Heinrich Lersch
Hammerschläge
Heinrich Lersch

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Nun war ich Lehrling

dreizehneinhalb Jahr, schulentlassen und ging in die Werkstatt. Der Geselle Fritz saß auf der Feilbank, rauchte eine kurze Pfeife und wartete auf mich. Vier andere Gesellen machten Flicken und Rohre fertig, auch sie gingen auf Reparatur. Ich war schon öfter mit Vater am Sonntag zu kleinen Arbeiten in Fabriken gegangen, kannte die Kessel und wußte, was bevorstand. Ich war nicht neugierig, und nur Karl Heller sagte: »Eigentlich müßte der Heini den Einstand geben! Er gehört jetzt zu uns!«

Fritz machte mein Bündel noch einmal los und packte ein Dutzend Meißel in die Kleider. Er steckte einen Hammer durch die Schnur und gab mir das Bündel auf die Schulter. »Marschrichtung auf die nächste Kneipe!« spottete er. Die Firma hieß Giesen und Kasteel, Tuchfabrik. Wir zogen am Krankenhaus vorbei, durch die Vorstadt und kamen nach einer halben Stunde Weg ans Portierhaus. Dort gaben wir einen Zettel ab und schritten den Fahrweg hinan in das weitgeöffnete Tor des Kesselhauses.

»Hast du es gesehn, der Weg war schwarz, schwarz von den Kohlen, die hier alle Tage hereingefahren werden. Es ist ein langer Weg von der Kohlengrube, wo der arme Teufel von Bergmann hunderte Meter tief schwitzt bis hierhin: Hier endet die Kohlengrube und der Weg ist mit Schweiß und Blut, mit Kohle gezeichnet. Du könntest genau so gut in den Pütt gehn. als untern Dampfkessel. Wen der Pütt und der Kessel hat, der kommt nie mehr davon!« Fritz stand auf dem Weg und zeigte ihn hinunter, fuhrwerkte mit der Hand in der Luft herum als suche er die Zechenstadt.

Nun zogen wir uns im Maschinenhaus die blaue Arbeitskluft an. Der Boden war mit weißen Fliesen belegt, braune Kokosteppiche lagen an der Maschine vorbei, die Wände waren hellgelb gestrichen, die Fenster waren groß wie Scheunentore, man sah die andern Fabriken liegen, der Schornstein der Spinnerei von Schmölder qualmte noch.

»Du bist doch grad schon groß genug zum Schnaps beiholen und Kaffeemachen!« sagte mit freundlichem Spott der Maschinist. Er blickte sogleich wieder in die Maschine, fuhr mit meterlangen Strichen über die Pleuelstange und tupfte mit einem weißen Putzwollknäuel das Gelenklager ab.

Ich ging die kleine Treppe hinunter in den Heizraum, der Heizer putzte mit stinkendem Salmiakgeist die Kupferarmatur des andern Kessels. Fritz kam hinter mir her, er wies auf das Feuerloch und sagte barsch: »Rin!«

Schon steckte ich die Arme vor, schoß, wie ein Dackel in den Kaninchenbau, ins Flammrohr, und kroch über die Roststäbe an die gemauerte Feuerbrücke. Hinter mir her stöhnte und fluchte Fritz; ich war schon das zehnmeterlange Flammrohr hindurchgekrochen, ehe er nur über die Feuerbrücke kam. Nun leuchteten wir alle Nähte ab und machten da, wo der Kesselstein Krusten angesetzt hatte, Kreidezeichen. Dann sank der Rauchgang jäh einen Meter tief, um den Weg zurück unter den Mantel des Kessels zu machen. Zwei Meter dick lag das Ungetüm über uns, alle drei Meter kam ein gußeiserner Stuhl, darauf die Last ruhte. Die kleine, qualmende Lampe beleuchtete nur einen winzigen Kreis von Mauerwerk und Kesselrundung. Kein Ton aus der Welt drang hier herein. Wieder krochen wir die zehn Meter vorwärts, vorne, an der ersten großen Rundnaht, war die größte Undichtigkeit. Da fingen wir anzustemmen, ich brauchte nur die Lampe zu halten; mit ausgestrecktem Arm immer in der nächsten Nähe des Meißels und der undichten Stelle. Für fünf Minuten ging das, dann aber wurde es schlimm, die Hand ermüdete, der Arm erlahmte. Ein Glück nur, daß auch der Kesselschmied ab und zu seine Stellung verändern mußte, da konnte auch ich eine kleine Weile ausruhn.

Es war immer noch heiß im Gemäuer, bald fingen wir an zu schwitzen, von der Rundung des Kessels fielen dicke Rußlagen, die die Kesselreiniger nicht weggefegt hatten. Die Kleider, der Nacken, die Arme waren voll Rußstaub, der im Gesicht scheußlich juckte.

Alle Stunden krochen wir heraus; zwischen Tag und Dunkel aßen wir ein Butterbrot, ich mußte auf der Feldschmiede Kaffee kochen, weil sonst kein Feuer im ganzen Betrieb brannte.

Am Abend kam der Betriebsleiter und fragte, wie lange die Arbeit wohl dauern könne. Fritz sagte, daß es sicher bis Samstag Nacht dauern würde und dann müsse man die Druckprobe machen. Wenn sich nichts Schlimmeres zeigte, würden wir Ostersonntag wohl fertig sein.

Der Meister hatte geglaubt, es würde bis in die nächste Woche hinein gehen. Erleichtert sagte er:

»Wenn's Dienstag nach Ostern wieder in Ordnung ist, sorg ich dafür, daß ihr Stoff zu einer schönen Sonntagshose bekommt!«

Fritz lachte höhnisch hinter ihm her: »Hat schon jemand einen Kesselschmied in einer Sonntagshose gesehn? Sonntag auf Erden – das gibt es erst, wenn alle Arbeiter auf einen Schlag zusammen die Brocken dahinschmeißen! Dann ist auch Ostern für uns.«

Am Abend kam der Betriebsleiter wieder und sagte, es war ihm lieber, wenn diese Nacht durchgearbeitet würde. Er wolle Ostern nicht in der Fabrik liegen. Er wollte dafür sorgen, daß heut abend zu essen da sei, auch auf ein paar Flaschen Bier käme es nicht an.

Um sieben Uhr kam ein junges Mädchen aus der nahen Wirtschaft mit einem Korb voll Essen, Rindfleischsuppe, Kotelett und Spinat, zwei Kumpen voll, die wir nicht auf einmal auf die Teller kriegen konnten. Sie setzte die Sachen auf die Erde und lief schnell weg, als sie uns sah. Eine emaillierte Töte voll Bier, es waren mindestens drei Liter, war auch dabei.

»Siehst du, nicht mal die Mädchen mögen uns, viel weniger die Fabrikbesitzer«, sagte Fritz. Wir rieben uns die Hände mit Schmieröl einigermaßen rein und setzten uns auf eine schmale Bank; so gut gegessen hatte ich seit langer Zeit nicht. Wir wurden satt und krochen wieder in den Kessel, arbeiteten, bis der Heizer rief, daß es zehn Uhr sei und er nach Haus gehn müsse. Als wir hinauskrochen, sahen wir, daß er auch das Maschinenhaus, in dem unsere Kleider hingen, abgeschlossen hatte. So konnte ich, selbst wenn ich gewollt hätte, nicht nach Hause gehen. Die Mutter würde wohl Sorge haben, aber sie mußte es sich doch denken, daß wir eine Nachtschicht machten.

Als wir wieder eine Stunde gearbeitet hatten, ruhte Fritz länger als sonst aus, auch ich wurde müde.

Die Arbeitsstunden wurden immer kürzer; wenn wir im Kesselhaus waren, fror es uns, da rutschten wir gern wieder in den Feuerzug hinein. Da Fritz keine Uhr hatte, wußten wir nicht, wie spät es war. Oft fiel mein Arm nieder, nachdem die Augen schon längst zugefallen waren. Fritz schimpfte und stieß mich in die Rippen, aber das nutzte nichts mehr, ich schlief. Als ich einmal erwachte, sah ich, daß die Lampe an einem Meißel hing, den er in das Gestein geschlagen hatte. Mühsam klopfte er auf den Stemmer, im Schatten seiner eignen Faust lag die Naht, er mußte sich, um heranzukommen, in unmögliche Stellungen verbiegen und verrenken.

Ich nahm die Lampe und leuchtete. Bald liefen mir Träume vor die Augen, halbwache Träume, in denen Wirklichkeit und Sehnsucht durcheinanderliefen: Ich lag im Bett und leuchtete unter dem Mauerwerk. Ich roch den Wald und die Höhle, hielt anstatt der Lampe eine braune Flaschenscherbe gegen die Sonne und sah die Welt in wunderbarem Licht. Die Beine ausgestreckt, lag ich mit dem Rücken gegen die heiße Mauer, den Kopf auf der Brust; später erwachte ich, als Fritz mit dem Schlagen aufhörte und blieb während der Pause wach, um sofort wieder einzuschlafen, wenn das regelmäßige Tack-Tack des Hammers klang. Als ich wieder einmal erwachte, lag ich lang ausgereckt auf den Steinen, den Kopf auf einem Stein, den Fritz aus dem Mauerwerk geschlagen hatte, weil die Undichtigkeit bis an den Mauerrand ging. Es war ein wunderbares Ausruhn, nie im Leben hatte ich köstlicher gelegen als in der Stunde.

Wenn ich mich wenden wollte, schmerzte mir die Brust, die Arme waren lahm, die Haut auf dem Hintern glühte, ich fühlte, daß ich wund war.

»Zweimal bin ich raus- und reingekrochen, du hast wie ein Stein gelegen«, sagte Fritz, »jetzt leg ich mich hin.«

Wir gingen über den Hof und suchten eine offene Tür, um aus der Fabrik Putzwolle zu holen, alte Säcke oder Lumpen, nur um etwas unter dem Hintern und den Knien zu haben. Alle Räume waren verschlossen, der Portier schlief, der Nachtwächter war nirgends zu finden. Bis in die Knochen kalt, kamen wir ins Kesselhaus zurück. Der Nebel war dick wie Baumwolle, das Kesselhauslicht glühte wie ein Stern im Dunst. Im langen Gang zwischen den Kesseln fanden wir dann die Arbeitskleider der Kesselreiniger. Sie stanken ganz erbärmlich nach Schweiß, doch wir brauchten sie ja nicht unter die Nase zu halten.

Endlich hörten wir die Morgenglocken und die Fabrikhörner: es war sechs Uhr. Fritz trank den Rest Bier aus, der in der Kanne war. Ich hatte immer Wasser getrunken, trotzdem Fritz sagte, daß man schlapp davon würde. Ich stellte mir den Kaffeetisch vor, der nun unter der Hängelampe mit frisch geschnittenem Brot und dampfendem Kaffee leuchtete. In allen Arbeitshäusern brannte nun der Herd, gingen die Mütter scheltend in die Kammern, die Männer und Jungens aufzuwecken, die nicht aus den Betten wollten, in allen Arbeiterhäusern wurden nun Butterbrote eingepackt. Ich dachte an die Feier des Gründonnerstags, morgens in der Kirche, roch den Weihrauchduft und den Geruch der Wachskerzen.

Nun wurde es hell, der Heizer kam, ich ging, schwarz wie ich war, auf die Straße, suchte ein Kolonialwarengeschäft, kaufte Kaffee, ließ ihn mir von der Frau mahlen und aß sofort die Brötchen, die der Bäckerjunge grade brachte. Für den Gesellen kaufte ich ein halbes Pfund Blutwurst, ich ließ mir Käse schneiden. Indes die Frau den Kaffee mahlte, fror ich, daß mir die Zähne klapperten, wenn sie nicht grade auf dem Brötchen kauten.

Als ich zurückkam, hatte Fritz die Feldschmiede angeheizt, das Wasser kochte, und bald saßen wir im sauberen Maschinenhaus, die Hände um die glühheiße Tasse und sogen die ersten Tropfen des duftenden Gebräus. Frische Brötchen gab es zu Haus nie, dazu wohnten wir zu weit von der Stadt. Kaum hatten wir gefrühstückt, als mein Vater kam und fragte, wie es mit der Arbeit stände. Nachdem er sich alles hatte berichten lassen, fragte er Fritz, ob ich die ganze Nacht wach geblieben war. Da sagte Fritz, ich hätte sehr schön geschlafen, das könne man ja sehn, weil ich so munter sei. Natürlich würde ich das nicht zugeben, aber es sei schon so. Dann könnte ich auch wohl den Tag über dabeibleiben, meinte der Vater und ging, nachdem er uns etwas Geld für Bier dagelassen hatte.

Tatsächlich war ich nun nicht mehr müde. Im gleichen Tempo ging die Arbeit weiter, nur, daß die Haut auf dem Hintern unerträglich schmerzte, die Knie wundgescheuert waren.

Zu Mittag bekamen wir wieder sehr gutes Essen, ich wurde müde davon. Der Geselle verspottete mich, weil ich des Fastentages wegen kein Fleisch aß. Ich fühlte mich selbst nicht mehr, ich war wie eine glühende Maschine, zu müde selbst, um mich zu waschen, als es sieben Uhr tutete. Fritz hatte sich im Maschinenraum ein Lager gemacht, dort wollte er von zehn bis drei schlafen und dann weitermachen. Ich solle doch auch nur dableiben, er ließe mich auch so lange schlafen, wie ich wollte. Das war doch keine Sache, sich jetzt erst zu waschen, nach Haus zu laufen, sich in ein Bett zu legen, um nach ein paar Stunden wieder herzurennen. Ich müsse mich bloß dran gewöhnen, dann schliefe ich auf Kesselplatten genau so schön wie im Bett. Er packte mich beim Ehrgeiz, ich blieb. Tatsächlich schlief ich auch, bis ich von selbst wach wurde, es war aber erst vier Uhr morgens. Wir hatten Kaffee, das Mädchen aus der Wirtschaft hatte ihn mitgebracht. Ich goß auf, wir frühstückten gleich und waren, als der Heizer kam, wieder vollständig in Ordnung. Fritz rechnete ständig vor, was wir an Überstunden herausholten, das gäb's ja nur an so hohen Feiertagen, wir würden bis Ostern einen ganzen Extrawochenlohn herausschlagen. Ich sollte nur einmal so eine ganze Reparatur mitmachen, dann könnte ich selber darüber urteilen, wie der Arbeitsmann über die Reichen denken müßte, die sich in feinsten Betten herumaalen könnten, dann pikfein von weißen Tischen frühstückten, erst einen Morgenritt machten, um sich Bewegung zu verschaffen, dann ein Bad nähmen und hernach in die Fabrik arbeiten gingen, das heißt, die Meister und Vorarbeiter anzutreiben, damit die Arbeiter auch genug schafften für seinen gierigen Geldsack. Aus diesem Schweiß und Dreck machte der Fabrikherr dann eine Reise an die Riviera, oder in die Schweiz oder an das Meer – wenn ich später einmal auf die Walze ginge, würde ich die Herrschaften ja treffen in den eleganten Badeorten und Großstädten. Da brauchte es keinen Gottfried Prume aus Barmen, um mich zum Sozialisten zu machen. Dafür sorgten die Reichen schon selber. Das könnte man überhaupt nicht aus Büchern lernen, dazu müsse man den Unterschied sehen. Dann würde der Haß schon lebendig, der gemeine, rohe Haß, den jeder anständige Arbeiter im Leib hätte. Ich Narr ließe das gute Fleisch liegen, weil ich den Priestern glaubte, daß es ein gottwohlgefälliges Werk sei – sie selber äßen aber ein halbdutzend Eier und eingelegte Fische, leckern Kompott und feinen Käse.

Wir krochen wieder und immer wieder in den Kessel, saßen nach dem Mittagessen mit gesenkten Köpfen über den halbleeren Tellern, den Schweiß und Ruß von zwei Tagen im Gesicht; ich schlief wieder, mit der Lampe in der Hand ein, Fritz legte mir die neuen, dicken Biberputzlappen, die er vom Heizer bekommen hatte, unter den Kopf. Als es schon wieder dunkel geworden war, rief uns Karl Heller. Er hatte seine Kleider mitgebracht und schickte mich nach Hause. Meine Mutter sei gestern nacht um zwölf Uhr hier gewesen, aber sie hätte nicht hereingekonnt. Jetzt aber müßte ich unbedingt Feierabend machen.

Ich wusch mir das Gesicht im Eimer, konnte aber die schwarzen Ränder um die Augen und die Ecken um die Nase nicht rein kriegen.

Weil es noch nicht sieben Uhr war, ging ich den Weg durch die Stadt, sah mir die Geschäfte an und blieb vor einem Schaufenster stehn, in dem feine Wäsche ausgestellt war. Ich hatte Lust, mich, schwarz wie ich war, mitten in die Auslage zu legen und zu schlafen.

Als ich nach Haus kam, war die Mutter sehr traurig, sie hätte die ganze Nacht nicht schlafen können. Wie eine Verrückte sei sie an der Mauer der Fabrik entlanggelaufen, habe an alle Tore geschlagen, aber niemand habe ihr aufgemacht. Das dürfe ich nie mehr wiedertun; wenn ich überarbeitete, dann solle ich es doch durch einen Jungen bestellen lassen, es kämen doch sicher Leute an unserem Hause vorbei.

Der Vater lachte geringschätzig; die Mutter solle sich daran gewöhnen, ich sei nun kein Kind mehr.

Trotz der mütterlichen Sorge gefiel es mir gar nicht zu Hause; Es tat mir viel weher, das Schimpfen des Vaters anzuhören, als mit der wunden Haut auf den heißen und rauhen Mauerwerksteinen zu sitzen. Die Mutter brachte mich ins Bett. Ob sie mich doch um sechs Uhr wecken solle? Sie täte es nur, wenn ich es wolle. Ich müßte nicht, dafür stehe sie ein.

Ich wußte, wenn sie mich schlafen ließ, dann hätte der Vater sie nicht in Ruhe gelassen und würde um die entgangenen Arbeitsstunden keifen. Ich sagte ihr, daß ich ein schönes Lager von Putzwollballen und Sacktüchern habe, ich sei gar nicht so müde; sie brauche sich nicht zu ängstigen, wenn ich die nächste Nacht nicht nach Haus kam, ich machte die Arbeit mit fertig, und wenn es bis Samstag abend dauere.

»Junge, du bist wirklich groß geworden!« sagte die Mutter und legte mir die Hand auf die Stirn.

»Mutter, wenn ich groß bin, dann sollst du es besser haben! Dann darf Vater nicht mehr schimpfen. Wenn ich groß bin, ziehn wir in eine andere Wohnung und lassen ihn sitzen, oder er muß sich sehr ändern. Alles kann er haben, Geld und alles, bloß soll er dich in Ruh lassen. Es ist ungerecht von ihm.«

»Still Kind, es ist dein Vater, er ist nicht böse, er ist nur krank!« Unter ihrer Hand schloß ich meine Augen und war bald eingeschlafen. Am andern Morgen war ich um sieben im Kesselhaus. Fritz war ein bißchen knurrig, bis er Kaffee getrunken hatte. Ich konnte nicht begreifen, daß er es so aushielt. Karl Heller hatte nun auch sechsunddreißig Stunden hinter sich, er ging nach Hause und kam abends wieder. Da legte ich mich hin, schlief herrlich im Maschinenhaus, das diese Nacht auch offenblieb.

Nun war schon Karsamstag morgen. Der Kessel war zur Druckprobe fertig, der Heizer legte den Feuerlöschschlauch an den Hydranten und ließ ihn durchs Mannloch in den Kesselraum hängen.

Da wir in der Wartezeit nichts machen konnten, legten wir uns hin und schliefen. Es wurde vier Uhr, als das Wasser im Dampfdom stand. Wir hatten inzwischen die Preßpumpe angeschlossen und drückten die zehn Atmosphärenüberdruck hinein.

Der Betriebsleiter kroch mit durch die Flammrohre. Da waren immer noch neue Leckstellen, die zu zerstemmen waren, er sah selber, daß es doch Ostersonntag werden mußte. Weil er aber nicht selber dabeibleiben wollte und er auch den Portier nicht in seiner Osterruhe stören wolle, gab er mir den Torschlüssel: »Dein Vater kriegt keinen Pfennig für die Reparatur, wenn mit dem Schlüssel Unfug getrieben wird!« drohte er mir. Da nahm mir Fritz den Schlüssel aus der Hand und schmiß ihn vor die Füße des Meisters: »Wir haben Plackerei genug mit eurem alten Kessel, tragt ihr die Verantwortung selber, der Junge tut genug, er braucht doch nicht den Fabrikmeister zu spielen! Dann lassen wir lieber den Kram liegen und fangen Dienstag wieder an!«

Da sagte der Meister verlegen: »Gut, dann werde ich den Heizer fragen, dann kann der euch herauslassen!«

Ich bewunderte Fritz, weil er es mit dem Schlüssel so vernünftig gemacht hatte. Ich fühlte mich von dem Vertrauen schon etwas geehrt. »Vertrauen? Vertrauen? Angst vor Verantwortung. Mir gab er den Schlüssel nicht, weil er bei mir nichts holen kann. Hüte dich vor denen, die dir vertrauen, sie wollen dich bloß einwickeln. Da kommen sie bei mir ans falsche Kontor! Was so ein Klugscheißer von Meister kann, haben wir uns als Lehrjunge von den Sohlen gelaufen. Ich werd niemals was, ich bleib ein Habenichts, ein Binnichts. Aber Angst sollen sie haben, Angst, die Gernegroße und Bogenspucker!«

Nun wurde es kalt im Kessel, das Wasser kühlte die Wände ab, wir schwitzten nicht mehr. Das Feuer auf der Feldschmiede blieb die ganze Nacht in Brand, ich legte immer neue Tannenknüppel aus den Schanzen auf die Gult; es schien, als ob wir bis Mitternacht fertig würden. Immer näher rückten wir mit unserm Werkzeug und den Sitzkissen an die Feuerbrücke,: da sprang direkt am ersten Verstärkungsring ein Nietenkopf ab.

»Jedes Ding hat seine Zeit!« philosophierte Fritz, »wenn wir Sonntag arbeiten müssen, dann müssen wir Sonntag arbeiten, und wenn's am Kinderwagen der gnädigen Madam ist! Wenn ich sage, es dauert bis Sonntag, dann können alle Meister und Fabrikbesitzer Kopf stehn, sie kriegen keine Stunde eher ihren Kessel fertig! Das seh ich gleich jedem Fabriktor an, jedem Kesselraum, jedem Flammrohr: so und so lange muß ich mich hier schinden.«

Der Junge vom Kontor wurde mit einem Zettel zur Werkstatt geschickt, zwei Mann mußten kommen, das nötige Werkzeug und die Niete mitbringen. Indessen bohrten wir den Bolzen mit der Knarre aus. Das Wasser lief wieder ab, Fritz und Karl krochen in den kalten, nassen Kessel, ich saß mit der Nietwinde im Flammrohr, und der Heizer machte die Niete glühend. In einer Viertelstunde saß der Pinn drin, wurde gestemmt, und nun konnte das Wasser wieder anlaufen. Fritz kroch in den Keller unter der Maschine, drehte den Wasserschieber ganz groß und nun schoß der mächtige Strahl peitschend in die Höhlung des Kessels. Während des Vollaufens stemmten wir die Kleinigkeiten, und gegen fünf Uhr früh kam der Heizer mit in den unter zwölf Atmosphären Druck stehenden Kessel.

»Ha, nicht eine Träne mehr, nicht ein Tropfen! Fertig!« sagte Fritz und schmiß das Werkzeug über die Rostfläche, daß die Stemmer aus dem Feuerloch in den Heizraum klirrten. Nun machten wir wieder Kaffee, und schon um sechs erschien der Betriebsleiter. Er war in höchstem Sonntagsstaat. »Kann ich Ihnen Glauben schenken, Heizer, haben Sie sich von der Dichtigkeit des Kessels überzeugt?« fragte er.

»Paß auf, gleich kommt wieder Verantwortung!« zischte Fritz durch die Zähne, – dann wandte er sich zum Betriebsleiter: »Wir sind gemeine Kesselschmiede, mein Herr, dumme Hunde und gewöhnliche Menschen, aber von einem Kessel verstehn wir was. Wenn wir sagen: ›Fertig!‹ dann ist es fertig. Darauf können sie Häuser bauen! Ich will auf der Stelle verrecken, wenn der Kessel nicht in Ordnung ist!«

»Langsam, langsam! Ereifert euch nicht!« sagte der Betriebsleiter.

»Langsam, langsam, das hättet Ihr am Mittwoch sagen sollen!« maulte Fritz, »aber da ging es: ›Voran, voran!‹«

»Sie kriegen die Hose!« beruhigte der Betriebsleiter.

»Ich sch.... Euch in Eure Hose!« grienlachte Fritz, »aber unterschreibt mir hier diesen Stundenzettel!«

»Was, da stehen ja Tages- und Nachtstunden drauf! Ich unterschreib das nicht, das muß doch erst kontrolliert werden, das könnte ja Betrug sein!«

»Dann müßten wir so schlecht sein wie ihr, Herr Betriebsleiter! Dann wartet Ihr eben auf den Portier und unterhaltet Euch mit dem, ich geh' nicht eher weg hier, bis ich die Stunden bescheinigt hab. Ich bleib auf eure Kosten hier sitzen, bis es euch gefällt zu unterschreiben!«

»Ich bin nicht immer hier gewesen! Weiß ich, was Ihr gearbeitet habt? Das muß der Portier tun!« wandte er ein.

»Weiß der Portier was wir gearbeitet haben? Nicht einmal der Heizer war hier. Wir sind uns selbst verantwortlich, Herr Betriebsleiter!« sagte Fritz und schrieb, den Zettel auf einem Pappdeckel gelegt, noch eine Stunde dazu.

Der Betriebsleiter lief zum Portier, der Portier schlief noch; er kam, eine Viertelstunde später, wütend in den Heizraum. Auch er konnte nicht sagen, wieviel Stunden wir gearbeitet hatten. Er wollte den Zettel auch nicht unterschreiben.

»Ohne den Zettel dürfen die Leute nicht den Betrieb verlassen!« sagte der Portier.

»Komm Hein, dann gehn wir ins Maschinenhaus, laß sie allein ihren Streit ausmachen.«

Fritz zog sich nackt aus, ging mit dem Wascheimer in den Heizraum zurück und wusch sich, daß der Betriebsleiter wegen seines schönen blauen Anzugs schnell zur Tür hinausging. Jetzt gab es draußen eine laute Streiterei zwischen den beiden.

»Immer dieselbe ekelhafte Geschichte wegen der Arbeitsstunden! Arbeiten sollen wir, aber bezahlen – ha, wollen sie nicht!« Fritz brüllte es durch den Heizraum, daß die beiden da draußen es gut hören konnten.

Erst als wir schon angezogen waren, kamen die beiden in das Maschinenhaus. Sie wollten ein paar Stunden abziehen.

Fritz hörte gar nicht hin, ließ sich dreimal anreden und schüttelte die Worte ab. Als der Betriebsleiter frech wurde, nahm er ihm den Zettel aus den Händen und schrieb noch eine Stunde dazu. Da wurden die beiden teufelswild und schrien, Fritz aber machte die Faust auf und zu, besah die beiden von oben bis unten und sagte: »Kommt mit auf die Straße, damit es keinen Hausfriedensbruch gibt.«

Es war neun Uhr, als wir unsern Zettel unterschrieben hatten.

Mit dem Werkzeugpacken auf der Schulter zogen wir los, die Sonne schien durch den Nebel, auf der Straße begegneten uns die Leute, die zur Kirche gingen. »Menschen sind ekliger als die Arbeit!« sagte Fritz. »Auch der Bruder Betriebsleiter ist schlimmer wie ein Kettenhund geworden. Kettenhunde sollen wir alle sein, uns gegenseitig beißen und verraten, damit der Geldsack uns um so leichter prellen kann. Nun wird auch der Betriebsleiter in die Kirche gehn, sie werden singen: Triumph, der Heiland ist erstanden! Dazu die Orgel, blauer Weihrauchdunst und der Klingelbeutel. Aber bei uns zieht so was nicht mehr.«

Fritz ging das letzte Stück Weg allein. Als ich nach Haus kam, weinte die Mutter, weil ich noch nicht in der Kirche gewesen war. Der Sonntaganzug hing über einem Stuhl, die Schuhe standen geputzt daneben. Die Mutter gab mir eine Tasse Bouillon aus der Rindfleischsuppe und ein belegtes Brot. Ich zog mich um, die Mutter wollte, daß ich mich erst ganz wasche, aber ich war zu müde. So zog ich das weiße Hemd über die rußschwarze Haut, nahm das Gebetbuch und ging in die Messe. Erst als ich die vielen Menschen sah, dachte ich an Rosa.

Die lange Predigt machte mich müde. Ich wehrte mich gegen das Einschlafen, indem ich an Rosa dachte. Die Leute sahen mich an, weil ich noch den Schmutz um Augen und Nase trug. Um nicht in den Menschenhaufen zu geraten, ging ich beim Evangelium fort und kam zu Mittag nach Hause. Ich war zu müde, um auf das Essen zu warten. Ich legte mich ins Bett, wachte erst auf, als die Brüder sich am Montagmorgen mit Kopfkissen schlugen und mir die Ostereier auf die Bettdecke legten.

Wie tobten die Kinder in dem engen Schlafzimmer; mir war, als wenn ich nun wirklich groß geworden war.


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