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VII.

Mr. Jordan war sehr erstaunt, beim Frühstückstisch seine Tochter anzutreffen. Er frühstückte sonst immer allein, da Mary nie vor zehn Uhr aufstand.

»Morgen, Mary«, sagte er freundlich und setzte sich. »Nanu? So früh auf den Beinen?«

»Morgen, Papa!« rief sie munter, sprang auf und küßte ihn. Gut ausgeschlafen?«

»Nein«, antwortete er, und seine Stirn umwölkte sich. »Bin spät heimgekommen, und um sechs Uhr klingelte hier irgendein Kamel wie besessen. Bist wohl auch davon aufgewacht?«

»Ja«, antwortete sie. »Darf ich dir ein Butterbrot zurechtmachen? Mit Schinken? Ja, das Kamel war übrigens dein neuer Sekretär.«

»Was?«

»Ja, dein neuer Sekretär.«

Er lachte plötzlich.

»Mein neuer Sekretär!« rief er. »Du gefällst mir: so spricht meine Tochter von ihrem zukünftigen Mann!«

Sie rührte nachdenklich in ihrer Tasse.

»Ich glaube, er gehört schon jetzt mehr dir, Papa, als mir.«

»Ach! Eifersüchtig? Auf den eigenen Vater?«

»Vielleicht ... Uebrigens ist Eifersucht Unsinn, Liebe ist Unsinn. Alles ist Unsinn!«

»Hm ...« Er aß ruhig weiter und sagte lange Zeit nichts. »Du solltest nicht so früh aufstehen, wenn das dir so sehr die Laune verdirbt«, meinte er endlich. »Gestern äußertest du dich zu diesen Fragen wesentlich anders.«

»Zwischen gestern und heute liegt eine lange Nacht«, sagte sie unbestimmt. »Du behauptetest gestern, ein Reicher könne alles haben, nur Liebe nicht. Ist das wirklich deine Ansicht?«

Ein forschender Blick seiner grauen Augen streifte sie.

»J-ja«, sagte er zögernd. »Ja, das wird schon stimmen. Wozu sich vergeblichen Hoffnungen hingeben?«

»Eine sehr vernünftige Ansicht. Noch eine Tasse Kaffee? Zwei Stück Zucker?«

Er sah sie an und lächelte.

»Ist es nicht eigentlich traurig, wenn meine Tochter nicht weiß, daß ich zum Kaffee nie Zucker nehme?«

»Oh!« rief sie und errötete. »Ja, es ist traurig. Aber schuld daran ist deine Arbeit. Nie hast du Zeit für dich und für zu Hause. Immer Geschäfte. Es ist schon so, wie man sagt: Nicht der Reiche hat das Geld, sondern das Geld hat den Reichen. Hast du dich gestern abend gut unterhalten?«

Er runzelte die Stirn.

»Ich war geschäftlich zu diesem – Vergnügen gezwungen. Aber – meinetwegen – ich habe mich dabei auch gut unterhalten.«

Sie nickte flüchtig.

»Harry erzählte mir von dem Abend.«

»Wer ist Harry?«

»Dein Sekretär.«

»Ah! Meyring! Ja, sag mal, was wollte der Kerl denn um sechs Uhr früh hier?«

»Er hat mir Blumen gebracht und mir das Rauchen verboten.«

»Um sechs Uhr früh?!«

»Ja, denn von acht Uhr an gehört seine Zeit dir.«

»Staunend schüttelte er den Kopf.

»Er scheint dich doch zu lieben, Mary! Um halb drei kann er ehestens zu Hause gewesen sein und muß schon um fünf Uhr wieder aufgestanden sein, wollte er um sechs hier sein.«

»Reiche liebt man nicht«, erinnerte sie ihn.

»Dem Meyring traue ich allerlei zu. Auch das. Er hat doch Ideale!«

Mary sah auf ihre Tasse, als sie die Frage stellte:

»Wie gefiel dir denn die Frau? Die Frau des Untersuchungsrichters ist sie, nicht wahr?«

Ohne den Blick zu heben, wartete sie lange auf Antwort. Aber es war ganz still – eine lange Zeit. Da sah sie endlich auf und erschrak heftig über den veränderten Gesichtsausdruck ihres Vaters. Sein Gesicht war bleich und entstellt vor Zorn.

Jeden Augenblick erwartete sie den Ausbruch dieses Zornes. Sie kannte solche Entladungen nur vom Hörensagen. In der Fabrik waren sie zur Sage geworden, die man jahrelang nicht vergaß. Auf solche Zornesausbrüche folgten Entlassungen von dreißig, vierzig Angestellten.

Mary duckte sich. Ganz klein war sie geworden und sah ihn nur flehend, mit angstvoller Bitte an. Plötzlich schob er seine Tasse heftig von sich und stand auf.

»Vergiß nicht, daß ich immerhin dein Vater bin«, sagte er seltsam ruhig. Ohne Gruß ging er hinaus.


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