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XX.

Trübe und regnerisch brach der Morgen an. Die Menschen hasteten mit hochgeschlagenen Mantelkragen zur Arbeit; Trambahnen klingelten, Autobusse und Taxis wälzten sich über den spiegelglatten Asphalt. Hier und dort blieben die Menschen stehen und lasen das große Plakat, das an jeder Säule, an jedem erlaubten Fleckchen Mauer klebte. Die Polizisten sahen heute merkwürdig nachsichtig aus. Nur, wo der Verkehr gar zu sehr gefährdet erschien, griffen sie ein und machten die Leser höflich und freundlich darauf aufmerksam, daß dieses selbe Plakat auch an jeder anderen Straßenecke hänge. Der Grund dieser außergewöhnlichen Nachsicht wurde sofort verständlich, wenn man das Plakat las: Es war ein Aufruf der Burns Detektei, und diese Detektei arbeitete bekanntlich mit der Polizei Hand in Hand. Das Plakat lautete:

 

»30 000 Dollar Belohnung dem, der den Verbleib der spurlos verschwundenen Halja Hornung nachweist. Sie ist 1,65 m groß, 25 Jahre alt, hellblond, hat an der Stirn links eine anderthalb Zentimeter lange Narbe (siehe Bild links, stark vergrößert). Es wird befürchtet, daß sie sich das Leben genommen hat. Entführung ist nicht anzunehmen. Alle zweckdienlichen Angaben an die Burns Detektei erbeten zu jeder Tages- und Nachtzeit.«

 

Darüber prangte ein großes Lichtbild, das Halja darstellte – sprechend ähnlich. Links unten befand sich die stark vergrößerte Abbildung der kleinen Schramme an ihrer Stirn.

Es wurde acht, es wurde zehn Uhr, und noch immer stauten sich die Menschen vor den Plakaten. Um halb elf Uhr überflutete ein Heer von Zettelklebern die Straßen. Die Menschen vor den Plakaten wurden ersucht, für einen Augenblick Platz zu machen, und dann wurde überall unter die Plakate ein länglicher roter Streifen geklebt, auf dem die Zeilen standen:

 

»Es ist inzwischen festgestellt worden, daß die verschwundene Halja Hornung den englischen Reisepaß ihres Mädchens, lautend auf den Namen ›Maud Robertson‹, mitgenommen hat. Selbstmord ist infolgedessen kaum noch anzunehmen. Burns Detektei Agentur.«

 

Jordan erhielt diese Nachricht um eine Stunde früher, als sie die übrigen erfuhren. Da fiel er wie tot auf ein Sofa und schlief ein. Er hatte bis dahin kein Auge zugemacht.

So fand ihn um zwei Uhr mittags sein Sekretär. Lange stand er da und sah diesen schlafenden Riesen an. Sogar im Schlaf wirkte dieser Mann beängstigend. Er lag da wie ein Löwe, der für einen Augenblick betäubt, im nächsten schon aufspringen und den Unvorsichtigen vernichten kann, der ihm zu nahe gekommen war. Diese riesigen Hände, die jetzt kraftlos herabhingen, waren imstande, mit einem Griff einen Menschen zu erwürgen. Aber Meyring fürchtete Jordan nicht. Meyring fürchtete sich vor nichts und niemandem, und vor Jordan am allerwenigsten. Er wußte nicht, wieso es kam, aber sein Gefühl hatte ihm schon längst verraten, was für ein großes Kind er da zum Gebieter hatte. Gewiß konnte dieses Kind, falsch behandelt, anderen gefährlich werden, aber niemals ihm, niemals ihm!

»Hallo, Mr. Jordan!« rief er munter und klopfte dem Schlafenden auf die Schulter. »Hallo, aufwachen! Gute Nachrichten!«

Jordan riß die Augen auf. Er war sich sofort alles Geschehenen bewußt, – das sah man an seinem Blick.

»Was ... was ist denn?« würgte er mühsam hervor.

»Mrs. Hornung hat die canadische Grenze mit einer Fahrkarte nach Toronto passiert!« rief Meyring überglücklich. »Ist das nicht herrlich?«

Jordan war aufgesprungen.

»Sofort Koffer packen!« befahl er. »Nur das Nötigste. Schnell! Dann bestellen Sie ein Flugzeug. In einer Stunde Abfahrt.«

»Ausgezeichnet«, sagte Meyring. »Das wird für uns eine wunderbare Erholung sein.«

Jordan stand vor dem Spiegel und ordnete seine Krawatte. Mit schrägem Blick streifte er Meyring.

»Für uns?« knurrte er. »Wie meinen Sie das?«

»Für Sie und für mich«, erwiderte Meyring zuversichtlich.

»Daraus wird nichts. Ich fahre allein.«

»Daraus wird was! In Ihrem jetzigen Zustand darf ich Sie nicht allein lassen. Außerdem ist es schon ein Preis.«

In trüber Verzweiflung schüttelte Jordan den Kopf.

»Gut« sagte er nach einer Weile. »Vielleicht erweisen Sie sich nützlich ...«

»Bestimmt.«

Jordan sagte nichts mehr, und Meyring gab jetzt durch den Fernsprecher die nötigen Weisungen. »Alles in Ordnung«, erklärte er nach fünf Minuten sehr befriedigt. »Flugzeug wird zur Stelle sein, und Ihre Koffer werden hingeschafft.«

»Wir müssen noch zur Fabrik«, ordnete Jordan an. »Bestellen Sie den Wagen. Und warten Sie hier. Ich will mich waschen.«

Zwanzig Minuten später waren sie in der Fabrik, wo Norfolk Jordan mit Tränen in den Augen empfing.

»Mr. Jordan«, sagte er und preßte mit beiden Händen aus aller Kraft die Rechte seines Gebieters. »Mr. Jordan ... Ach, Mr. Jordan ...« Mehr konnte er nicht sagen.

»Ich danke Ihnen«, erwiderte Jordan und konnte auch nicht mehr sagen.

»Wir fahren nach Toronto«, erklärte Meyring, dem die Stimmung hier nicht recht gefallen wollte. »Nach all den Aufregungen, die wir durchgemacht, wird uns das sehr wohl tun.«

»Ja, aber der Betrieb!« rief Norfolk erschrocken.

»Mr. Jordan, der Betrieb! Sie lassen mich doch nicht allein hier ...«

Jordan lächelte.

»Ich muß leider. Aber wenn Sie die Kiste hier auch noch so sehr verfahren, ich werde Ihnen kein böses Wort sagen. Der ganze Betrieb hier ... Ich will davon nichts mehr sehen und hören!«

»Aber, Mr. Jordan!« rief Norfolk fassungslos.

»Diese Worte dürfen Sie nicht so genau nehmen. Mr. Norfolk«, erläuterte der Sekretär. »Sie sind im Trancezustand gesprochen.«

Entsetzt sah Norfolk auf Jordan, denn er erwartete auf diese unehrerbietige Aeußerung einen Zornesausbruch. Aber Jordan lächelte nur.

»Vielleicht nicht so ganz«, sagte er leichthin.

»Hat es heute etwas Wichtiges gegeben, Norfolk?«

»Ja, in dieser Sache mit Hornung. Sie gaben mir da heute früh Weisungen ...«

»Nun? Alles erledigt?«

»Ja ... Nein ... Nämlich, vorhin rief Elsworthy an und meldete, Hornung habe wohl das Abschiedsgesuch eingereicht, sich aber unter gar keinen Umständen dazu bewegen lassen, es zurückzuziehen.«

Das begriff Jordan nicht. Sollte er sich in diesem Manne getäuscht haben, oder hatte ihn die Abreise Haljas plötzlich so sehr verändert?

»Und dann ...« fuhr Norfolk fort, »... dann hat Hornung auch den Scheck über fünfzigtausend Dollar zurückgeschickt.«

»Das ist sonderbar«, sagte Jordan nachdenklich, und für Sekunden überkam ihn die Ahnung einer drohenden Gefahr. Aber er hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzugrübeln. »Na, was geht das mich schließlich an?« meinte er achselzuckend. »Vielleicht überlegt er es sich nachher. Dann geben Sie ihm den Scheck wieder.«

»Es wird Zeit für uns«, erinnerte der Sekretär.

»Ja.« Jordan blickte sinnend vor sich hin. Dann zog er seine Brieftasche hervor, nahm alle Scheine bis auf zehn Fünfzigdollarschcheine heraus und legte sie auf den Tisch. Sein Scheckheft legte er daneben.

»So, lieber Norfolk«, bestimmte er. »Nehmen Sie das mal in Verwaltung. Ich gebe es auf, mit Reichtum und Macht einer Frau nachzujagen, die davon nichts wissen will.«

»Mr. Jordan!« rief der Sekretär schnell. »Das ist ja Unsinn. Eine Komödie! Ihr Name ist so gut wie bares Geld. Nie werden Sie ihn los werden. Der Name allein ist schon Reichtum und Macht.« Jordan lächelte.

»Doch nur, wenn man davon Gebrauch macht.«

Zum ersten Mal sah man den Sekretär etwas aufgeregt.

»Wäre es dann nicht besser, wir bestellen das Flugzeug ab, fahren mit der Eisenbahn und nehmen das gesparte Geld als Notgroschen mit«

»Nein. Das Flugzeug brauche ich, um sie schnell zu finden. Habe ich sie gefunden, brauche ich kein Geld mehr.«

»Dieser Leichtsinn!« rief Meyring aus. – Norfolk sagte gar nichts. – »Sie hätten mal Briefträger sein sollen, Mr. Jordan, – Sie würden bestimmt nicht so töricht über Geld urteilen.«

»Nun, vielleicht werde ich noch mal Briefträger«, antwortete Jordan und lachte. Seit langem hatte er sich nicht so wohl und frisch wie jetzt gefühlt.

»Mr. Jordan«, sagte Meyring feierlich, »gestatten Sie mir wenigstens, für ein paar Monate Vorschuß auf mein Gehalt mitzunehmen?«

»Das können Sie«, gab Jordan lachend zu. »Wenden Sie sich an Mr. Norfolk.«

Norfolk erledigte die Sache zur größten Zufriedenheit Meyrings. Er gab ihm für ein halbes Jahr Vorschuß. Mit sechstausend Dollar in der Tasche bestieg Meyring fünfzehn Minuten darauf das Flugzeug. Er sah jetzt der nächsten Zukunft seines Herrn und seiner selbst etwas gefaßter entgegen.


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