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XXV.

Jenkins bewies nicht nur, daß er Jordan treu ergeben, sondern auch, daß er ein guter Menschenkenner war. Unmittelbar von Jordan begab er sich zu Meyring und hatte mit dem jungen Mann ein langes und sehr ernstes Gespräch. Auf diese Weise erfuhr Meyring alles das, was ihm Jordan bisher verheimlicht hatte. Und Meyring war ganz Jenkins Ansicht: Halja mußte zu ihrem Mann zurückkehren!

Meyring handelte. Er suchte Halja unverzüglich in dem billigen möblierten Zimmer auf, das sie sich gemietet, und erzählte ihr, was er soeben erfahren hatte. Er rechnete mit ihrem Widerspruch und wappnete sich im stillen gegen alle Einwände; zu seiner Ueberraschung aber erklärte sie selbst sofort, daß sie unter diesen Umständen gleich zu ihrem Mann zurückkehren müsse – wenigstens für so lange, bis Jordan die schlimmsten Kämpfe hinter sich hätte. Jordan hatte für sie soviel getan, und es stand für ihn so Großes auf dem Spiel, daß sie nicht einen Augenblick unschlüssig sein konnte.

Und als Jordan am Abend bei Hornung vorfuhr und ihn zu sprechen verlangte, traf er in dem von Gästen gefüllten Salon – Halja. Das begriff er nicht. Er selbst hatte sie ja zu überreden versucht, zunächst zu ihrem Mann zurückzukehren, aber sie hatte das so entschieden abgelehnt, daß er nicht im entferntesten mehr mit einer solchen Möglichkeit rechnete.

Sekundenlang stand er da und sah sie unverwandt an. Dann aber begriff er, daß er sich zusammennehmen mußte: Er war der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit, und an den Blicken der Gäste merkte er, daß sie die heutigen Zeitungen gut gelesen hatten.

Hornung stellte vor. Er sah so glücklich aus, wie ihn Jordan noch nie gesehen hatte. Jedes Fältchen in seinem runzligen Gesicht wirkte mit, um dieses Glück und diesen Stolz allen sichtbar zu machen. Er rieb sich die Hände, lief geschäftig und aufgeregt hin und her, kümmerte sich um jeden Gast, wollte überall gleichzeitig sein. Es war ein Tag des Triumphs für ihn: Er, der kleine Untersuchungsrichter, hatte den großen Jordan besiegt! Oh, er erschien ihm gar nicht mehr so groß, dieser Jordan! Konnte denn das ein großer Mann sein, mit dem ein Untersuchungsrichter fertig wurde?

Inmitten von lebhaft plaudernden fremden Menschen stand Jordan plötzlich Halja gegenüber. Obwohl so viele Menschen in der Nähe waren, erschien es ihm, als sei er mit ihr ganz allein. Niemand hörte ihr Gespräch. Für einen kurzen Augenblick schien man sie vergessen zu haben, oder – man tat so, als beachte man sie nicht.

»Sie – hier?« fragte Jordan leise, mit Mühe seine Erregung unterdrückend.

»Ja ...« antwortete sie etwas traurig. Aber dann verwandelte sie sich jäh. Sie richtete eine Mauer zwischen ihm und sich auf – durch den Ton, in dem sie sprach, durch diesen harmlosen, zufriedenen Ton, den er an ihr haßte: »Es ist alles gut geworden«, plauderte sie. »Mein Mann freut sich sehr ... Ja ... Gar keine Vorwürfe ... Das Kind? Ja, er hat es sofort zurückgeholt ...«

»Halja!« stieß er vorwurfsvoll hervor. Dann sah er sich vorsichtig um, ob niemand sie hören könne. »Warum sprechen Sie so zu mir?«

»Wie soll ich denn sprechen?« gab sie etwas verwundert zur Antwort. »Sehen Sie, Mr. Jordan, es hat doch keinen Zweck, immer traurig, immer ... dramatisch zu sein. Nun ... ich habe eingesehen, daß ich im Unrecht war ... Ich kam hierher zurück, weil ich nicht wollte, daß Sie durch mich noch mehr geschädigt werden ... Aber jetzt habe ich begriffen, daß es mein Schicksal ist, hier zu sein, und ich will es auf mich nehmen, wie es sich für eine Frau und – Mutter gehört.«

Jordan wollte etwas erwidern, aber da stand plötzlich Hornung neben ihnen.

»Darf ich Sie für einen Augenblick in mein Zimmer bitten, Mr. Jordan?« sagte er mit einem freundlichen Lächeln. »Eine kurze Unterredung.« »Gern«, antwortete Jordan steif. Der Mann hatte ihn dessen enthoben, seinerseits um diese Unterredung zu bitten.

»Du entschuldigst«, wandte sich Hornung an seine Frau und nickte ihr munter zu. Dann führte er den Gast in sein Zimmer.

»Bitte, nehmen Sie Platz«, sagte er hier bedeutend kühler und schloß sorgfältig die Tür.

Jordan setzte sich. Er hatte gleich mit seinen Vorschlägen beginnen wollen, aber der veränderte Ton Hornungs machte ihn stutzig. Er lehnte die Arme auf den Tisch und sah den offenbar aufgeregten Hausherrn fast ein wenig mitleidig an. Hornung steckte die Hände in die Hosentaschen, richtete seine sonst etwas gebeugte Gestalt auf und ging mit würdevollem Schritt auf dem weichen Teppich hin und her.

»Lieber Mr. Jordan«, sagte er endlich feierlich, und Jordan zuckte bei dieser Anrede zusammen wie bei einer Ohrfeige. »Ich habe nichts dagegen, wenn Sie mich besuchen; ich habe – wohlgemerkt – auch nichts dagegen, wenn Sie sich mit meiner Frau unterhalten, aber ich muß Sie doch sehr bitten ... Solche Geschichten ... In Zukunft solche Geschichten ...« Er zog die Rechte aus der Tasche und erläuterte durch ein Hin- und Herbewegen der Hand, was für Geschichten er meine. »... bin ich nicht gesonnen ...« Er stockte, so gut gefiel ihm der Ausdruck. »... nicht gesonnen hinzunehmen«, ergänzte er.

»Welche Geschichten?« fragte Jordan sehr kalt und sah den kleinen aufgeregten Mann staunend an. Er hatte nie geglaubt, daß Hornung sich ihm gegenüber je eine solche Sprache herausnehmen würde.

»Da fragen Sie noch?« rief Hornung. »Nun, unter gebildeten Menschen – und das wollen wir doch beide sein – spricht man nicht ausführlicher darüber.«

»Vielleicht würden Sie doch ein bißchen deutlicher sprechen«, sagte Jordan langsam.

»Noch deutlicher?« Hornungs Ueberraschung machte einen sehr echten Eindruck. »Genügt es nicht, wenn schon die Zeitungen darüber schreiben ...«

»Die Zeitungen haben die Nachrichten von Ihnen!«

»So? Ich möchte wissen, welche Veranlassung grade ich ...«

»Lassen wir doch dieses zwecklose Gespräch. Ich möchte Sie etwas anderes fragen: Für welchen Betrag würden Sie an dieselben Zeitungen einen Brief zur Veröffentlichung geben, in dem Sie – wie es sich eigentlich von selbst versteht – Ihre Gattin vor Verleumdungen schützen?«

»Oh!« meinte Hornung etwas erstaunt und lächelte. »Sie verstehen es sehr gut, Tatsachen zu ver ... oder sagen wir: etwas anders darzustellen. Ihr Vorschlag läuft doch darauf hinaus, mich zu veranlassen, etwas zum Schaden meiner Firma zu unternehmen.«

»Ihrer Firma?«

»Ich bin seit gestern Direktor in der Fabrik Gromows.«

»Ach so!« sagte Jordan gedehnt. »Jetzt verstehe ich manches. Nun, ganz gleich, wie Sie es nennen: für welchen Betrag würden Sie den erforderlichen Brief schreiben?«

Hornung dachte etwas nach.

»Ich glaubte einmal, Anspruch auf eine sehr bescheidene Summe zu haben«, sagte er nach einer Weile vorsichtig. »Sie schmissen mir den Betrag schließlich hin wie einem Bettler, ja, wie einem Bettler! Mr. Gromow aber bot mir das Zehnfache und einen guten Posten dazu. Und nun soll ich diese Leute verraten? Nein, da kennen Sie mich nicht, Mr. Jordan! Nicht um eine Million tue ich das!«

»Sehr anständige Gesinnung«, bemerkte Jordan trocken.

Hornung nickte in Gedanken. Er fand sichtlich nicht mehr den Uebergang von diesem erhabenen Ton zu dem, was er noch sagen wollte. Schließlich sagte er es ohne Uebergang, denn gesagt werden mußte es:

»Machen Sie mich zu Ihrem Teilhaber, Mr. Jordan!«

Jordan lachte und stand auf.

»Mein lieber Hornung«, sagte er und merkte erst nachher, daß er am Ende dieses Gesprächs dieselbe Anrede gebrauchte, die Hornung an seinem Anfang gewählt hatte. »Ich glaube, Ihnen ist Ihr neuer Posten etwas zu Kopf gestiegen. Sie scheinen krank zu sein.«

Diesmal blieb Hornung ruhig.

»Ich nehme Ihre Absage zur Kenntnis. Um Ihretwillen bedaure ich es. Uebrigens werden Sie bald wiederkommen und mich bitten – ich sage: bitten! – Ihr Teilhaber zu werden. Vielleicht bin ich dann nicht mehr in der Lage, Ihre Vorschläge ...«

»Leben Sie wohl«, schnitt Jordan ab.

»Auf Wiedersehen«, antwortete Hornung.


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