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Die Ebereschen

Über Nacht hat es schwer geschneit und in der Frühe fror es hart; nun aber scheint die Sonne was sie nur kann.

Ihrer freuen sich die Gäste von Davos, die gesunden sowohl, die in ihren Sportkleidern auf und ab wandeln, als auch die, die hier Genesung von dem bösen Leiden suchen und sich in ihren Liegestühlen braten lassen, und nicht minder die Spatzen. Sie sitzen haufenweise in den Ebereschenbäumen und schwatzen und zwitschern, als wollten sie die Musik der Kurkapelle überschreien.

Unten im Lande haben die Ebereschen ihre Früchte schon fallen lassen; hier behalten sie sie noch lange. Das ist auch sehr notwendig. Was wäre die Hauptstraße von Davos, hätte sie die Ebereschenbäume nicht. Wohl sehen die vielen verschiedenartigen Nadelhölzer in den Gärten herrlich aus, auch wirken die Espen mit ihrem hellen Gezweige und den dicken blanken Blütenknospen daran prächtig; aber die Ebereschen schlagen doch alles, was da Äste und Zweige hat, mit ihren knallroten Beeren tot.

Wie Flammen glühen die roten Dolden in der Vormittagssonne; sie funkeln und sprühen und blitzen wie geschliffene Korallen, und selbst die Stiele, an denen sie hängen, haben einen metallenen Schimmer. Nirgendswo sehen die Ebereschentrauben so schön aus wie hier, und nirgendswo halten sie sich so lange, ohne einzuschrumpfen, mißfarbig zu werden und abzufallen.

Das muß auch so sein. Was sollten die Spatzen von Davos machen, fielen hier, wie anderswo, die roten Beeren schon im Vorwinter zu Boden? Der Schnee würde sie hinnehmen und erst nach vier Monaten wieder hergeben. Dann wären die Sperlinge ganz auf die Gnade der Schlittenrösser angewiesen und der Speisezettel würde recht mager und langweilig ausfallen.

Anfangs, als die ersten Spatzen, die irgendein Kurgast in Davos aussetzte, in ihren ersten Winter kamen, mögen sie schön dumme Augen gemacht haben, als es nirgendswo ein Feld gab oder einen Getreideschober, wo sie ihre Nahrung finden konnten. Über Nacht war ein Schnee gefallen, hatte alle Kehrichtplätze zugedeckt und desgleichen das, was die Rösser unterwegs verloren hatten. Hungrig und verfroren flogen die Sperlinge hin und her, fanden aber nichts für ihre Schnäbel, denn überall lag Schnee.

Da beschien die Sonne die Ebereschenbeeren, daß sie funkelten und strahlten. Aber Ebereschenbeeren sind kein Spatzenfutter; das ist ein Fraß für Kramtsvögel, Dompfaffen und Bergfinken. Doch wenn der Teufel in der Not Fliegen frißt, warum soll der Spatz, geht es nicht anders, nicht an Ebereschen gehen? Zwar schmecken sie bitter und sauer zugleich und ziehen den Schlund in arger Weise zusammen. Aber ehe die Rösser für die genügende Menge von Futter gesorgt haben, ist man vielleicht schon verhungert. Da hilft eben nichts, als in die sauern Beeren hineinzubeißen. Schmeckt es auch nicht, so macht es doch satt.

Bald hatten sich die Spatzen daran gewöhnt, denn alle paar Nächte gab es einen schweren Schneefall; dann fand sich bis gegen Mittag nichts anderes und so blieb eben nichts übrig, als sich mit dieser Tatsache solange abzufinden. Da nun die Ebereschenbäume in Davos fast alle hart an der Straße stehen, so wurden die Sperlinge hier mit der Zeit viel vertrauter als anderswo, und mag es noch so laut und so lebhaft unter ihnen hergehen, das schert sie wenig; sie bleiben sitzen und zerklauben die roten Beeren, ohne sich stören zu lassen.

Auch die übrigen Vögel haben sich an den lebhaften Verkehr gewöhnt, nicht nur die stolzen Amseln, denn die sind schon mehr als dreist, nicht nur die schönen Dompfaffen, denn die sind überall zutraulich, auch nicht die hübschen Grünlinge und die lustigen Buchfinken, denn die haben ein harmloses Gemüt, und die bunten Bergfinken aus Nordland kennen den Menschen so wenig, daß sie ihn nicht scheuen, und so bleiben sie und die Grünlinge und die Dompfaffen ruhig bei der Mahlzeit sitzen, wenn ein paar Menschen einen Schritt vor ihnen stehen bleiben, mit den Händen nach ihnen deuten und laut sprechen. Auch daß der dicke Flüëvogel nicht fortfliegt, wenn es vor seinem Baume recht munter zugeht, ist weiter nicht merkwürdig, ebensowenig, daß die schwarzkappige Alpenmeise sich so gut wie gar nicht um die Menschen kümmert, und nicht minder, daß die Rabenkrähen, sind sie bei dem Beerenfressen, wenig Scheu zeigen; aber daß sogar der prächtige Grauspecht, der den einsamen Wald liebt, dicht an der Straße seinen Kropf mit den roten Beeren füllt, das bekommt man einzig und allein in Davos zu sehen.

Das ist aber alles noch gar nichts. Wenn es um die Mittagszeit auf der Straße nur so lebt von Menschen, wenn die Schlitten hin und her klingen und die Kurkapelle spielt, dann kommen rauhe, harte Schreie von den Bergen, ganze Flüge von ziemlich großen Vögeln flattern heran, fallen in den Ebereschenbäumen ein, reißen die Früchte ab und fressen sie, und das sind Kramtsvögel, die scheuesten von allen Drosseln, und die benehmen sich in Davos, als gäbe es keine Roßhaarschlingen, Schlaggarne und Schießgewehre auf der Welt. Ganz dicht kann man an sie herantreten, ihre rotgelben, schwarzgetüpfelten Brüste, ihre aschgrauen Nacken und ihre blanken Augen besehen, ohne daß es ihnen einfällt, abzustieben. Und doch lassen sie anderswo den Menschen noch nicht auf hundert Schritte herankommen.

Eine Landschaft, die kein lustiges Vogelleben aufweist, wirkt tot und kalt, mag sie sonst auch noch so prächtig sein. So würde es Davos gehen, hätte es die vielen Ebereschenbäume an der Straße nicht, deren rote Korallen ihren schönsten Schmuck bilden vom Herbste an bis zum Frühling, wo sie zusammenschrumpfen und zu Boden fallen, sobald die Espen ihre seidenen Kätzchen entfalten und an den sonnigen Hängen die Schneeheide ihre Blümchen rosenrot färbt.

Sie haben ihren Zweck erfüllt und sind überflüssig, bis der Winter wieder herannaht.


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