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XXIII.

Jordan wollte aufstehen, sie begrüßen, aber seine Glieder gehorchten ihm nicht. Nur ansehen konnte er sie, stumm und regungslos. Sie stand da in einem langen, ganz weißen Kleid, schön und bezaubernd wie immer. Ihr Gesicht, durchsichtig und bleich, wirkte heute noch zarter als sonst, und der ernste Ausdruck verlieh ihr etwas Herbes, das Jordan seltsam berührte.

Sie hatte sich auf den Stuhl neben ihn gesetzt und reichte ihm die Hand.

»Warum ... sind Sie mir nachgefahren?« fragte sie leise, und ihre Stimme klang so wie früher, wie an jenem wunderbaren einzigen Nachmittag, den er mit ihr allein verbracht hatte.

»Ich mußte!« stieß er rauh hervor.

Sie lächelte traurig, aber er fühlte: sie war ihm dankbar für sein Kommen. Sie war also diesmal nicht erzürnt, daß er alle Machtmittel angewandt hatte, um sie zu finden.

»Halja ...« sagte er stockend.

»Nicht«, bat sie.

Ihr Gespräch wurde von den klatschenden Lauten unterbrochen, mit denen die Ringer ihre Pranken auf das nackte Fleisch der Gegner fallen ließen. Ab und zu polterte etwas dumpf, und jemand keuchte. Dann wieder pfiff der Schiedsrichter, und dann ging es weiter, klatschend, ächzend und polternd.

»Sie hätten nicht kommen sollen«, sagte sie.

»Doch!«

»Es wird für Sie noch schwerer sein als für mich.«

»Halja, ich bin ja nur hier, um das zu verhindern ... Sie dürfen das nicht tun. Es würde für Sie ein schreckliches Erlebnis werden, von dem Sie Zeit Ihres Lebens nicht mehr loskommen.«

»Nein, nein!« widersprach sie. »Versuchen Sie nicht, mich von meinem Vorhaben abzubringen. Ich will den Weg gehen, der allein für mich übrig bleibt.«

»Das ist ja nicht wahr, Halja ...«

Stürmisches Händeklatschen erscholl, und dann verkündete eine frische Männerstimme, daß der berühmte Champion Tallatapulo über den ebenfalls berühmten Champion Hondur durch den Scherengriff gesiegt hatte. Das Publikum klatschte noch mehr. Alle schienen sehr glücklich darüber zu sein, daß grade Tallatapulo und grade mit dem Scherengriff gesiegt hatte.

Wieder spielte die Musik.

»Das ist ja nicht wahr, Halja«, wiederholte Jordan. »Sie haben mich. Sie haben Ihren Gatten ... Ich habe ihm gesagt, daß ich alles wieder gutmachen will, was ich ihm zugefügt. Ich erfuhr auch von dieser Sache ... mit dem Kinde ... Auch das ist kein Grund zum Verzweifeln. Ihr Gatte wird das Kind jetzt jedenfalls freiwillig wieder ins Haus nehmen. Und tut er es nicht, so werden wir ihn zwingen.«

»Nein, nein«, sagte sie. »Nach Hause. Ich kehre nie wieder nach Hause zurück. Es war ein Fehler – diese Ehe mit einem Mann, der für mich nur der Versorger sein konnte und ... wollte. Lieber den Fehler spät wieder gutmachen, als dieses Leben fortführen. Und nachdem er mir das Kind nahm, um mich zu zwingen ... Nein, nein!« Meyring saß daneben und las seine Zeitschriften. Dadurch betonte er offensichtlich, daß die beiden mit ihrem leisen Gespräch so gut wie allein waren. »Und von mir ... wollen Sie nichts annehmen?« fragte Jordan flehend.

»Nein«, antwortete sie so entschieden, daß er nicht wagte, noch einmal davon anzufangen.

»Ich will allein meinen Weg gehen«, fuhr sie fort.

»Ich will mir mein Brot selbst verdienen ...«

»Sie sind viel zu schade für diese Art Arbeit ...«

»Nein, nicht ein bißchen mehr schade als andere Frauen auch, die hier ihr Brot verdienen müssen. Was bin ich denn? Eine Frau, die es verstanden hat, sich durch Eingehen einer Kaufehe allen Sorgen zu entziehen!«

Ein Mann trat an den Tisch.

»Sind Sie Mr. Jordan?« fragte er leise.

»Ja«, erwiderte Jordan unzufrieden. »Was wünschen Sie?«

»Gestatten: mein Name ist Holt«, sagte der Fremde. »Ich bin von der hiesigen Abteilung der Burns Detektei. Wir haben ein Telegramm aus New York bekommen, mit der dringenden Aufforderung, es Ihnen unverzüglich zuzustellen. In Ihrem Hotel waren Sie nicht zu finden – dort liegt übrigens auch ein Telegramm für Sie, wahrscheinlich des gleichen Inhalts –, und da wir annahmen, daß Sie hier zu finden ...«

Jordan gebot dem Mann mit einer Handbewegung Schweigen, nahm das bereits offene Telegramm und las:

 

»Bums Detektei, Toronto. Dringend erforderlich Jordan unverzüglich folgende Nachricht übermitteln: Sofortige Rückkehr unbedingt nötig. Konkurrenz geht mit allen Mitteln vor. Zeitungen bringen heute vernichtende Angriffe. Hornung von Konkurrenz gekauft. Alles gefährdet. Norfolk Nervenzusammenbruch. Drahtet Ankunft. Jenkins.«

 

Jordan war sehr bleich geworden. Lange starrte er das Telegramm an, dann endlich blickte er zu dem Mann auf, der immer noch wartend neben ihm stand.

»Drahten Sie zurück, daß ich hier noch unabkömmlich bin«, sagte er finster.

»Jawohl, Mr. Jordan.« Der Mann verneigte sich und eilte davon.

»Schlechte Nachrichten?« fragte Meyring.

»Ja ...« antwortete Jordan. Es klang so, als wolle er noch etwas hinzufügen, aber er unterließ es.

Minutenlang schwiegen alle drei. Ohne darauf zu achten, verfolgten sie die Darbietungen zweier Tänzerinnen auf der Bühne. Endlich brach Meyring das Schweigen:

»Was ist mit Ihnen, Mrs. Hornung? Sie sehen gar nicht lustig aus?«

»Ich glaube, ich habe einfach Angst«, sagte sie leise. »Wenn ich diese Mädchen tanzen sehe ... Ich soll nachher singen ... Aber ich kann ja gar nichts.«

»Sie sollen auch nicht singen«, sagte Meyring rasch und machte Jordan ein Zeichen, ihn jetzt nicht zu unterbrechen. »Das ist nichts für Sie! Glauben Sie mir das. Sie haben vielleicht einmal vor geladenen Gästen gesungen, die schon vor Beginn Ihrer Darbietung genau wußten, wie stark und wie lange sie nachher Beifall spenden würden. Das hier ist eine grausame, sensationshungrige Menge, die imstande ist, Sie auch nach einer mehr oder weniger guten Leistung kurzerhand auszupfeifen.«

»Ich muß!«

»Nichts müssen Sie. Mr. Jordan kann, wenn Sie es ihm nur erlauben, im Handumdrehen alle Schwierigkeiten beseitigen.«

»Ich muß. Das verstehen Sie nicht.«

Meyring lachte.

»Gestatten Sie mir dann, daß ich über etwas spreche, was ich eben nicht verstehe. Es könnte doch sein, daß ein vernünftiger Gedanke dabei herauskommt! Warum müssen Sie?«

»Weil ich selbst mein Brot verdienen will.«

»Ach! Und Sie glauben, dieses großartige Engagement hier ist eben das, was Sie Brotverdienen nennen? Erlauben Sie, daß ich Sie auf den Irrtum aufmerksam mache: Ob Sie hier singen oder Ihr Abendessen im teuersten Hotel von Mr. Jordan bezahlen lassen, ist ganz dasselbe. Ohne Mr. Jordans großartige, wenn auch unbeabsichtigte Reklame für Sie, hätte man Sie niemals so ohne weiteres hier engagiert. Brotverdienen, Mrs. Hornung, sieht wahrhaftig ein bißchen anders aus.« Jordan sah überrascht, daß diese Worte bei Halja nicht ohne Eindruck blieben. Er hoffte schon, es sei Meyring gelungen, sie zu überreden, da antwortete sie, wohl etwas mutlos, aber doch entschlossen:

»Sie mögen recht haben, Mr. Meyring. Aber, sehen Sie ... wenn ich jetzt nachgebe ... Ich glaube nicht, daß ich mich ein zweites Mal aufraffen kann. Und wenn ich nicht kann, was soll ich dann tun? Was bleibt denn einer Frau dann noch übrig?«

Ihre Hände zitterten ebenso wie ihre Stimme beim Sprechen. Sie wollte es nicht merken lassen, griff nach dem Telegramm Jordans, das auf dem Tisch lag, und knitterte es, faltete und bog es, nur um den Händen etwas zu tun zu geben. Zufällig fiel dabei ihr Blick auf das Wort Hornung im Telegrammtext. Dann las sie, ohne ihn gleich zu fassen, den Satz: Hornung von Konkurrenz gekauft.

»Mr. Jordan«, flüsterte sie bleich. »Mr. Jordan ...«

»Was haben Sie?« Jordan erfaßte sogleich, was geschehen war. Er wollte ihr das Blatt wegnehmen, aber sie hielt es fest.

»Bitte, Mr. Jordan, erlauben Sie mir, daß ich es lese?« bat sie.

»Es war unvorsichtig von mir, das Telegramm hier liegen zu lassen«, sagte er und senkte den Kopf. »Wenn Sie schon das Schlimmste gelesen haben, lesen Sie auch das Uebrige.«

Sie las und legte erschrocken die Hand auf den Mund.

»Mr. Jordan!« rief sie dann. »Sie müssen doch augenblicklich fahren! Sie müssen kämpfen ...«

»Nein«, sagte er eigensinnig. »Ich fahre nicht ohne Sie. Und kämpfen? Ich werde nicht um etwas kämpfen, das in Ihren Augen so wenig bedeutet.«

»Aber das ist ja schrecklich!« flüsterte sie. »Sie haben mich sicherlich ganz falsch verstanden. Was bedeutet in meinen Augen nichts?«

»Reichtum und Macht.«

»Reichtum und Macht?« wiederholte sie. »Ich glaube, wer das besitzt und es richtig anzuwenden versteht, hat auch die Pflicht, es zu erhalten, darum zu kämpfen. Habe ich je etwas anderes gesagt? Ich wollte doch nur nicht, daß Sie Ihre Macht gegen mich anwenden, um mich zu zwingen.«

»Sie gestatten doch?« mischte sich Meyring ein und griff mit großer Selbstverständlichkeit nach dem Telegramm. Er las, und seine Stirn legte sich in krause Falten.

»Das sieht ja ganz nach einer drohenden Pleite aus, Mr. Jordan«, sagte er kopfschüttelnd. »Sie müssen natürlich sofort, augenblicklich nach New York! Was? Sie wollen widersprechen? Jetzt noch widersprechen? Jetzt, wo der Pleitegeier schon über Ihrem Haupte schwebt? Na, das wäre ja noch schöner! Ah, ich begreife: Sie wollen nur fahren, wenn Mrs. Hornung mitfährt! Gut, also muß sie eben mitfahren. Was, Mrs. Hornung, Sie wollen widersprechen? Jetzt noch widersprechen? Das finde ich tollkühn. Sie haben mit Ihren Anschauungen über Reichtum und Macht diesen achtbaren Mann bis an den Rand des Abgrunds gebracht. Wollen Sie ihn hinabstoßen? Nein, das wollen Sie nicht. Aber ... Ah, ich verstehe: Sie wollen unbedingt Brot verdienen. Als Mr. Jordans Sekretär verpflichte ich Sie hiermit für unsere Buchhaltung. Da können Sie lernen, was es heißt, Brot verdienen, und da haben Sie auch Gelegenheit mitzuhelfen, den Karren wieder freizubekommen, den Mr. Jordan dank Ihrem geschätzten Beistand so gründlich in den Dreck gefahren hat. Ich habe gesprochen. Punkt.«

»Hat er nicht recht, Halja?« fragte Jordan nach einer kleinen Pause. »Wollen Sie auch jetzt noch nein sagen?«

»Ich wage ... es nicht«, antwortete sie unsicher. Meyring sprang begeistert auf.

»Jetzt geht's los! Jetzt wollen wir aber kämpfen! Sofort bestelle ich ein Flugzeug ... Halt, erst muß Ihr Direktor entschädigt werden! Uebrigens, daß Ihr Gatte zur Konkurrenz übergegangen ist ...? Hm? Wie finden Sie das? Eine dürftige Gesinnung, finde ich, wirklich dürftig, sehr dürftig ...«

Einer der Neger war an ihren Tisch getreten. »Mrs. Hornung, Ihr Auftritt!« sagte er bedeutsam. Meyring war aufgestanden und klopfte dem um einen ganzen Kopf größeren Neger freundschaftlich auf die Schulter.

»Wetten, daß sie nicht auftritt, junger Mann!« rief er freudig. »Na, ich will Sie nicht berauben. Aber schicken Sie uns schleunigst den Direktor her. Sagen Sie ihm, der Scheck winkt, und passen Sie auf, was für Beine er dann machen wird.«


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