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XXIX.

Jordan hatte Halja fünf Tage lang nicht gesehen. Er wußte: er durfte sie nicht sehen. Jeder seiner Schritte wurde von Detektiven überwacht. Traf er Halja heute, so würde es morgen schon in den Zeitungen stehen. So sehr er sich nach ihr sehnte, er durfte sie nicht sehen. Darauf warteten seine Feinde ja nur, um mit neuer Wucht über ihn herzufallen.

Jordan fuhr in seinem Wagen durch die Straßen New Yorks. Er hatte dem Fahrer kein Ziel angegeben, er wollte nur allein sein. Oft machte er es jetzt so. Er vernachlässigte seine Arbeit – in einem Augenblick, da seine ganze Spannkraft nötiger war denn je.

Der Wagen hielt an einer Ecke, um andere Fahrzeuge die Straße überqueren zu lassen. Jordan blickte zum Fenster hinaus. Da war ein Blumengeschäft ... Wenn er jetzt ausstieg, eine Rose kaufte und zu Halja fuhr ... Was würde sie sagen? Wie würde sie ihn empfangen? Vielleicht würde sie ihn überhaupt nicht empfangen? Nein, nein ...

»Halten Sie!« sagte Jordan zum Fahrer. Er stieg langsam aus, betrat das Blumengeschäft und verlangte die schönste Rose. In diesem Augenblick war er sich noch nicht klar darüber, ob er die Rose wirklich Halja bringen würde. Schon das Spielen mit dem Gedanken an die Möglichkeit war ein gewisser Trost für ihn. Aber dann saß er wieder im Wagen und nannte dem Fahrer hastig, mit etwas heiserer Stimme Haljas Wohnung.

Es war eine Tollkühnheit! Er wußte es. Es war gleichsam ein Wiedersehen mit ihr, dem ganz New York als Zeuge beiwohnte ... Durfte er das wagen?« Durfte er ganz New York die Stirn bieten. Nein, nein! Schon war er im Begriff, dem Fahrer einen neuen Befehl zu geben, da hielt der Wagen vor dem Hause Hornungs. Jordan sah die Tür, sah die Fenster, er spürte förmlich Haljas Nähe, und seine Entschlußkraft war dahin. Er stieg aus.

Derselbe Diener öffnete ihm, der ihn an jenem unvergeßlichen Nachmittag empfangen hatte. Dieser Diener hatte heute nicht den Auftrag, Hornung den Besuch zu melden, aber es war ein tüchtiger, gewissenhafter Diener, der seine Sonderverdienste sparte, um einmal ein junges Mädchen heiraten und glücklich machen zu können: daher beschloß er, auch diesmal Hornung zu benachrichtigen.

Halja ließ Jordan nicht abweisen. Sie erwartete ihn in dem Salon, wo sie ihn auch damals empfangen hatte.

»Mr. Jordan«, sagte sie freundlich, aber zurückhaltend. »Warum sind Sie gekommen?«

Er stand vor ihr, um Jahre gealtert, mit traurigem, enttäuschtem Gesicht.

»Ich wollte Ihnen diese Blume bringen«, antwortete er und reichte ihr die Rose.

Sie nahm das Päckchen in Seidenpapier, öffnete es. Als sie jetzt die Rose wie damals flüchtig mit den Lippen berührte, leuchtete es in seinen Augen auf.

»Diese Rose ... ist teuer erkauft«, sagte sie leise. Er lächelte schmerzlich.

»Aber nicht mit Geld.«

»Sie werden für diese Rose, für diesen Besuch mehr als Geld verlieren«, erinnerte sie.

»Ja. Ich tue es gern. Wenn diese Blume Ihnen nur ein wenig Freude bereitet, ist sie mir nicht zu teuer ... Und der Gedanke, Ihnen grade jetzt diese Rose zu bringen, stammt nicht von meinem Sekretär ...«

»Wollen Sie sich nicht setzen?« bat sie.

Beide setzten sich. Ein kleines Tischchen befand sich zwischen ihnen, auf dem eine Kristallschale mit etwas Obst stand. Jordan war Halja so nahe, daß es nur einer kleinen Bewegung bedurft hätte, um ihre Hand zu streifen. Doch er tat es nicht. »Ich bin nicht nur gekommen, um Ihnen die Blume zu bringen«, sagte er stockend. »Ich wollte Ihre Stimme hören, ich wollte Sie sehen. Jetzt habe ich Ihre Stimme gehört und Sie gesehen. Wenn Sie wünschen, gehe ich wieder.« »Bitte, bleiben Sie«, widersprach sie in einem so gleichgültigen Ton, daß es ihn schmerzte.

»Ich bleibe«, antwortete er traurig. »Ich habe jetzt nichts mehr außer Ihnen ... Meine Tochter ist weggefahren, weil ... Meyring sie im Stich ließ. Sie liebt ihn also wirklich. Es ist ihr und mein Schicksal, so verschieden wir sonst sind, ohne Erwiderung zu lieben.«

»Wissen Sie, daß Meyring mich zweimal besucht hat?« fragte sie und sah dabei an ihm vorbei. »Was wollte er denn von Ihnen?«

»Mitgefühl«, sagte sie.

Er sah sie verwundert an.

»Er sprach die ganze Zeit nur von Ihnen«, sagte sie langsam. »Sie haben ihn geschlagen ... Ich hätte nie geglaubt, daß Meyring weinen könnte ... Sie waren sehr hart zu ihm.«

»Hart! Hart!« rief er heftig. »Sie ahnen ja nicht, wie es mich getroffen hat. Wissen Sie denn, was er mir angetan hat?«

»Sie glauben, er hat Sie verraten?« fragte sie.

»Meyring wird Sie nie verraten. Er liebt Sie doch. Wissen Sie denn das nicht?«

»Er ... Nein, nein! Es ist ja bewiesen, vollkommen bewiesen: Er hat mich verraten. Seit er dort ist, bei meinen Gegnern, erscheinen täglich neue Enthüllungen über mich. Es sind durchtrieben bearbeitete Schmierwerke, die die Wahrheit in der gemeinsten Weise umkehren.«

»Ich spreche nicht von Tatsachen«, sagte sie. »Beweisen Sie mir diese Tatsachen, bringen Sie Meyring her und lassen Sie ihn in meiner Gegenwart gestehen, er hätte das geschrieben; und ich werde Ihnen doch sagen: Ich glaube es nicht.«

»Aber das ist ...«

»Meyring hat bei mir um Sie geweint«, erinnerte sie ihn. »Das widerlegt alle Beweise seiner Schuld. Er hat sich nicht verteidigt, er trägt Ihnen nichts nach, auch den Schlag ins Gesicht nicht. Er war nur erschüttert, weil Sie an seinen Verrat glauben konnten.«

»Sie ahnen nicht, wie weh Sie mir tun«, rief er gequält aus. »Ich habe Meyring aus meinem Gedächtnis gestrichen, aus meinem Herzen getilgt.

Aber irgendwo ist da eine Wunde, die nicht vernarben will ...«

»Es schmerzt nur, weil Sie zweifeln. Hätten Sie den Glauben an ihn, Sie wären ruhig. Sie wären auch ruhig, wenn Sie genau wüßten, daß er ein Verräter ist. Sie zweifeln an allen ... Warum? Sie versuchen, im Gefühlsleben Geschäftsgewohnheiten anzuwenden. Für Sie gibt es nur das, was klar ausgesprochen, was bewiesen ist.«

»Und ... es ist nicht so?«

»Nein. Dem Gefühl gilt das Wort wenig. Das Wort ist ein Feind eines jeden Gefühls. Das Gefühl hat seine eigene Sprache, das Wort ist ihm zu arm. Sie kommen mir vor wie ein Mensch, der sich darüber grämt, daß der Adler schlecht laufen kann.«

Er schwieg und dachte über ihre Worte nach.

»Ich hatte Unrecht«, fuhr sie fort. »Ich habe mich mit meinem Davonlaufen benommen wie ein törichtes Kind. Ich lief davon, weil ich erwartete, Sie müßten gleich die Sprache verstehen ... Aber Sie hatten nur Worte und Geld und Macht. Das war Ihre Sprache. Jetzt erst weiß ich, daß Sie zu lange ohne Herz gelebt haben, als daß Ihr Herz gleich die richtige Sprache lernen könnte.« »Halja«, sagte er aufatmend, und seine Stimme zitterte. »Wie soll ich das verstehen?«

Sie sah ihn an und lächelte plötzlich.

»Ich wollte damit sagen, daß Meyring Ihre Tochter liebt«, erklärte sie ruhig.

»Sie sind grausam«, antwortete er düster.

»Hatten Sie eine andere Antwort erwartet?« fragte sie schnell.

»Nein«, erwiderte er hart.

Beide schwiegen. Er hatte mit seiner großen kräftigen Hand die Kristallschale umfaßt und drehte sie auf dem Tisch hin und her. Seine Stirn lag in finsteren Falten, und die Mundwinkel waren gesenkt.

»Vorsicht«, sagte sie leise. »Wenn sie fällt, zerbricht sie.«

Zornig sah er auf. Diese Worte, in diesem Augenblick, empörten ihn. Mit einer heftigen Handbewegung fegte er die Schale vom Tisch. Sie fiel mit einem dumpfen Laut auf den weichen Teppich, aber sie zerbrach dennoch.

»Die schöne Schale«, meinte Halja sehr ruhig.

Er sah die Frau mit einem forschend-zwingenden Blick an.

»Sie lieben mich nicht?« fragte er plötzlich rauh.

»Nein!« rief sie mit heller, klarer Stimme.

Er stutzte, doch dann senkte er traurig den Kopf. »Entschuldigen Sie«, sagte er mühsam. »Ich mußte es wissen. Man quält doch nicht einen Menschen, den man liebt ...«

»Wissen Sie das so genau?« fragte sie.

»Nein. Ich weiß nichts genau. Ich habe nie geliebt, und nie hat mich jemand geliebt. Woher sollte ich etwas darüber wissen? Ich bin wie ein Blinder unter Sehenden. Man stößt mich bald hierhin, bald dorthin, und ich weiß nicht, was man von mir will. Ich habe Sie lieb, Halja, und das habe ich Ihnen gesagt. Ich habe dabei nicht an einen Adler gedacht, der schlecht laufen kann ... Ich habe nur an Sie gedacht. Nie, keinen Augenblick bis jetzt, hatte ich auf Gegenliebe gehofft. Ich bin ein alter Mann, und mein Leben geht zu Ende. Ich habe das vorher nie gespürt, aber jetzt weiß ich es. Was ich von Ihnen wollte, war nur das Glück Ihrer Nähe ...«

»O nein!« warf sie ein. »Das glauben Sie nur.« Er sann nach. Dieses Grübeln über Dinge, die er nicht verstand, quälte ihn, und sein Gesicht spiegelte diese Qual wieder.

So sah ihn Hornung, als er langsam die Tür öffnete und mit einem sehr siegesgewissen Lächeln auf den Lippen das Zimmer betrat.


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