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III.

Mr. George Jordan sagte man unermeßliche Reichtümer nach, und manche hielten ihn sogar für den reichsten Mann New Yorks. Jedenfalls aber war er nicht einfach reich wie viele andere auch; er war so reich, daß er eine Macht darstellte, mit der jeder rechnen mußte. Ihn zum Feinde haben, war dasselbe wie – vernichtet werden. Allerdings zog Jordan es vor, die Leute, die er brauchte, zu »kaufen«. Es war seiner Ansicht nach das Einfachste. Doch hatte er auch andere Mittel seinen Willen durchzusetzen. Tat man nicht freiwillig – für gutes Geld – das, was er verlangte, so zwang er die Menschen dazu. Versagten alle Mittel, so vernichtete er sie. Andere – Nachfolger auf freigewordenen Posten – taten dann bereitwillig alles, was Jordan wünschte.

Wenn Jordan den jungen Meyring, einen Menschen, der ihm Trotz geboten, nicht vernichtete, so geschah es aus der Großmut des Löwen einer Maus gegenüber. Er ließ die Maus am Leben, weil sie ihm Spaß bereitete. Jordan liebte Spaß, nur wußte das niemand. Hätte er es gewollt, Meyring wäre am nächsten Tage aus dem Dienst entlassen worden; man hätte ihn einfach einer Unregelmäßigkeit angeklagt und für lange Zeit ins Untersuchungsgefängnis gesperrt. Oder er wäre verschleppt worden, irgendwohin, von wo es für einen armen Teufel kein Zurück gab. Jordan hatte nicht gewollt. Es gefiel ihm, mit der Maus zu spielen. Er sparte sie sich auf – für später.

Um halb elf Uhr erschien Meyring – in einem vorzüglich sitzenden dunkelblauen Anzug, eine Nelke im Knopfloch, an den Füßen Lackschuhe. Sein übermütiges Jungengesicht strahlte, wurde aber beim Anblick der finster gefurchten Stirn seines neuen Herrn sofort ernst.

»Mr. Jordan, ich bin pünktlich zur Stelle«, sagte er ruhig.

Jordan musterte ihn mit kalten, abschätzenden Blicken. Er wunderte sich nicht, daß Meyring sich so schnell hatte einkleiden können, denn er hielt das für eine Kleinigkeit – vorausgesetzt: man hatte Geld. Und Geld hatte Meyring ja erhalten.

»Pünktlichkeit ist selbstverständlich«, sagte er gemessen. »Setzen Sie sich. Und werfen Sie die blöde Blume in den Papierkorb: Wir gehen nicht zum Maskenball.«

»Die Blume ist ein Geschenk Ihrer Tochter«, sagte der junge Mann feierlich und legte die Nelke sorgsam zwischen die Blätter eines nagelneuen Notizbuches.

Jordan beachtete ihn nicht mehr. Er führte wieder Ferngespräche.

»Sie dürfen hier rauchen«, sagte er dazwischen rauh.

»Danke, aber meine Lungen sind mir zu schade dazu«, antwortete der neue Sekretär.

Jordan sah wütend auf. Sein Blick fiel auf die glimmende Zigarre zwischen seinen Fingern, dann traf er wieder den jungen Mann ihm gegenüber.

»Wenn Sie sagen, ›Danke, ich bin Nichtraucher‹, so genügt das!« erklärte Jordan scharf.

»Mr. Jordan, ich möchte nicht gleich am ersten Tage einen Streit mit Ihnen haben, aber ...«

»Nun sagen Sie mal, junger Mann, haben Sie denn keine Ahnung, wie man mit einem Vorgesetzten spricht?«

»Doch, aber ich bin mehr für das Natürliche, Mr. Jordan. Einem Untergebenen, der Sie wie ein rohes Ei behandelt, dürfen Sie nicht trauen. Ein ehrlicher Mensch spricht auch ehrlich und offen ...«

»Still jetzt! Ich habe zu tun.«

»Das ist etwas anderes.«

Jordan schüttelte trübe den Kopf. Dann ließ er sich mit Norfolk verbinden.

»Hallo, wie weit sind Sie?« fragte er und horchte eine Weile. »Was? Aber lieber Mr. Norfolk, etwas Verrückteres konnten Sie sich wohl nicht ausdenken? Was heißt: sie wollte nicht? Man muß es einzurichten verstehn ... Na, gut, ich fahre gleich hin. Sie kommen in einer halben Stunde nach. Erst müssen Sie noch die Abendblätter durchsehen. Bringen Sie mir gleich Ihre Vorschläge mit, was für Papiere wir abstoßen können. Ja, etwas muß unbedingt verkauft werden.«

Er hängte den Hörer ein. Dann stand er auf.

»Sie begleiten mich jetzt zum ...« Er machte eine Grimasse ... Kakadu. Kennen Sie ein solches Lokal?«

»Kakadu? Ja, sehr gut« erwiderte der Sekretär freudig. »Das paßt ausgezeichnet für uns, um den Abend nett abzuschließen?«

»Glauben Sie, ich fahre dorthin, um den Abend nett abzuschließen?«

»Alle fahren deswegen hin.«

»Ich bin nicht alle. Schreiben Sie sich das gefälligst hinter die Ohren. Ich habe dort natürlich geschäftlich zu tun. Was für eine Art Menschen verkehrt dort?«

»Kleine Angestellte, verkrachte Kaufleute mit und ohne Bräute, junge Witwen, die Anschluß suchen ...«

»Keine anständigen Menschen?«

»Fast nur anständige Menschen«, versetzte der Sekretär gefaßt.

»Aber sprachen Sie da nicht eben von solchen Witwen, die ... na, und so weiter?«

»Ja. Es gibt sehr anständige darunter.«

»Zum Teufel, ich meine, ob Leute aus der Gesellschaft, aus der guten Gesellschaft, dorthin gehen?«

»O ja, wenn es ihnen in der guten Gesellschaft schlecht geworden ist, gehen sie hin.«

Jordan lachte plötzlich.

»Ihre Quadratschnauze ist wohl nicht totzukriegen, Mr. Meyring? Los! Kommen Sie! Wir haben keine Zeit. Merken Sie sich das ein für allemal: wir haben nie, nie Zeit. Immer eilt es. Machen Sie etwas in fünfzehn Minuten, ist es gut; machen Sie es in zehn Minuten, ist es bestimmt besser.«

»Sie sagen mir damit nichts Neues, Mr. Jordan.« Jordan blieb an der Tür stehen und schoß einen wütenden Blick auf seinen neuen! Angestellten. »Sie haben zu sprechen, wenn ich Sie frage! Im übrigen haben Sie meine Worte zur Kenntnis zu nehmen, ganz gleich, ob sie für Sie neu sind oder nicht. Haben Sie mich verstanden?«

»Gewiß, Mr. Jordan. Aber ich fürchte, unsere Unterhaltung wird dadurch etwas einseitig werden.«

Jordan seufzte.

»Und ich fürchte, ich habe mir mit Ihnen ein schweres Joch aufgeladen, Mr. Meyring.«

»Was soll man dagegen sagen ...« begann Meyring und hob die Schultern.

»Nichts!« schnitt Jordan ab. »Kommen Sie!«


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