Heinrich Lersch
Hammerschläge
Heinrich Lersch

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Der Dichter

Fort, ich mußte fort, das stand für mich fest!

Zwei Jahre mußte der Gymnasiast noch warten, eh er in die Welt kam, ich wollte es in einem Jahr zwingen. Geld sparen, damit ich nicht der Mutter das Wenige abzunehmen brauchte.

Als ich nach Haus kam, war es mir leichter ums Herz. Ich blieb sogar den Nachmittag bei den Eltern, fragte den Vater nach seinen Erlebnissen in England und Holland aus, er erzählte nur wenig von den Ländern, desto mehr von der Arbeit und wieviel er verdient habe. Es brachte mir nichts ein, aber die Mutter hatte ein paar Stunden Ruhe, es war das erstemal, daß ich ihn von seinen trüben Sinnen ablenken konnte. Am Abend ging ich früh zu Bett, ich lag noch allein, das Fenster stand weit auf, der ferne Wald rauschte herein. Da stand ich wieder auf, lag mit dem Ellenbogen auf dem Fensterbrett und starrte in die Nacht hinaus. Die erste Begegnung mit Rosa fiel mir ein, es war in jenem Wald drüben. Ich fühlte, Rosa ist nicht tot und fort, ihr Geist lebt und webt in diesem Walde. Hatte sie nicht gesagt, ehe sie starb: »Wenn ich erst tot bin, dann bin ich immer um dich, du siehst mich nicht, aber ich bin in der Luft, die du atmest, ich warte auf dich, wenn du am Morgen die Augen aufschlägst und arbeiten gehst, und wenn es dir schwer wird, dann tröste ich dich; ich zeige dir die Wege, die du gehn sollst, ich bin ja nicht mehr krank und schwindsüchtig, sondern ein Engel, dein Schutzengel bin ich, der Bote Gottes auf Erden. Was soll da ein fremder Engel, der dich nicht kennt, niedersteigen? Da werde ich schon mit Gottvater einen guten Akkord machen!«

Diese Worte hörte ich so deutlich in die Nacht hinein, daß ich glaubte, ich könnte sie nie vergessen. Nach kurzer Zeit aber wußte ich sie nicht mehr, da beschloß ich, sie aufzuschreiben. Ich hatte ein kleines festes Anschreibbuch, in das ich Skizzen und Maße für die Werkstatt einzeichnete und Auslagen und die Arbeitsstunden notierte. Ich holte es mir aus dem Rock und schrieb beim wehenden Kerzenlicht mit krakligen Buchstaben. Das Fenster stand in der Zimmerecke, ich hatte es ausgehängt, weil ich mir immer den Kopf daran stieß. Nun setzte ich es wieder ein. Ich schrieb, aber nicht die Worte Rosas, sondern schrieb von den Waldbäumen, dem Gras, dem bunten Herbstlaub, dem ersten Grün der Maientage, von den Nestern der Vögel und den Tieren des Waldes. Erst mußte ich den Wald beieinander haben, dann erst konnte ich von dem Mädchen erzählen, wie es aussah, was es aussprach; die Worte auf dem Sterbebett, das war erst der Schluß. Die schöne Zeit kam mir wieder in die Erinnerung und ich schrieb von dieser schönen Zeit, von den stillen Stunden, in denen wir Gras und Kräuter für die Ziegen holten, und die kleinen Schmausereien von gemeinsam gesuchten Brombeeren oder Bucheckern.

Ich vergaß ganz, was ich schreiben wollte, immer kam mir eine neue Erinnerung. Als mein Bruder zu Bett ging, lachte er über das geschlossene Fenster, das den ganzen Winter aufgestanden hatte und nun, wo es Frühjahr wurde, geschlossen sein sollte. Er schlief, ich schrieb weiter. Zehn Seiten waren schon voll, es war, als diktiere mir jemand und ich brauchte bloß hinzuschreiben. Als ich am andern Morgen durchlas, fand ich mitten in den Sätzen Reime, ich unterstrich sie und nun wollte ich weiter in Reimen schreiben. Das ging leichter, es gab auch mehr Seiten.

Am Montag Morgen mußte ich in eine Fabrik; die Mutter hatte einen Gummikragen gekauft, der blau- und weißgestreift war; ich wollte ihn nicht anziehn, weil es ein Schlosserkragen war, ein Kesselschmied müsse das Hemd eingeschlagen und eine freie Brust tragen. Aber die Mutter sagte, ich müsse auch was vorstellen, ich könne nicht länger wie ein junger Lump herumlaufen, ich sei kein Kind mehr.

Ob ich nun wegen des Kragens, der mich am Halse scheuerte, ein sonntägliches Gefühl herumtrug oder wegen des Gedichtes, das mir wie eine glühende Eisenplatte in der Tasche brannte – in der Elektrischen nahm ich das Buch heraus und fing von vorn an zu lesen.

Ich bekam selber Respekt vor mir, ich hatte einen Kragen um und stellte was vor. In der Fabrik war ich frei und frech wie nie, schnippte mit dem Zollstock und besah mir jeden Schlosser oder Heizer daraufhin, ob er wie ich, ganze Seiten voll schreiben konnte. Nein, das konnte nur ich, ich fühlte mich noch einmal so groß, als ich war.

Ich besaß die Kühnheit, den Asphaltkessel als total verschlissen zu bezeichnen, ich würde einen neuen anbieten, ich könne für die Reparatur des alten nicht garantieren.

Bisher war ich froh, wenn wir nur etwas zu flicken bekamen, denn die neuen Sachen wurden meist von großen Fabriken bezogen. Ich überlegte schnell und sagte, wir könnten durch eine neue Arbeitsmethode und eine Erfindung meines Bruders mit jeder Fabrik konkurrieren, rechnete schnell aus, wie teuer wohl solch ein Kessel sein müßte und gab auf gut Glück ein Angebot ab. Zu meinem eignen Erstaunen sagte der Meister zu; ich solle den Auftrag schriftlich bestätigen, je eher sie den Kessel hätten, je besser wäre es.

Zu Hause tat ich weniger großspurig, aber ich hatte doch meine Freude an Mutters Freude. Am Abend ging ich wieder früh ins Bett, der Bruder war zum Turnen, die Kleinen schliefen längst. Ich schrieb weiter an meinem Gedicht, schrieb, bis mir die Augen zufielen. Am Morgen lag ich mit dem Gesicht auf dem Buch, die Mutter zog es mir unter den Backen heraus und sah neugierig die vielen geschriebenen Seiten an.

Ich schämte mich ein wenig, aber da die Mutter nichts sagte, schwieg ich auch. Bei der Arbeit dachte ich immer an mein Buch, das ich in der Hintertasche meiner Manchesterhose trug. Um zehn Uhr ging ich auf den Abort, um in aller Stille nachzulesen, was ich gestern geschrieben hatte. Als der Bruder schon vom Frühstück kam, saß ich noch da und schrieb wieder.

Ich sah ein, daß ich so nicht weiterkonnte. Ich mußte ein Zimmer haben! Ich baute ein Ofenrohr in den Ofen der guten Stube. Dort setzte ich mich abends hin und schrieb. Heimlich legte ich eine Rechenkladde vor mich hin, und wenn jemand kam, so machte ich Skizzen und zählte wahllos hingekleckste Zahlen zusammen. Der Mutter sagte ich, ich müsse mir eine Erfindung ausdenken. Sie dürfe dem Vater nichts sagen, sonst wolle er mittun und das ginge nicht. Ich sah an den Augen meiner Mutter, daß sie mir nicht glaubte, aber sie sagte kein Wort. Der Mutter gegenüber hatte ich ein schlechtes Gewissen. Aber ich dichtete weiter. Wo ich ging und stand, ob ich Zeit hatte oder nicht.


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