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XV.

Halja saß allein beim Abendessen, als ihr Mann nach Hause kam. Er hatte sich etwas beruhigt, und sie sah ihm nicht gleich an, daß ihm Außergewöhnliches begegnet war.

»Guten Abend«, sagte er ernst und putzte die angelaufenen Brillengläser. »Hast du für mich noch etwas zu essen?«

»Ja, bitte«, antwortete sie mit der gleichmäßigen Freundlichkeit, die sie für den einzig denkbaren Ton in dieser Ehe hielt. »Es ist noch von allem da.«

Er nahm Platz, reichte ihr seinen Teller, auf den sie Fleisch und Reis häufte.

»Wünsche guten Appetit«, sagte sie.

»Danke.« Er aß hungrig und sah hin und wieder zu ihr auf. Aber jedesmal, wenn sich ihre Blicke begegneten, sah er schnell weg. Wie ein Henker kam er sich vor. Sie war das Opfer, das nicht ahnte, was ihm bevorstand. Er haßte sie und freute sich darauf, ihr Schmerz zu bereiten. Gleichzeitig fürchtete er sich davor, denn – in seiner Art – liebte er sie auch.

»Du hast Aerger im Amt gehabt?« fragte sie. Jetzt hatte sie gemerkt, daß irgend etwas nicht in Ordnung war.

»Ja«, erwiderte er kurz und aß weiter. »Ja«, fügte er nach einer Weile hinzu. »Ich habe mich ein wenig geärgert. Ich soll nämlich morgen um meinen Abschied einreichen.«

»Warum denn?« fragte sie. Sie fragte es ganz harmlos, was ihn sofort in Wut versetzte. Ihr war es gleich, natürlich war es ihr völlig einerlei, was ihn betraf.

»Warum?« Er lächelte böse. »Da fragst du mich wohl ein bißchen zuviel. Mr. Jordan mußt du fragen und dich auch bei ihm dafür bedanken. Es ist sein Werk.«

»Nein«, sagte sie schnell und etwas ängstlich.

»Doch. Er hat den Staatsanwalt bestochen. Das kannst du mir glauben.«

Sie wollte ihm nicht glauben. Er hatte sie so oft schon belogen. Natürlich log er auch jetzt. Unmöglich, daß es Wahrheit sei ... Es konnte nicht sein.

»Es ist nicht wahr«, sagte sie leise. »Sag, daß es nicht wahr ist.«

»Es ist wahr«, entgegnete er, und es tat ihm jetzt nicht leid, ihr Schmerz zuzufügen. Es hatte sie kalt gelassen, als er sagte, er müsse den Abschied nehmen. Aber daß dieser Jordan etwas Häßliches getan hatte, das erregte sie! So war sie!

»Warum?« fragte sie ratlos. »Warum denn?«

»Warum? Da fragst du noch? Er will mich vernichten, damit er dir dann großmütig Obdach und alles andere bieten kann. So einer ist das!«

»Das glaube ich nicht«, sagte sie streng. »Und das werde ich niemals glauben.«

»Du wirst noch an ganz andere Dinge glauben lernen, mein Kind. Um mein Vermögen hat er mich auch gebracht, dieser  ... Mensch! Binnen vierundzwanzig Stunden hat er das fertiggebracht. Er hat mir das. Amt genommen und mein Vermögen dazu.«

»Wie kann er dich um dein Vermögen bringen?« widersprach sie, und jetzt hörte er aus dem Ton ihrer Worte wirklichen Unglauben und Erleichterung heraus.

»Das weiß ich selbst nicht. Aber die Papiere, die ich besitze, sind plötzlich fast wertlos geworden. Es heißt, da seien große Unterschlagungen vorgekommen ... Es heißt, es heißt! Es heißt eben so, wie Mr. Jordan es haben will. Und es heißt für uns, Halja: Ruin!«

Sie war aufgestanden, hatte die Hände an die Schläfen gepreßt und ging langsam auf und ab.

»Es kann ja nicht sein«, sprach sie wieder, leise, wie für sich.

»Gestern«, fuhr er, sich zur Ruhe zwingend, fort, »gestern sagtest du, es sei dir gleichgültig, ob ich ewig Untersuchungsrichter bliebe oder nicht. Jetzt, Halja, scheint mir aber, daß es dir doch nicht ganz einerlei ist, ob ich nun Bettler bin oder nicht. Du denkst dabei nicht an mich. Oh, das bilde ich mir wahrhaftig nicht ein. Aber – die Frau »eines Bettlers ... Hm ... Stell dir das mal vor! ...«

Sie schwieg und ging weiter auf und ab, an ihm vorbei zum Kamin und wieder zurück, langsam und zögernd.

»Halja«, sagte er plötzlich in verändertem Ton.

»Halja! Nur du kannst uns helfen. Nur du!«

»Nein«, sagte sie hastig.

Er begriff, daß sie ihn durchschaut hatte, noch ehe er ihr seinen Plan entwickelte. Wieder wollte ihn der Zorn übermannen, aber er bezwang sich. Er kannte sie: bei dieser Frau hatte er im Bösen noch nie etwas erreicht.

»Der Mann ist mächtig«, sprach er erregt, und seine Augen funkelten. »Aber er ist auch ein Tropf – Frauen gegenüber. Du weißt es ja. Und er macht alles, was du nur willst. Geh zu ihm und bitte ihn. Er wird dich nicht anrühren und doch alles tun, was du verlangst ...«

»Nein, nie!« antwortete sie schroff.

»Halja«, bat er eindringlich. »Denk an das Kind.«

»Nein, nein!«

»Ich bitte nicht für mich«, fügte er kläglich hinzu. »Ich? Ich weiß, du liebst mich nicht, hast mich nie geliebt. Denkst du noch daran, wie es damals war, vor sechs Jahren, als ich um dich warb? Du sagtest es mir, daß du mich nicht liebtest, ja ... Aber ... du sagtest auch, du würdest dir Mühe geben, mir eine gute Frau zu sein. Und noch mehr sagtest du, noch mehr! Du sagtest, vielleicht ... Hörst du, Halja: vielleicht würdest du mich später lieben! Kein Wort davon habe ich vergessen ... Sag, hast du je versucht, mich auch nur ein wenig zu lieben?«

»Als ob ein Versuchen etwas nützen könnte!« rief sie und blieb vor ihm stehen. »Aber wenn ich es gewollt hätte, noch so heiß gewollt hätte, – auch dann wäre es unmöglich gewesen. Vom ersten Tag unserer Ehe bis auf den heutigen hast du mich täglich und stündlich spüren lassen, daß du mich gekauft ... ja, gekauft hast! In deinen Augen blieb ich immer das bettelarme Mädchen, das du in deinem Edelmut zu etwas Besserem gemacht hast ... Und da erwartest du Liebe? Nicht einmal Achtung darfst du erwarten.«

»Geh zu ihm«, bat er. »Alles wird gut werden. Eine Viertelstunde genügt. Er will ja nichts von dir. Wenn er deine Stimme hört, wartet er nur darauf, alles zu tun, was du begehrst. Er ist wie ein Kind ... Geh zu ihm ...«

»Nein«, sagte sie. »Nein, nein und nein! Verschwende deine Bitten nicht. Ich weiß, wie schwer es dir fällt, mich, gerade mich um etwas zu bitten. Unter keinen Umständen geh ich zu diesem Mann.«

Er zitterte. Es war ein Gemisch von Wut und Angst, das ihn beherrschte. Er begriff sie nicht. Was er von ihr verlangte, war in seinen Augen ein Nichts, etwas, was kaum der Rede wert war, etwas Selbstverständliches. Aber sie wollte nicht. Noch nie hatte sie gewollt, wenn er sie um etwas bat. Sie – seine Frau!

»Halja«, versuchte er es noch einmal. »Soll ich denn um unseres Kindes willen kniefällig ...«

»Mach dich doch nicht lächerlich«, unterbrach sie ihn streng.

Er fühlte selbst, daß er im Begriff war, sich lächerlich zu machen. Vor ihr! Vor dieser Frau, die alles nur seiner Güte verdankte, die ohne ihn vielleicht irgendwo verkommen wäre!

»Du läßt es also darauf ankommen«, sagte er, jetzt wieder böse. »Es ist dir also einerlei, was aus unserem Kinde wird?«

»Laß doch endlich das Kind aus dem Spiele!« rief sie heftig. »Kind, Kind, Kind! ... Ja, du hast recht, zehnmal recht, wenn du immer wieder davon anfängst: es ist das einzige, was mich hier festhält! Aber auch um des Kindes willen gehe ich nicht zu dem Mann. Wozu die Angst? Habe ich nicht zwei gesunde Arme? Ich kann arbeiten. Um mein Kind ist mir nicht bange.«

»Arbeiten?« Er lachte laut auf. »Du und arbeiten? Vielleicht Wäsche waschen, Treppen kehren? Ha, ha, ha ... Mein liebes Kind, jetzt bist du es, die sich lächerlich macht!«

Sie sah ihn kalt und feindselig an, und er verstummte.

»Ich glaube«, sagte sie, »wir sind jetzt bei dem Punkt unseres Gesprächs angelangt, wo sich Menschen von Geschmack trennen. Gute Nacht.«

Er biß sich wütend in die Lippen, aber er wagte es auch diesmal nicht, sie zurückzuhalten.


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