Heinrich Lersch
Hammerschläge
Heinrich Lersch

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Am Tag nach dem Begräbnis

war Frühlingsmusterung, ich sollte Marinesoldat werden. Ich fuhr noch am selben Tag nach Antwerpen und hoffte ein Schiff zu finden, auf dem ich mich nach Amerika hinüberarbeiten konnte. Das Soldatwerden nahm ich nicht ernst. In Antwerpen konnte ich mich nun schon besser zurechtfinden; nach zwei Monaten hatte ich noch keinen Schlag gearbeitet. Es ließ sich so billig leben, ich verdiente mit Gepäcktragen und Botengängen für die deutschen Reisenden immer so viel, daß ich nicht zu hungern brauchte. Einmal geriet ich mit einem deutschen Herrn am Bahnhof in Streit, er beschimpfte einen bettelnden Landsmann. Ich schmiß ihm seinen Koffer vor die Füße und konnte fortan keinen dieser Landsleute sehen, ohne in Wut zu geraten. Vom Bahnhof ging ich ins Hafenrevier, es war schon Juli geworden, lag an den Kais umher, schlief auf leeren Kähnen, in Winkeln und auf den Wagen, zwischen den Gütern, und manchen Tag auf der andern Stromseite im Sand. Eines Tages kam ich nach Hoboken; als ich den Schall der Niethämmer hörte, bekam ich Heimweh nach der Arbeit. Ich konnte sofort anfangen, kam in ein Trockendock und reparierte in einer Kolonne einen großen Ostasiendampfer mit. Drei Wochen schafften wir an dem Schiff, ich lernte es von oben bis unten kennen, hatte Freude an dem Betrieb und verdiente gut. Zuletzt mußte ich im Boden eine Reihe Nieten auswechseln. Die Platten unter den Kesseln im Heizraum waren aber so verschmiert und schlecht gereinigt, daß ich wohl von unten her die Nieten zum großen Teil herausschlagen konnte, aber meine Kollegen wollten nicht in dem Schlamm auf dem Boden arbeiten. Ich hatte viel Lauferei zum Meister, bis ich endlich eine Kolonne zum Reinigen bekam. Das Schiff sollte schon bald wieder eine neue Fahrt machen, deshalb wartete alles auf uns. Einer der Kollegen war ständig betrunken, er ließ mich allein murksen; immer wieder lief das Schlammwasser über unsere Nietnähte, so daß man kaum sehn konnte, wie und was man arbeitete. Der Ingenieur kam und drängte; wir sollten in einer Nachtschicht die Sache fertig machen – da wurde auch ich den Kram satt, ließ das Werkzeug liegen und ging zum Meister. Der hatte sich irgend anderswo festgefahren und murkste wüst herum, ich verlangte neue Leute und mehr Zeit; als ich diese nicht bekam, haute ich auf deutsch in den Sack und ging. Tags darauf holte ich Geld und Papiere.

Wie war ich glücklich, daß ich den Schlamm und die Nässe los war, das Gehetze und Gebrüll. Ich zog wieder in das Hafengebiet, stand viel auf der Dachpromenade des Kais, hatte Geld in der Tasche und sogar eine Arbeitsbescheinigung. Daraufhin konnte ich mich anheuern lassen. In Amerika hatte ich Verwandte genug. Dort auspicken und mein Glück versuchen, schien mir aussichtsreicher als nach Hause in die kleine Flickbude zurückzugehn mit der Aussicht, Soldat zu werden.

Eine Woche streunerte ich umher, da sah ich das große, weißgestrichene Schiff, die Elisabeth, an den Kais liegen. Von oben herab sah ich in die sauberen Salons und Decks des Schiffes, in dem ich unten im Dreck herumgekrochen war. Ladung schwebte an rasselnden Winden über die Luken, Gepäck wurde aufgenommen, da rollten deutsche Waggons heran. Große Kisten balancierten hoch – ich las die Aufschrift: M.-Gladbach nach Jokohama. Das waren Maschinenteile, Rauhmaschinen von Montfort. Sie wurden auf der Kronprinzenstraße hergestellt, Wekop Mattes war Schmied dort, eine Anzahl Schulkameraden arbeiteten da, Toni Wendlings Vater kutschierte mit dem Zweispänner die Herrschaften durch die Stadt. Wenn er mich sah, senkte er (für andere unmerklich) die Peitschenspitze; Vater Bell arbeitete dort, um dessen Tochter Bruder Paul freite; der Jakob Spinnen aus Ohler war Pferdeknecht, der Klaßen mit dem verbrannten Bein aus dem Krankenhaus, dem war das Unglück in Montforts Gießerei passiert. Kiste auf Kiste rollte heran aus meiner Vaterstadt, und der Inhalt waren Maschinen, an denen meine Kameraden und Bekannte gearbeitet hatten. Nun sollten sie übers Meer nach Japan. Dieser Gruß stimmte mich freudig, ich liebte doch sonst keine Erinnerungen.

Am nächsten Tag kam ich wieder ans Kai: immer noch deutsche Waggons – da, Kisten mit andern Aufschriften: Pferdmenges, M.-Gladbach – Bangkok; Rheydt – Smyrna, Pungs und Erkens, ha, den Inhalt kannte ich, das war bedrucktes Zeug aus den Roleaux, für die wir die Dampftrockenplatten gemacht hatten – Gebrüder Verweyen, Rheydt – Benares...

Ich wanderte am Schiff vorbei: könnte ich nur anstatt dieser Ware in die große Wunderwelt hineinfahren! Ich kam an einen anderen Dampfer: auf dem Deck saßen, standen, lagen Auswandererfrauen, Kinder, Männer, Jungens. Ich erinnerte mich: in der Nacht, als ich über die Straße ging, war ein langer Zug Gestalten gekommen, die Bündel auf dem Nacken, Kinder auf dem Arm; lautlos zogen sie durchs Dunkel, wie eine Herde Tiere, von Männern geleitet; wie eine gewundene Schlange schob sie sich fast lautlos den Gangsteg hinauf. Fast zehn Minuten hatte ich warten müssen, ehe dieser dunkle Zug vorüber war. Nun waren sie verladen, Fracht für Amerika. Ich rief ihnen auf polnisch, russisch, böhmisch den Taggruß hinüber: ein Mann, der auf einer Kiste hockte, hob seinen Knotenstock zum Gegengruß, ließ ihn wieder zwischen die Knie fallen, müde sank sein Kopf hinter den Händen bis auf die Knie.

Nun wollte ich mich nicht länger von der Traurigkeit dieser Gestalten niederdrücken lassen. Ich hörte Musik, sah zwei kleine Bugsierdampfer an den Tauen vor der Elisabeth warten. Die Reeling, die Bänke, die Decks waren von elegantem Reisepublikum besetzt, alle Geländer am Kai waren mit Menschen behangen, die Abschied zu nehmen hatten. Die Musik setzte aus, die Bläser kamen ans Hinterdeck, der Offizier rief und pfiff Kommandos, die Seile wurden abgehangen, die Sirene tutete und die Musik spielte: »Muß i denn, muß i denn«... Ein großes Winken und Tücherschwenken hüben und drüben, Schreie, Weinen, Lachen, Jubeln, Musik, Kommandos, ein Durcheinander von Leid und Freude. Langsam schwamm das Schiff die Scheide hinab, lange noch starrte ich auf den Namen Elisabeth. – So hieß ja auch das junge Mädchen, das mir auf meinen Brief nicht geantwortet hatte, nicht zur Abendstunde in die Allee gekommen war. Da wurde mir bewußt, daß mein ganzes Leben so ein Abschiednehmen war – von all den Reichtümern in meiner Seele, von dem toten Freund, der toten Rosa, von der Mutter und ihrer Liebe, von der Werkstatt, von dem liebgewordenen Glauben an die Heiligen und die schönen Feste der Liebe und der Erlösung, von der Kirche. Ich starrte dem stolzen weißen Schiff nach ... Elisabeth... Ich lag mit den Ellenbogen auf dem Geländer, merkte nicht, wie sich die Terrasse leerte, ich sah die große See, die das Schiff aufnahm. Nun sah ich den Heizraum, den Schiffsboden unter den Kesseln, an dem ich geschwitzt, im Schlamm gepatscht, geschlagen, genietet, gestemmt hatte –. Wer mag den Mist fertiggemacht haben? dachte ich – nun, der Meister wird sich wohl eine neue Kolonne gesucht haben. Da sah ich einen der Heizer sich bücken, er fühlte Wasser am Fuß – er hob eine Platte auf, tat einen Satz zur Seite und brüllte den Ingenieur an, der auf der Galerie vorüberging. Der Ingenieur winkte ab, verschwand, Tumult draußen, die Heizer schmissen die Schaufeln hin. Das Schiff war auf hoher See, ein Unwetter zog heran, trotzdem füllten sich die Decks mit Menschen, der Sturm riß ihnen die Hüte, die Tücher vom Kopf, Offiziere stießen die Menschen zur Seite, Matrosen bahnten einen Weg zu den Davids, an denen die Rettungsboote hingen; der Telegraphist in der kleinen Bude tippte, tippte, hob den Kopf mit den Hörern an den Ohren und lauschte ... Die Heizer stürmten die Treppe, die Galerie – sie konnten nicht hinaus, vor den Ausgangstüren stand ein Menschenwall; die Trimmer krochen aus den Bunkern, warfen sich in das schwarzschmierige Wasser. Aus den Kesselfeuern schössen Ströme Dampf, das Wasser kam an die glühenden Roste, die Türen flogen auf. Kohle, Dampf, Wasser brüllten. Nun senkte sich das Schiff nach einer Seite, das Licht erlosch. Heizer fielen von den Stangen und Gerüsten, erstickt von Dampf und Schwalch, klatschten sie in den kochenden Sud hinunter.

Ich sah das Gesicht des jungen Heizers, der zuerst die Platte aufgehoben und das Wasser entdeckt – er war durch ein Ventilatorrohr gekrochen, hing in der Windtutze und konnte nun weder vorwärts noch rückwärts. Eine Pechfackel, die ein Matrose über ein Rettungsboot hielt, glänzte in sein verzerrtes Gesicht, das geradeaus zu mir herüberblickte, in meine Augen sah: »Lersch, du fauler Satan, du hast dich gedrückt und dich nicht um die Nieten im Boden gekümmert, du warst faul wie deine Kollegen. Aber nicht die sind schuld, nicht der Meister, nicht die Verwaltung, sondern du, du, – du bist nicht dumm, wie die andern! Du bist Kollege und Kesselschmied, aber der wolltest du nicht einmal sein! Du, du, du bist schuld! Er drohte mit der Faust nach mir, und auf sein Brüllen drehten alle Menschen, trotz des fürchterlichen Wirrwarrs den Kopf zu mir, der Kapitän schaute auf, die Offiziere, die Mannschaften, die Passagiere: alle hoben die Faust wider mich: »Verfluchter, fauler, verantwortungsloser Lump!« gellte der letzte Todesschrei als Fluch zu mir herüber. Da legte sich das Schiff zur Seite, eine Menschenmasse, meterhoch, rutschte schrägab, überschlug die Reeling; hinunterkippten in den donnernden Schwall tausend Menschen. Das Schiff drehte sich, kippte, rollte, lag dann still, den Boden nach oben, tauchte unter, kam wieder hoch: aus den Nietlöchern, die ich nicht zugeschlagen hatte, bliesen die Luftströme wie Fontänen. Der Sturm war vorüber, Hunderte von Leichen trieben im Morgenlicht, von fern dampften Schiffe heran, ein Rettungsboot voll Menschen sank, – da schrie ich auf und lief fort.

Hinter mir ein Schutzmann; der holte mich ein. Ich atmete wie ein Läufer am Ziel, sah dann den klaren Sommerhimmel, sah die ruhige Stadt, sah den Kai und die Schiffe und stammelte immer nur: Elisabeth, das Schiff, meine Schuld, verloren ... Der Schutzmann ließ mich schwatzen und sitzen. Ich stand auf, schämte mich und ging in die Altstadt. Da sah ich auf einmal das Wirtshaus wieder, in das mich der alte Jude gebracht hatte; ich ging hinein und trank einen großen Siphon Wasser aus. Die häßliche Alte schickte Mädchen nach mir. Ich traktierte sie mit Bier und Likör, aber bald wandten sie sich andern Gästen zu, die freigebiger waren als ich. Ich wartete auf die dicke Köllsche, die in der Stadt war, sie kam erst, als es sieben Uhr war. Sie kannte mich zuerst nicht wieder, dann fragte sie mich, ob ich Geld hätte. Meine dreißig Francs waren für sie kein Geld, ich bezahlte eine Flasche Sekt. Da sie noch im Ausgehkostüm war, brachte sie mich ein Stück Weg zum Hafen hinaus, wir wollten noch einmal auf die Terrasse gehen. Da mußten wir vor einem Zug Transportwagen stehenbleiben. Plötzlich schrie ich auf: ein alter Fuhrmann, der zwei Gäule vor einem hochbeladenen Baumwollballen-Wagen führte, trat in ein Loch, und schlug hin. Die Vorderräder des Wagens rollten zentimeterbreit an seinem Kopf vorbei. Der Alte sprang auf und lief fluchend zu seinen Gäulen – ich brüllte, die Kölnische stieß mich in die Seite: »Mensch, wat fällt dir ein, do is doch gar nix passeet!«

»Da fehlt ein Pflasterstein, da fehlt ein Pflasterstein!« schrie ich und lief von dem Mädchen weg, an der Mauer entlang. In einer Ecke lagen Steinbrocken und Sand, ich nahm einen großen Stein, lief zu dem Loch zurück und füllte es unter dem Gelächter der Passanten aus. Die Kölnische war fort.

Ich stand und schaute in das Getriebe der Stadt: alles arbeitete, alles hatte zu tun. Nur ich nicht. Ich ging wieder auf die Terrasse. Ein neues Schiff lag da. Wieder wurde aus- und eingeladen. Die Matrosen und Hafenarbeiter kamen und gingen, lösten sich ab, stumm, der Arbeit ergeben, gingen krumm unter der Last, richteten sich hoch, wenn sie die Schultern frei hatten. Ein Trupp Chinesen mit kurzen Schritten ging zwischen Schiffen und Bergen von gestapelter Ladung am Bordstein der Kais, grüßte die Kollegen und wurde wieder gegrüßt. Aus den Dampfern stiegen Heizer und Trimmer, blankglänzend von frischgewaschener Haut, sie freuten sich übers ganze Gesicht.

Ich lehnte, den Kopf auf den Armen, am Geländer, sah die Scheide hinab und hinauf: Schiffe, die einfuhren, Schiffe, die ausfuhren, dem großen Ozean entgegen, Amerika, Afrika, Indien, Australien zu. Voll mit Ladung und Menschen kamen sie aus allen Erdteilen nach Europa.

»Alles Kapitalismus!« sagte der Arbeiter in Stettin.

»Unser Erbe! Unsere Welt! Die erkämpft werden muß!« sagte der Hagre in Danzig, »wir nehmen das Erbe auf unsere Schultern und erobern es aufs neue für unsere Zukunft.«

Arbeit, Arbeit, Arbeit schrie es von allen Winden und Kränen, aus allen Waggons, von allen Schiffsplatten, die Eisenbahnschienen glänzten es von unten her. Sie waren in Duisburg aus den Hochöfen, Walzwerken und Eisenhütten über die Erde gelegt, von Arbeitern verlascht, verschraubt; von Arbeiterkolonnen waren die Dämme gebaut, Arbeiter jagten die Züge über sie hin, feuerten mit Kohle aus Hamborn, in Lokomotiven aus Kassel und Berlin. Überall in der Welt war ein anderes Duisburg, ein anderes Hamborn, wie unsere Stadt ja auch das rheinische Manchester hieß. – Mann stand an Mann, Weib an Weib, Junge und Mädchen reichten sich in der Arbeit die Hände. Nur ich, ich war nicht von dem gewaltigen Strom erfaßt, der um die ganze Welt ging. Ich wollte kein Kämpfer um das Erbe sein, ich – nein, nicht länger! Ich mußte mittun! An mir sollte es nicht liegen, wenn der eine, letzte Soldat fehlte, der in die Lücke springen konnte, dem Fahnenträger das Panier aus der Totenhand zu reißen und den Brüdern voranzustürmen. Ich mußte der Soldat werden. »Ein tüchtiger Arbeiter, aber auch ein echter Sozialist!« hatte Gottfried Prune gesagt. Ich sah im Geist unsere Werkstatt: das Tor weit offen, die Hämmer schwangen.


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