Heinrich Lersch
Hammerschläge
Heinrich Lersch

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Vierzehn Vaterhäuser hatten wir gehabt

Nun wurde wieder einmal umgezogen. Die Wohnung war tatsächlich zu klein. Im nächsten Quartier, auf der großen Straße gegenüber der Eisenbahn, rauchte der Kamin; der Vater machte Krach mit der Hausbesitzerin. Wenn sie allmonatlich die Miete holte, wagte die Frau sich nicht in die Stube. In der Zwischenzeit beschuldigte der Vater die Mitbewohner, den Kamin böswillig verstopft zu haben. Nach einem halben Jahr zogen wir mit einem Getöse wie bei einem Erdbeben von neuem um hundert Meter weiter. In diesem alten Häuschen hatten wir eine Etage für uns, es war stiller zu leben.

Ich sehnte mich nach der alten Wohnung neben der Werkstatt, wo der Eschenbaum mit den Zweigen an mein Fenster klopfte, der Wald von fern rauschte und die große Wiese lag. An einem Sonntagabend ging ich dort spazieren und traf einen alten Gesellen meines Vaters, der nun als Nachtwächter in einer Fabrik seit langem Dienst tat. Wir sahen durch die Fenster in die alte Werkstatt hinein; zuletzt hatte ein Gelbgießer einige Jahre darin gearbeitet und der baute sich jetzt eine schöne, neue Fabrik mit einem großen Wohnhaus. »Alle sind sie reich darin geworden, bloß dein Vater nicht,« sagte er. »Als ich jung war, konnte man es hundert Meter im Umkreis nicht aushalten, da war eine Fettschmelze darin, der Kessel steht ja noch da. Da mußte man saufen, um es auszuhalten. Ich hab da oft die Pferde mit geschlachtet, die alten pflastermüden Karrengäule, sie wurden mit dem Hammer auf den Schädel geschlagen und waren von ihrem Leiden erlöst. Die Abdecker waren grobe Kerle; es war ihnen ganz egal, ob in Seuchenzeiten an Milzbrand verreckte Kühe abgezogen wurden, sie steckten das Messer, wenn sie beim Abziehen beide Hände brauchten, einfach ins Maul und hielten es zwischen den Zähnen fest. Im Sommer lagen da die Haufen von Knochen, Klauen, Fellen, die Würmer krochen von einem Haufen in den andern. Ich mein, ich röch es noch; so lang ist es her, aber der Geruch hängt noch an den Mauern. Als dein Vater kam, so ums Jahr 86 oder 85, war der Fettbetrieb schon nach Köln verlegt worden, die Schlachterei hörte erst später auf. Wenn wir bei deinem Vater keine Arbeit hatten, halfen wir den Abdeckern an den Kadavern, und wenn die Schlächter nichts zu tun hatten, kamen sie zu uns um zu helfen. Das wirst du kaum noch wissen. Du warst noch ganz klein, da hab ich dich oft auf dem Arm weggetragen. Oft schliefst du bei Vater in der Werkstatt ein, auf der Feilbank hast du gelegen und in allem Gehämmer geschlafen wie ein Prinz. Einmal hatten wir dich vergessen, da kam der Vater nach Haus ohne dich. Da ist die Mutter durch die Nacht gelaufen und hat dich geholt. Nun bist du auch nicht reich geworden. Der Levi ist reich, er hat's mit der Schule geschafft, der Onkel von ihm in Ehrenfeld, ist wie Rotschild so reich, er hat große Fabriken in Öl und Fett. Der Lumpenhändler ist in die Stadt gezogen und wohnt in einer Villa. Ich möcht das Geld haben, welches durch diese alte Bude gegangen ist. Nun liegt sie leer. Dein Vater hat das fein kalkuliert: er war fünfundvierzig, als er heiratete. Wenn ich sechzig bin, dachte er, hab ich die Jungens groß – dann setz ich mich zur Ruh. Er hat seinen Willen; ich glaube, er hat sich, eh er hierherkam, schon krank gesoffen, wie alle Kesselschmiede und Gießer. Was waren das für Helden, der Aretz Louis, der einarmige Bär, der scheele Dressel mit dem einen Auge, der Fritz, der Gustav, na, sie haben den heiligen Namen Jesus vom Haus heruntergesoffen, was Wunder, wenn's nicht mehr klappt. Nun müßtet ihr Maschinen haben!«

»Reich werden? Daran hab ich nie gedacht«, sagte ich,. »Mein Auskommen, ja! Und dann kommt was anderes!«

»Was soll dann kommen?«

»Ich weiß es nicht!« log ich. Ich hatte es immer für mich behalten und wollte auch dem guten Peter nichts sagen. Doch der redete weiter: »Du willst Sozialist werden, das soll dann kommen. Ich kenn dich von klein auf an. Junge, das ist schwer. Es kann keiner Sozialist werden, der nicht wie ich, viele Jahre hinter den Traillen gesessen hat. Ich sag's frei heraus, einer, der immer im Leben war, der kann gar nicht denken; der hat ja gar keine Zeit zum Denken. Dazu muß man erst, ob gerecht oder ungerecht, verurteilt worden sein. Von solchen Richtern, die es gibt, – na. Und dann im Zuchthaus zuerst rebellisch geworden sein, daß sie dich plattschlagen mit Hunger, mit allen möglichen Schikanen. So weit müssen sie dich kriegen, daß du dich gern selbst um die Ecke bringen möchtest, wenn du könntest. Wenn du dich dann ausgerast hast, dann kommt erst der Haß und die Rache. Aber das ist noch nichts. Das Rasen und Rächenwollen und Hassen, das ist niedrig. Aber dann, wenn alles eingeschlafen ist, dann fängst du an zu denken. Tag und Nacht und Nacht und Tag. In diesem Denken ist das Glück, in diesem Denken ist die neue Welt, in diesem Denken ist das, wovon Christus sprach, wenn er vom Himmelreich redete. Aber ehe du so rein denken kannst, mußt du gelitten haben, muß die alte Welt in dir gestorben sein. Wenn du dich überhaupt noch dieser Welt erinnerst, dann hast du noch nicht genug gelitten. Wenn du die alte Welt nicht ganz, aber auch ganz verfluchst, so bist du noch nicht reif für die neue Welt. Es gibt auch Menschen, die im gewöhnlichen Leben so tief denken lernen. Die sind bei den Vagabunden zu finden, bei denen, die gar nichts arbeiten und gar nichts mehr von dieser Welt wollen. Vielleicht gibt es noch einen dritten Weg, der geht über die Bücher, ich weiß es nicht, ich lese nicht. Du gehst vielleicht auch auf Wanderschaft, vielleicht wirst du es auch zu etwas bringen, vielleicht wirst du aber auch den Anschluß verpassen. Dann glaube nicht, wenn ein Richter dich verurteilt, es wäre etwas geschehn. So lang du dich nicht selber verurteilst, kann dir nichts passieren. Ich habe über 15 Jahre Zuchthaus hinter mir und jetzt erst weiß ich Bescheid, es war eine harte Schule, ein langer Umweg. Aber nicht zu hart, ich bin wohl froh, daß die Lernzeit um ist. Jetzt bin ich Meister und Herr über alles. Wir sind alle durch die Erziehung verdorben, auch du, wir können nichts dafür, aber dafür müssen wir büßen und lernen. Nimm alles als Lehrgeld. Du gehst gern allein, du wohnst vielleicht in deinem eignen Zuchthaus. Dann sparst du dir das Zuchthaus der Menschen. Vielleicht ist es schwerer noch zu tragen, dies In-sich-selber-eingesperrt-sein. Eins will ich dir sagen: Du magst werden, was du willst: wenn du dich nicht vor den letzten Verbrecher stellst, vor den Ärmsten der Armen, vor den Kranken, Hungernden, Verzweifelnden, dann bist du nichts wert. Die Welt und der Mensch sind so gut und so schlecht, wie sie sich zu denen benehmen, die am schwächsten und wehrlosesten sind. Daran kannst du sie kennenlernen. Wenn du die Wehrlosen, Besitzlosen und Glücklosen ausschließt aus deinem Leben, dann bist du kein Mensch, sondern eine Maschine. Was du aber tust, das tue für die von der Welt so verachteten Menschen. So, jetzt geh. Du wirst das nicht vergessen, was ich dir gesagt habe, du wirst dich, wenn es Zeit ist, immer wieder daran erinnern. Dein Vater ist zu hart, deine Mutter zu weich. Wenn du einen Rat brauchst, komm zu mir.«

Ich stand wie ein Pfahl in die Erde gehauen.

Als ich mich wieder bewegen konnte, war ich allein.

Fünfzehn Jahre Zuchthaus, ein Einbrecher, Dieb und Räuber. So tief muß der Mensch sinken, bis er Mensch wird? Hat er das gesagt?

Es war Nacht geworden, der Wald rauschte auf der Höhe, der Mond ging über der Stadt auf. Ich ging den Bäumen zu, setzte mich auf den Wall und sah unter dem Himmel hin über Stadt und Land, dann stierte ich in die Sterne. Da oben, im gewaltigen Luftraum, wo die stillen Funken glitzerten, fühlte ich mich zu Hause. Diese Sterne überdauerten alle Menschenleben, alle Seufzer und Klagen der gequälten Kreatur stiegen nach oben. Da oben wurde aus den Klagen und Schreien der gequälten Menschen Weisheit, Klarheit, Wissen und Leben. Wenn ich in die Sterne sah, fühlte ich, wie aus den klaren Fernen Ruhe und Stille in mich herabsank. Wenn ich die Sprache der Stille und der Sterne für mich übersetzte, dann sagte ich mir: Da bist nicht schlecht und sündig, bist nicht klein und erbärmlich, du bist nicht ein Tier, das zertreten werden kann. Ich bin so groß wie der König und so heilig wie der Papst, kein Mensch hat das Recht, mich zu schimpfen, ich bin göttlich wie die Sterne und gewaltig wie der Himmel.

Die Bäume rauschten über mir, der Mond stieg. Ich reckte mich an der Buche hoch und war unbeschreiblich glücklich.


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