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XXX.

In seinem Benehmen Jordan gegenüber zeigte Hornung heute etwas von dem Großmut des Stärkeren gegenüber dem gefallenen Gegner. Vor kurzem hatte er diesen Mann fürchten müssen, noch vor wenigen Tagen hatte er geglaubt, er brauche ihn; jetzt wußte er, daß er ihn weder zu fürchten hatte, noch ihn brauchte. Er würde ihn vernichten, ob er selbst es nun wollte oder nicht. Jetzt war es Schicksal, und dieses Schicksal hatte Jordan selbst durch seine Halsstarrigkeit heraufbeschworen.

Fast tat Hornung dieser große geschlagene Mann leid. Wie anders wäre alles gekommen, hätte Jordan rechtzeitig erkannt, daß seine einzige Rettung darin bestand, ihn, Hornung, zu seinem Teilhaber zu machen! Vielleicht war er heute gekommen, um ihm das vorzuschlagen? Dann war er zu spät gekommen.

»Ich freue mich, Sie wieder einmal bei uns zu sehen«, sagte Hornung liebenswürdig, und es fiel ihm dabei mit Mißbehagen ein, wie Gromow und Plimouth morgen diesen Besuch Jordans für sich ausbeuten würden. »Wie gehen die Geschäfte? Schlecht, nicht wahr? Ja ... Jetzt schöpft eben Gromow den Rahm ab. Nun, vielleicht wendet sich das Blättchen noch einmal ... Halja, hast du denn unserem Gast gar nichts angeboten?«

»Ich bin erst vor kurzem gekommen, und ich möchte auch nichts«, meinte Jordan.

»Aber Sie müssen unbedingt ...« Hornung sägte nicht, was Jordan unbedingt müsse. Er war schnell hinausgegangen, gab dem Diener einige Weisungen und ging in sein Zimmer. Es war ihm eingefallen, daß er Jordan die Abschrift eines Briefes zeigen und ihn dadurch vielleicht dazu bewegen könnte, ihm noch bessere Vorschläge zu machen, als dies von Seiten Gromows geschehen war. Man hatte ihm dort zwar zugesagt, er würde in drei Tagen Teilhaber werden, aber das war – wenn man es richtig überlegte – noch kein Grund für ihn, sich unter allen Umständen als gebunden zu betrachten. Wenn nun Jordan mehr bot, noch mehr?

Etwas erstaunt blieb Hornung an der Schwelle seines Zimmers stehen. Er hatte das elektrische Licht angedreht, und da waren gleich zwei Dinge, die ihm auffielen. Erstens war es sehr kalt im Zimmer, und das Fenster stand offen; zweitens aber – und das war weit schlimmer – stand auch die Tür des linken verschließbaren Schreibtischfaches etwas offen. Hornung wußte genau, er hatte dieses Fach abgeschlossen.

Sehr langsam schritt er auf seinen Schreibtisch zu. In diesem Fach hatte er die Aktenabschriften: aufbewahrt, die ihm jetzt als Waffen sowohl gegen Jordan als gegen Gromow dienten. Jemand hatte sie geraubt – das stand für Hornung fest, noch ehe er bis zum Schreibtisch gekommen war. Jemand war zum Fenster eingestiegen und hatte die Abschriften geraubt. Dann mußte das Fenster jedoch unverschlossen gewesen sein, oder jemand hatte es von innen geöffnet, um den Eindringling einzulassen.

Zorn bemächtigte sich Hornungs. Es war nicht Angst oder Schrecken – nur Zorn. Was half es seinen Gegnern, wenn sie nun die Abschriften hatten? Auch ohne diese Abschriften konnte er sie vernichten – beide! Nein, nicht beide, aber einen beliebigen von den beiden. Alles hatte er im Kopf. Nichts war vergessen ...«

Er öffnete das Schreibtischfach, und in diesem Augenblick vernahm er ein leises Klirren. Was war das?

Er bückte sich, und da erblickte er auf dem Teppich Glasscherben. Es waren sehr dünne Scherben, und an ihrer Form konnte man erkennen, daß sie zu einem kugelartigen Gegenstand gehört hatten.

Wie kam dieses Glas hierher? Vorsichtig, um sich nicht zu verletzen, sammelte er einige der größeren Scherben auf und legte sie vor sich auf den Schreibtisch. Dann blickte er endlich in das Schreibtischfach.

Es war leer, vollkommen ausgeräumt. Nicht ein Blättchen hatte man hinterlassen. Es fehlte also auch die Abschrift, die er hatte Jordan zeigen wollen. Diese Bande! Sicherlich waren das Gromows Leute! Dann war es nur gerecht, wenn er jetzt mit Jordan Frieden schloß und dafür jene Menschen vernichtete.

Fröstelnd richtete sich Hornung auf und ging zum offenen Fenster. Mit einem hörbaren Knall schloß er es. So, und nun galt es, darüber nachzudenken, wie er die Sache mit Jordan am schnellsten ins Reine bringen könnte. Gromow und seine Leute sollten sehr schnell merken, welch verhängnisvollen Fehler sie gemacht hatten.

Hornung setzte sich an den Schreibtisch. Sein Blick fiel wieder auf die Glasscherben, und etwas wie Unruhe bemächtigte sich seiner. Was konnte das bedeuten? Er hatte nichts im Zimmer gehabt, das beim Zerbrechen Scherben dieser Art geben konnte. Plötzlich fiel ihm ein, daß Gromow auch Kriegsgase herstellte. Er wurde etwas bleich bei diesem Gedanken. Schnell stand er auf, eilte zum Fenster und riß es wieder auf.

Sollte es möglich sein? Hatte man versucht, ihn zu beseitigen? Dann war dabei ein großer Fehler begangen worden: das offene Fenster! Das Gas – wenn es welches war – hatte ihm dank diesem Umstand nicht geschadet.

Minutenlang atmete er tief die frische Abendluft ein. Sein Herz schlug etwas schneller als sonst, – er merkte es. Doch das konnte die Aufregung bewirken. Sicherlich!

Er riß jetzt auch den anderen Fensterflügel auf, schlug den Rockkragen hoch und ging zum Wandspiegel. Hier betrachtete er sein Gesicht. Nein, darin war keine Veränderung zu erkennen. Und er fühlte sich so gesund und munter wie immer. Nur dieses dumpfe Angstgefühl ...

Hornung sah jetzt seine Lage seltsam klar, so wie noch nie bis jetzt. Er begriff, daß er sich in Lebensgefahr begeben hatte. Gut, daß er es einsah, ehe es zu spät war. Man mußte mit Jordan Frieden schließen – unter allen Umständen und bei beliebigen Bedingungen, und dann – wegfahren, weit weg, in ein Land, wo ihn die Hand Gromows und seiner Leute nicht mehr erreichen konnte. Geld? Er hatte schon jetzt genügend, um sein Leben im Wohlstand zu beschließen. Und wenn er nun Jordan half, würde er noch viel mehr bekommen.

Aber wie kalt es jetzt hier wurde! Er mußte das Fenster schließen ... Nein, das war vielleicht gefährlich. Er würde lieber gleich zu Halja und Jordan gehen. Frieden schließen, Frieden schließen.  ... War das nicht schön? Nach langem erbitterten Kampf – endlich Frieden.


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