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XXXI.

Hertha Prachwitz war mit ihren Arbeiten noch immer nicht fertig, wiewohl der heilige Abend vor der Thür stand.

Sie hatte für Mama einen Gesangbuchdeckel aus gepunztem Leder mit Sinnsprüchen und Emblemen bemalt, für Großmama einen Tischläufer gestickt und für Elly einen Guipurekragen geklöppelt. – Nun arbeitete sie zur Nachtzeit an einer Brieftasche, die anonym an Leo gesandt werden sollte und die neben Verschlußfächern und Notizbuch auch einen Photographierahmen enthielt.

Dieser Rahmen war für das Bild von Felicitas Kletzingk bestimmt.

Ueber die Teufelei ihres Vornehmens war Hertha sich nicht klar geworden, sie wußte nur das eine: er liebte sie – er sollte hoffen.

Sie selbst wollte schweigend entsagen, vielleicht wieder katholisch werden und in ein Kloster gehn, vielleicht als Krankenpflegerin sich von der nächsten Seuche wegraffen lassen. – Gelegenheit bot sich genug, den Tod der Ueberflüssigen zu finden.

Ihre Krankenpflegerideen hatte Hertha nicht für sich behalten können und wurde unglücklicherweise von ihrer Stiefmutter darin bestärkt. Sie trug in dieser Zeit mit Vorliebe schwarze Kleider mit weißen Halskragen und übergeschlagenen Manschetten nach Art der englischen nurses und schlug heimlich das Zeichen des Kreuzes über sich und Elly.

Großmama, die diese Symptome mit Unruhe verfolgte und das Vertrauen des Kindes nicht mehr erlangen konnte, klagte eines Sonntags in der Sakristei dem Pfarrer Brenckenberg ihre Not.

Der Alte erwies sich als ein vernünftiger Mann. Er strich sich schmunzelnd das fette Doppelkinn und sagte:

»Lassen Sie man, liebe Frau von Sellenthin, das hat nichts auf sich. Das ist der sogenannte Jungfernkoller. – So zwischen fünfzehn und achtzehn – bei einer früher, bei der andern später – pflegt die Frömmigkeit einen ungeheuren Aufschwung zu nehmen … Da hab' ich denn nichts wie abzuwiegeln … Und wegen des Bekreuzigens – Gott – eigentlich ist sie ja katholisch – und lassen Sie mich man aufpassen – das bißchen Heidentum verliert sich wieder.«

Die alte Dame lächelte und gab sich zufrieden, aber Hertha setzte ihr Wesen fort, hatte blaugeränderte Augen und sah in den Mond.

Man hätte sie für krank halten können, wenn nicht gerade in diesen Wochen ihre Gestalt begonnen hätte, sich prächtig zu entwickeln. Ihr Busen höhte und weitete sich, der magere Hals erblühte in bräunlicher Straffheit, und die eckigen Schultern rundeten sich in sanftabfallenden Bogenlinien. – Nur das Köpfchen blieb hager und klein und behielt den vogelartig spähenden, unzufriedenen Ausdruck.

Aber alles, was an ihr zehrte – aufrührerischer Groll und Schmerz um die verratene Liebe – hielt vor dem Frieden der heiligen Zeit nicht stand. Während sie fleißig an ihren Geschenken arbeitete, quoll Liebe aus allen Winkeln ihres Wesens hervor. – Ein seliger Drang nach Gutsein und Vergeben bemächtigte sich ihrer und erstickte selbst die brennende Not, die sie mit Namen nicht zu nennen wußte und die sonst allemal sich meldete, wenn das Bild der schönen Frau vor ihren Augen stand.

Am Tage vor Heiligenabend konnte die Malerei der Brieftasche zur Not als fertig gelten.

Als sie die Photographie von Frau Felicitas aus dem Familienalbum entwendet und dem Rahmen eingefügt hatte, blieb nur noch eine Schwierigkeit: ihr Geschenk heimlich zum nächsten Postamte zu schaffen.

Am Vormittag des heiligen Abends wurde ihr die ersehnte Gelegenheit dazu einfach auf dem Präsentierteller entgegengetragen.

Großmama, welche die Weihnachtstische des Gesindes bereitete, fand, daß es an Nüssen und Pfefferkuchen mangelte. Auch wäre die Zahl der Schürzen und wollenen Schuhe zu knapp bemessen.

»Man möchte ja in diesem Unwetter keinen Hund auf die Straße jagen,« sagte sie, »aber wenn sich irgend jemand fände, der zu Hoffmann nach Münsterberg fahren möchte, so würde er sich beim Weihnachtsmann lieb Kindchen machen.«

Hochklopfenden Herzens erbot sich Hertha, die Fahrt zu unternehmen.

»Mein Schäfchen ist doch immer auf dem Platze, wo's gilt, was Gutes zu thun,« sagte Großmama, ihr die Wangen streichelnd, die unter der Last des unverdienten Lobes voll Scham erröteten. »Und wenn du den Verdeckschlitten nimmst, wird's wohl auch nicht zu kalt sein.«

Eine halbe Stunde später ging's auf den Weg.

Ein Schneegestöber, so dicht, daß weiße Tücher vor den Schlittenfenstern zu hängen schienen, erfüllte die Luft. – Die feinkörnigen Schauer prallten so hart gegen das Glas, als ob man aus ungeheuren Schaufeln weißen Sand dagegen schüttete. Der Sturm fegte mit unheimlichem Singen durch die Ritzen, die alsbald mehlig bepuderte Leisten erhielten.

Doch unter den Pelzdecken war es lauschig und warm. Das Halbdunkel des engen Raumes forderte zum Träumen geradezu heraus. – Ihr war, als ob ein sammetweiches Spinnennetz sie enger und enger umzöge und sie von allem trennte, was ihr das Leben verleidete.

Ihre Finger, welche die Brieftasche krampfhaft umklammert hielten, lösten sich, – sie barg den Kopf in der dunkelsten Ecke und dachte nur Liebes und Edles von ihm.

So ging ihr die Fahrt wie im Fluge dahin. – Nur als der Schlitten mit holpernden Stößen zum Strome hinunterbog, dessen Trajektweg auf geebneter Eisstraße vor wenigen Tagen fertig geworden war, schreckte sie empor und schaute mit leisem Grauen auf die Schollenberge hinaus, die sich rechts und links vom Wege aufstauten und die von den Schneewolken in Wirbeln umtanzt wurden.

Als sie in Münsterberg einfuhr, und die Gelegenheit, die Brieftasche abzusenden, in verführerischer Nähe vor ihr lag, wurde sie wieder unschlüssig.

Sie hatte nur nötig, dem jungen Manne bei Hoffmann zu sagen: »Packen Sie das da in meiner Gegenwart ein und schreiben Sie die Adresse des Herrn von Sellenthin darauf« – und alles war gethan. –

Plötzlich machte sie vor Schreck einen Satz in die Höhe.

Dicht vor dem Schlitten ging Er. – Keine fünf Schritte von ihr entfernt. – Sie erkannte ihn sofort, auch ohne daß er sich umwandte. Er trug eine Flausjoppe und lange Oekonomenstiefel: die von Großmama gestrickte Wintermütze aus grauer Walkwolle hatte er tief über die Ohren gezogen. Zwischen seinen Schultern saß eine dicke Schicht aufgewehten Schnees. –

Hertha war nicht im entferntesten darauf gefaßt, ihm hier in Münsterberg zu begegnen. Zwar hatte sie ihn auch daheim nicht gesehen, aber man sah ihn ja überhaupt nicht mehr. Höchstens zu Mittag fand er sich noch in den Familienzimmern ein, um schweigend zu essen, was man ihm bot, und dann eilends von hinnen zu gehen.

Jetzt hatte er seine Pferde erkannt.

»Hoho – wer da?« rief er, sich zum Kutscherbocke wendend. – Sein Bart war ganz voll Schnee gebacken. Das Tauwasser rann ihm über Stirn und Wangen.

Der Kutscher hielt, und er öffnete den Schlag.

»Ach, du bist's, Kind,« sagte er mit einem Lächeln, das müde und traurig war und sie dennoch mit Glückseligkeit erfüllte. »Willst wohl noch Einkäufe machen zu heute abend?«

»Ja.«

»Na, das ist recht! Ich möcht' mit dir fahren, aber ich hab' eigenes Fuhrwerk da. Hab' auch noch in der ›Preußischen Krone‹ zu thun. Komm gut nach Hause, Kind, und erkält dich nicht.«

Er bot ihr die Hand und schloß den Schlag. – Die Pferde zogen an – er war verschwunden. –

Hertha lehnte sich in ihre Ecke zurück und drückte die Augen fest zu. Die Brieftasche würde nun nicht mehr abgeschickt werden, das wußte sie wohl. Er brauchte ja nur zu lächeln, und alle Mucken waren verschwunden. Aber etwas Liebes mußte ihm angethan werden, etwas Extraliebes. –

Im Tumulte des Hoffmannschen Ladens machte sie ihre Besorgungen.

Die Schürzen mußten die schönsten Blumen tragen und die wollenen Schuhe mit roten Rändern geschmückt sein. Was es mehr kostete, legte sie aus eigenen Ersparnissen hinzu. –

Als sie vor der Thür der »Preußischen Krone« ihre Pakete in den Schlitten laden ließ, gewahrte sie Leo an einem Fenster der Gaststube. Vor ihm auf einem kleinen Tische stand eine Weinflasche. Er hatte den Kopf gegen beide Fäuste gestemmt und schaute nicht einmal auf.

Das Herz schlug ihr höher. Gern hätte sie ihn gefragt, ob er daheim nicht etwas zu bestellen habe, aber es fehlte ihr der Mut, an ihn heranzutreten.

Schweren Herzens ließ sie ihn vor seiner Flasche sitzen und fuhr von dannen.

Der Heimweg war wieder wie ein Traum. –

Sein Lächeln ging ihr nicht aus dem Sinne. Und wie einfach, wie freundlich er gesprochen hatte! Das macht die Weihnacht, dachte sie, die jagt alle Feindschaft aus dem Herzen.

Und nun wußte sie auch, was sie ihm Liebes erweisen konnte:

Die Brieftasche sollte ihm als Versöhnungszeichen auf seinen Teller gelegt werden, und statt des Bildes jener – Dame sollten Großmamas liebe, treue Züge ihm daraus entgegenlächeln.

Das änderte freilich die Sache. – –

Gegen halb drei kam Hertha zu Hause an.

Sie war müde und glücklich und hielt in steifgefrorenen Fingern noch immer die Brieftasche.

Zu thun gab's wenig mehr für sie. –

Großmama mit Johanna und der alten Mamsell besorgte die Bescherungen – und die Saalthüren blieben verschlossen.

Elly, die übrigens furchtbar faul gewesen war – kaum daß sie für Großmama ein paar Ellen Besatz geprudelt hatte –, lag lang auf dem Sofa und gab ihre thörichten Ideen zum besten … Wenn Bruno wüßte, was Frank ihr ins Ohr gesagt hatte, so müßte es notwendigerweise zwischen beiden zum Duelle kommen, und wenn Frank wüßte, was Bruno zu Käthe über sie geäußert hatte, so müßte es gleichfalls zum Duelle kommen. – Jetzt war es Bruno, über dessen Tod sie sich blind weinen würde, und fünf Minuten später war es Frank. – So ging ihr Geschwätze ziellos hin und her. Auch hatte sie sich in diesem Herbste allerhand Ausdrücke angewöhnt, welche Hertha mit Verachtung erfüllten, zum Beispiel: »einer einen wegschnappen«, oder »kokettieren wie verrückt«, oder »abfallen lassen«. Sie nannte ihre Verehrer »süße Kerle« und kramte ein ganzes Lexikon von englischen Fachausdrücken, »smart« und »ladylike« und »flirtation« und dergleichen vor Herthas unwilligen Ohren aus.

Diese stand an einem der Fenster, von denen aus der Hof zu übersehen war, und schaute in das Schneetreiben, dessen mehlige Wolken zwischen den Ställen ihr wüstes Spiel trieben … Von den Dächern wogten die weißen Schauer empor und wölbten sich über den Firsten wie linnene Laken, die der Sturm von der Bleiche emporpeitscht … In den Bäumen heulte und seufzte es … Eisige Krusten hatten sich an der Windseite der Stämme festgeklatscht … Hie und da war der Rasen bloßgelegt worden … Seine zitternden, verwelkten Gräser schauten drein wie Leichen, die man aus dem Grabe hervorgeholt hat und durch Zauber tanzen läßt … Aus den Wolken kam ein falbes Licht hernieder, welches die sinkende Dämmerung unheimlich belebte … Ein schmaler, schwefelgelber Streifen zeigte den Ort des Sonnenuntergangs. Kein grüßender Strahl ließ sich sehen, auf dem – wie Hertha in seligen Jugendjahren geglaubt hatte – das Christkindlein zur Erde herniedersteigen könnte. –

Ach, das war lange her! Alt und müd erschien sie sich heute! Ewigkeiten zehrenden Leides schienen hinter ihr zu liegen … Und vor ihr lag ein süßes, banges Etwas, dessen Ahnung ihre Seele mit wonniger Traurigkeit erfüllte und ihr die Thränen weihevollen Dankes in die Augen trieb … Es war ein Flüstern, ein Klingen ringsherum, leis und geheimnisvoll – ein Grabgesang und ein Frühlingslied, hold durcheinander gemischt … Ueberall schien etwas rege, was blühen und leben wollte, – ein Rosenbusch voll tauiger Knospen, oder ein Vogelnest mit goldig gesprenkelten Eiern – irgend etwas, was man als Hoffnung und Geheimnis in tiefster Seele hegt und hütet.

Und alles zusammen hieß Weihnacht, hieß Versöhnung!

Die Uhr ging auf fünf.

Immer grauer wurden die Schneewolken draußen, immer mehr schwammen die Stalldächer mit dem Himmel zusammen.

Und er kam nicht …

Von der Gesindestube her drang schon das Summen vieler Menschenstimmen. Die Ungeduld trieb alle die Harrenden zusammen, lange noch bevor das Glockenzeichen ertönen sollte. Großmama hatte das vorausgesehen und ließ große Mengen von Kaffee und Striezel unter sie verteilen.

Hertha wollte sich nützlich machen und ging zu ihnen hinaus.

In dichtem Gedränge standen sie da, muffige Dünste aushauchend, und hielten die wärmenden Kaffeetöpfe zwischen den erklammten Fingern.

Auch Mamas Betschule war vollzählig vertreten. Mama hatte den Kleinen zuerst bei sich im Witwenhause bescheren wollen, weil es ihr nicht paßte, den murrenden Bruder um irgend eine Erlaubnis anzugehen, aber auf Herthas Bitten und die Versicherung Großmamas, daß er nichts dawider haben würde, hatte sie sich entschlossen, für den Festabend mit der kleinen Welt, die sie umgab, ins Herrenhaus überzusiedeln.

Alt und jung begrüßte strahlend die allbeliebte »gnäje Kumteß«. Sie nahm ihre Lieblinge der Reihe nach auf den Schoß, ließ sich von den Müttern deren winterliche Leiden ausführlich vorerzählen und fühlte sich als guter Engel …

Aber die Zeit verrann – und er kam nicht.

Als die Uhr sechse schlug, begannen die Leute in den Korridor hinauszuströmen und gegen die Saalthüre hinzudrängen. Dort stauten sie sich mit Gier und Lärmen. Obgleich ein jeder wußte, daß sein Teller für ihn bereitet stand, versuchte er doch mit Knieen und Ellenbogen dem Vordermanne den besseren Platz abzugewinnen.

Hertha kehrte nach den Familienzimmern zurück, weil niemand mehr sich um sie kümmerte.

Großmama ging mit erregten Schritten auf und nieder, Mama starrte in die Lampe, und Elly zupfte gähnend an der Tischdecke.

»Solch eine Rücksichtslosigkeit!« schalt Großmama. »Er weiß, daß die Leute einen mit ihrer Ungeduld beinahe auffressen, er weiß, wie gerne ein jeder zur Ruhe kommen möchte, und anstatt wenigstens am heiligen Abend zu Hause zu sein, treibt er sich weiß Gott, wo, herum.«

Hertha war entsetzt, daß selbst Großmama, die sonst immer seine Partei nahm, heute wider ihn herzog. Und damit ihn wenigstens einer verteidigte, sagte sie:

»Ich hab' ihn doch heute in Münsterberg getroffen. Er hatte noch Geschäfte in der ›Preußischen Krone‹.« –

Aber Großmama entgegnete, noch böser werdend:

»Ach was, Geschäfte! Am heiligen Abend hat keiner Geschäfte.«

Hertha sah ihn durch Sturm und Nacht dem heimischen Herde zueilen, sah ihn verirrt, in den wehenden Schneedünen festgefahren. Vor Mitleid und Angst krampfte sich ihr Herz zusammen. – Wie war alles anders geworden seit heute früh – durch ein freundliches Wort, ein weihnachtliches Lächeln!

Mit der Brieftasche unter der Schürze schlich sie zu ihrem Schubfach, warf Lizzies Bild verächtlich in einen Winkel und schob das Großmamas an seine Stelle.

Die Uhr schlug sieben. Draußen drückte man fast die Thür entzwei, und noch immer ließ keine Schlittenglocke sich hören. –

»Es hilft nichts,« sagte Großmama, sich die Thränen abwischend, »wir müssen Weihnachten ohne den Hausherrn feiern.«

»Wir sind ja daran gewöhnt,« erwiderte Mama in ihrer verbissenen Art.

Hertha haßte sie beinahe für diese Antwort.

»Aber siehst du denn nicht ein,« erwiderte Großmama, von neuem weinend, »wie das doppelt schmerzlich für mich ist? – Vier Weihnachten ist er weg gewesen in Amerika und Gott weiß wo, und nun, wie er wieder da ist, muß er mir – das – anthun?«

»Wart noch ein Viertelstündchen!« bat Hertha, »das schlechte Wetter wird schuld dran sein.«

Man wartete nicht eine Viertel-, sondern eine halbe Stunde, dann kam die Mamsell herein und meldete:

»Ich kann's mit den Leuten nicht mehr aushalten – die Kinder weinen, und die Männer wollen nach Hause gehen.«

»Kommt!« sagte Großmama entschlossen. »Es muß sein.« – Die drei, welche die Bäume geschmückt hatten, gingen sie anzünden. Die beiden Cousinen blieben allein.

Atemlose Stille breitete sich im Hause aus.

»Was meinst du,« sagte Elly, die ohne Aufhören mit der Tischdecke gespielt hatte, träumerisch aufblickend, »ob ich wohl etwas Anonymes geschickt bekommen werde?«

Hertha zuckte die Achseln und sah über sie hinweg.

Und dann erklang die Glocke. –

Eine atemlose Angst, wie einst in Kinderjahren, packte Herthas Herz. Mit zitternden Händen raffte sie ihre Geschenke zusammen.

Die Flügelthüren öffneten sich. Ein Meer von Kerzenlicht flutete ihr entgegen.

Drei Tannenbäume füllten mit Glanz und Duft den weiten Raum – einer für die Herrschaft, einer für das Gesinde und der dritte für die Kinder der Betschule.

Auf langen, weißgedeckten Tischen reihte sich Teller an Teller. – Warme Kleider, Schuhe, Mützen, Halstücher und Strümpfe lagen in dunklen Paketen daneben. An dem Wollenzeug hatte Großmamas sorgliche Hand schon in der heißen Sommerzeit geschneidert und gestrickt. Für die Kinder war neben dem Warmen und Süßen auch billiges Spielzeug aufgebaut, denn »gespielt haben muß der Mensch einmal«, sagte Großmama.

Zur gegenüberliegenden Thür herein brachen sie in hellen Haufen. Sie, welche den Eingang hatten sprengen wollen, drückten sich verlegen an den Wänden entlang und wagten nicht sich den Tischen zu nähern. Einzeln ließen sie sich herbeiziehen und schielten alsdann scheu zu ihrem Eigentum hinüber, als müßte es erst gestohlen werden, um in ihre Hände zu gelangen.

Hertha hatte so viel zu thun, aufzumuntern, zu führen und zu erklären, daß sie an ihre eigene Bescherung nicht denken konnte.

Inzwischen waren auch die Insassen des Amtshauses, die Inspektoren, der Brauer und der Rechnungsführer erschienen, welchen am Familientische aufgebaut worden war.

»Nehmen Sie vorlieb, meine Herren,« sagte Großmama, die Thränen tapfer verbeißend, »mein Sohn hat sich verspätet – er wird hinzufügen, was noch fehlt.«

Der lange Brauer erschöpfte sich in Entschuldigungen – weswegen, wußte niemand, – und Schumann schien unruhig zu werden.

Hertha nahm ihn beiseite: »Seien Sie aufrichtig, Herr Schumann, kann ihm ein Unglück passiert sein?«

»Können – kann schon!« – erwiderte der Brave, »in den Graben kann er gefahren sein – oder so – aber lassen Sie's nicht merken, Komteßchen, sonst ist der Großmama ihre Freude futsch.«

»Wollen Sie denn gar nichts thun?« fragte Hertha, ihre Angst hinunterschluckend.

Ja, nach der Bescherung wolle er Leute auf die Suche schicken.

Damit mußte sie sich für jetzt zufrieden geben.

Großmama, deren Kummer sich in doppelte Liebe umzusetzen schien, hatte für jeden ein gutes Wort, eine stille Zärtlichkeit in Bereitschaft. Sie streichelte Herthas Wange und führte sie zu ihrem Teller.

Hertha sah einen Stapel Bücher, sah etwas Goldnes flimmern, aber ihr Auge war trübe von verhaltenen Thränen: was es war, vermochte sie nicht zu erkennen.

Mama, die mit trübsinnigem Lächeln ihrer Betschule die Honneurs machte, ließ die Kleinen in Reih und Glied sich aufpostieren und das zweistimmige Weihnachtslied anstimmen, das man schon seit zwei Monaten durch die entlaubten Gänge des Parks herübertönen hörte.

Alles schwieg und faltete stillstehend die Hände.

»Vom Himmel hoch, da komm' ich her,« schrieen die messerscharfen Diskantstimmchen, durch die Freude zu mächtigen Leistungen ermutigt, in den weiten Saal hinein.

Da plötzlich wurde die Thür mit jähem Rucke aufgerissen und krachend wieder ins Schloß geworfen.

Alles schaute sich um, der mühsam gelernte Choral kam ins Wanken.

»Ruhig da!« schrie eine dröhnend heisere Stimme in den Singsang hinein, der sofort verstummte.

Herthas Kniee begannen zu zittern. Sie sah und wagte doch nicht zu sehen.

Mit kupferrotem Gesicht, die Augen verquollen, über und über mit schmelzendem Schnee bedeckt, kam er, die Hacken kurz aufschlagend, quer durch den Saal, während alles um ihn her verängstigt in die Ecken wich.

»Was für 'ne Wirtschaft ist das?« schrie er. »Man feiert Weihnachten in meinem Haus, ohne daß ich dabei bin? – und ich muß über die Hofmauer klettern, um überhaupt reinzukommen? – Was, ihr Banditen? ihr – ihr – Canaillen ihr! – Raus! Schlitten ausspannen! Vorwärts!«

»Hilf Himmel, er ist betrunken!« rief leise Großmama, die Hände ringend.

Hertha umschlang sie mit beiden Armen, als wolle sie die alte Frau vor seinem Zorne schützen.

Johanna stellte sich ihm in den Weg.

»Den Weihnachtsfrieden zu stören hat selbst der Hausherr nicht das Recht!« sagte sie, indem sie ihn verächtlich maß.

»Ach, hol dich der Deibel mit deinen Phrasen!« stieß er hervor, ihr seine haßerfüllten Blicke ins Antlitz bohrend. »Und wenn ich dein Geplärre da drüben dulde, so verbitt' ich's mir um so energischer im eigenen Hause. Hier will ich Ruhe haben – verstanden?«

»Nur zu gut verstanden!« erwiderte sie, indem sie bedeutungsvoll in sich hineinlächelte. Dann wich sie, die Schleppe aufraffend, zur Seite.

Er schritt auf Großmama los, die hilflos in einem Sessel zusammengesunken war und in stumpfem Jammer mit dem alten Kopfe wackelte.

»Großmama läßt du aber in Ruh!« rief Hertha, halb sinnlos vor Entsetzen, ihm entgegen, indem sie deren liebes, erstarrtes Gesicht schützend mit den Händen bedeckte.

»Na, na, na, na,« stieß er hervor, und ließ die blutunterlaufenen Augen halb geistesabwesend auf der Gruppe ruhen.

Langsam schien er zum Bewußtsein dessen zu kommen, was er that.

»Geh fort!« rief Hertha zornsprühend von neuem. »Du benimmst dich ja wie ein wildes Tier, du!«

Er grollte und kollerte in sich hinein – dann warf er sich schwer in einen Sessel, auf welchem ein Morgenkleid für Hertha kunstvoll ausgebreitet lag.

Der Saal hatte sich langsam geleert. Die einen hatten ihre Teller scheu und verstohlen an sich gerissen, die andern gar im Stich gelassen, was ihnen beschert worden war, auf günstigere Zeiten der Besitzergreifung hoffend.

»Komm, Großmama,« sagte Hertha, »in deinem Zimmer wirst du wohl sicher sein.«

Er zuckte empor und fiel brütend wieder zusammen.

Mit Herthas Hilfe richtete sich Großmama in die Höhe.

»Mein Jung', mein Jung',« klagte sie leise, die Hände über ihm faltend. – Er nickte zwei-, dreimal: sein Grollen und Kollern dauerte fort.

An Herthas Arm verließ die alte Frau das Zimmer und Elly, die sich hinter ihrem Sitz versteckt gehalten hatte, zottelte furchtsam hinterdrein.

In der Thür wandte sich Hertha noch einmal um, Da saß er mutterseelenallein in dem weiten, leeren Saal mit den strahlenden Tannenbäumen und den langen, weißen Tischen, und stierte hinter ihnen her mit einem Ausdruck so trostlosen, herzbrechenden Elends, daß Hertha bei diesem Anblick von einem Grauen kalt überrieselt wurde. –

Ihr war, als sähe sie in einen Abgrund, der auch sie verschlingen sollte.


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