Heinrich Lersch
Hammerschläge
Heinrich Lersch

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Ich muss organisiert sein

Während ich mich bei der Arbeit mit Gedanken um Jesus, den Teufel und die Preßlufthämmer herumschlug, traten in den Pausen verschiedene Kollegen an mich heran, die mich in die Gewerkschaft aufnehmen wollten. Zuerst fragten sie mich nach der Religion. Als ich dann zum Scherz, wie man das immer tut, »bergisch-märkisch« sagte, wurden sie ernst und heftig. Zuerst war ein Roter bei mir, dann ein Christ, der mich bei meinen Glauben beschwor, ja nicht zu den Roten zu gehen. Dann kam ein Dritter, der mich für den Hirsch-Dunkerschen Gewerkverein haben wollte. Als der Hirsch-Dunkersche mein Zögern merkte, paßte er mich auf dem Klosett ab, und sagte, ich hätte Recht, wenn ich die Religion aus dem Spiel lasse. Auch der Sozialismus sei eine Religion. Nur der Gewerkverein sei neutral, er wolle nur den Arbeiter organisieren; ich solle mich nur nicht verblüffen lassen, es gäbe keinen Organisationszwang, sondern nur Organisationsfreiheit. Das Gesetz erlaube dem Arbeiter, sich zu organisieren, aber die Roten wie auch die Schwarzen machten einen Zwang daraus. Wenn ich zu den Roten ginge, würde ich aus der Kirche ausgeschlossen, ging ich zu den Schwarzen, so könnt ich auf keiner großen Bude arbeiten; es gäbe keine christlichen Kesselschmiede, ich würde überall herausgeekelt. Ich müsse, ob ich wolle oder nicht, irgendwo organisiert sein. Der wirklich neutrale Verband sei der Gewerkverein. Man könnte mir ansehn, daß ich kein gewöhnlicher Arbeiter sei.

Der Vertrauensmann der Roten machte den Hirschdunkerschen lächerlich und nannte ihn einen gelben Verräter. Die Christen seien auch kein Haar besser. Beide Grüppchen suchten Dumme, ich sah doch intelligent aus. Religion sei Privatsache. Es gäbe auch christliche Kesselschmiede im freien Verband, der wirklich neutral, über die ganze Industrie verbreitet und international sei. Mit dem Mitgliedsbuch der freien Gewerkschaft in der Tasche könnte ich durch die ganze Welt reisen, überall würde ich als gut Freund aufgenommen; die Kollegen im Ausland würden dafür sorgen, daß ich Arbeit bekäme und alle Unterstützung, die man sich denken könne.

Mein Quartierkollege saß in einem Benzolkessel und stemmte einen Flansch. Als er ins Mannloch hineinkroch, grinste er mir höhnisch zu. Vor der Vesperpause kam er an mein Rohr und sagte, ich solle ihm mit dem Vorhammer ein paar Nieten gegen halten kommen. Ich kroch mit dem Hammer in den Kessel. Er wies mich in die Ecke, setzte sieh auf einen Klotz und zog mich zu sich: »Bist du noch nicht organisiert?«

»Nein!« sagte ich, »was soll ich tun? Mein katholischer Glaube verbietet mir, zu den freien, also roten Gewerkschaften zu gehn, weil für die christlichen Arbeiter extra Gewerkschaften sind. Ich kann und will nicht aus der Kirche gestoßen werden, mein Glaube ist mir heilig!«

»Dann mußt du eben bei den kleinen Krautern arbeiten«, sagte er, »und mußt machen, daß du hier fortkommst. Wenn du als Roter in einer Werkstatt schaffst, wo die Christen die Mehrheit haben, so machen die dir die Hölle ebenso heiß wie hier die Roten. Dann mußt du eben für deinen heiligen Glauben leiden und dich aus der großen Arbeits- und Arbeiterwelt selber ausschließen. Am besten ist, du gehst wieder nach Haus!« »Ich will in die Welt!« erwiderte ich schnell, »ich will in den großen Fabriken lernen mit modernen Maschinen zu arbeiten. Ich will auch viel Geld verdienen, wie ihr. Die Krauterbuden nützen mir nichts.«

»Mach daß du hinauskommst, du paßt nicht in die Welt!« lachte er, stand auf und legte den Hammer auf den Mannlochrand. »Wer nicht will, dem ist nicht zu helfen!«

Ich stieg hoch und rutschte den Kessel hinab, ging wieder an meine Arbeit und hämmerte verbissen auf die Nietnähte bis es Feierabend war. Der Rote und der Christ strichen um mich herum, aber ich arbeitete ohne abzusetzen, weil sie mich sonst wieder angehauen hätten. Die Hände fielen mir vor Müdigkeit fast ab. Ich trendelte beim Waschen, ging als letzter aus dem Tor, und hoffte, allein nach Haus gehn zu können. Da stand mein Zimmerkollege und wartete.

In meiner Verlegenheit bat ich ihn, er solle mir ein paar Worte über die Gewerkvereine sagen. »Den Teufel werde ich tun! Meinst du, die Arbeiterbewegung sei etwas für kleine Leute? Glaubst du, der Arbeiter, das war das Häufchen Elend, wie du es in der Fabrik siehst? Bildest du dir ein, die Sache der Arbeiter ist der Kampf um ein paar Pfennig Lohnerhöhung und anständige Aborte im Betrieb? So könntest du meinen, wenn du die Kollegen reden hörst! Aber laß es dir ins Gehirn hämmern, Junge, das Ziel der Arbeiterbewegung ist: die Herrschaft über die ganze Erde an sich zu reißen. Die Industrie mit Bergwerken und Fabriken, die Eisenbahnen und Schulen, die Landwirtschaft und den Handel zu erobern und in den. Händen der Arbeiterklasse zu vereinigen. Die Kaiser und Könige sind doch bloß Hampelmänner der Kapitalisten, die Armeen und hohen Schulen dienen dem Kapital. Die ganze besitzende Klasse muß darum den Arbeiter niederhalten. Die Gewerkschaften sollen die Arbeiter sammeln, sollen sie vorbereiten zu dem großen Kampf, der in einem gewaltigen, blutigen Aufstand enden muß; für diese letzte Entscheidungsschlacht müssen wir uns vorbereiten. Auch du mußt dich jetzt entscheiden: für oder gegen die Arbeiter!

Die Sache der Arbeiter ist eine Idee, die die ganze Erde und alles Leben zu einem neuentdeckten Amerika macht! Hier, meine Hand! Wollen wir Freunde oder Feinde werden?« »Freunde!« sagte ich zögernd trotz allem Elend, welches in mir aufkam. Wir gingen ins Quartier und setzten uns an den Eßtisch. Ich war froh, daß die Gäste immer wieder einen Groschen in das Orchestrion schmissen, es spielte die neuesten Märsche und Lieder.

»Gehst du mit rauf!« fragte er mich, als wir gegessen hatten. Ich nahm meine Mütze, wir gingen aufs Zimmer.

»Du solltest dich anziehn, mit in die Stadt gehn. Du solltest das Leben kennen lernen. Aber ich wette, du kennst überhaupt nichts vom Leben? Bist du noch unschuldig, hast du noch deinen Kinderglauben? Bist du noch bang vor der Hölle, glaubst du noch an die Sünde? Gehst du in die Kirche zum Beichten? Ich will dir beweisen, daß deine Sünden gar keine Sünden sind. Deine Dummheit ist Sünde, dein Glaube ist Sünde, du bist die fleischgewordene Sünde, wenn, du noch länger den Priestern glaubst, die dich und das ganze Arbeitervolk zum Dulden erziehen, damit der Kapitalismus recht viel dumme, fleißige und genügsame Arbeiter behält!«

Er ging an seine Kiste und packte Bücher und Schriften aus, wickelte sie in ein Papier und machte sich fertig zum Ausgehn. Ich setzte mich an das Fenster und sah auf den Hof hinaus, über den die Qualmwolken aus dem Schornstein der nahen Bäckerei zogen.

»Weiß der Teufel, warum du mir in die Quere gelaufen bist. Ich saß so schön allein hier. Wenn ich wüßte, daß es Zweck hätte, würde ich sagen, komm mit. Ich geh in eine Familie, die aus Rußland gekommen ist. Auch Italiener sind da. Internationalisten, Flüchtlinge, die nach Frankreich und in die Schweiz reisen.«

»Bist du auch ein Gewerkschaftssekretär?« fragte ich.

»Nein!« sagte er hart und abweisend. »Wenn ich das wäre, so würde ich dir sagen, daß es genügt, in die Gewerkschaft einzutreten, den Beitrag zu bezahlen und in die Versammlung zu kommen. Ich sage dir, das genügt nicht! Deine Kirche ist ja auch international. Da fällt es dir nicht schwer, die Brüderlichkeit aller Menschen zu begreifen. Sie besteht zwar bei euch nur in schönen Reden. Aber du hast begriffen, alle Menschen sind gleich. Diese Gleichheit aus der Kirche und der Theorie herauszuholen, sie auf der Erde und im täglichen Leben lebendig zu machen, dafür sind wir da. Das möchten die christlichen Arbeiter auch, aber die Priester, die dahinter stecken, wollen es nicht. Darum sagen sie nicht, daß die Sünde der Welt der Kapitalismus ist, sie sagen, es sei die Unkeuschheit. Da haben sie ein gutes Mittel, den Blick des Arbeiters von der großen Welt auf die nette Kleinigkeit hinzuziehen, womit diese Sünde getan wird. Himmel und Hölle wegen Junge und Mädchen. Mit der Angst regieren sie dich; wenn die Angst vor der Hölle dich nicht mehr von den Frauen abhält, dann wirkt die Angst vor der Lustseuche um so mehr. Das haben sie euch eingehämmert.

Der Trieb sperrt euch Augen und Ohren zu, die Lust zur Sünde verschmiert eure Gedanken. Solange ihr in der Lust des Leibes Hölle und Satan seht, könnt ihr ja gar nichts anderes mehr denken als: verboten! – Priester, Kirche–Vergebung.

Die Welt ist für euch verloren, Gott ist tot, das Leben ist darum ein Jammertal. So seid ihr alle! Auch du. Ich rede kein Wort mehr mit dir, ehe du nicht den Versuch gemacht hast, deine Sünde und dein schlechtes Gewissen bei den Mädchen los zu werden. Du bist fremd hier. Gut, ich nehm dich mit. Ich kenne Mädchen und Frauen, die dir gern dabei helfen. Und damit du keine Angst vor Krankheiten zu haben brauchst – hier.« Er ging an seine Kiste, holte ein kleines Päckchen heraus und legte es vor mir auf den Tisch. »Gebrauchsanweisung liegt drin. Morgen Abend kannst du mir Bescheid sagen. Warte, ich geb dir auch noch ein Buch, da kannst du einmal nachlesen, was eigentlich gespielt wird. Ich bin radikal, alle Halbheiten haben keinen Zweck. So, ich muß gehn! Wichtiger ist jetzt, daß du die Liebe begreifst, viel wichtiger als die Organisation.« Er ging.

Ich wagte es nicht, das Buch anzusehn. Ich stand am Fenster und schaute hinaus. Das Buch auf dem Tisch fühlte ich wie einen Feuerbrand lodern. Die Worte des Kollegen schwangen wie Hämmer um meinen Kopf, sie schlugen mich in die Erde hinein. Durch den Qualm überm Hof sah ich die verweinten Augen meiner Mutter. Die Worte der Schwester im Krankenhaus hauchten wieder in mein Ohr, teuflisch und süß, von der großen Krankheit der Liebe und dem Heulen der bei lebendigem Leib Verfaulenden. Auf dem Tisch lag auch noch das geheimnisvolle Päckchen. Ich ging ein paar Schritt auf den Tisch zu, öffnete das Buch mit zwei Fingern, las ein paar Worte, sah eine Zeichnung, ein buntes Blatt: die Eingeweide des Menschen. Sah Mann und Frau, sah gesunde und kranke Organe; ich wurde wieder ruhig und blätterte an den Anfang, las ernsthafte Schilderungen vom Werden des Menschen und der Familie, verstand nicht alles, weil zu viele Fremdwörter darin waren, las weites, stehenden Fußes das Buch zu Ende.

Es war dunkel.

Ich schämte mich vor dem Licht, das ich groß angedreht hatte, schraubte es wieder klein; ich wollte hinauslaufen, doch ich mochte keinem Menschen in die Augen sehn. Da löschte ich das Licht aus und legte mich ins Bett. Nun wollte das Gelesene lebendig werden, die erwachte Lust kämpfte mit der alten Angst vor Hölle und Krankheit. Erlösend tönte aus dem Buch die neue Botschaft: Alles ist natürlich, nichts ist böse, der Mann ist gut, die Frau ist gut. Schlecht ist nur die krankhafte Entsagung.

Zum erstenmal gab ich mich mir selber hin und weinte mich selig in einen ruhigen Schlaf.


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