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IX.

Meyring trat ein, grüßte kurz und blieb erwartungsvoll vor dem Schreibtisch stehen. Auf Jordans Anforderung hin setzte er sich.

»Sie waren heute früh bei meiner Tochter?« fragte Jordan drohend.

Meyring sah ihn furchtlos in die Augen.

»Jawohl, Mr. Jordan.«

»Sie haben ihr allerlei dummes Zeug erzählt?«

»Nicht, daß ich wüßte, Mr. Jordan«, erwiderte der Sekretär.

»Sprachen Sie vielleicht nicht davon, daß Mrs. Hornung mir sehr gefallen habe?«

»Das ist doch kein dummes Zeug, Mr. Jordan.«

»Nein ... Doch! ... Zum Teufel!« schrie Jordan gereizt. »Erzählt haben Sie das dumm! So meinte ich es«

»Ich wußte nicht, wie Sie es meinten, Mr. Jordan.«

Jordan erhob sich und trat dicht auf Meyring zu, doch der junge Mann, der ebenfalls aufgestanden war, wich keinen Schritt zurück.

»Sie können einen schon zur Verzweiflung bringen, Sie!« rief Jordan. »Also jetzt mal ganz klar: Warum haben Sie das getan?«

»Weil ich Ihnen in dieser Sache helfen will, Mr. Jordan«, sagte Meyring ruhig. »Ich brauchte dazu einige Kenntnisse, und ich verschaffte sie mir auf dem kürzesten Wege.«

Mitleidig-böse sah Jordan seinen Sekretär an.

»Sie? Sie wollen mir helfen? Ich brauche nicht Ihre Hilfe, Sie Kiekindiewelt, Sie!«

»Sie brauchen sie sehr«, widersprach Meyring.

»Gehen Sie so vor wie gestern, so verderben Sie alles ...«

»Was soll das heißen? Wovon sprechen Sie da?«

»Ich spreche von dem Theaterstück, das Sie laut aufsagten, und wobei Sie nur Mrs. Hornungs schnelles Eingreifen vor einer unglaublichen Bloßstellung bewahrte.«

Jordan stopfte die Hände in die Taschen und begann im Zimmer hin und her zu rennen.

»Ach! Schau mal an!« rief er spöttisch. »Das haben Sie bemerkt?«

»Alle haben es bemerkt.«

»Alle? Unsinn! Niemand außer Mrs. Hornung und meinetwegen Ihnen. Alle haben doch gleich darauf über Ihre blödsinnige Rede gelacht, die wohl ein Witz sein sollte.«

»Sie war auch ein Witz – ein rettender Witz. Und gelacht haben die Leute, weil sie eben nichts bemerken wollten. In Gesellschaft bemerkt man so etwas nur, wenn man muß.«

»Ist das bei Briefträgers so?« fragte Jordan giftig.

»Bei Briefträgers auch.«

»Setzen Sie sich!« befahl Jordan. »Sie sind vielleicht ganz brauchbar, aber für meine Begriffe zu dreist. Nun ... sagen Sie mal, was würden denn Sie in dieser Sache an meiner Stelle tun?«

»Erstens hätte ich mit Mrs. Hornung schon gestern eine Verabredung für heute getroffen. Ich hätte sie irgendwohin bestellt, in ein Museum zum Beispiel, zur Besichtigung einer Bildergalerie ...«

»Ich verstehe nichts von Bildern«, unterbrach ihn Jordan barsch. »Ich kann wohl einen gemalten Ochsen von einem gemalten Baum unterscheiden, aber viel weiter reicht mein Verständnis nicht.« Meyring nickte befriedigt.

»Dann erst recht«, sagte er. »Ein Kunstkenner sollte einer Dame, die er unterhalten will, niemals Bilder zeigen. Dabei könnte sie leicht vor Langeweile sterben. Aber ein Mensch wie Sie und ich kann ihr dabei den größten Spaß bereiten. Stellen Sie sich mit ihr vor so ein Bild und sagen Sie: Hier, Madam, sehen Sie, wenn Sie scharf hinsehen, einen Ochsen, wie ihn Rembrandt zu sehen beliebte, und hier, Madam, ist ein Baum, den van Dyck in einer Stunde der göttlichen Eingebung pinselte. Daß es kein Weihnachtsbaum ist, erkennen Sie am fehlenden Schmuck auf den ersten Blick; genügt Ihnen diese Tatsache, so wollen wir uns den flatternden Schwänen zuwenden; wünschen Sie aber genauer zu wissen, um was für einen Baum es sich handelt, so müssen Sie schon im Katalog nachsehen. Oder Sie ...«

»Das ist nichts für mich«, fiel ihm Jordan verstimmt ins Wort. »Sonst wissen Sie nichts?«

»Doch. Sie können beispielweise in einigen Stunden mit einem kleinen Blumenstrauß bei ihr erscheinen und sich nach ihrem Befinden erkundigen. Ich, zum Beispiel, würde bei dieser Gelegenheit Klavier spielen.«

»Ich kann nicht Klavier spielen.«

»Ich auch nicht. Sonst würde ich mich hüten zu spielen. Man soll einer Dame nur das vorführen, was man nicht kann. Sonst langweilt sie sich.«

»Das stimmt nicht!« rief Jordan. »Gestern tanzten Sie mit ihr, und zwar gut. Es scheint sie nicht gelangweilt zu haben.«

»Doch nur, weil sie dabei Gelegenheit hatte, ihr eigenes Können zu zeigen.«

Jordan warf die niedergerauchte Zigarre in den Aschenbecher und brannte sich eine Zigarette an. »Hören Sie mal, junger Mann«, sagte er. »Wo haben Sie denn das alles her? Oder sind etwa alle Briefträger so wie Sie?«

»Nein, aber ich war nicht immer Briefträger«, antwortete Meyring. »Ich habe eine gute Schule beendet, sollte Medizin studieren, doch da war mein Vater pleite. Ich mußte froh sein, einen Posten als Briefträger zu bekommen, zumal mein Vater bald nach dem Krach verstarb und ich nun allein für meine Mutter zu sorgen hatte.«

»So, so ...« meinte Jordan und betrachtete aufmerksam das aufgeweckte, frische Gesicht seines Sekretärs. »Beherrschen Sie die Kurzschrift?«

»Ja.«

»Maschinenschreiben?«

»Ja.«

»Sprachen?«

»Außer den alten, noch deutsch, französisch und italienisch.«

»Hm ... Und solche Leute verwenden wir als Briefträger!« Meyring lächelte.

»Solche Leute bleiben aber nicht Briefträger. Wenigstens nicht, wenn sie noch jung und mutig sind.«

»Na, schön«, sagte Jordan und stand auf. »Ich will Sie behalten, junger Mann – trotz Ihres unverschämten Mundwerks. Eins aber schreiben Sie sich gründlich hinter die Ohren: Plaudern Sie mit anderen – wer es auch sei – über meine Angelegenheiten, so können Sie sofort Ihre Koffer packen.«

»Jawohl, Mr. Jordan. Aber Sie machen sich bestimmt unnütz Sorgen ...«

»Schweigen Sie doch ausnahmsweise eine Minute lang, lieber Meyring. Es wird Ihnen kaum etwas schaden. Diese Sache da ... Kurz, ich habe Ihnen erlaubt, mit mir über diese Frau zu sprechen ...« Er dachte nach. »Sie besitzen mein Vertrauen. Enttäuschen Sie es nicht.«

»Nie, Mr. Jordan. Meine Treue wird in Ihrem Geschäft bald sprichwörtlich werden und ...«

»Es ist gut. Ich werde also Ihren Rat befolgen und mit einem kostbaren Blumenstrauß bei Mrs. Hornung vorsprechen.«

»Mit einem kleinen Strauß, sagte ich«, warf der Sekretär ein.

»Bei meinen Mitteln ist ein kleiner Strauß lächerlich.«

»Nein, nur geschmackvoll. Nehmen Sie ... nehmen Sie eine einzige schöne Rose ... Es ist nicht üblich, aber Mrs. Hornung wird es Ihnen hoch anrechnen.«

Jordan schüttelte ungläubig den Kopf und knurrte etwas Unverständliches.

»Sie wollen die Frau heiraten?« fragte Meyring plötzlich.

Jordan wurde wieder zornig.

»Wie soll ich sie heiraten, Sie Grünschnabel!« brauste er auf. »Sie ist verheiratet, und ich bin auch verheiratet.«

»Das ist doch sehr einfach, dauert nur etwas länger: Sie lassen sich scheiden, Mrs. Hornung läßt sich scheiden. Dann heiraten Sie Mrs. Hornung, und Mr. Hornung heiratet Ihre Gattin.«

»Warum denn das noch?« rief Jordan gereizt.

»Bei Ihnen stimmts wohl nicht mehr?«

»Entschuldigen Sie, ich habe mich wirklich vergaloppiert. Ich war so im Scheiden und Verheiraten drin ...«

»Also Sie betrachten die ganze Sache als sehr einfach?« meinte Jordan. »Aber ich fühle, daß Sie sich irren. Es ist eine dumpfe Vorahnung in mir ...«

»Diese dumpfe Vorahnung ist das einzige, was die Sache verderben kann« erklärte Meyring sehr sicher.

Jordan seufzte.

»Sie können jetzt gehen«, sagte er dann. Schauen Sie sich etwas in dem Betrieb um. Um zwei Uhr wieder hier sein. Dann will ich Ihnen zeigen, daß es auch andere Arbeiten für Sie gibt als Beratungen in Eheanbahnungen.«


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