermißten Dick Perkins: Am 12. Oktober 1933 erwartete ich meinen Sohn um halb ein Uhr mittags vor dem Tore der Jordan-Werke. Wir wohnen nur fünf Minuten weg von der Fabrik, und ich holte Dick fast täglich ab. An diesem Tage wartete ich vergeblich auf ihn. Ich dachte zuerst, ich hätte ihn übersehen und lief schnell nach Hause. Doch auch hier war er nicht. Nun glaubte ich, er habe mit Freunden in irgendeiner Kneipe zu Mittag gegessen und beunruhigte mich daher noch immer nicht. Als er aber am Abend ebenfalls nicht nach Hause kam, ging ich zur Fabrik, um nachzufragen. Die Wächter ließen mich aber nicht hinein. So erfuhr ich erst am nächsten Tage, daß mein Sohn nachmittags gar nicht mehr gearbeitet hatte. Ich mußte nun glauben, daß er in irgendeiner Kneipe sitzengeblieben war und daß dort etwas Schlimmes geschehen war. Ich suchte alle Kneipen ab, die Dick dann und wann zu besuchen pflegte, aber nirgends hatte man ihn am 12. Oktober gesehen. Und auf der Polizeiwache erfuhr ich, daß es am 12. Oktober in keiner dieser Kneipen eine Rauferei oder ähnliches gegeben hatte. Nun kam ich endlich auf den Gedanken, daß Dick möglicherweise die Fabrik gar nicht verlassen habe. Ich fragte alle Arbeiter aus, die in der Nähe Dicks beschäftigt waren, und ich fragte die Aufsichtsbeamten aus, die am 12. Oktober um halb eins beim Tore gestanden hatten: keiner von ihnen hat meinen Sohn weggehen sehen. Ich glaube daher bestimmt, daß ihm in der Fabrik ein Unfall zugestoßen ist, den man verheimlichen will, damit ich keine Entschädigung bekomme.«

 

Ueber den letzten Satz mußte Hornung ein wenig lächeln. Wie gern hätte man diese Frau entschädigt, wenn sie nur nicht erst zur Polizei gelaufen wäre!

»Hm ...« brummte er behaglich. Es klang wie das Schnurren einer Katze. »Noch ein Täßchen, bitte. Hast du dich gestern gut unterhalten, mein Kind?«

»Ja«, sagte Halja. »Ja, danke. Du auch?«

»Ausgezeichnet«, versetzte er und blätterte weiter in den Akten. Da waren die Aussagen von vier Ingenieuren und achtzehn Arbeitern. Es hatte viel Mühe gekostet, alle diese Aussagen zu sammeln, Nun aber lagen sie da: zweiundzwanzig gleichlautende Aussagen! Alle diese Menschen hatten Dick Perkins am zwölften Oktober vormittags in der Fabrik gesehen, keiner hatte ihn weggehen sehen, und alle arbeiteten in so unmittelbarer Nähe von diesem Perkins, daß wenigstens ein Teil von ihnen sein Weggehen hätte bemerken müssen.

»Dieser ... Jordan ... meinte Hornung halb feststellend, halb fragend, »... war ja ganz weg in dich ...«

Halja blieb ruhig.

»Ich habe nichts dergleichen gemerkt«, sagte sie kühl.

»Ich will dich ja auch nicht tadeln«, bemerkte er schnell. »Ich wüßte auch wirklich nicht, wofür! Dein Benehmen war einwandfrei Eine Frau kann schließlich nicht dafür, wenn sie Männern gefällt ...«

»Sehr vernünftig gedacht«, warf sie ein, als er abwartend schwieg.

Der Sonnenstrahl hatte wieder Hornungs Augen erreicht, und der Untersuchungsrichter rückte wieder beiseite.

»Wie gesagt, ich wollte dich nicht tadeln«, fuhr er fort. »Ich glaube sogar, daß es für uns nicht unvorteilhaft sein wird, wenn dieser alte Krösus ein bißchen Feuer fängt. Er hat Beziehungen, er hat ...«

»Du irrst dich«, sagte sie und runzelte die Stirn.

»Es wird für uns sicherlich sehr unvorteilhaft sein, wenn er – wie du sagst – Feuer fängt.«

»Entschuldige, mein Kind, aber deine Aussprüche sind bisweilen überraschend. Vielleicht würdest du das näher erläutern, wieso, wieso das für uns unvorteilhaft sein könnte?«

»Weil Mr. Jordan dir aus Aerger schaden könnte – mit seinen Beziehungen.«

Er schüttelte verwundert den Kopf.

»Aerger? Liebes Kind, ich begreife dich wirklich nicht. Aerger? Worüber denn Aerger«

Sie antwortete nicht, sondern rührte nur heftig in ihrer Tasse.

»Die Tasse könnte zerbrechen«, sagte er und legte für einen Augenblick seine kalte Hand auf die ihre. »Na, gut«, lenkte er dann ein. »Dir ist es anscheinend gleichgültig, ob dein Mann sein Leben als Untersuchungsrichter beschließt oder wie seine Kollegen zu Ehren und Ansehen und – Reichtum kommt ...«

»Gib mir bitte eine Zigarette«, sagte sie tonlos.

Er hielt ihr sein silbernes Etui hin, reichte ihr zuvorkommend Feuer und sah ihr zu, wie sie starren Blickes in langen, tiefen Zügen rauchte.

»Es – ist – mir – gleichgültig«, sagte sie endlich langsam, Wort für Wort betonend.

Er lächelte.

»Ich ahnte es. Wie traurig, bei seiner Lebensgefährtin so wenig Verständnis zu finden ...«

»Es hört uns niemand«, unterbrach sie ihn.

»Für wen dieses Theater?«

»Mein Kind, warum so heftig?« rief er schmerzlich aus. »Oder solltest auch du gestern Feuer gefangen haben? Es würde mich tief betrüben ...«

»Ganz bestimmt.«

»Du verstehst mich?« Er erhob sich, rückte den Stuhl an den Tisch, ging aber nicht. »Die Sachlage ist so: Bist du zu freundlich zu ihm – du verstehst? – so würde ich mich veranlaßt sehen – du verstehst? Bist du zu unfreundlich zu ihm, so – nun, so würde sich dein Leben auch etwas anders gestalten. Nicht zum besseren, mein Kind, nein, nicht zum besseren ...«

Sie stand schnell auf. Ohne ihn anzusehen, ging sie an ihm vorbei zur Tür. Er sah ihr nach, machte aber nicht Miene, sie zurückzuhalten. Behutsam nahm er das Aktenstück vom Tisch, trug es in sein Arbeitszimmer, wo er es in seiner Ledermappe verschloß. Dann begab er sich ins Vorzimmer.

Ein Diener wartete hier auf ihn und half ihm in den Pelz.

»Bill«, sagte Hornung leise. »Passen Sie mal genau auf, Bill: Im Laufe des Tages wird Mr. Jordan mit einem großen Blumenstrauß hier vorsprechen. Sie melden es mir sofort ins Amt, aber so, daß meine Frau nichts davon erfährt. Haben Sie mich verstanden?«

»Sie können sich auf mich verlassen, Mr. Hornung«, antwortete der tüchtige Diener und steckte befriedigt das reichliche Trinkgeld ein.


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