Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XVIII.

Halja trat ein. Ihr Gesicht hatte einen ernsten, aber gefaßten Ausdruck, und bei der etwas gedämpften Beleuchtung, die in diesem Zimmer herrschte, sah man nicht, wie bleich sie war. Jordan stand an seinem Schreibtisch, etwas vorgeneigt, beide Hände auf die Tischplatte gestützt. Er hatte sich noch immer nicht fassen können, – so groß war seine Ueberraschung. Mit allem hätte er eher gerechnet als mit Haljas Erscheinen hier.

»Sie ... kommen zu mir ...« sagte er leise, staunend.

Sie kam langsam näher, reichte ihm stumm die Hand, die er, ohne sich dessen bewußt zu werden, so heftig preßte, daß Halja eine kleine schmerzliche Grimasse nicht unterdrücken konnte. »Oh, ich habe Ihnen weh getan«, sagte er erschrocken. »Bitte, setzen Sie sich ...«

Sie setzte sich ihm gegenüber. Der große, breite Schreibtisch befand sich zwischen ihnen.

»Ja, Sie haben mir weh getan«, antwortete sie. »Aber nicht jetzt eben.«

Eine Weile sah sie ihn schweigend an, las die Angst in seinen Augen, aber kein Gefühl des Mitleids mit ihm regte sich in ihr.

»Ich bin gekommen, um sie etwas zu fragen«, sagte sie kühl. Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber schon unterbrach er sie:

»Fragen Sie!«

Einen Augenblick zögerte sie.

»Ist es wahr«, fragte sie dann, und nur die kaum merkliche Unsicherheit ihrer Stimme verriet, daß es sich um eine für sie nicht belanglose Frage handelte, »ist es wahr, daß Sie meinen Mann um sein Amt gebracht haben?«

»Es ist wahr«, sagte er leise.

»Ist es wahr, daß Sie ihn auch um sein kleines Vermögen gebracht haben?«

»Auch das ist wahr, aber ...«

Sie hob schnell abwehrend die Hand.

»Ich möchte nichts weiter hören, Mr. Jordan«, sagte sie hastig. »Ich mußte Sie danach fragen, weil ich es nicht glauben konnte. Nun, da Sie es selbst sagen, weiß ich ja alles ... Bitte, halten Sie mich nicht auf ... Bitte! Und entschuldigen Sie die Störung.«

Sie war aufgestanden, bereit, im nächsten Augenblick zu gehen.

»Halja!« rief er erschrocken.

Beim Nennen dieses Namens wandte sie sich schnell um. Ihr Blick war unruhig.

»Bitte, erinnern Sie mich nicht an einen Nachmittag, der viele, viele Jahre zurückliegt, obwohl er nach dem Kalender erst vorgestern war«, sagte sie etwas mühsam.

Er stand auf und machte unsicher zwei, drei Schritte auf sie zu. Als er aber sah, daß sie zurückwich, blieb er stehen.

»Sie müssen mich anhören«, sagte er aufgeregt.

»Sie dürfen nicht so von mir gehen. Ja, ich habe das alles gegen Ihren Gatten unternommen. Es mußte sein, denn er weigerte sich, das zu tun, was ich verlangte. Ich habe noch nie einen Menschen geschont, der meinem Willen trotzte. Es wäre ja noch entschuldbar, wenn Ihr Gatte sich aus sittlichen Gründen geweigert hätte. Aber nur Habgier war die Triebfeder seines Handelns. Ganz gewöhnliche Habgier! Dafür ist er bestraft worden.«

Halja nickte.

»Habgier? Gewiß. Ich zweifle nicht daran. Ich kenne meinen Mann. Aber ich möchte Sie dennoch bitten, weitere Erklärungen zu unterlassen. Ich sehe ganz klar.«

Sie hatte ihn nicht verstanden, denn sie ahnte nichts von dem Erpressungsversuch ihres Mannes. Sie glaubte, alles, was Jordan gegen ihn unternommen hatte, war der Versuch gewesen, sie mit Gewalt zu erobern. Er aber begriff gar nicht, was sie eigentlich so gekränkt hatte.

»Halja«, sagte er wieder. »Wie weh tun Sie mir!«

»Leben Sie wohl«, entgegnete sie hastig. Sie wollte diesen Ton nicht hören, diesen Ton, der die feste Eisschicht zu durchbrechen drohte, die wie ein Schutzschild ihr Herz vor dem Empfinden des Schmerzes bewahrte.

»Warten Sie!« rief er angstvoll. »Halja, Sie müssen mir sagen, was ich Ihnen getan habe ... Ich ... weiß es nicht. Sie müssen doch fühlen, daß ich bereit bin, Sie vor jedem Unheil zu schützen. Was liegt an Ihrem Mann? Er verdient sein Schicksal. Sie aber haben in mir einen Beschützer ...«

Das waren grade die Worte, die er ihr nie hätte sagen dürfen.

»Man kann es auch anders nennen«, fiel sie ihm rasch ins Wort, und jetzt war sie nicht mehr ruhig und beherrscht. »Man kann es auch so nennen, daß Sie jederzeit bereit sind, mich meinem Mann abzukaufen. Wie häßlich! Man kann es auch so nennen, daß Sie wie ein rechter Geschäftsmann den Verkäufer erst vernichten, um von ihm dann die gewünschte Ware billig zu erstehen. Aber Sie haben sich geirrt, Mr. Jordan! Ich ... habe mich in meinem Leben schon einmal verkauft. Ein zweites Mal – tue ich es nicht ...

»Halja! Ich will doch gar nicht versuchen ...«

»Lassen Sie mich alles sagen!« unterbrach sie ihn.

»Vorgestern erklärten Sie mir, Sie fühlten nicht den feinen Unterschied zwischen dem Geschenk einer einzigen Blume und dem eines kostbaren Straußes. Ich muß Ihnen glauben, daß Sie es wirklich nicht fühlen. Wenn man eine Frau kaufen will, bringt man ihr kostbare Geschenke; will man ihre Liebe, so hütet man sich, sie mit dem Gelde zu erdrücken. Das ist der feine Unterschied, Mr. Jordan! Geld! Ihr Geld! Ihre Macht! Damit sind Sie gegen mich zu Felde gezogen. Schwere Geschütze, das muß man Ihnen lassen! Aber das Herz einer Frau erobert man nicht mit Kanonen. Damit kann man es zertrümmern, aber nicht erobern.«

»Hören Sie, Halja«, sagte er ernst. »Wenn mein Reichtum Sie drückt ... Glauben Sie, es liegt mir etwas daran? Seit drei Tagen nicht mehr. Ein Wort von Ihnen, und ich werfe Reichtum und Macht weg ...«

»Ach!« rief sie ungläubig und sogar ein wenig spöttisch. »Nie werde ich dieses Wort sagen, und nie werden Sie das wegwerfen, woran Sie Ihr Herz gehängt haben. Leben Sie wohl!«

»Sie dürfen jetzt nicht gehen!« rief er gequält. »Sehen Sie denn nicht, was Sie mit mir tun? Begreifen Sie nicht, wie hart mich jedes Ihrer Worte trifft«

Halja war gekommen, ihn um Hilfe anzuflehen, ihn zu bitten, grade diese verachtete Macht anzuwenden, um ihr das Kind zurückzuerobern. Sie konnte diesen Mann um nichts bitten. Sie fühlte das Unmögliche ihres Vorhabens und unternahm nicht einmal den Versuch.

»Leben Sie wohl« sagte sie noch einmal und reichte ihm die Hand.

Er hielt diese Hand fest, sah Halja flehend in die Augen, stumm in seiner Verzweiflung. Er hatte ihr weh getan! Nie hatte er geglaubt, daß sie es so auffassen könnte. Kaufen? Kaufen? Er wollte sie ja nicht kaufen. Er wollte sie nur lieben.

»Bitte ... lassen Sie mich gehen«, bat sie gepreßt. Da gab er ihre Hand frei und sah entsetzt zu, wie sich die Tür hinter ihr schloß. Sein Blick irrte verloren durch das Zimmer. Dieses Zimmer war plötzlich so trostlos leer geworden, wie er es noch nie empfunden hatte.

Sie war gegangen und hatte alles mitgenommen, was seit vorgestern still und verborgen sein kostbarster Besitz gewesen. Sie hatte ihn allein gelassen, so furchtbar allein, wie er es noch nie gewesen war.


 << zurück weiter >>