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XII.

»Diese Ueberraschung!« rief er aus. »Nein, diese Ueberraschung!« Mit ausgestreckten Händen ging er auf den Besucher zu. »Mr. Jordan, Willkommen in meinem bescheidenen Heim!«

»Guten Tag, Mr. Hornung«, antwortete Jordan frostig. »Ich habe mir erlaubt, mich nach dem Befinden Ihrer Gattin zu erkundigen ...«

»Oh, es geht ihr sehr gut. Nicht wahr, mein Kind?« rief Hornung und lachte etwas einfältig.

»Aber bitte, nehmen Sie doch wieder Platz. Halja, du hast unserem lieben Gast etwas vorgespielt?« Halja lehnte am Flügel, und ihre Finger glitten über die Tasten, ohne sie anzuschlagen.

»Ja«, sagte sie, äußerlich freundlich. »Mr. Jordan liebt Musik sehr.«

»Was hast du ihm denn vorgespielt?« fragte Hornung eifrig. »Mozart, Beethoven ...«

»Ich habe etwas phantasiert«, unterbrach sie ihn.

»Phantasiert?« rief er erschrocken. »Aber, liebes Kind, du machst dich lächerlich. Ich verstehe doch etwas von Musik und habe dir immer gesagt, daß dieses dilettantische Phantasieren ...«

»Ihre Gattin hat ausgezeichnet gespielt«, warf Jordan schroff ein.

»Natürlich, natürlich«, sagte Hornung schnell.

»Aber Sie sollten sie hören, wie sie Mozart spielt. Auch Wagner ... Zum Beispiel das herrliche Brautlied aus Lohengrin ... Halja, spiel uns das doch mal. Mr. Jordan wird sich gewiß freuen

»Ich habe jetzt keine Lust«, antwortete sie und machte den Deckel zu.

Mit äußerster Willensanstrengung unterdrückte Hornung jedes sichtbare Zeichen seines Zornes.

»Allerdings ...« murmelte er und lachte ein wenig. »Allerdings, Lust muß man dazu haben ... Sie entschuldigen, Mr. Jordan, aber meine Frau tut nämlich selten etwas, wozu sie nicht Lust hat ...«

»Nie«, verbesserte sie. »Wenigstens nie mehr.« Hornung lachte jetzt laut, und es klang sehr herzlich. »Haben Sie es gehört, Mr. Jordan? Ja, so sind die Frauen ...«

»Aber leider nicht alle«, sagte Jordan ruhig.

»Leider?« rief der Hausherr erstaunt. »Sie sagen: leider? Und ich habe meine liebe Not mit Halja ... Ja, um das zu verstehen, muß man verheiratet sein ... Ach, entschuldigen Sie ... Sie waren ja auch verheiratet ...«

»Gewiß«, sagte Jordan. »Ich war auch verheiratet.«

»Es tut mir leid, daß ich da unversehens einen wunden Punkt berührt habe«, meinte Hornung leise und senkte den Blick. Aber er dachte nicht daran, das Gespräch von dem wunden Punkt abzulenken. »Es muß sehr traurig und sehr einsam für Sie sein, nun, wo Sie wieder allein sind. Ich stelle mir das so vor, daß jeder Gedanke der Verschiedenen gilt, daß man ...«

»Meine Frau ist nicht verschieden; sie ist davongelaufen«, warf Jordan gemessen ein.

»Oh! Verzeihen Sie, wenn ich unbeabsichtigt wieder an etwas gerührt habe, das ... Ach, davongelaufen? Wie entsetzlich! Und wie töricht! Einem Mann wie Ihnen läuft man doch nicht davon

»Sie meinen, weil ich reich hin?« fragte Jordan kalt.

»Nein ... Das heißt, auch das. Reichtum ist gewiß keine Schande, und er schützt eine Frau vor allem Ungemach der Welt. Eine Frau, die einem Reichen davonläuft, ist zehnmal verdammenswerter als eine, die es bei einem armen Mann nicht aushält

Halja mischte sich plötzlich ein.

»Ich glaube nicht, daß dieser Gesprächsstoff unserem Gast angenehm sein kann«, sagte sie, ohne ihren Mann anzusehen.

»Warum nicht?« gab Jordan zurück. »Es ist manchmal sehr gleichgültig, worüber man spricht. Meine Frau hat mich verlassen, weil ich zu wenig Zeit für sie hatte. Ich finde, sie hat sehr richtig gehandelt. Für seine Frau muß man Zeit haben.«

»Das sagen Sie?« rief Hornung überrascht. »Grade Sie der Sie nie Zeit haben? Uebrigens legen viele Frauen sehr wenig Wert darauf, daß ihr Mann für sie Zeit hat.«

»Doch nur solche, die ihren Mann nicht lieben«, sagte Halja träge.

»Wie die Frauen zusammenhalten!« rief Hornung.

»Was, Mr. Jordan? Was heißt denn das: seinen Mann nicht lieben? Nur eine sehr pflichtvergessene Frau wird sich erlauben, auch nur darüber nachzudenken, ob sie ihren Mann liebt oder nicht. Warum heiratete sie ihn denn sonst, frage ich!«

»Ihre Ansichten scheinen mir etwas veraltet zu sein, Mr. Hornung«, bemerkte Jordan gelangweilt.

»Gewiß, die Ehe ist etwas Heiliges, sollte es wenigstens sein

»Sehen Sie, das sage ich auch!«

»Aber wir dürfen doch nicht die Augen davor schließen, was für ein erbärmlicher Schacher mit dieser Heiligkeit getrieben wird. Im Altertum gab es Völker, bei denen der Mann sich sein Weib schlecht und recht von ihren Eltern kaufte. Nach Gefühlen wurde nicht gefragt. Der Preis war alles. Heute ist es auch nicht viel anders, nur daß es nicht mehr so ehrlich zugeht. Man verlangt von der Frau Heuchelei. Sie soll Liebe heucheln. Nicht genug, daß man ihren Leib kauft, fordert man auch ihre Seele. Der Mann selbst ist schuld daran, wenn die Frauen Meisterinnen im Heucheln werden. Er erzieht sie dazu. Er bezahlt sie dafür.«

»Sie haben wirklich merkwürdige Ansichten, Mr. Jordan«, meinte Hornung sehr verwundert. »Aus Ihrem Munde klingen sie besonders ... besonders ...«

Jordan stand auf.

»Sie entschuldigen, ich habe aber wenig Zeit. Da ist noch etwas Geschäftliches, das ich mit Ihnen bei dieser Gelegenheit gern besprochen hätte ... vorausgesetzt, Ihre Zeit erlaubt es.«

»Aber selbstverständlich, Mr. Jordan.« Auch Hornung stand schnell auf. »Halja, sage doch Bill, er möchte uns etwas Likör in mein Zimmer bringen ...«

»Bitte, ich trinke am Tage keinen Alkohol«, sagte Jordan.

»Dann soll er Tee bringen«, ordnete Hornung an. »Mr. Jordan, wenn Sie sich vielleicht ins Nebenzimmer bemühen wollten ... Du entschuldigst, Halja ...«

Jordan verbeugte sich ungeschickt vor Halja und betrat, gefolgt von Hornung, dessen Arbeitszimmer. Es war ein dunkles Zimmer, in dem auch bei Tag Licht gebrannt werden mußte. Die Einrichtung war kostbar, viel kostbarer als in Jordans Arbeitszimmer.

Hornung knipste die Schreibtischlampe an und forderte den Gast mit einer geschmeidigen Handbewegung zum Sitzen auf. Dann reichte er ihm ein Kistchen Zigarren, und beide Männer begannen zu rauchen.

»Haben Sie heute mit Mr. Norfolk gesprochen?« fragte Jordan geradeheraus.

»Mr. Norfolk war allerdings vor zwei Stunden bei mir«, antwortete Hornung sehr freundlich.

»Aber ...« Er machte ein bekümmertes Gesicht.

»Dieser Herr sprach so sonderbar ... Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber – ehrlich gesprochen – ich begriff gar nicht, was Mr. Norfolk eigentlich von mir wollte.«

»Mr. Hornung, ich bin für ein Spiel mit offenen Karten«, sagte Jordan kühl. »Sie wissen genau so wie ich, worum es sich handelt. Sie verlangen fünfzigtausend Dollar, ich aber halte diesen Betrag für ...«

»Ich begreife nicht!« rief Hornung entsetzt aus.

»Das sagte auch dieser Mr. Norfolk. Ich verlangte etwas? Fünfzigtausend Dollar? Entschuldigen, Sie, Mr. Jordan, aber hier muß ein schreckliches Mißverständnis walten ...«

Jordan hatte die Brauen finster zusammengezogen Er sah ein, daß diesem Mann mit Offenheit und Kürze nicht beizukommen war. Es war dasselbe, als hätte man einen Fisch aufgefordert, sich aufs trockene Land zu begeben. Verstellung und Falschheit, das war das Element dieses Mannes. Er würde es für keinen Augenblick und unter keinen Umständen verlassen.

»Soviel mir bekannt ist«, begann Jordan finster, »leiten Sie die Untersuchung über das merkwürdige Verschwinden eines meiner Arbeiter ...

»Wirklich, ein sehr merkwürdiges Verschwinden!« warf Hornung ein.

»Sie scheinen zu glauben, der Mann sei in meinem Betriebe verschwunden«, fuhr Jordan fort.

Hornung schüttelte den Kopf.

»Es handelt sich dabei nicht um meinen Glauben, sondern um Tatsachen, die dafür sprechen.«

Jordan wartete mit der Antwort, denn der Diener Bill war eingetreten und brachte auf einer Platte Tee und Gebäck. Geduldig wartete Jordan, bis der Diener die Gläser und das Gebäck auf den Tisch gestellt hatte und wieder hinausgegangen war.

»Gut«, sagte er dann. »Lassen wir das gelten. Ich kann Ihnen aber die Versicherung geben, daß wir genauestens nachgeforscht haben. Es ist gänzlich undenkbar, daß der Mann in meiner Fabrik verschwand. Jeder Quadratmeter wurde abgesucht, jeder Arbeiter befragt. Der Mann, dieser Perkins, muß die Fabrik unbemerkt verlassen haben.«

»Das dürfte doch ziemlich schwierig sein, Mr. Jordan«, meinte Hornung lauernd und rührte emsig in seinem Teeglas.

»Es ist, streng genommen, unmöglich. Er mußte unbedingt an mehreren Wächtern und Aufsehern vorbei. Aber es ist durchaus denkbar, daß diese Wächter und Aufseher ihn wohl sahen, aber nicht beachteten. Vergessen Sie nicht: Vor seinem Verschwinden war der Mann in den Augen aller nur ein bedeutungsloser Arbeiter – einer von Tausenden. Man konnte ihn sehen und ihn doch sofort wieder vergessen.«

»Ja, ja ...« murmelte Hornung nachdenklich.

»Hm ... Es erscheint nicht ganz undenkbar, was Sie da sagen. Nun, die Untersuchung in Ihren Fabrikräumen wird dann jedenfalls nachweisen ...«

»Diese Untersuchung möchte ich verhindern«, sagte Jordan stirnrunzelnd.

»Verzeihung!« rief Hornung, scheinbar sehr betroffen. »Sie möchten eine Untersuchung verhindern? Ich habe mich wohl verhört?«

»Sie haben richtig gehört.«

»Aber, Mr. Jordan, das klingt ja beinahe wie ein Versuch der Beamtenbestechung ...«

»Wie es klingt, ist gleichgültig. Was Sie davon halten, ist gleichgültig. Was Sie für das Verhindern der Untersuchung fordern, ist das einzige, was ich wissen will.«

»Sie scherzen, Mr. Jordan!« meinte Hornung leise lachend. »Aber auch ich habe Sinn für Humor. Mr. Norfolk machte auch solche Witze. Da erlaubte ich mir ebenfalls einen kleinen Spaß: ich sagte, ich möchte ein Warenhaus kaufen, das fünfzigtausend Dollar kostet ...«

»Dieser Preis ist zu ...«

»Verzeihen Sie! Es war ein dummer Scherz, ein unüberlegter Scherz. Wollte ich im Ernst einen Scherz machen, ich müßte sagen: Für solch ein Bettelgeld ist ein gutes Warenhaus nicht zu haben. Ich würde im Ernstfall scherzhalber sagen: Nennen Sie mir den Preis, für den ein gutes Warenhaus zu kaufen ist.«

Jordan lächelte böse.

»Ihre Scherze sind wirklich zum Lachen« sagte er. »Sie können sich denken, was nun folgt?«

»Mr. Norfolk erzählte – spaßhalber natürlich – ich könnte mein Amt verlieren. Sollte so etwas möglich sein? Daß ein Mensch, der gewissermaßen auf ein Warenhaus verzichtet, um ein treuer Beamter zu bleiben – daß dieser Mensch dafür seinen Posten einbüßt? Klingt doch etwas ungerecht und etwas unwahrscheinlich. Aber wenn schon! Dann gehe ich eben betteln, Mr. Jordan! Ha, ha, ha ... Ich kaufe mir einen Tanzbären und gehe betteln.« Er schwieg plötzlich, und sein Gesicht wurde ernst. Ganz leise fügte er hinzu: »Aber nicht allein, Mr. Jordan.«

»Ich verstehe«, knurrte Jordan. »Sie scheinen nicht zu spüren, wie erbärmlich die Denkweise ist, die Sie da eben verraten?«

»Erbärmlich? Was soll das Wort? Natürlich ist es erbärmlich, wenn ein Untersuchungsrichter betteln gehen muß, weil er sich nicht bestechen ließ. Ein gutes Warenhaus ist weniger erbärmlich. Aber Sie trinken ja gar nicht?«

»Danke sehr. – Mr. Hornung, es könnte sein, daß in Ihrer Rechnung ein Fehler steckt«, sagte Jordan grimmig. »Wenn nun Ihre Gattin es vorzieht, Sie nicht mit Ihrem Tanzbären zu begleiten ...«

»Sondern davonzulaufen?« fragte Hornung. Er stand hastig auf. »Einen Augenblick, – ich bin gleich wieder da.« Er eilte zur Tür hinaus.

Jordan saß stumm da und starrte auf sein Teeglas. Es ekelte ihn vor diesem Mann. Und das war ihr Mann, Haljas Mann! Wie ungeheuer ungerecht war das Schicksal mit ihr verfahren!

Da trat Hornung wieder ein. Er lächelte. Auf seinen Armen trug er ein Kind – ein vierjähriges Mädchen.

»Gestatten Sie, daß ich Ihnen meine Tochter vorstelle«, sagte er und lächelte noch freundlicher.

»Haljas Kind.«

Jordan begriff. Das also war es, worauf dieser Mensch baute! Ihr Kind! – Er stand auf, trat langsam näher. Seine Blicke versenkten sich in dieses kleine feine Gesichtchen, das unverkennbar Halja ähnelte. Er nahm unendlich vorsichtig das winzige Händchen in seine riesige Hand.

»Sag dem Onkel guten Tag«, forderte Hornung und stellte das Kind auf den Boden.

Das Mädchen knixte gehorsam und sprach mit heller Stimme die ihm eingelernten Worte.

»So!« rief Hornung sehr befriedigt und öffnete die Tür. »Nun geh zur Mama. Lauf, schnell!« Händereibend trat er wieder an seinen Schreibtisch und sah. Jordan erwartungsvoll an.

»Das also ist Ihr Trumpf«, sagte Jordan langsam. Hornung hob die Schultern.

»Ich verstehe Sie nicht«, sagte er ratlos. »Ich verstehe Sie wirklich nicht.«

»Gestatten Sie, daß ich mich jetzt verabschiede«, versetzte Jordan und wandte sich zur Tür. Er reichte Hornung nicht die Hand. »Sie werden von mir hören.«

»Es wird mir ein Vergnügen sein«, versicherte Hornung eifrig.


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