Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XIII.

Eine Stunde darauf fuhr Hornung wieder ins Amt. Er war als kleinlicher, launenhafter Vorgesetzter bekannt, aber an diesem Nachmittag hatten seine Untergebenen keinen Grund, mit ihm unzufrieden zu sein. Er war in bester Stimmung, tadelte nichts und verstieg sich sogar zu ein paar scherzhaften Bemerkungen, die selbstverständlich allgemeinen Beifall fanden.

Den Abend verbrachte er nicht zu Hause. Ein Beisammensein mit Halja erschien ihm im Augenblick wenig wünschenswert. Da er aber keine Freunde hatte, die er besuchen konnte, wußte er nicht recht, was er mit dem Abend beginnen sollte. Er entschloß sich nach einigem Schwanken für die Oper. Aber er nahm nicht wie sonst einen mittleren Platz, sondern den besten, der zu haben war. Hier, im Dunkeln, von niemandem beobachtet, feierte er still seinen Sieg über Jordan und malte sich aus, wie er nun bald als reicher Mann in der Lage sein würde, so oft es ihm einfiel, einen so guten Platz im Theater zu nehmen. Er fühlte sich schon jetzt als dieser reiche Mensch; der nie mehr mit ein paar Dollar zu rechnen brauchte. Nur um dieses angenehme Gefühl recht lange auszukosten, fuhr er nach dem Theater in eins der teuersten Restaurants, wo er zwei Stunden lang bei auserlesenen Speisen und Getränken verbrachte. Ihm gegenüber saß der französische Gesandte mit einigen Herren. Er kannte ihn von einem Prozeß her und grüßte vornehm-lässig hinüber. Die Antwort fiel etwas erstaunt und nicht ganz so aus, wie er es sich gedacht hatte; aber es war dennoch nicht mehr jenes hochmütige Kopfnicken, das ihn bei diesem Mann und seinesgleichen immer so geärgert hatte. Der französische Gesandte brach mit seiner Gesellschaft bald danach auf, und Hornung beobachtete aufmerksam, mit welcher Hochachtung sich alle Bedienten vor ihm verneigten. Als er nach zwei Stunden selbst ging, gab er dem Kellner ein sehr reichliches Trinkgeld und sah mit Genugtuung, daß man ihn nun mit nicht geringerer Hochachtung behandelte. Es war sehr bedauerlich, daß der französische Gesandte schon weggegangen war.

Fast fürchtete sich Hornung vor dem nächsten Morgen, der ihn mit seiner Nüchternheit vielleicht aus allen Träumen reißen würde. Aber er erwachte in derselben fast märchenhaften Stimmung, in der er eingeschlafen war. Das war fast so wie in seiner Kindheit, als er am Morgen nach dem Weihnachtsfest aufwachte und ihm zum Bewußtsein kam, daß alles Herrliche nicht ein Traum, sondern Wirklichkeit war. Und diesmal war es auch Wirklichkeit: Er hatte diesen Jordan so sicher in der Hand, daß es kein Entrinnen gab. Flüchtig dachte er an Jordans Drohungen, aber er tat sie mit einem Lächeln ab. Alles, was Jordan gegen ihn unternahm, traf ja Halja. Oh, Jordan würde sich hüten!

Lange stand Hornung vor dem Spiegel und betrachtete sein ältliches, etwas müdes Gesicht. Er hatte seinen besten, fast ganz neuen Anzug angelegt und seine teuerste Krawatte umgebunden, aber auch das nützte nichts. Was ihm da entgegensah, war das Gesicht des kleinen Mannes, der sich jahrzehntelang vor den Großen dieser Welt geduckt hatte. Nein, es war nicht so leicht, sich von heute auf morgen ein gediegeneres, selbstbewußteres Gesicht zu geben. Diese Erkenntnis verstimmte ihn ein wenig, doch dachte er bald nicht mehr daran.

Sein Frühstück nahm er im Pennsylvania Hotel ein. Er war überzeugt, daß ihm Halja beim Frühstück alle gute Laune verdorben hätte. Sie nahm ja nie Rücksicht auf ihn, dachte stets nur an sich. Nein, heute war sein Tag! Diesen Tag durfte ihm Halja nicht verderben!

Wieder wunderten sich seine Untergebenen im Amt über seine prächtige Stimmung. Man hatte nicht anders gedacht, als daß heute der Rückschlag auf die gestrige gute Laune käme, und war angenehm enttäuscht. Den ganzen langen Arbeitstag hielt diese Stimmung an, und all die kleinen Aergernisse, die ihn sonst zur Verzweiflung brachten, konnten ihm heute nichts anhaben. Um sieben Uhr abends räumte er seinen Schreibtisch auf, packte einige Akten zum Mitnehmen in seine Mappe und brannte sich mit vergnügtem Lächeln eine feine Zigarette an.

Ein Gerichtsdiener trat nach kurzem Klopfen ein. »Na, Flake, wollen Sie auch eine Zigarette?« fragte Hornung leutselig und hielt dem alten Mann sein Etui hin.

»Oh, danke sehr«, sagte Flake und nahm vorsichtig eine von den Zigaretten. Er rauchte sie aber nicht an, sondern steckte sie in die Tasche. Dann fügte er hinzu: »Staatsanwalt Elsworthy läßt Sie sofort zu sich bitten, Mr. Hornung. Und Sie möchten die Akten ›Dick Perkins‹ mitbringen, hat er gesagt.«

Hornung wurde bleich. Was bedeutete das? Eine Vorladung zum Staatsanwalt um diese Zeit? Als pflichttreuer Beamter hatte er nichts zu fürchten. Seine einzige Furcht war ja, daß er vielleicht sein Lebtag nur pflichttreuer Beamter bleiben würde. Aber die Akten ›Dick Perkins‹? Was gingen die den Staatsanwalt an?

Doch dann nahm er sich zusammen. Er lächelte Flake sogar ein wenig mühsam zu, nahm seine Mappe unter den Arm und begab sich, die Lippen zusammengekniffen, zum Staatsanwalt.

Elsworthy war um etwa zehn Jahre jünger als Hornung und im allgemeinen ein sehr tätiger und entschlossener Beamter. Heute machte er aber nicht diesen Eindruck. Er lag mehr als er saß in seinem Sessel, sah Hornung gleichmütig an und sprach träge und nachlässig, ein wenig durch die Zähne.

»Setzen Sie sich mal, lieber Hornung.«

Hornung setzte sich. Er wußte es jetzt: Es war nichts Angenehmes, was er zu hören bekommen würde. Er selbst sagte auch nicht »lieber« zu einem Untergebenen, wenn er ihm etwas Erfreuliches mitzuteilen hatte.

»Geben Sie mir doch bitte die Akten ›Dick Perkins‹!« fuhr der Staatsanwalt fort.

Schweigend legte Hornung das Aktenstück vor Elsworthy. Seine Hand zitterte dabei ein wenig, und er war nicht in der Lage, Elsworthy anzusehen.

Der Staatsanwalt las. Es war still und warm im Zimmer. Leise knisterte das Papier in den Händen Elsworthys. Seine Mienen waren undurchdringlich.

»Die Untersuchung dieses Falles ist noch nicht abgeschlossen«, begann Hornung erregt.

Elsworthy wehrte diese Worte wie ein lästiges Insekt mit einer Handbewegung ab.

Jetzt schwieg Hornung. Auch Elsworthy sprach kein Wort. Es war ein langes Schweigen.

»So« sagte der Staatsanwalt endlich und klappte den Aktendeckel zu. »Was sagten Sie vorhin?«

»Die Untersuchung in dieser Sache ist noch nicht abgeschlossen«, sagte Hornung aufs neue sehr eifrig.

Elsworthy nickte.

»Wir wollen sie ausnahmsweise als abgeschlossen betrachten. Sie übergeben die Sache mir. Ich danke Ihnen für Ihre Bemühungen. Sie haben das ganz gut gemacht.«

Ein ohnmächtiger Zorn befiel Hornung. Er begriff, oh, er begriff sehr gut. Jordan hatte den Staatsanwalt gekauft. Dieser Elsworthy sollte nun das bekommen, was nur ihm, Hornung, zustand. All seine Mühe, all seine Arbeit sollte umsonst gewesen sein. Nein, das würde er nicht zulassen.

»Entschuldigen Sie, Mr. Elsworthy«, sagte er mit unsicherer Stimme. »Aber ich möchte mich keines Versäumnisses schuldig machen. Es ist meine Pflicht, diesen Fall genau zu prüfen. Ich kann ihn so, halb bearbeitet, nicht der Staatsanwaltschaft übergeben.«

»Auf meine Verantwortung«, sagte Elsworthy gleichmütig.

»Auch dann nicht«, ereiferte sich Hornung. »Diese Sache ... Meine Pflicht ... Kurz ...«

»Nun, kurz?«

»Ich muß in der Fabrik Jordans nachforschen!« rief Hornung hitzig. »Es ist ganz klar, daß dem Perkins eben dort etwas zugestoßen ist ... Und ich werde nicht eher ruhen, bis ich Licht in diese merkwürdige Sache gebracht habe! Ich bin nicht gesonnen ...«

»Nun«, unterbrach ihn Elsworthy, immer noch in dem schleppenden Ton, in dem er bis jetzt gesprochen hatte. »Es hilft nichts – ich wollte es Ihnen ersparen: Sie haben diesen Fall behandelt wie ein Schuljunge und haben beinah großes Unheil angerichtet. Eine Untersuchung in den Werken Jordans darf nicht stattfinden. Da spielen sehr wichtige Gründe mit, die ja auch Ihnen kein Geheimnis sein werden. Ich nehme an, Sie wissen sehr gut, warum Jordan nicht wünscht, daß über seine Fabrik zuviel gesprochen wird. In einem Falle wie diesem protokolliert man die Aussagen der Ingenieure, die bezeugen, daß in den Werken genau nachgeforscht wurde, und betrachtet damit die Sache, soweit sie die Jordanwerke betrifft, als erledigt.«

Hornung atmete heftig. Es flimmerte ihm vor den Augen, und seine Hände zitterten. Kein Wort glaubte er Elsworthy! Für gutes Geld, für gutes Geld war der gekauft! Der! Und nicht er, Hornung!

»Jordan ... hm ...« bemerkte Hornung böse, »muß mit ... einer gewissen Rücksicht behandelt werden ... verstehe, oh, verstehe ich sehr gut ...«

»Selbstverständlich«, sagte Elsworthy ruhig. »Jordan ist nicht irgendwer. Er ist nicht nur ein sehr einflußreicher Mann, sondern auch ein Mann, der unserem Staate gute Dienste leistet ...«

»Und der unsere Staatsbeamten gut bezahlt, wenn sie ihm Dienste leisten«, warf Hornung tückisch ein.

»Wie meinen Sie das?« fragte Elsworthy kühl und sein Blick warnte.

Aber Hornung war nicht mehr zu warnen.

»Jordan bot mir ein Vermögen an, wenn ich den Fall in der Art behandeln wollte, wie Sie es für gut befinden, Mr. Elsworthy«, sagte er verzweifelt. Er spürte, daß er blindlings in sein Verderben rannte, aber es gab kein Aufhalten mehr. Er mußte weiter, mußte! »Mein Pflichtbewußtsein aber verbot mir, mich auf derlei Spitzfindigkeiten, und noch dazu für Geld, einzulassen, und daher ...«

»Hm ...« knurrte Elsworthy und stand auf. »Ich begreife ... Sie scheinen sich etwas überarbeitet zu haben, lieber Hornung, sind überreizt ...«

Jählings schöpfte Hornung neuen Mut. Elsworthy schien nicht mehr sicher zu sein, sonst würde er nicht so ausweichen.

»Mr. Elsworthy«, sagte er heiser. »Wir wollen die Sache beim richtigen Namen nennen und gemeinsam ...«

»Ja«, warf Elsworthy schnell dazwischen. »Wir wollen die Sache beim richtigen Namen nennen. Reichen Sie bitte bis morgen früh Ihr Abschiedsgesuch ein.«

»Was?« kreischte Hornung auf. »Was sagen Sie da? Mein ... mein ...«

»Abschiedsgesuch«, ergänzte Elsworthy.

Hornung sprang auf.

»Das kann nicht Ihr Ernst sein, Mr. Elsworthy«, stotterte er, bleich vor Entsetzen. »Sie wollen mir drohen. Aber wozu drohen, Mr. Elsworthy? Wir könnten das doch in Ruhe, im Guten erledigen. Wenn wir den Fall nun zusammen bearbeiten, Mr. Elsworthy? Wir sind hier allein, niemand hört uns. Ich habe mich noch nie kaufen lassen, Mr. Elsworthy. Das schwöre ich Ihnen ... Hier, das ist eine Sache ... Sie kann uns beide mit einem Schlage reich machen ...«

»Soll ich dem Diener klingeln und Sie hinauswerfen lassen?« fragte Elsworthy gemächlich.

»So? So? So?« schrie Hornung auf und stierte den Staatsanwalt an, das Gesicht entstellt vor Zorn. »So? Das mir? Ohne mich ... Also ohne mich ... Aber Sie täuschen sich! Ich habe Abschriften von den Akten, Mr. Elsworthy! Doppelt, dreifach, zehnfach! Ich werde sie verkaufen, einzeln, dutzendweise, zu tausenden! Und New York soll erfahren, wie Leute vom Schlage Jordans sich Staatsanwälte kaufen ...«

Ein Diener trat ein. Elsworthy hatte ihn herbeigeklingelt.

»Dieser Mann ist krank oder betrunken«, sagte der Staatsanwalt bleich, aber entschlossen. »Helfen Sie ihm in einen Wagen.«

Hornung erinnerte sich plötzlich an die letzten Worte Jordans.

»Sie werden von mir hören, Mr. Elsworthy!« rief er bebend. Dann ging er.


 << zurück weiter >>