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VI.

Um sechs Uhr früh klingelte Meyring an der Haustür George Jordans. Er klingelte fünf Minuten lang – bis das ganze Haus erwacht war und bis ihm eine verschlafene Frau mit wirrem Haar, die Augen wild vor Aerger, die Tür öffnete. Es war anscheinend die Wirtschafterin.

»Sind Sie verrückt geworden?« schalt sie. »Mitten in der Nacht ... Was wünschen Sie?« Er schob sich an ihr vorbei ins Vorhaus. Zu ihrer Verwunderung bemerkte sie jetzt in seinen Händen einen großen Blumenstrauß.

»Melden Sie mich Miß Mary«, sagte er ruhig »Und überreichen Sie ihr diesen Blumengruß. Ich muß sie sofort sprechen.«

»Was nicht noch!« platzte sie heraus. Sie hatte die Arme in die Hüften gestemmt und blitzte ihn mit den Augen wütend an, aber das schien auf ihn keinen Eindruck zu machen. Er legte ruhig Mantel und Hut ab, glättete vor dem Spiegel sein Haar und sah dann erst die Frau neben sich an.

»Mir scheint, Sie sind mit dem linken Fuß aus dem Bett gestiegen, liebe Frau«, sagte er kühl. »Wie sehen Sie denn aus? Haben Sie sich schon im Spiegel betrachtet? Warum empfangen Sie mich, wenn Sie so schlechter Laune sind? Warum öffnet mir nicht einer der Diener, der sicherlich eher weiß, wie man einen Gast zu behandeln hat?«

Sie sah ihn lange in starrem Staunen an.

»Diener gibts hier nicht«, sagte sie endlich unwirsch. »Mr. Jordan hält das für überflüssig. Und ...«

»Das ist ein Irrtum«, unterbrach er sie. »Ich werde das Mr. Jordan bei Gelegenheit ausreden. Und jetzt melden Sie mich bitte Miß Mary.«

»Es ist sechs Uhr«, sagte sie, aber es war jetzt etwas Hilfloses in ihrem Ton. Dieser junge Mann erschien ihr unheimlich.

»Wenn Sie noch lange so dastehen, wird es sieben«, erklärte er gleichgültig. »Gehen Sie doch endlich und ...«

»Wer sind Sie denn?« fragte sie mit einem Seufzer

»Der Bräutigam.«

»Der – – –?« Sie machte eine traurige Handbewegung, drehte sich langsam um und ging davon.

»Na, endlich!« sagte er und setzte sich in einen Sessel. Kopfschüttelnd betrachtete er das mehr als einfach eingerichtete Vorzimmer. Er faßte das nicht: Ein Mann, der Millionen besaß, richtete seine Wohnung ein wie ein besserer Angestellter! Diese gewöhnlichen Korbmöbel, dieser billige Dielenschoner, der alte, häßliche Lampenschirm – nein, das ging über seine Begriffe. Ein sonderbarer Kauz mußte der Mann sein, der über unermeßliche Reichtümer verfügte und doch so wenig für sein eigenes Wohlbehagen sorgte. Keine Diener? Lächerlich! Ob das Geiz war? Sicherlich!

Die Wirtschafterin erschien wieder.

»Miß Mary ist sehr erschrocken« sagte sie etwas gefaßter als vorhin. »Sie können eintreten. Ich führe Sie. Aber ich warne Sie: Miß Mary liegt noch im Bett.«

»Das macht nichts« wehrte er ab.

Das Schlafzimmer Mary Jordans war ganz in Blau gehalten. Die Einrichtung dieses Zimmers war viel kostbarer als in den übrigen Räumen. Meyring atmete erleichtert auf. Offenbar war Mary nicht so geizig wie ihr Vater!

Sie lag im Bett, hatte die hellblaue Decke bis zum Halse heraufgezogen und sah dem Eintretenden mit ängstlichen Augen entgegen. Auf dem Bettvorleger lag Meyrings Blumenstrauß.

»Guten Morgen, mein Lieb«, sagte er munter, trat an das Bett und hob den Blumenstrauß vom Boden auf. Dann war er mit einem Satz bei der Tür und stieß sie auf: Die Frau, die ihn eingelassen hatte, stand in lauschender Haltung davor. »Aha!« sagte er mit Genugtuung. »Schämen Sie sich, liebe Frau, und bringen Sie ein Blumenglas.« Er schloß die Tür, überlegte einen Augenblick, stieß sie wieder auf. »Mit Wasser!« rief er der Frau nach.

»Was ist geschehen?« fragte Mary mit zitternder Stimme.

»Nichts von Wichtigkeit«, antwortete er gemächlich. »Sie hat gelauscht. Das ist alles.« Er rückte einen Sessel an ihr Bett und ließ sich darin nieder. Die Handflächen zusammengelegt, sah er sie freundlich an.

»Ich meine doch, was geschehen ist, daß du um diese Zeit hier eindringst ...« sagte sie aufgeregt. »Es ist nichts Besonderes geschehen«, versetzte er. »Ich wollte dich besuchen und konnte zu keiner anderen Zeit kommen, da dein Vater verlangt, daß ich um acht Uhr im Geschäft bin.«

»Das ist ja toll!« rief sie aus und setzte sich kerzengrade im Bett auf.

»Ganz meine Ansicht.«

»Was ist deine Ansicht?«

»Es ist toll, daß sein zukünftiger Schwiegersohn um acht Uhr im Geschäft sein soll«, erwiderte er. Sie atmete schwer auf.

»Auf der Stelle gehst du nach Hause«, bestimmte sie streng.

»Nein.«

Die Wirtschafterin trat nach kurzem Klopfen ein und brachte das verlangte Blumenglas – mit Wasser. Er stand auf, ordnete seine Blumen und stellte sie in dem Glase auf das Tischchen neben Marys Bett.

»Sie dürfen jetzt gehen«, wandte er sich an die Frau, die unschlüssig an der Tür stand. Sie antwortete nichts, aber sie ging.

»Du darfst auch gehen«, sagte Mary ärgerlich.

»Gib mir eine Zigarette.«

»Nein«, antwortete er. »Erstens habe ich keine, zweitens erlaube ich dir nicht zu rauchen.«

»Sag mal, als was betrachtest du mich eigentlich, daß du dir solche Rechte anmaßt?«

»Wir sind heimlich verlobt«, erinnerte er sie.

»Das kommt mir heute eher unheimlich vor.«

»Du wirst dich noch an vieles gewöhnen müssen. Aber das Rauchen schlage dir nur beizeiten aus dem Sinn. Unsere Kinder sollen doch nicht erblich belastet sein.«

Sie legte sich in die Kissen zurück und schloß die Augen.

»Sag, Harry«, meinte sie nach einer Weile leise

»Liebst du mich wirklich?«

»Sehr«, sagte er freudig. »Ich würde nie eine Frau heiraten, die ich nicht liebe.«

Sie lächelte.

»Jetzt darfst du dableiben«, sagte sie mit weicher Stimme.

»Danke. Aber ich wäre sowieso geblieben«, war seine Antwort.

Sie seufzte, und ihre ungewohnt sanfte Stimmung war verflogen.

»Nun, wie hast du dich auf deinem neuen Posten eingelebt?« fragte sie sachlich.

»Sehr gut. Ich bin noch gar nicht richtig zur Besinnung gekommen. Die ganze Zeit denke ich daran, daß ich nur nicht vergesse, der Postdirektion zu melden, daß man mit meiner Kraft nicht mehr rechnen könne. Gestern wars übrigens herrlich: dein Vater und ich haben bis zwei Uhr nachts gesoffen. Es war köstlich!«

»Was habt ihr?« fragte sie entsetzt.

»Gesoffen«, wiederholte er.

»Das kannst du meinethalben von dir behaupten«, sagte sie böse. »Sprichst du aber von Vater, so heißt es: getrunken.«

»Bitte sehr.« Er zuckte die Achseln. »Ich habe gesoffen, dein Vater hat getrunken. Aber er hat mehr getrunken als ich – gesoffen. Nebenbei bemerkt, hat er sich dabei unsterblich in ein blondes Mädchen vergafft ...«

»Was? Was hat er?«

»Wenn dir der Ausdruck ›vergafft‹ nicht zusagt, setzen wir statt dessen ›verliebt‹. Um ganz genau zu sein: Es handelt sich auch nicht um ein blondes Mädchen, sondern um eine blonde Frau – die Frau eines Untersuchungsrichters.«

»Das kann nicht wahr sein! Papa hat es nie mit der Liebe gehabt.«

Er betrachtete seine blanken Fingernägel.

»Aber jetzt hat es die Liebe mit Papa. Oh! Das ist eine ganz verdammt ernste Sache. Da gibt es Mord und Totschlag.«

»Unsinn! Du kennst Papa nicht. Er ist viel zu vernünftig dazu ... Nun, und sie?. Liebt sie ihn auch?«

»Ja.«

Sie lächelte spöttisch.

»Hat sie dir das gesagt?«

»Eben nicht. Hätte Sie es gesagt, so hieße das: sie liebt ihn nicht.«

»Sie liebt sein Geld« sagte sie stirnrunzelnd.

»Die nicht. Sie ist nämlich von meiner Art: mit Idealen!«

»Ideale? Ich glaube nicht daran. Und ihr Mann, der Untersuchungsrichter?«

»Leidet an Schlafkrankheit. Wenigstens war das mein erster Eindruck von ihm.«

Sie dachte eine Weile nach, dann hob sie die Schultern.

»Das hat alles nichts zu bedeuten. Papa hat – so viel ich weiß – nie so etwas erlebt. Wollen wir ihm die Abwechslung gönnen. Ein kleines Verhältnis, ein paar Monate Spaß, – dann ist es vergessen.«

»Diese Frau wird niemals ein Verhältnis mit deinem Vater eingehen«, sagte er bestimmt. »Vielleicht aus Berechnung nicht«, versetzte sie etwas ärgerlich.

»Aus Liebe nicht.«

»Ich werde mit Papa sprechen«, sagte sie entschlossen.

»Lieber nicht. Du kannst da was Nettes erleben.«

»Dann werde ich mit ihr sprechen.«

»Das Erlebnis würde noch viel netter sein.«

»Ja, aber was tut man denn dann? Da muß doch etwas geschehen ...«

»Natürlich. Ich werde deinem Vater helfen. Er wird sie heiraten. Dann ist alles gut.«

»Papa ist aber doch schon verheiratet!«

»Ich dachte, er sei Witwer.«

»Nein, meine Mutter hat ihn vor zehn Jahren verlassen. Sie wird aber nie in die Scheidung willigen.«

»Ein schwieriger Fall. Aber ich werde damit schon noch fertig.«

Sie richtete sich wieder im Bett auf.

»Geh jetzt«, sagte sie aufgeregt. »Ich will aufstehen.« Sie sah nach der Uhr. »Papa frühstückt in zehn Minuten. Da will ich mit ihm sprechen.«

»Ich rate ab«, sagte er nachdenklich, stand aber gehorsam auf. Er beugte sich zu ihr nieder und drückte ihr einen Kuß auf die Lippen. »Auf Wiedersehen, mein Lieb!«

»Auf Wiedersehen! ... Du! Sei vorsichtig, daß du nicht hier Papa in die Arme läufst!«

Er schüttelte den Kopf.

»Da wäre auch nichts dabei. Er wird sich bestimmt nichts Böses denken.«

»Das kann man nie wissen«, sagte sie unruhig.

»Papa kennt mich nicht so genau.«

»Das ist möglich«, erwiderte er ruhig. »Aber er kennt mich genau.«


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