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XXXIV.

Für Sekunden waren alle stumm vor Staunen.

»Was wollen Sie hier?« schrie Jordan plötzlich auf.

Dr. Stone stand wie zur Säule erstarrt da – eine menschgewordene stumme Frage.

»Wie sehen Sie aus!« rief Jenkins. »Allmächtiger! Ihr Gesicht ...«

»Lassen Sie!« wehrte Meyring ab und wankte auf einen Stuhl zu. Er setzte sich nicht, hielt sich nur an der Lehne fest. »Ihre Leute, Mr. Jordan«, murmelte er, und jetzt klangen Tränen durch seine Stimme, »haben mich so zugerichtet. Sie wollten mich nicht durchlassen! Zehn, zwanzig gegen einen! Fünf davon wenigstens habe ich umgelegt ...«

»Wollen Sie mir nicht erklären ...?« rief Jordan drohend.

»Ja, ja, ich will«, sagte Meyring und lächelte plötzlich, obwohl in seinen Augen die Tränen standen.

»Aber erst ... Das ist doch Dr. Stone? Angenehm. Meyring ist mein Name. Meyring, Mr. Jordans Generalsekretär ...«

»Hören Sie mal«, rief Jordan unwillig. »Es ist, glaube ich, nicht der geeignete Augenblick, Ihren ehemaligen Rang zu erhöhen. Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Stone. Dieser Zwischenfall ist mir höchst unangenehm ... Ich werde mit dem jungen Mann da gleich abrechnen. Ihre Zeit, Mr. Stone, darf ich nicht länger in Anspruch nehmen. Mr. Jenkins wird Sie hinausbegleiten ...«

Dr. Stone lächelte höflich.

»Zu liebenswürdig, Mr. Jordan« sagte er kühl. »Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, als habe dieser junge Mann uns etwas Wichtiges zu sagen.«

»Mr. Stone!« rief Meyring begeistert. »Sie sind viel klüger, als ich dachte. Sie urteilen nicht nach meiner zerschundenen Vorderfassade ...«

»Ausgezeichnet«, bemerkte Stone und setzte sich wieder. Die Aufmerksamkeit, mit der er Meyrings Warten lauschte, war eine ganz andere als die, die er vorhin Jenkins gegenüber gezeigt hatte. »Auch hinter einer zerschossenen Hausmauer birgt sich zuweilen ein Schatz«, fuhr Meyring munter fort. Er versuchte, die Stuhllehne loszulassen, aber er wäre hingefallen, hätte ihn Jenkins nicht gestützt. »Ich bringe einen solchen Schatz für Mr. Jordan. Ich weiß nämlich, wo sich der verschwundene Perkins befindet.«

»Das wissen Sie?« schrie Jenkins auf und warf die Arme in die Höhe. Der immer beherrschte Jenkins war wie von Sinnen. Er lief quer durchs Zimmer, dann rannte er auf Meyring zu, umarmte ihn heftig, und dann schrie er, aber es klang wie ein fröhliches Krähen: »Hurrah!«

»Mr. Jenkins!« rief Jordan streng.

»Verzeihung, Mr. Jordan«, bat Jenkins schuldbewußt.

»Lassen Sie ihn nur schreien«, sagte Meyring großmütig. »Für all die Angst, die er ausgestanden, wird er doch ein paar Jauchzer verdient haben.«

»Wo ist denn dieser Perkins jetzt?« fragte Jordan gemessen und mißtrauisch.

»Im Polizeihauptquartier!« erklärte Meyring stolz.

»Habe ihn vor einer Stunde hinschaffen lassen.«

»Und wo ...« begann Jenkins ganz schüchtern, ganz ergeben. »Und wo befand er sich vordem, lieber, guter Meyring? Fassen Sie diese Frage nicht falsch auf. Ich meine nur, daß es doch höchst wichtig ...«

»Er wurde hei Gromow versteckt gehalten«, antwortete Meyring mit einem sieghaften Lächeln.

»Ach du erhabene Weltgeschichte!« platzte Jenkins heraus. »Und wir Tropfe sind nicht darauf gekommen!«

»Mr. Jenkins!« grollte Jordan. »Ihre Ausdrücke ... Entschuldigen Sie, Mr. Stone ...«

»Aber ich bitte Sie«, wehrte Stone ab. »Ich habe noch nie einen so vergnügten Nachmittag erlebt.« »Erzählen Sie, Meyring«, sagte Jordan seufzend. »Ich begreife soviel, daß Sie zufällig in Erfahrung brachten, wo Perkins versteckt gehalten wurde. Aber ich verstehe nicht, warum Ihnen Gromow nicht genug bezahlte, damit Sie das Geheimnis wahrten ...«

»Ach, Mr. Jordan!« rief Jenkins vorwurfsvoll.

»Ich habe schon alles begriffen, und Sie – nichts! Und Sie glaubten doch viel mehr an Meyring als ich – früher ...«

»Ich werde berichten«, sagte Meyring. »Ich hatte die richtige Vermutung über den Verbleib des Arbeiters, als ich die ersten Zeitungsangriffe gegen Mr. Jordan las. Ich sagte mir, daß die Leute, die mit so schweren Geschützen vorgingen, irgendwie überzeugt sein mußten, daß Perkins nicht plötzlich auftauchen und all ihre Arbeit zunichte machen würde. Also mußten sie genau wissen, wo er sich befand. Wahrscheinlich aber befand er sich dort, wo man ihn am schwersten entdecken konnte: in der Fabrik Gromows. Wie sollte ich nun als Mr. Jordans Sekretär in diese Fabrik gelangen? Da gab es nur eine Möglichkeit: Ich mußte zum Verräter werden, und zwar glaubhaft genug für Gromow. Mein Wort allein hätte nicht genügt. Hier wiederum durfte niemand etwas von meinen geheimen Absichten wissen, denn jeder konnte bezahlter Agent der Gegenseite sein. Sogar Mr. Jenkins konnte es sein – verzeihen Sie, Mr. Jenkins: ich habe jetzt eine Liste von fünf Namen mitgebracht, deren Träger hier als Agenten für Gromow tätig waren. – Nur einem Mann vertraute ich mich an: Norfolk. Dem glaubte ich. Er war krank, aber er nannte mir trotzdem acht Aktenstücke, die ich stehlen sollte, um an Hand davon gegen Jordan gerichtete Artikel zu schreiben. Ist es denn hier niemandem aufgefallen, daß alle meine Angriffe leicht zu widerlegen sind? Nein? Wären Sie hier ruhiger gewesen, Sie hätten es bemerkt. Nun machte ich mich hier absichtlich verdächtig, wurde daraufhin beobachtet und schließlich entlarvt. So gelang es mir, das Vertrauen Gromows zu gewinnen und zu befestigen. Und dann suchte ich. Ich hätte den Kerl zu spät gefunden, aber Hornung half mir dabei, ohne es zu wissen. Er erzählte mir einmal, er würde in drei Tagen Gromows Teilhaber sein. Ich wußte sofort, daß er sich irrte; wußte aber auch, daß man ihm das versprochen haben mußte. Also kannte er irgendein wichtiges Geheimnis. Nun ging ich in der Fabrik nur noch die Wege, die Hornung gegangen war. Und da fand ich den Perkins! Er aß grade Entenbraten. Ich wünschte guten Appetit, und dann rannte ich davon, denn nun galt es mein Leben. Kaum aus dem Hause, bestellte ich zehn Wagen des Überfallkommandos. Was denken Sie denn: Erst wollte die Polizei sich gar nicht bemühen. Da Perkins kein Verbrechen begangen habe, ginge die Sache die Polizei nichts an, sagte man mir. Eine halbe Stunde lang mußte ich den Leuten auseinandersetzen, um was für einen gemeinen Betrug es sich hier handle, und dann endlich schickten sie einen einzigen Wagen. Es waren aber lauter brave Kerle drin. Das hätten Sie sehen sollen, wie die Kerle im Sturm das Fabrikgebäude nahmen. Rechts und links teilten Sie aus, wenn sich ihnen jemand in den Weg stellte. Sogar der fette Gromow hat eins auf die Melone gekriegt, daß es nur so krachte ... Ach, bitte, könnte ich ein Glas Wasser bekommen?«

Dr. Stone stand auf, und als Jenkins ihm zuvorkommen wollte, wies er ihn mit einer entschiedenen Handbewegung ab. Ruhig ging er zur Wasserkaraffe, goß ein Glas voll und brachte es Meyring, der gierig trank.

»Haben Sie hier noch mehr solcher Prachtkerle?« wandte sich Stone an Jordan.

»Nein«, versetzte Jordan zwischen Lachen und Weinen. »Nein, Mr. Stone. Das gibts nur einmal.«


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