Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XXXVIII.

Felicitas war von der letzten Unterredung mit Leo glühend vor Todestrunkenheit zurückgekehrt.

Sterben – an seinem Halse sterben – in seine Lippen hinein den letzten Atemzug hauchen – welch ein Ausklang, welch ein Schlußaccord!

Ein Bild kam ihr in den Sinn, das sie einmal in Königsberg gesehn hatte und das hernach in der ganzen Welt berühmt geworden war … Es nannte sich »Die Lebensmüden« und stellte einen Herrn und eine Dame dar, die sich mit Stricken aneinander gebunden haben und im Begriffe sind, sich von einem vorgebauten Stege hinab in den See zu stürzen … Neidvolle Schauer hatten sie damals überflutet.

Und jetzt mit einemmal sollte der alte, thörichte Traum an Leos Seite sich erfüllen!

Auch in andrer Hinsicht war es das beste, wenn sie von hinnen ging … Ulrich wurde immer kränker und dachte immer weniger daran, ihr das Leben lebenswert zu machen. Von der großen Welt, vom Hofe und der Gesellschaft, bekam sie nichts zu sehn … die Frauen hier verfolgten sie mit ihrem Hasse – die Männer quälten sie mit ihrer Liebe – und eines war so dumm und öde wie das andre … Keine Zukunft blühte ihr, als zwischen Roggenpreisen und Remontefüllen – zwischen Kompotten und Meiereiprodukten – unverstanden und in ihrem Werte ungeahnt – langsam dahinzuwelken.

Darum tausendmal lieber sterben!

»Ja, lebte mein Paulchen noch,« dachte sie weiter, »dann hätt' ich wenigstens noch einen Lebenszweck.« – Und heiße Thränen eines plötzlichen Mutterschmerzes flossen ihr über die Wangen.

Doch mitten in dem süßen Mitleid mit sich und ihrem toten Knaben überfiel sie ein eisiger Schreck bei dem Gedanken, daß sie in wenigen Tagen gleich ihm in das dunkle Grab hinabgesenkt werden würde!

Wie war das möglich? … Wie konnte das sein?

Uebers Jahr meinetwegen – in zehn Jahren noch besser – zu irgend einer fernen, unbestimmten Frist, wenn man sich satt geliebt hatte – – aneinander aber jetzt schon, da das neue heiße Glück noch ungenossen vor ihnen lag?

Was hatte das für einen Sinn?

Von neuem fielen die »Lebensmüden« ihr ein und trösteten sie ein wenig.

Der Herr glich Leo durchaus nicht … Ihrer Erinnerung nach trug er einen Sammetrock, war also Künstler oder dergleichen … Ja, die Künstler, die großen, genialen Naturen, die verstehn's, Frauenherzen in den Tod zu reißen … Vielleicht war es auch kein Sammetrock … Aber des Atlaskleides, das die Dame anhatte, erinnerte sie sich ganz genau … In glänzender Straffheit hatte die Taille auf dem Busen gesessen … das war jetzt freilich nicht mehr modern, aber was kümmert man sich um Moden, wenn man sterben will? Nur schön muß man aussehn im Tode.

Dann überlegte sie, was sie selber anziehen würde. –

Unter den Schlafröcken, die sie besaß, gab es einen von zartestem Crêpe de Chine, der in griechischem Faltenwurf am Leibe hinunterfloß und dicht unter dem Busen von einem goldenen Gürtel zusammengehalten wurde.

Sie hatte ihn sich vor ihrer zweiten Heirat nach einem Pariser Modelle anfertigen lassen und für irgend eine große Gelegenheit aufgespart.

Diese Gelegenheit wäre jetzt dagewesen, wenn Leo nicht den dummen Gedanken gehabt hätte, sich irgendwohin mit ihr in Nacht und Nebel zu verkriechen.

Für alle Fälle wollte sie nicht unterlassen, das malerische Stück anzuprobieren. – Sie schloß die Thüren ab, umschirmte die Lichter des Toilettenzimmers mit roten Gazeschleiern, damit sie zum Tone der Ampel stimmten, und kleidete sich um.

Als sie sich, von dem purpurnen Dämmerschein verführerisch umflossen, im griechischen Kleide vor den Spiegeln wiederfand, übermannte sie ein Rausch naiver Selbstbewunderung.

So müßte er sie sehn – so – eine einzige Sekunde lang, und die dummen Todesgedanken würden ihm schon vergehn. –

Ein Glück war's, daß sie ihm das Versprechen abgenommen hatte, vor dem letzten Wege zu ihr herauszukommen. – Wenn sie ihm so entgegentrat – was blieb ihm anders übrig, als sie in seine Arme zu reißen und, statt schrullenhaft mit ihr zu sterben, den Weg der jauchzenden Sünde, den Rhadens Eifersucht so häßlich unterbrochen hatte, als ihr großer, lieber, dummer Junge an ihrer Seite weiterzuwandern?

Aber die Nacht, die diesen Stunden seligen Vorgenießens folgte, war keine ruhige.

»Diesmal wird nicht gespaßt,« hatte er gesagt, »Zahntropfen trinken wir keine!« Und ein Gesicht hatte er dabei gemacht! … Aber angenommen selbst, daß er zur Vernunft zurückkam, stand nicht im Hintergrunde wie ein Gespenst Johanna, bereit, den Frieden des jungen Liebeslebens zu vernichten? …

Gab es keinen Weg zur Rettung?

Sie sann und sann – der Angstschweiß stand ihr auf der Stirn – mit flehenden Augen starrte sie ins Dunkel – und was sie schließlich fand, glich auf ein Haar dem Mittel, das Leo als unwürdig verworfen hatte.

Schon in ihrem morgigen Briefe wollte sie beginnen, Ulrich auf Johannas steigende Gestörtheit aufmerksam zu machen – wollte Geschichtchen ersinnen aller Art – wollte die Unglückliche bedauern und verteidigen und auf eine drohende Katastrophe hinweisen, so daß er, wenn es mit dem Verrate Ernst wurde, genügend darauf vorbereitet war, es mit einer Wahnsinnigen zu thun zu haben.

So ging's. – Und beruhigt schlief sie ein.

Den folgenden Tag über war sie in glückseliger Stimmung. Eine Art von Brautfieber durchrieselte mit sanftem Prickeln ihre Adern. Nur ab und zu überkam sie ein leises Uebelbefinden, wenn sie der Todesdrohungen Leos gedachte.

Doch um sie ernstlich zu fürchten, vertraute sie zu sehr der siegenden Macht ihrer Schönheit und der Allgewalt, welche die entfesselte Glut ihrer Liebe in früheren Zeiten auf seine Sinne ausgeübt hatte.

Träumerisch zurückgelehnt saß sie am Fenster, starrte über den Strom nach Halewitz hin und zählte die Stunden.

Die alte Minna, die sie schon gestern in Leos nächtliches Kommen eingeweiht hatte, half dabei, wenn sie ab und zu diskret durchs Zimmer huschte. »Jetzt sind's bloß noch achte, gnädiges Frauchen.« Und bald darauf: »Jetzt sind's bloß noch siebeneinhalb.«

Und so wurde die Frist immer kürzer.

Mit der sinkenden Dämmerung fand ein leichtes Schneegeriesel sich ein, welches das fahle Grau der Ebenen mit neuem weißem Licht bekleidete und die dunklen Wege rasch verschwinden ließ.

Selig lächelnd sang sie ein altes Lied gegen die Fensterscheiben von dem Liebsten, der durch Sturm und Regen, auf wankenden Wegen und schwindelndem Pfad ihr liebend genaht.

Dann weinte sie wieder ein wenig, des toten Kindes gedenkend, und sagte mit gefalteten Händen: »Sei froh, mein Jungchen, daß du schon so bald den ewigen Frieden gefunden hast.«

Dadurch wurde auch sie wieder froh. Und so vergingen die Stunden höchst angenehm in weichen Träumereien und ohne die eigentliche Qual der Erwartung.

Um fünf Uhr kam die Lampe.

Gegen acht Uhr wurde das Abendbrot aufgetragen.

Und um halb neun stürzte eines der Stubenmädchen in heller Erregung herein und meldete, der gnädige Herr sei soeben vorgefahren.

»Welcher gnädige Herr?« fragte Felicitas.

So ruhig war ihr Gemüt, daß sie nicht im mindesten verstand, um was es sich handelte. Die Magd mußte ihr die Kunde wiederholen, ehe sie sie faßte. – Alsdann hatte sie die Empfindung eines schweren ihr angethanen Unrechts. – Sie hätte sich am liebsten bei ihrem Gatten beklagen und ihn bitten mögen, rasch wieder umzukehren.

Erst allmählich kam sie zum Bewußtsein der Gefahr, in welcher sie schwebte.

In halber Erstarrung blieb sie vor dem Abendbrotstische sitzen und rollte ihre Serviette ein.

»Den Streich hat mir sicherlich Johanna gespielt,« dachte sie, denn so sehr haßte sie ihre alte Freundin, daß sie instinktmäßig jedes Unheil, welches ihr widerfuhr, auf deren Machenschaft zurückführte.

Doch schon im nächsten Augenblick hatte sie sich von der Grundlosigkeit dieses Verdachtes überzeugt. Es gab eben keine Möglichkeit, daß Johanna von dem, was gerade für heute nacht sich vorbereitete, Mitwisserin geworden sein sollte.

Das Wiederbegegnen mit Ulrich bestärkte sie in ihrer Sicherheit.

Wohl hatte sie im ersten Momente die sorgende Unruhe erschreckt, mit der sein Auge auf ihr haftete, aber diese Unruhe verschwand, als er sie, von dem heitern Frieden unschuldsvollen Strohwitwentums umflossen, einsam bei den Resten ihrer Abendmahlzeit vorfand.

So weit hatte der Einfluß der alarmierenden Depesche wohl gereicht, daß er unangemeldet auf gemietetem Schlitten in Uhlenfelde eingetroffen war: wenn er aber jetzt auf Lizzies Frage hin den wahren Grund seines überraschenden Heimkommens verschwieg, so geschah es nicht mehr aus Mißtrauen, sondern einfach, weil er seiner Frau unnütze Angst ersparen wollte.

Johanna war ihm als Schwarzseherin von alters her bekannt, auch konnte ihre gut gemeinte Warnung auf irgend eine Wirtschaftssorge Bezug genommen haben.

Er beschloß, in nächster Morgenfrühe nach Halewitz zu fahren und heute nur Haus, Hof und Personal genauerer Musterung zu unterwerfen, als es in der Stunde seiner Heimkunft sonst Sitte gewesen war.

Er fühlte sich schlaff und herabgestimmt. Die zuthunliche Geschwätzigkeit seiner Frau that ihm weh. Und sobald er konnte, stand er vom Abendbrotstische auf, um seinen Inspektionsgang anzutreten.

Kaum war er zur Thür hinaus, als die alte Minna händeringend ankam.

»Ach, gnädiges Frauchen, gnädiges Frauchen,« flüsterte sie, »nu werd' ich doch rasch nach Halewitz müssen. Sonst kann's ja ein furchtbares Unglück geben.«

Felicitas überlegte.

Wenn Leo Ulrichs Heimkehr erfuhr, so lag die Möglichkeit nahe, daß er, schon um dem drohenden Begegnen auszuweichen, seinen Fluchtplan schleunigst wieder aufnehmen würde. Dann konnte sie als Witwe und als Braut zugleich hinter ihm her trauern bis an ihr Lebensende … Andrerseits gab es, wenn sein Kommen mit der nötigen Vorsicht ins Werk gesetzt wurde, nicht einen Schatten von Gefahr. In Fichtkampen hatte ihn Minna oft unter tausendfach schwierigeren Verhältnissen zu ihr hereingeführt.

Ja, genauer betrachtet, brachte Ulrichs Hiersein noch einen unschätzbaren Vorteil mit sich … Wenn der gute Leo von seinen bösen Mordgedanken durchaus nicht lassen wollte, so hatte sie nur nötig, ihm leise zu erzählen, wer heute angekommen war und dort jenseits des Toilettenzimmers im Bette lag, um ihn ganz fügsam und friedlich zu stimmen.

Dies gab den Ausschlag.

»Bleib nur hier, Minnachen,« sagte sie. »Du kennst ja das Haus ganz genau, und wenn alles gut geht, schenk' ich dir wieder ein altes seidenes Kleid.« – – –

Gegen zehn Uhr kehrte Ulrich von seinem Gange zurück.

Er erklärte, daß er reisemüde sei und auf sein Zimmer gehn wolle.

»Leg dich nur gleich zur Ruhe!« ermahnte Felicitas. Er nickte und küßte ihr seiner Gewohnheit gemäß zum Gutenachtgruß Stirne und Hand.

»Du hast ja so heiße Backen,« sagte er.

»Ich freu' mich, daß du da bist,« erwiderte sie, zu Boden schauend.

Und sie log nicht.

»Diesmal wird nicht gespaßt,« hatte Er gesagt, »Zahntropfen trinken wir keine.«

Sie leuchtete ihrem Manne die Treppe empor, schloß die Läden seines Zimmers und sah nach dem Thermometer, damit er's für die Nacht weder zu warm noch zu kalt habe. – Dann verabschiedete sie sich und ging noch einmal hinunter, Minna die letzten Weisungen zu geben.

Als sie eine halbe Stunde später ihr Schlafzimmer betrat, hörte sie Ulrich noch immer auf und nieder schreiten.

Das war fatal. Beim augenblicklichen Stande ihres Verhältnisses blieb zwar eine Ueberraschung aus ehelichen Gründen ausgeschlossen, aber wenn er sie vor den Spiegeln herumhantieren hörte, so konnte er leicht mit irgend einer Frage die Thüre öffnen und sie in dem seltsamen Aufzuge überraschen.

Darum begnügte sie sich vorläufig damit, das Haar griechisch zu knoten und einen leisen Pudernebel über das Antlitz gleiten zu lassen. Das Kleid legte sie im Toilettenzimmer bereit.

Die Uhr schlug elf. – Noch eine Stunde!

Was thun, um sie zu töten?

Sie setzte sich vor den Schreibtisch und begann mit zitternden Händen alte Papiere hervorzukramen.

Da kam ihr ein glücklicher Gedanke:

Mit dieser Stunde sollte ein neues Dasein für sie beginnen, ein Dasein voll blühender Freuden und nie verwelkender Jugend, ein Frühlingsrausch, ein Sommernachtstraum und ein heimlich-seliges Lachen. – Darum mußte alles ausgelöscht und weggebrannt werden, was sie an die beschämenden Jahre des qualvollen Darbens erinnerte. – Nichts sollte mehr sein, nichts außer ihm, den sie sich endlich – und Gott wußte, mit welchen Opfern! – zurückerobert hatte.

Einen Brief nach dem andern zerriß sie in kleine Fetzen. Da waren verkappte Liebeserklärungen aller Art von dem sentimentalen Gefasel des jungen Neuhaus bis zu den lüsternen Scherzen des alten Stolt.

Sie lachte leichtsinnig, als sie das las.

»Aber wär' er nicht heimgekommen,« dachte sie, »einen oder den andern hätt' ich schließlich doch wohl erhören müssen.«

Dann fiel ihr das Päckchen mit den Briefen ihres toten Knaben in die Hand.

Ein Frösteln überlief sie.

Aber sie wollte nicht traurig sein. Sie wollte nicht. Es hatte ja seinen Frieden jetzt, das liebe Paulchen!

Als sie sich anschickte, auch diese Briefe zu vernichten, stockte ihre Hand. Aber es mußte ja sein. Dies war nötiger als alles andre.

Sie küßte das Päckchen und zerriß langsam den ersten dann den zweiten Bogen –

Da schlug die Uhr halb zwölf.

Sie sprang in die Höhe und lauschte schwer atmend in den dunkeln Ankleideraum hinein.

Noch immer hallte von drüben Ulrichs müder Gang. –

Tapp – tapp … tapp – tapp … Immer auf und nieder – auf und nieder.

Die Minuten flogen … Dort lag, ihrer harrend, noch immer das griechische Kleid.

Ob sie jetzt wagen durfte, es anzulegen?

Sie lauerte … sie lauschte …

Für eine Umkehr war's zu spät.

*

Und so geschah's, daß um die Mitternachtsstunde Leo Sellenthin das Schlafzimmer von Ulrich Kletzingks Gattin betrat, sie zu gemeinsamem Sterben abzuholen.

Als hinter ihrem Rücken die Thür sich in den Haspen drehte, sprang sie, zusammenfahrend, von ihrem Posten zurück und schob mit leisem Ruck den Riegel vor. –

Dann erst wagte sie, sich umzuwenden.

Ihre erste Empfindung, als sie ihn an der Thüre stehen sah, war ein nagender Schmerz darüber, daß sie sich ihm in der erhofften Liebesstunde schwarz wie eine Nachteule präsentieren mußte. – Und dieser Schmerz der wunden Eitelkeit ließ selbst den Gedanken an den drohenden Tod nicht in ihr aufkommen.

Er trug einen langen Reitermantel, der seine Arme ganz bedeckte, und war über und über mit Schnee bestäubt.

»Hu!« sagte sie, »schneit es denn draußen noch?« Dann wischte sie ihm mit dem schwarzgeränderten Taschentuch den Schnauzbart, in welchem dicke Tropfen klebten, und nannte ihn »armer Liebling«, weil er so naß war.

Er rührte sich nicht, selbst die Pelzmütze nahm er nicht vom Kopfe.

»Du stehst ja wie ein Stock,« sagte sie, »warum legst du nicht ab?«

Und da er in seiner Erstarrung verharrte, hakte sie ihm den Kragen los und ließ den Mantel über seine Schultern hinab zur Erde gleiten.

Dabei war es ihr, als hörte sie, wie aus den Falten heraus irgend etwas hart gegen die Wandleiste schlug.

»Was war das?« fragte sie erschrocken.

»Nichts,« brummte er und stieß wie in einem Ansatz zum Lachen die Luft durch die Zähne.

Ihr lief ein Kältegefühl über den Leib.

»Wie gut, daß Ulrich da ist,« dachte sie.

Wäre sie mit ihm allein gewesen, so hätte sie jetzt Angst bekommen.

Dann umschlang sie mit beiden Armen seinen Leib und drückte ihren Kopf fest gegen seine Brust.

So stand sie eine Weile. »Jetzt hab' ich dich, jetzt hab' ich dich!« flüsterte sie.

»Du mußt aber ganz leise reden,« fuhr sie warnend fort, »denn daneben schläft jetzt jemand.«

Er nickte.

»Bist du auch gut rausgekommen?« fragte sie.

Er nickte wieder.

»Und hast du mich lieb?«

Sie sah, wie sein Blick erlosch, sie fühlte, wie ein Zittern durch seinen Körper ging … Hochaufatmend preßte sie seine Hände gegen ihr Herz.

»Jetzt ist es Zeit,« dachte sie.

Ob jener drüben schlief oder nicht – gleichviel!

Sie nahm eine Streichholzschachtel vom Nachttisch und sagte lächelnd: »Wart ein wenig, Liebster, ich habe noch zu thun.«

Damit verschwand sie, den Drücker hinter sich leise ins Schloß ziehend.

Leo stand noch immer an der Thür.

»Da wär' ich also an meinem Ziele!« dachte er.

Dann ließ er einen Blick voll dumpfer Neugier durch das Zimmer irren.

An der Decke brannte die Ampel, von seidenen Pompons locker umgeben.

In Fichtkampen war sie blau gewesen. Hier war sie rot.

Diese Thatsache stellte er fest. – Mehr zu denken war er nicht im stande …

»Wäre sie nur erst wieder hier!« dachte er, »damit ich nicht so stumpf und elend dazustehen brauchte.«

Dann erinnerte er sich des verheißungsvollen Lächelns, mit dem sie vorhin von ihm Abschied genommen hatte. – Ein heißes Angstgefühl beschlich ihn, gemischt mit einer seltsam zagen, schlaff machenden Hoffnung, der er einen Namen nicht zu geben wagte. Ihm war, als zerbräche sie ihm die Glieder, als söge sie ihm das Mark aus dem Leibe.

»Was will ich hier eigentlich?« stammelte er, mit wirren Augen um sich schauend, »was hab' ich hier zu suchen?«

Fünf – zehn Minuten vergingen – und sie kam nicht wieder.

Er starrte die Thür an, hinter der sie verschwunden war.

Irgend etwas plante sie, das war sicher.

Was es auch sein mochte, sie hatte leichtes Spiel mit ihm.

Müde war er.

Er schleppte sich zu dem Stuhle hin, auf dem sie vorhin gesessen hatte, stützte den Kopf in beide Hände und brütete auf die Papiere nieder, welche, wirr durcheinander geworfen die Platte des Schreibtisches bedeckten. – – –

»Meine gelibte Mama!

Die meisten Jungs reisen bald zu hause. Der Erich Proben bleibt hier weil der keine Mama hat und der Fritz Lawsky hat bloß einen vor Mund und der If der ist aus west Indien und ist gelb wie ein schweizer Käse. Die andern Jungs reisen alle zu Hause. – Warum darf ich nicht zu hause reisen? Einige haben noch weiter und reisen doch zu Hause. Ach, ich möchte gern zu hause reisen. Ich weine jeden Morgen und jeden Abend daß ich nicht zu hause reisen darf.«

So weit hatte er gelesen, gedankenlos, wie er irgend eine Zeitungsannonce verfolgt haben würde, weil sie gerade dalag, da kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, was er las.

Er packte das Blatt mit beiden Händen und drehte es um und um. – Ein leiser Laut, der wie ein Winseln klang, kam aus seiner Kehle. Und mit stieren Augen las er weiter:

Von der Bescheerung unter dem Tannenbaum … und der Schulglocke, die geläutet wird, wenn die große Stunde geschlagen hat … und was If, der Westindier, für sich erhoffte.

Keinen der kindlichen Wünsche überlas er, von den Zinnsoldaten bis zu dem heimlichen Taschentintenfaß und dem Konfekte.

Es gab ihm ein Wonnegefühl, sich mit jedem ein neues Schwert in die Brust zu bohren.

Ihm war, als hörte er aus Nacht und Ferne eine Kinderstimme klagen: »Onkel Leo! Onkel Leo!«

Er sprang auf.

Sein Entschluß war gefaßt.

Er hob seinen Mantel vom Boden, warf ihn über die Schultern und tastete prüfend nach dem Doppellaufe, der, kommender Dinge still gewärtig, in seiner Brusttasche ruhte.

Er wartete – seinem Glauben nach gewappnet und gefeit.

Und endlich begann die Thür sich lautlos zu regen.

In der dunklen Oeffnung, von dem Lichte der Ampel mit glutroter Dämmerung übergossen, stand leuchtend eine halbnackte Gestalt. Die weichgerundeten Arme, die sich sehnsüchtig über dem Haupte verschränkten, hoben und strafften die überreichen Brüste. Von den vollreifen Schultern herab floß das weiße Gewand in großen, ungebrochenen Linien auf die rosigen Füße nieder.

Wie eine Liebesgöttin stand sie da, nur in dem runden, niedlichen Gesichte mit dem feinen Näschen und dem lüsternen Munde war nichts Göttliches zu finden.

Er sah sie an. – Da hatte er sie, die lächelnde, schmeichelnde, nichts Böses wollende Sünde, sie, der er verfallen gewesen von Anbeginn, und die über Leichen hinweg harmlos und wehmütig ihre vergnüglichen Wege ging.

Angst und Grauen schüttelten ihn.

Darum also – darum!

Sie ihrerseits hatte erwartet, er würde mit einem Aufschrei des Entzückens auf sie losstürzen, und da Ulrich noch immer nicht schlief, so machte sie warnend: »Pscht!«

Dann ließ sie mit erfahrener Vorsicht die Thür geräuschlos ins Schloß zurückfallen.

Er rührte sich noch immer nicht, und da sie seine Erstarrung mißverstand und seinem Mute aufhelfen wollte, glitt sie lächelnd auf ihn zu und flüsterte, sich an ihn schmiegend, halb schelmisch und halb demütig:

»Da – da hast du dein Eigentum.«

Ihre nackten Arme umschlangen ihn.

Doch mit scheuer Kraft schob er sie von sich.

»Hör zu, Felicitas!« sagte er, nach Atem ringend, »ich hab' eben den Brief deines Jungen gelesen. Nach Liebe ist mir nicht zu Mut … Und mitnehmen kann ich dich auch nicht. Das wär' mir jetzt wie ein Mord … Stirb, wo und wie du willst! Und verzeih mir … Ich … muß jetzt gehn.«

Wohl war sie bei Nennung des Briefes betroffen zusammengefahren, doch von neuem lächelnd drängte sie sich an ihn.

»Aber Liebster,« flüsterte sie, »laß doch die dummen Gedanken.«

»Welche dummen Gedanken?«

»Nun, an Tod und an Sterben!«

»Wa–as?«

»Sieh mal,« flüsterte sie, seine Wangen streichelnd in leuchtender Siegeszuversicht, »warum sollten wir nun noch sterben wollen? … Das wäre doch der reine Unsinn! … Jetzt, da wir uns wiederhaben! … Jetzt, denk' ich, wollen wir erst zu leben anfangen.« Er starrte ihr in die Augen.

So ganz und gar sah er zwei Sterbende in sich und ihr, daß er die Entwürdigung nicht faßte, die ihm soeben von ihren Lippen zugemutet worden.

Und als er begriffen hatte, erfaßte ihn jählings eine blinde, blutige Wut … Vor seine Augen legte sich der rote Dunst … »Mach ein Ende!« schrie es in ihm.

»Du bist doch ein miserables Frauenzimmer,« sagte er und griff in die Brusttasche hinein.

Sie sah seine Bewegung, sie sah die blauen Läufe sich entgegenblinken – und schrie in Todesangst hell auf:

»Hilfe!«

Noch ehe er einen der Hähne zu spannen vermocht hatte, war sie in das Ankleidezimmer geflüchtet. Von dort her kam gellend ihr Schreien: »Hilfe – Mörder – Hilfe!«

»Bestie!« murmelte er und ließ die Waffe auf die Tischplatte sinken.

Für einen Augenblick unschlüssig, ob er fliehen oder sich ergreifen lassen sollte, stand er da. Er erhob das Auge.

In der dunklen Thür, langgereckt wie ein Gespenst, stand – Ulrich. Zu seinen Füßen wand sich das Weib.

Leo fühlte keinen Schreck, kaum ein Erstaunen. »Jetzt weiß er's,« dachte er. Und eine Art von kalter Neugier faßte ihn, wie er es aufnehmen würde.

»Rede!« sagte Ulrich mit einer Stimme, die ihm fremd war, »wie kommst du hierher?«

Er schien zu wachsen und zu wachsen.

»Rede doch!« sprach die fremde Stimme zum zweitenmal.

»Er hat mich morden wollen,« schluchzte Felicitas, die in ihrer Nacktheit zusammengekauert vor ihm kniete. »Weil – ich – ihm nicht – zu Willen gewesen bin – darum hat er mich – morden wollen!«

In Leos Fäusten zuckte es. Er machte einen Schritt vorwärts – ihm war, als müßte er sie erwürgen, ehe sie weiter sprach. Aber Ulrichs Auge lähmte ihn.

»Hör nicht auf sie!« stammelte er. »Hier bin ich! … Schieß mich doch nieder!«

Die Gestalt drüben kam ins Wanken … Eine lange, knochige Hand streckte sich aus und griff klammernd am Thürpfosten entlang.

»Ob er es übersteht?« fragte sich Leo, sprungbereit, um ihn im Fallen aufzufangen.

Aber Ulrich raffte sich wieder zusammen.

»Nicht hier!« sagte er, »wir werden uns treffen, sobald es Tag ist.«

»Gut … Wo?«

»Auf der Freundschaftsinsel, Leo.«

»Gut … auf der Freundschaftsinsel.«

Er wandte sich zur Thür.

Draußen im Dunkel wartete die alte Minna.

»Kommen Sie man rasch!« hörte er sie sagen, »unten wachen ja schon die Leute.«


 << zurück weiter >>