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XX.

Es war am Spätabend des folgenden Tages.

Hertha, schon halb ausgekleidet, stand am Fenster ihres Schlafzimmers und sah in den Mond.

Die Brust war ihr eng von dem lastenden Weh.

Sie hatte an ihre Freundin Adah geschrieben – Adah von Wehrheimb, mit der sie seit der Pensionszeit Freud und Leid zu teilen pflegte. Auf dem Tische lag noch der offene Brief, mit zwei Postskripten versehen. –

Endlich hatte sie sich ein Herz gefaßt und der Freundin von dem Scheitern ihrer Hoffnungen Kunde gegeben.

Nun, da sie ihre Klagen ausgesprochen hatte, fühlte sie zum erstenmal den ganzen Kummer, dem sie anheimgefallen war, denn bis jetzt hatte ein ungewisses Mißtrauen gegen sich selbst sie verhindert, ihre Leiden wichtig zu nehmen.

Und dann gab es so vielerlei, was einen störte, wenn man sich so recht unglücklich fühlen wollte – der Hühnerstall – die Fohlen – das Reitpferd – die Schaukel – Ellys dumme Redensarten – der Scheibenstand und – nicht zu vergessen – Großmama mit ihrem Kochbuch.

Als Freunde und Gönner des Unglücks hingegen erwiesen sich: Elise Polkos Dichtergrüße – Leo, der Hund – das Stickzeug und vor allem – der Mond.

Langsam zog er jetzt über den rauschenden Wipfeln seines Wegs. Der richtige Septembermond – groß, weiß und kalt, mit scharfbegrenzten Schatten in dem leuchtenden Rund. Er fegte die grauen Wolken, die wie ein silberner Staub zu zerflattern schienen, sobald er sie berührte. – Kaum, daß ein leiser Nebel auf der glatten Scheibe von ihnen übrig blieb.

Die Rasenplätze des Gartens lagen in grellem Lichte da. Auf dem Karpfenteiche jagten sich Funkenschwärme, sobald der Wind die Oberfläche kräuselte. – Es war, als ob Frostschauer einen weißen Leib überrieselten. –

Schwarz mit steifen Kanten – ein plumper Haufe von Finsternis inmitten des flimmernden Lichtbereichs – erhob sich dicht dahinter der Obelisk.

An der einen Seite schien er ein wenig ausgebuchtet, als hätte man ihm dort ein rundliches Stück hinzugesetzt, und inmitten dieses Ansatzes glühte etwas dunkelrot wie ein feuriges Auge. –

Hertha sah schärfer hin. Sie glaubte sich getäuscht zu haben. Aber das feurige Auge verschwand nicht. – Es guckte sie an, tückisch und spähend, als wollte es sagen:

»Ich kenne dich wohl – dich und dein dummes, verliebtes Herz.«

Dies Herz begann lauter zu schlagen. – Was konnte es sein, was da um Mitternacht in dem ausgestorbenen Garten herumfeuerwerkte? –

»Wenn du nur einen Funken Courage hättest,« sprach sie zu sich, »so gingst du auf der Stelle hinunter, um zu sehn, was es ist.« –

Wenn Herthas Wille an ihre Courage appellierte, so war er alsbald in Thaten umgesetzt. – Sie hing ihren grauen Regenmantel über die Schultern, warf noch einen prüfenden Blick nach dem Bette Ellys hin, die mit leicht geschwellten, roten Lippen den unerwecklichsten Schlummer schlief, und schlürfte auf ihren Pantoffeln in den Korridor hinaus, in welchem die monderhellten Fenster eine Galerie von leuchtenden Flecken an die Längswand malten.

Nun fing sie an, sich ernsthaft zu fürchten, aber die Hinterpforte war nicht fern. – Der Riegel kreischte, und hochaufatmend betrat sie den Garten, dessen taufeuchte Gräser sich eisig kalt um ihre dünnen Strümpfe legten.

Noch immer leuchtete das feurige Auge zu ihr herüber. Für einen Moment war's, als ob sich ein Lid darüber legte, dann erschien es von neuem, doch diesmal an einer etwas tieferen Stelle.

Einen Augenblick lang dachte sie an Umkehr, im nächsten schämte sie sich und begann schnurstracks dem verdächtigen Gegenstande entgegenzulaufen. –

Da schlug plötzlich ein Hund an, und eine Stimme, die ihr das Herz zum Stillstehn brachte, rief:

»Wer ist da?«

Sie erschrak so sehr, daß sie weder zu reden, noch einen Schritt vorwärts oder rückwärts zu thun vermochte. Wie angenagelt stand sie da, bis Leo, der Hund, mit freudigem Winseln die feuchte Schnauze in ihre hohle Hand hineindrängte. –

»Wer da – zum Teufel?« rief die Stimme noch einmal, und dann sah sie seine Gestalt sich hünenhaft erheben und auf den Baum losschreiten, hinter dem sie stand.

»Ich bin's – bloß,« stieß sie würgend hervor.

»Kind – du? – Warum steckst du nicht im Bette?«

»Ich konnte nicht einschlafen.«

»Und treibst dich spät nachts hier herum? Das sollte die Großmama wissen!«

Er hatte ihre Hand gefaßt, die sich vergeblich in der seinen wand. – Die kurze Pfeife, die er im Munde hielt, spie Wolken weißen Qualms um sich. – Ihr glühender Deckel war das feurige Auge gewesen, das so verdächtig zu ihr herübergeschielt hatte.

»Du bist ja auch noch draußen,« erwiderte sie, die Zähne aufeinanderbeißend, daß sie knirschten.

»Mit mir ist das was andres. Ich bin ein robuster Kerl, der Wind und Wetter vertragen kann!«

»Ich auch!«

»Na, na!«

»Und wenn ich's nicht vertragen kann, schadt's auch nichts. – Mehr als zu Grunde gehn, kann man ja nicht.«

Er schnalzte bedauernd mit der Zunge. »Kind, Kind,« sagte er. »Schlagen wir schon wieder mal mit den Flügeln?«

»O geh – Laß mich!« – Sie streckte den Ellbogen gegen ihn aus. Das Schluchzen war ihr nahe. –

»Fang nicht wieder die alte Geschichte an, Hertha! – Ich hab' dir doch schon lange nichts mehr gethan!«

»Nein, nein!« erwiderte sie. »Du hast mir nichts gethan – rein gar nichts! … Im Bösen nicht … Und im Guten auch nicht!«

Er strich sich nachdenklich den Bart, – »Da wir einmal hier sind, Kind … und, wie es scheint, beide nicht schlafen können … so komm, setz dich – setz dich neben mich … Wir haben vielleicht manches zu reden.«

Ihr sagte ein dunkles Gefühl: »Jetzt muß ich mich wehren!« Aber was half's? Schon hatte er sie um die Schulter gefaßt und zog sie nach den Stufen des Obelisken hin, wo er vordem gesessen hatte. –

»Was soll ich hier?« fragte sie, indem sie sich zusammenkauerte. –

»Sei mal aufrichtig, – du bist nicht glücklich, mein Kind?«

Sie zuckte zweimal die Achseln und sagte: »Auch noch!«

Er verbarg ein Schmunzeln.

»Also beichte! … Was fehlt dir eigentlich? … Dein verändertes Wesen ist uns allen aufgefallen … Großmama macht sich schon ernsthafte Sorgen. Und das willst du doch nicht, wenn du sie lieb hast – nicht wahr?«

Sie schüttelte den Kopf, das Weinen verbeißend: »Ich will ja – alle – lieb haben – alle!« stammelte sie.

»Na siehst du! … Und wir thun doch auch, was wir dir an den Augen absehn können. Begreifst du denn das noch immer nicht, du Eigensinn?«

»Geh – du! – Du willst mich ja bloß kränken.« Und sie zuckte mit dem Ellbogen nach ihm hin.

»Ich?« fragte er, »Schockschwerenot! Wodurch?«

»Ja – du sprichst mit mir, als ob ich noch ein Kind wäre!«

»Und das kränkt dich?«

Sie schwieg. – Nun war es an der Zeit, ihm zu sagen, was sie auf dem Herzen hatte. – Die große Stunde der Abrechnung hatte geschlagen.

Aber ihr war's, als hätte man ihr die Lippen zugenäht. – In ihrem Kopfe brauste und wirbelte es. Sie hatte eine dunkle Empfindung, als ergösse sich ein Wasserfall vom Scheitel aus an ihrem Leibe hernieder. – Mit mattem Aufseufzen sank sie gegen den Stein.

Er fürchtete, eine Ohnmacht habe sie angewandelt. Und sie mit dem linken Arme umschlingend, beugte er seinen Kopf nah zu dem ihren herab.

Der Mond hatte die eine Hälfte ihres Antlitzes ganz in Licht getaucht, während auf der andern nur das Wangenoval sich matt aus dem Dunkel hervorhob.

»Sei vernünftig, Herzenskind!« bat er.

Sie rührte sich nicht, und er konnte sie mit Muße betrachten.

In der Schattenmasse des gelösten Haares leuchteten wie Johanniswürmchen vereinzelte Lichter, und in dunkeln Spiralen zogen sich ein paar Strähnen über die hohe, klare Stirn. Um den herb geschürzten Mund herum lagerte ein Kummerfältchen, das er sonst nie an ihr bemerkt hatte.

Alles in allem – es war kein Kinderantlitz mehr, was da im Mondglanz weißleuchtend vor ihm lag. –

Und heller zuckte jene Empfindung in ihm auf, die vor Wochen nach dem Begegnen in der Schenke klagend und vorwurfsvoll in seinem Herzen erwacht war:

»Hier ist das Glück, das du im Zuge bist, dir zu verscherzen.«

Jene sonnige, traumhafte Ahnung: »Es wird sein,« wagte sich nicht mehr aus den Tiefen seiner Seele hervor. – Das, was gewesen war, hielt sie in Banden. Immer drohender reckte die Vergangenheit, deren er längst Herr geworden zu sein wähnte, ihren gespenstischen Leib vor ihm empor. Eine dumpfe, widersinnige Angst strömte von ihr aus und drang durch alle Poren auf ihn ein.

Nicht umsonst saß er um Mitternacht hier draußen, brütend über Empfindungen, die nicht dagewesen waren, wenn man ihnen Namen geben wollte, und die plötzlich wiederkamen, wenn man sich am sichersten vor ihnen glaubte. – Nicht umsonst verspielte er den Schlaf, er, der mit Tagesanbruch schon wieder an die Arbeit mußte. –

Eine schmerzliche Zärtlichkeit erwachte in ihm gegen dieses holde, halbreife Wesen, das voll unbewußter Jugendnot in seinem Arme hing. – Ihm war zu Mute, als müßte er selber Hilfe finden, dieweil er ihm Hilfe gab.

Mit unsicherer Hand streichelte er ihre Wange.

»Na, sei gut, Herzenskind!« tröstete er. »Rede – erleichtere dein Herz.«

Sie seufzte tief auf und drehte ihr Köpfchen ein wenig nach seiner Schulter zu, als ob sie sich dort einnisten wollte.

»Wie damals!« dachte er. »Noch eben scheu und trotzig und jetzt ganz in Weichheit aufgelöst.«

Und sie schwieg noch immer.

»Sieh mal, ich lebe so neben dir her,« sagte er, »aber von deinem Leben, deiner Vergangenheit weiß ich eigentlich gar nichts.«

»Du hast mich ja nie gefragt,« erwiderte sie.

»Würdst du mir denn überhaupt Rede stehn?«

»Gewiß würd' ich … Jetzt gleich?« Sie löste sich sacht aus seinem Arme. Ein ängstlich glückseliges Lächeln verklärte ihr Gesicht.

»Aber gewiß! … Wenn du Lust hast – schieß los.«

Das Wort »losschießen« gefiel ihr nicht – es schien ihr wenig zu der Feierlichkeit des Augenblicks zu passen: aber sie war so froh, sein Interesse an ihr zu sehn, daß sie die Verstimmung rasch verwand.

»Ach Gott,« sagte sie, »es ist da im Grunde nicht viel zu erzählen. Viel hab' ich ja noch nicht erlebt – und meistens waren's auch Dummheiten!« –

»Besinnst du dich auf deine Mutter?« fragte er dazwischen, um ihr auf die Sprünge zu helfen.

Sie sandte einen Blick zum Sternhimmel hinauf. – »Ja, Gott sei Dank,« sagte sie – »ich war fast sieben Jahre, als sie starb … Ach, was hab' ich damals geweint! … Wir lebten in einem großen Schlosse … unter lauter Polen … das Schloß lag auf einem Hügel und hatte einen Säulengang nach der Weichsel hin … denn die floß dicht vorbei … In dem Säulengang pflegte sie zu sitzen, wenn es warm war … und die Mägde mit den roten Kopftüchern trugen die Decken hinter ihr her. Und alle Augenblicke sagte sie: ›Mnie jest zimno‹, das heißt: ›Mir ist kalt‹ … und dann wurde eine neue Decke über sie gebreitet … Und unten fuhren die langen Kähne vorbei, und Mittwochs und Sonnabends das Dampfboot. Dem Dampfboot wollte sie immer nachschauen, so lange noch ein Wölkchen davon zu sehn war … und wenn es verschwunden war, so sagte sie: ›Podniescie mnie‹, das heißt: ›Richtet mich auf‹, damit sie im Stehn noch etwas davon sehn konnte … Sie hatte braune Haare und ein wachsbleiches Gesicht mit großen, dunklen Augen drin, und immerfort stand ihr der Schweiß auf den Backen. Groß war sie nicht, eher klein … und hatte ganz magere Arme, aber das kam von der Krankheit … und von dem Gram … und von der Langeweile. Denn sie sagte immerfort: ›Ich bin sehr unglücklich und ich langweile mich sehr.‹«

»Und dein Vater – wo war der?« fragte er. – Ueber ihr Antlitz breitete sich ein harter, haßerfüllter Zug. –

»Von meinem Vater red' ich nicht,« erwiderte sie, »denn der war schlecht. – Ja, schlecht war er. – Und ich werde auch schlecht werden, denn ich seh' ihm ähnlich.«

»Schockschwerenot,« schalt er, »wer hat dir den Unsinn beigebracht?«

»Das ist kein Unsinn,« erwiderte sie voll Ueberzeugung. »Hast du nie von Darwin gehört?«

»Ja – daß wir vom Affen abstammen sollen und ähnlichen« … »Mist« wollte er sagen, aber er verschluckte es.

»Und von der Vererbung … Daß … wir alle die Eigenschaften unsrer Eltern erben. Unser Naturgeschichtslehrer hat uns das alles erklärt … Und wessen Vater dem Trunk ergeben war, der ist auch dem Trunk ergeben.« –

»Trank denn dein Vater?«

»Ja – er hat auch getrunken.«

»Und da hast du wohl Furcht, daß du auch ein Trunkenbold werden wirst – hä?«

»Nein, das nicht. – Einem Mädchen kann das doch nicht passieren … Aber wegen der Hitze.«

»Welcher Hitze?«

»Ja, er war so hitzig. Er kannte sich dann gar nicht. Einmal ist er auf mich mit dem Messer losgegangen.«

»O weh – o weh! – Wie alt warst du da?«

»Noch nicht achte … Es war nach Mutters Tode. Er kam angereist, ich weiß nicht, von wo … Wir hatten ihn seit zwei Jahren nicht gesehn … Und wie er erfuhr, daß er nichts erben sollte, und ich alles, und daß schon eine Vormundschaft eingesetzt war, da geriet er ganz außer sich …, und da hat er's gethan … Und dann nahm er mich mit sich auf Reisen … Ich mußte immer bei ihm sein. Denn so lange ich bei ihm war, bekam er die vielen Erziehungsgelder ausgezahlt.« –

»Wie – das hast du damals schon alles verstanden?« rief er in tiefster Seele erschrocken.

Ueber ihr Gesicht flog ein trauriges Lächeln, das sie um Jahre älter machte. – »Siehst du, ich bin gar nicht so dumm!« sagte sie. »Ich habe schon viel geweint in meinem Leben … Und ja … wir sprachen von der Hitze … Die Hitze hab' ich auch … Wenn ich böse werde, dann seh' ich nichts mehr … und dann wird alles Blut um mich 'rum … Ich werde auch noch einmal ein schlechtes Ende nehmen. Und Mama meint, ich solle nicht müde werden im Beten, und alle Tage den Herrn Jesus anflehen, damit er das böse Blut in mir ersticke … Aber ich weiß eigentlich nicht, ob das richtig ist. Denn – weil ich die bösen Stunden habe, hab' ich auch die guten, von denen andre sich nichts träumen lassen … Die Elly zum Beispiel – na, du kennst sie ja – die ist immer ruhig und immer sanft … Aber ich glaube, mir scheint die Sonne sozusagen heller, als ihr – und das Grün kommt mir grüner vor – und – und – siehst du – der Mond! Wie er da oben so – steht … Das sieht sie gar nicht … Sie ist immer gleich eingeschlafen. Und ich meine manchmal: Auch das Unglück ist ein Glück … Wenn man's nur so recht – recht genießen kann.«

Er faßte sich mit den Händen nach der Stirn und starrte sie an. »Großer Gott,« dachte er, »welch ein Zauber ist in solch ein Geschöpf gelegt!« –

Sie hatte sich in Eifer geredet und achtete dessen nicht. – »Ja – und dann hat er mich in Genf zurückgelassen und ging sich verheiraten. Und so sind wir beide verwandt geworden, siehst du … Und als ich hörte, ich hätte eine neue Mutter bekommen, da hab' ich vor Freuden geweint und die andern – die Mädchen mein' ich – haben mich geängstigt und haben gesagt: ›Wie wird dir's ergehn? Jetzt kriegst du auch noch une marâtre‹ … denn dort sprachen wir alle französisch … aber ich dachte mir: ›Wer sie auch ist, wenn sie dich sieht, wird sie Erbarmen mit dir haben‹ … und weil Madame Guignand verlangte, daß ich ihr im voraus meinen Respekt bezeugen sollte, schrieb ich ihr einen Brief … Da war aber nichts von Respekt drin, sondern der fing an: ›Ma mère, voici une malheureuse enfant qui vous implore –‹ und so weiter … Siehst du – das hat gleich geholfen … Und als sie kam, war sie lieb und gut mit mir, und mein Herz ist ihr entgegengeflogen … Ach, damals konnte sie noch manchmal lächeln! … Mein Vater schien sie sehr zu lieben, und ich hoffte, ich würde nun bessere Tage haben, wenn ich daheim blieb … Aber eigentlich hatten wir gar kein Daheim … Auf dem Gute, das ihm die verstorbene Mama zum Aufenthalt überlassen hatte, wollte er nicht bleiben, denn er schämte sich, sagte er, bei ›Mademoiselle‹ zu Gaste zu sein. – Mit ›Mademoiselle‹ meinte er mich … Malkischken aber, sein eigenes – du kennst es ja – war so zerfallen, daß wir uns die Möbel für drei Zimmer von einem Tischler aus Münsterberg haben auf Borg nehmen müssen … Drum blieben wir dort auch nicht lange, sondern zogen überall umher … In Baden-Baden waren wir und in Spaa und Nizza, und überall war es dasselbe … Die Kellner und die elektrischen Klingeln … und morgens die zwei Eier zum Kaffee … und mittags zwölf Gänge, aber wenn man außer der Zeit Appetit bekam, mußte man hungern, denn das war im Pensionspreis nicht einbegriffen … Und Mama immer traurig, und Papa immer bös zu mir und ohne Geld … O, es war entsetzlich … Und eines Tages hat er mich wieder mit der Reitpeitsche schlagen wollen, da ist Mama dazwischengesprungen und hat ihm zugerufen: ›Das Kind kommt noch heute fort oder –‹ Was das ›Oder‹ war, verstand ich nicht, aber er wurde leichenblaß, und am andern Morgen fuhr ich ab … Zuerst nach Genf zurück, wo ich bis zum dreizehnten Jahre blieb … Dort hab' ich Adah« – sie hielt erschrocken inne, denn sie gedachte des Briefes, der drinnen noch feucht auf dem Tische lag. –

»Welche Adah?« fragte er. –

»Adah von Wehrheimb – meine beste Freundin,« erwiderte sie, und den Kopf errötend abgewandt, fügte sie hinzu: »Sie ist auch schon verlobt.«

»Schau, schau,« lachte er. »Das ist ja fix gegangen. – Und was war dann?«

»Dann – ja dann –,« sie konnte den Faden nicht sogleich finden, denn sein Lachen gab ihr zu denken – »dann kam ich nach Hamburg, zu Frau Lüttgen, die wir in Wiesbaden kennen gelernt hatten … Frau Lüttgens Pensionat ist das vornehmste Pensionat in ganz Hamburg … O, was hab' ich dort für schöne Zeiten verlebt! … Frau Lüttgen war so lang wie eine Bohnens–tange und s–tarb auf der S –telle, wenn man vor dem S–piegel s–tand, oder mit einer S–tecknadel s–pielte, oder eine S–peise bes–pöttelte … Ach, es war zu nett! … Und dort wurde ich auch eingesegnet, denn ich sollte protestantisch werden, obwohl die sel'ge Mama katholisch war. Und ich wollte es auch ganz gern. Denn dort war der Pfarrer Bergmann … Den verehrten wir alle … O, als ich vor dem Altar kniete, da betete ich zum lieben Gott, er möchte mich von der Erde nehmen, damit ich wenigstens gleich in den Himmel käme. Denn damals war ich noch fromm und gut und wußte nicht, wie schlecht die Menschen sind, und wie schlecht man selber werden kann.« –

»Und das hast du seither erfahren?« fragte er schmunzelnd.

»Und ob!«

Sie spie aus, was allemal ein Zeichen war, daß sie an ihre treulosen Freundinnen Kathi Greiffenstein und Daisy Bellepool dachte. –

»Vorwärts, Kindchen,« mahnte er. »Was war denn das für eine schreckliche Geschichte?«

»Ich kann dir das ja gar nicht erzählen!«

»Warum nicht?«

»O Gott – o Gott! Du wirst mich gewiß verachten!«

»Das werde ich gewiß nicht, mein Kind.«

»Na, wissen mußt du's ja doch einmal! – Also – ich war nämlich schon einmal – – ich habe schon einmal – – geliebt.«

»Ach?«

»Nicht wahr, du verachtest mich? Sag ja! Sag ruhig ja. Es ist alles eins.«

»Wer war es denn?«

»Ich werd's also sagen … Schließlich muß man den Mut seiner Sünden haben, und wenn es gleich den Kopf kostet. – Er war also Commis in einer Musikalienhandlung.« –

»Carajo!« fluchte er.

»Schrecklich – nicht wahr? … Und er trug lange blonde Locken – so lange Locken … und wenn wir nachmittags spazieren gingen – Frau Lüttgen immer voran, dann stand er am Schaufenster und sah mich liebevoll an … und ich wurde jedesmal rot … So ein Esel!«

»Ich werde dir eine gute Lehre geben, mein Kind,« sagte er lachend. »Man muß nicht allein den Mut seiner Sünden haben, wie du vorhin so schön bemerktest, man muß auch Pietät für seine Sünden haben.« –

»Ach so – weil ich sagte …? Hör mal erst zu, wie er sich benommen hat. Ich hatte also zwei Freundinnen, die hießen Kathi Greiffenstein und Daisy Bellepool – die zweite war Amerikanerin, und darum hass' ich Amerika!« –

»In Bausch und Bogen – wie's da ist?«

»Jawohl … Und ein Stein ist mir vom Herzen gefallen, als du wieder zurück warst … Also die beiden hatt' ich zu Vertrauten meines Geheimnisses gemacht … Und eines Tages – was geschieht? – Unter Kathi Greiffensteins Matratze werden Romane gefunden, ›Das gebrochene Herz‹ und ›Die Marmorbraut‹ und ›Husarenliebe‹ und was weiß ich … Alles ist außer sich … Frau Lüttgen beruft Konferenz … Kathi leugnet … sie weiß von gar nichts … Es muß ihr jemand anders die Bücher ins Bett gelegt haben … Nun wird weiter gesucht … Und? … bei Daisy Bellepool findet sich ebenso eine Bescherung … Aber außer den Büchern wird auch ein Paket Briefe gefunden … Liebesbriefe … An wen? … An mich … Unterzeichnet Bruno Streisel … Ich kenne natürlich keinen Bruno Streisel … Aber wer glaubt mir das? … Kein Mensch. – Und noch schlimmer. – Die Briefe sind Antworten auf andre Briefe, welche ich an ihn geschrieben haben soll, und worin ich ihn um Romane gebeten habe – aus der Leihbibliothek zu besorgen – als Ritterdienst und Zeichen seiner Liebe. Ist das nicht fürchterlich?«

»Entsetzlich!« sagte Leo, sich auf die Lippen beißend.

»Ich werde eingesperrt und bekomme zwei Tage lang nichts wie Wasser, Brot und Haferschleimsuppe. Jeden Morgen und jeden Abend wird für mich gebetet und Lori Below hatte schon einen Traum, worin sie mich in der Hölle braten sieht … Der Traum wird öffentlich vom Katheder bekannt gemacht – als abschreckendes Beispiel … Kurz, es war schrecklich … Wer weiß, wie lange das noch gegangen wäre, wenn ich nicht selber auf eine rettende Idee gekommen wäre … ›Wenn Sie wissen wollen, wer Herr Bruno Streisel ist,‹ sag' ich zu Frau Lüttgen, ›so fragen Sie doch in der Leihbibliothek nach, deren Stempel auf dem Bücherdeckel eingebrannt ist. – Dort werden sie ihn schon kennen.‹ Richtig, sie kannten ihn. – Und wer ist es?«

»Der Blondgelockte natürlich.«

»Natürlich! … Nun geht aber Frau Lüttgen zu dem Chef von ihm und erzählt die ganze Geschichte. Herr Bruno Streisel wird gerufen und ins Gebet genommen … ›Haben Sie korrespondiert – Haben Sie Romane aus der Leihbibliothek besorgt?‹ … ›Ja wohl‹ … und wird furchtbar rot … ›Sind Sie im Besitz von Briefen?‹ … Er will nicht mit der Sprache heraus, aber als der Chef ihm mit Entlassung droht, bringt er sie angetragen. Die Unterschrift heißt zwar: ›Ihre Sie ewig liebende Hertha von Prachwitz,‹ die Hand aber ist von – na rate!«

»Daisy Bellepool?«

»Nein, Kathi Greifenstein. Daisy Bellepool, deren Mama wünschte, daß sie als Amerikanerin mehr Freiheit haben sollte, durfte infolgedessen allein ausgehen und hatte die Vermittelung besorgt … Nicht wahr – pfui?«

»Jawohl – pfui!« –

»Weißt du, was ich da that? – Der Daisy warf ich eine Wasserkaraffe an den Kopf, und die Kathi hab' ich dermaßen zerkratzt, daß sie drei Tage lang hat kalte Umschläge machen müssen … So schlecht kann man werden, wenn andre schlecht zu einem sind.« –

»Und was geschah mit den beiden?« fragte er.

»Kathi verduftete bald darauf, aber Daisy durfte bleiben, denn ihre Mama hatte Aktien auf das neue Schulgebäude genommen … Es half ihr aber nichts. – Kein anständiges Mädchen hat mehr ein Wort mit ihr gesprochen … Denk nur, was hab' ich schon alles durchgemacht? … Dann aber bin ich hierher nach Halewitz gekommen … Ach – und hier ist es so schön! … Denn wenn ich auch meine Sorgen hab' –« sie hielt inne und sah ihn von unten auf mit einem scheu flehenden Blicke an, als wollte sie sagen: »Ich wüßte wohl, wer mich mit einem Wort davon befreien könnte!«

Er lachte und reckte sich beklommen, denn er gedachte des Weibes, das gekommen war, den Frieden seines Hauses zu stören.

»Seine Sorgen hat wohl ein jeder von uns, mein Kind,« sagte er.

»Du auch?« fragte sie, die Augen in Angst zu ihm aufschlagend.

»Mehr als zuviel, mein Kind!«

»Ja, ja, ich weiß,« seufzte sie, »Großmama spricht ja tagtäglich davon!«

»Wovon?« fragte er erschrocken.

»Daß du mehr Schulden hast als Haare auf dem Kopfe – und daß du manchmal nicht weißt, wo Sonnabends den Lohn hernehmen.« –

»Unsre liebe Großmama ist 'ne alte Plaudertasche!« sagte er erleichtert.

»Aber es ist doch wahr?« fragte sie.

»Wahr ist es … Das kann kein Teufel leugnen.«

Sie schwieg und schien mit sich zu Rate zu gehen.

Dann fragte sie mit krausgezogener Stirne: »Alles in allem – wie lange könntest du dich ungefähr noch halten?«

»Halten? Wie meinst du das?«

»Nun – wie man so sagt – eh einer Pleite macht.«

»Man sieht, daß du hamburgsche Bildung eingesogen hast,« versuchte er zu scherzen.

Aber sie ließ sich nicht abweisen.

»Hältst du dich wohl noch vier Jahre und vier Monate?« fragte sie.

»Warum verspitzt du dich auf die Viere?« lachte er.

Sie zog die Mundwinkel herunter. – »Nun verspottest du mich,« sagte sie. »Und es ist doch traurig genug … Ich bin so reich … Und habe so viel überflüssiges Geld.«

»Ach! … Und da möchtest du mir wohl etwas pumpen?«

»Ich kann ja nicht,« erwiderte sie trostlos. »Wegen der Vormundschaft! … O, es ist zu dumm!« – Und sie trappte mit dem Fuße.

»Wieviel würdest du mir wohl so geben?« fragte er, da ihn die Sache belustigte.

Sie schwieg eine kleine Weile, als ob sie sich Mut machen wollte, dann – das Auge in grenzenloser Liebe zu ihm aufschlagend und rasch wieder senkend, flüsterte sie:

»Alles!«

Ein wehes Glücksgefühl durchzuckte ihn, jenes Gefühl, das er vorhin nicht hatte wiederfinden können: er mußte sich Gewalt anthun, die Sache auch fernerhin ins Komische zu ziehen, und mit hastigem Lachen rief er:

»Potz Teufel, Kleine! … Geizig bist du nicht.«

Ein angstvoller Blick irrte zu ihm empor, fragend: »Verstehst du mich nicht?« … Dann schauerte sie zusammen und zog sich fröstelnd aus seiner Nähe zurück, während die Thränen ihr über die geöffneten Lippen und auf die zusammengebissenen Zähne niederrollten.

»Wenn das nicht Liebe ist,« dachte er, »so will ich Hans heißen.«

Eine wilde Stimme jauchzte in ihm: »Reiße sie an dich! Schreie das Haus wach! … Schrei in die Welt hinaus: ›Hier dieses Kind, dieses Kind ist … mein Weib!‹«

Er wußte, es wäre seine Rettung gewesen, aber er that es nicht.

Er that es nicht, weil er sich unrein fühlte: er that es nicht, weil die Faust seines Riesen ihm im Nacken saß und ihm die Kehle zuschnürte, daß der Odem in dieser breiten Brust erstickte, und diese mächtigen Glieder sich erschlaffend ihrem Drucke fügten.

»Ich danke dir, mein Kind,« sagte er heiser. »Du hast es gut gemeint … Und ich werd' es dir nie vergessen.«

Er beugte sich über ihr Angesicht und küßte leise die leuchtende Stirn, die sich ihm wehrlos darbot.

»Noch ist es Zeit!« rief die wilde Stimme von neuem.

»Und nun geh schlafen,« sagte er. »Es ist spät geworden.«

Schweigend erhob sie sich, und ohne ihm »Gute Nacht« zu wünschen, schritt sie über die blinkenden Kiespfade, über die dunkelnden Rasenplätze der Thüre zu.

Ihm schien's, als ob sie taumelte. – Er wollte ihr nachstürzen, aber er war wie gelähmt. –

Weil er seiner Ehre nicht mehr sicher war, fürchtete er auch die Scham zu verlieren.–


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