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XIV.

Hornung befand sich in einem Zustand, der an Unzurechnungsfähigkeit grenzte. Vor einer Stunde noch hatte er stolze Zukunftsschlösser gebaut, sich als reichen, unabhängigen Mann gesehen oder sich wiederum ausgemalt, wie er im Amt immer höher und höher stieg ... Und nun war das alles wie mit einem Schlage zusammengebrochen. Die Arbeit Jordans war schnell gewesen. Er hatte Hornung vernichtet, noch ehe es dieser ahnte, daß etwas gegen ihn unternommen wurde.

Aber Hornung dachte nicht daran, den Kampf aufzugeben. Im Gegenteil, alle seine Gedanken waren jetzt auf das eine Ziel gerichtet: Rache. Im Augenblick spürte er viel weniger sein Unglück als die Schmach, von diesem eingebildeten Reichen so ohne weiteres besiegt worden zu sein. Besiegt? Nein, noch war er nicht besiegt! Jordan sollte bald einsehen, wie sehr er sich verrechnet hatte! Ein Taxi brachte Hornung zur größten New Yorker Zeitung, wo er sich beim Hauptschriftleiter melden ließ. Der Besuch hier währte kürzere Zeit, als Hornung es sich gedacht hatte. Der Schriftleiter hörte ihn aufmerksam an, war sehr höflich, lehnte es aber glattwegs ab, in seinem Blatt irgend etwas Nachteiliges über die Jordan-Werke zu veröffentlichen.

Wütend fuhr Hornung zur nächsten großen Zeitung. Hier erging es ihm aber genau so. Auch bei der dritten und vierten war es nicht anders. Hornung faßte das nicht. Die Zeitungen, die seiner Ansicht nach von solchen Skandalgeschichten lebten, weigerten sich, diese aufsehenerregende Sache zu veröffentlichen! Er begriff es nicht, aber er gab es auf, Versuche bei den großen, angesehenen Zeitungen zu unternehmen, und ließ sich beim Schriftleiter eines kleinen Revolverblattes melden. Es war beschämend, daß er im Kampfe für die gerechte Sache seine Stimme mit Hilfe dieses Schmierblattes erheben sollte, aber es war nicht zu ändern.

Wie Hornung erwartet hatte, wurde er hier vom Schriftleiter mit ausgesuchter Freundlichkeit empfangen. Es war ein noch recht junger Mann mit semmelblondem Haar und vertrauenerweckenden blauen Augen.

»Guten Tag, Mr. Hornung!« rief er sehr eifrig, sehr zuvorkommend und deutete auf den bequemen Besuchersessel. »Ja, Ihren Namen muß ich schon gehört haben. Aber bitte, nehmen Sie doch Platz ... Untersuchungsrichter? Ja, ich glaube ... ich glaube bestimmt ... Sie müssen mal die Voruntersuchung eines wichtigen Prozesses geleitet haben ... Ich entsinne mich ... Die Untersuchung war hervorragend bearbeitet worden, und ich dachte mir gleich ... Aber so setzen Sie sich doch, Mr. Hornung!«

Hornung setzte sich endlich. Bei diesem Schwall von Worten fühlte er sich unbehaglich. Er kannte das Leben und wußte, daß Leute, die etwas zu sagen hatten, nie so viel auf einmal sagten.

»Wenn Sie Zeit haben, will ich Ihnen für Ihr Blatt eine haarsträubende Sache über die Jordan-Werke und eine bezahlte, geschmierte Justizmaschine geben«, sagte er stirnrunzelnd.

»Zeit?« rief der junge Schriftleiter und seufzte wehmütig, wobei er nach der Decke sah. »Für eine gute Sache habe ich immer Zeit – stundenlang, wenn es sein muß!«

Hornung berichtete, und der Schriftleiter hörte zu. Ab und zu schrieb er sich etwas auf, dann hörte er wieder andächtig, sogar mit gefalteten Händen zu.

»Das ist eine große Sache«, sagte er endlich, als Hornung geendet hatte. »Man sollte sich da nicht mit einer Notiz begnügen ... Eine Extraausgabe! Ja, eine Extraausgabe wäre da angebracht ... Was halten Sie davon?«

»Eine Extraausgabe?« Die Augen Hornungs funkelten. »Ja, auch ich glaube: das wäre das einzig Richtige ...«

»Ja«, sann der Schriftleiter nach. »Ich denke mir das so: Vorne ganz groß Ihr Bild, darunter – etwas kleiner – die Bilder Jordans und Elsworthys ...«

»Mein Bild? Nein, nein!« widersprach Hornung hastig. »Mein Name darf in diesem Zusammenhang überhaupt nicht erwähnt werden.«

»Das ist schade. Aber schließlich macht es auch nicht viel aus. Wir schreiben einfach: Wir sind aus bester Quelle unterrichtet, daß und so weiter. Das geht auch. Nur, sehen Sie, mit den Mitteln ist das so eine Sache ... Eine Extraausgabe macht sich nicht immer bezahlt. Würden Sie gegebenenfalls – natürlich nur, wenn wir tatsächlich Verluste haben – etwas zu den Kosten beitragen?«

»Könnte es viel sein?« fragte Hornung vorsichtig. »O nein ... Ich glaube auch gar nicht, daß es nötig sein wird. Das ist ja eine Sensation, was wir da bringen ... Und Sensationen machen sich bei uns immer bezahlt. Es ist mehr eine Formsache, wenn wir Sie sicherheitshalber bitten, ein Schriftstück zu unterzeichnen ... Können Sie Sicherheiten geben?«

»Mein Geld liegt augenblicklich fest«, sagte Hornung und war schon beinah entschlossen, doch lieber nur eine Notiz erscheinen zu lassen. Das hier sah doch gar zu sehr nach Bauernfängerei aus. »Ich habe sehr gute Papiere: Montana-Kupfer Shares.«

Der Schriftleiter blickte etwas überrascht auf.

»Montana-Kupfer Shares?«

»Ja, ein sehr gediegenes Papier. Aber ich muß Ihnen leider sagen, daß ich doch nicht geneigt bin ...«

»Warten Sie bitte einen Augenblick«, bat der Schriftleiter und sprach etwas durch den Fernsprecher. Hornung verstand soviel, daß er eine der soeben erschienenen großen Zeitungen zu sehen verlangte. Er wunderte sich ein wenig darüber, da er den Zusammenhang nicht begriff.

»Haben Sie Ihr ganzes Vermögen in Montana Shares angelegt?« fragte der Schriftleiter freundlich.

»Ja, und ich habe schon gehörig dabei verdient«, antwortete Hornung. »Aber warum fragen Sie?« Ein älterer Mann trat ein und legte ein noch nach Druckerschwärze riechendes Zeitungsblatt auf den Tisch. Der Schriftleiter schlug es auf, strich eine Stelle mit Blaustift an und reichte das Blatt Hornung.

Hornung las:

 

»Riesenunterschlagungen bei den Montana-Kupfer Werken! Eine unerwartet eingesetzte Revision stellte fest, daß bei den angesehenen Montana-Kupfer Werken ungeheure Summen veruntreut worden sind. Eine Reihe von Direktoren steht unter dem Verdacht der Täterschaft. Die Montana-Werke waren in letzter Zeit etwas in Schwierigkeiten geraten, und es erscheint daher zweifelhaft, ob sie sich werden halten können. Der Umfang der Verluste läßt sich jetzt auch nicht annähernd bestimmen. Die Nachricht von den Unterschlagungen traf hier erst nach Schluß der Börse ein, so daß sie sich auf den Aktienkurs noch nicht auswirken konnte. An der Nachbörse wurden aber schon Kurse genannt, die kaum den achten Teil der bisherigen betrugen.«

 

Hornungs Gesicht war fahl, als er das Zeitungsblatt niederlegte.

»Dann bin ich ein Bettler«, sagte er seltsam ruhig und lächelte etwas verzerrt. »Wir werden also wohl nur eine Notiz bringen können.«

»Sie glauben nicht, daß dies ein Werk Jordans ist?« fragte der Schriftleiter beiläufig.

»Wieso? Ein Werk Jordans? Hier steht doch, daß da Unterschlagungen ...«

Der Schriftleiter stand auf.

»Nun ja ... Irgend etwas mußte ja geschehen, wenn Ihre Papiere wertlos werden sollten. Ich glaube, Sie machen sich von der Macht Jordans noch keinen rechten Begriff ...«

»Wenn das Jordan getan hat, dann ...« murmelte Hornung, aber er beendete den Satz nicht.

Der Schriftleiter drehte an der Nummernscheibe des Fernsprechers. Hornung hörte ihn sprechen und verstand, daß er die Jordan-Werke angerufen hatte.

»Wer? Wer ist dort?« sprach der Schriftleiter. »Norfolk?« Er vermerkte den Namen. »Ja, wir haben da Nachrichten bekommen ... über eine Sache, die in Ihren Betrieben geschehen ist. Ein gewisser Dick Perkins soll verschwunden sein ... Wie, bitte? Das stimmt nicht? Aber ich bitte Sie: die Nachrichten stammen aus bester Quelle ... Aha! Ja ... Ich verstehe ... Sehr liebenswürdig von Ihnen. Oh, ich begreife sehr gut: Sie bezahlen für drei Monate im voraus, geben uns aber erst später an, wann wir beginnen sollen. Danke, ich habe alles vermerkt.« Er hängte ein. »Was war denn das?« fragte Hornung erregt. »Drei Monate bezahlen ... Ich verstehe nicht ...«

»Das ist doch ganz einfach«, sagte der Schriftleiter, sichtlich sehr zufrieden. »Die Jordan-Werke haben uns einen Inseratenauftrag auf die Dauer von drei Monaten gegeben. Drei Monate lang täglich ein halbseitiges Inserat ... Verstehen Sie nun?«

»Aber Sie haben ja gar keine Inserate in Ihrer Zeitung!« rief Hornung wütend. »Was erzählen Sie mir denn da?«

»Wir haben in jeder Nummer Inserate«, antwortete der Schriftleiter sanft. »Unsichtbare Inserate. Unser Blatt ist so eingerichtet, daß es für die Inserenten vorteilhafter ist, wenn das bezahlte Inserat nicht erscheint.«

»Das ist ja unglaublich!« rief Hornung empört aus. »Und das ... wagen Sie mir zu sagen? Ich werde ...«

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte der Schriftleiter und blickte wieder andächtig nach der Decke.

»Aber meine Zeit – Sie verstehen das doch? – ist sehr knapp bemessen.«


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