Heinrich Lersch
Hammerschläge
Heinrich Lersch

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Der Handlanger

Ein Schulkamerad kam öfters in die Werkstatt und schlug sich aus dünnen Eisenplatten Schablonen zum Ziehen von Profilen am Verputz der Hausfronten. Er war Stukkateurlehrling im elterlichen Geschäft. Es gab viele Regenstunden, da kam er in die Werkstatt, auch wenn er keine Profile auszuschlagen hatte. Dafür besuchten wir im Vorübergehen seinen Bau, halfen ihm Mörtel hinauftragen und versuchten, gleich ihm und seinem Vater, mit einem eleganten Schwung von unten auf, den Zementmörtel an die Wand zu klatschen.

Das sah so leicht und spielend aus. Die Kelle vollgepackt und rangeschmissen – doch regelmäßig, Schlag um Schlag fiel der Mörtel, langsam sich lösend, wieder herunter.

Ein Handlanger sagte im Vorübergehn: »Das ahnt ja kein Mensch, welche Kunst das Auftragen ist! Dazu muß man geboren und erzogen sein. Vorläufig bin ich erst Handlanger, aber Meister Jean läßt mich auch schon mal mit auftragen. Seht so – mit dem gleichen spielenden Schwung warf er den Mörtel auf den Verputz, daß er klebte.

Mich packte der Ehrgeiz, ich versuchte wohl hundertmal, bis mir der Arm lahmte, umsonst. Ich war unglücklich und voll Wut über meine Ungeschicklichkeit. Der Meister und der Junge lachten, der Handlanger nickte mit dem Kopf: »Da kann man Bautechniker sein und Ingenieur, Architekt oder sonst ein gelehrter Herr, wer den Schmiß nicht von zu Haus hat, lernt's nie! Du kannst ein kluger Kesselschmied sein, aber ein dummer Stukkateur bist du doch. Das Können scheidet die Menschen und gibt jedem Stand seine Ehre. Diese Ehre muß man hochhalten.«

»Siehst du, der sagt es dir!« lachte der Meister gutmütig, »Schuster, bleib bei deinen Leisten! Kesselschmied, bleib bei deinem Feuer!«

Als ich dennoch nicht zu klatschen aufhörte, riß mir der Handlanger die Kelle aus der Hand und schrie: »Versaubeutele doch nicht die Spieß, die mehr wert ist als dein ganzes Getu!«

Einmal den Geruch von Zement und Mörtel, den Baugeruch in der Nase, wurde ich ihn nicht wieder los. Wenn wir auf Reparatur gingen und die Maurer oder Pliesterer arbeiteten in der Nähe, lief ich jeden Augenblick zu ihnen hin und drängte mich zwischen ihre Arbeit. Der Ehrgeiz stieg ins Maßlose, es genügte mir nicht, den leichter klebenden, mit gehacktem Heu vermischten Kalkmörtel der Pliesterer anzubringen, auf Zement stand mein ganzes Sinnen und Trachten. Ich bekam Streit mit den Gesellen, der Fabrikmeister schnauzte; ich gab den Maurern Zigarren und die taten, als sähen sie nichts. Ich war unglücklich, tief beleidigt und voll Ekel gegen meine eigne Arbeit. Endlich beschloß ich, mir selber einen Sack Zement zu kaufen und zu Haus damit zu üben. Es gab ein großes Gelächter, als ich am Stall anfing, den Verputz zu erneuern. Als der Zement steinhart geworden war, fiel mir das Gerede des Handlangers ein: »Wer's nicht von zu Haus hat, lernt es nie!« Ich fragte den Vater nach seinen Vorfahren aus, ob da nicht jemand beim Bau gewesen war. Es kam nichts dabei heraus, aber ein Gutes hatte die Fragerei doch gehabt: Anstatt des ewigen Streites erzählte der Vater von seiner Jugend, natürlich nicht ohne lange Moralpredigten, er kam sich selbst wie ein Heiliger vor. Wir waren die reinsten Faulpelze und Taugenichtse.

Eines Tages kam der Handlanger anstatt des Schulfreundes, um Schablonen zu holen. Ich haßte ihn, ich sagte ihm, daß er mich dumm geschwätzt hätte. Als er wieder von seiner Bauehre anfing, lachte ich ihn aus und sagte, er ginge noch mal an seiner Ehre kaputt.

Ein paar Wochen später kam ich gegen Mittag an einer Baustelle im Harterbroich vorbei, da stand die Feuerwehr und der Krankenwagen, ein toter Maurer lag auf der Straße. Ein paar Straßen weiter gab es einen andern Menschenauflauf: Ein Lastauto hatte einen Mann überfahren. Als ich zusah, erkannte ich den Handlanger. Ich lief zur Baustelle, einige Leute kamen mit, ein Schutzmann fragte nach Zeugen, ich lief mit zum Polizeirevier, konnte nichts gewahr werden, hing mich an die Maurer und im Wirtshaus erfuhr ich die Geschichte des Unglücks.

Der Handlanger Müllers war erst einige Tage an dem Bau beschäftigt, er war ein unruhiger Gast und peinlich fleißig; er hatte lange Jahre bei einem Meister gearbeitet, da war immer Akkord. Dieses Tempo einmal im Leib, lief er wie ein Wiesel, und das fiel natürlich in der Maurerkolonne auf. Um Mittag blieb ein Maurer, mehr aus Spaß, bei der Arbeit; der Handlanger schleppte unermüdlich Steine herbei. Vielleicht hatte der Maurer bloß sehn wollen, wie lang er schleppte, ohne Mittag zu melden. Wieder trug er einen Back Mörtel hinauf, als die andern Handlanger längst in der Bude saßen. Auf einmal rannten sie heraus, denn ein paar Steine waren auf das Dach der Bude gefallen. Sie sahen hinauf, da kam die ganze Giebelspitze herunter. Oben sahn sie die beiden miteinander reden und streiten. Der Handlanger war schon auf der Leiter, da ging er nochmal zurück und ließ den Maurer vorgehn, er selbst suchte sich einen Weg durch den Bau. Schon kamen neue Steinmassen ins Rutschen, die Front drückte sich heraus, eine ganze Ecke sank, die Handlanger stürzten auf die Straße. Der Maurer war schon an der zweiten Etage, da polterten neue Steinmassen herunter. Giebel und Front ließen große Teile frei, der Maurer wurde von den Steinen, die sich auf dem Gerüst häuften, weggedrückt, er fiel mit dem brechenden Gerüst. Kaum lag er an der Erde, als die Massen von Stein und Holz über ihm zusammenschlugen. Auf und mit den Trümmern kam der Handlanger herunter, umschlagen von Balken und Brettern, doch war ihm nichts Schlimmes geschehn, während der Maurer unter den Trümmern begraben lag.

Die Kollegen räumten Bretter und Balken hinweg, schickten zum Arzt und Priester, aber es war zu spät, der Maurer war tot.

Der Handlanger kniete neben der Leiche, hielt die Hand auf die gräßliche Wunde und schrie in einem fort: »Ich hab dir ja gesagt, komm auf die Leiter, lauf, lauf, du bist Vater von Kindern! Er war nicht schnell genug! Ich hab ihn freiwillig vorgelassen!«

»Aber du, du Junggeselle, du lebst!« grinste ihn der Polier an.

»Du! Sag das nicht noch einmal!« brüllte der Handlanger ihn an: »Sag das nicht noch einmal! Das hört sich ja an, als sei ich schuld an seinem Tod!«

»Du, du lebst ja noch!« schrie der Polier von neuem.

Da schrie der Handlanger auf, schlug dem Polier ins Gesicht, trat die Kollegen, die den Streit schlichten wollten, mit dem Fuß fort, rannte dem enteilenden Beleidiger nach und schrie in einem fort: »Meine Ehre! Meine Ehre!« Er schlug mit einer Latte auf den Kopf des Fliehenden. Die Leute auf der Straße entsetzten sich vor den wahnsinnigen Augen des Handlangers und wagten nicht, ihn aufzuhalten. Da zerbrach die Latte auf dem Kopf des Poliers und er fiel zu Boden. Der Schläger aber rannte weiter, rannte blind vor Wut im vollen Lauf quer vor ein Lastauto, dessen Hinterräder ihn zermalmten.

Ich war zwei Tage lang verwirrt und ging mit zum Begräbnis.

Nun konnte ich keinen Zement mehr riechen, ich hatte ein schlechtes Gewissen und glaubte, an seinem Tod schuld zu sein, oder ihm den Tod wegen seiner Ehre, die mich so gekränkt hatte, gewünscht zu haben. Als ich wieder in eine Fabrik kam, mied ich die Maurer wie die Pest und ging in die Websäle. Dort traf ich einige Schulkameraden, die auf zwei Stühlen weißes, einfaches Biberzeug webten. Ich staunte, wenn sie das Schiffchen an den Mund setzten und den Faden von der Spule durch das Loch heraussaugten. Ich wollte das auch können und sog mit aller Macht vergebens, bis es auf einmal doch klappte und ich den Faden ganz hinten weit im Hals hatte. Als ich ihn heraushustete und zog, lachten die Jungens, die mein verzweifeltes Gesicht gesehen hatten.

Hier gab es keine großen Unglücke, ich lernte in den Zwischenzeiten die Spule einsetzen, auf das Schiffchen achtzugeben, den Stuhl wieder in Gang zu setzen, wenn der Faden ausgelaufen war. Hier gab es keine Standesehre, hier verspottete mich keiner, ich war ihnen wie ein Bote aus einer andern Welt, in die sie nie hineinsahen. Sie fragten mich nach dem Arbeitsverdienst und schüttelten traurig die Köpfe, als sie von den oft hohen Wochenlöhnen hörten. Als ich ihnen sagte, daß wir oft nachts und Sonntags arbeiten mußten, meinten sie, das schadete nichts, wenn man bloß etwas verdienen könnte. Vom Weberlohn könne man, wenn keine großen Kinder mitarbeiteten, keine Familie ernähren. Der Verband mühe sich wohl, aber es wäre einmal so. Sie sagten voll Haß und Bitterkeit ihren Spruch: »Weben, Weben ist ein Leben, voller Ärger und Verdruß, lange Kette, kurze Schmette und dazu noch schlechten Schuß!«

Wenn ich einmal über die Stühle wegsah und der Blick bis ans Ende des weiten Saales hinging, dann blieb er an der Mauer hängen und aus dem Staub und Dunst traten zwei Gestalten über die gestaffelte Front der Webstühle: Der Maurer und der Handlanger, die bei dem Bau zu Tode gekommen waren. Sie standen da mit den gräßlichen Wunden, wie ein Bild gemalt, kamen hervor mit drohenden Gebärden, und wenn ich scharf zusah, verschwanden sie wieder in dem Gestein der Mauer.


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