Heinrich Lersch
Hammerschläge
Heinrich Lersch

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Der alte Heizer

Als ich das erstemal in die Tuchfabrik Brands kam, sah ich den alten Brücker an den Feuern, und blieb überrascht einen Augenblick stehn. Den Mann kannte ich, er wohnte in der Nachbarschaft der Hofstraße. Er ging nicht in die Kirche, nicht ins Wirtshaus. Zwischen Fabrikarbeit und Bett teilte sich sein Leben auf.

Vierzig Jahre Dienst hatte er getan, er war kaputt und krank, vierzig Jahre Feuerarbeit hatte ihn verblödet. In den wenigen Worten, die er sprach, flammte das Feuer, rauschte der Dampf. Nun war es sechs Uhr, der Schlosser kam und schob mich an die Seite. »Sieh dir diesen Menschen an!« sagte er traurig lachend und dann rief er zum Alten hinüber:

»Mensch, so melde dir doch krank, dat sieht ja jeder, dat da Ruhe haben mußt und jute Luft!« Kopfschüttelnd blieb er neben mir stehn. Der Alte wollte hoch. Er griff mit seinen langen krummen Fingern um das vom vielen Anpacken glatt« Eisen einer Rohrleitung und hangelte sich hoch.

Auch der Schlossermeister steckte im Vorübergehen den Kopf in die Kesselhaustür und lachte dem Gesellen ins Ohr: »Du, grad as en uralten Aap, accurat as en Aap! So trök hä sich op. Loss mer ens senn, wie lang dä dat noch mäck!« Dann schrie er den Alten an: »Alles in Ordnung?«

Der Heizer ergriff seine Kohlenschaufel, und wie ein Soldat, von seinem Vorgesetzten angerufen, so riß er die Schaufel an seinen aufgereckten Leib. »Jawoll!« knallte es aus seinem Munde. Als er die Schaufel in den Kohlenhaufen stieß, sah er aus, als sänke er mit der Schaufel auf die Erde. Doch dann drückte er sich ab von der Schaufel, warf seinen Oberkörper, zum Winkel gebeugt, in einer Kehrtwendung herum und ergriff den Haken der Feuertür; mit erneutem Schwingen des immer noch gebückten Körpers riß er die Türe auf und sah mit einem Blick in das grell zurückschlagende Kohlenfeuer.

Als wollte die Flamme ihn fressen, schlug sie hinter dem schwenkenden Leibe her, beleuchtete einen Augenblick den sehwarzverrußten Heizraum und fuhr dann, wie ein lebendiges Wesen, in das Feuerrohr zurück.

Die Arme des Heizers stießen die Schaufel weit und tief in die Kohlen, rissen sie wieder heraus. Kaum war die Flamme hinter der Feuertür verschwunden, da klang die Schaufel mit stählernem Schrei und die Kohlen flogen im Bogen in den rotoffenen Schlund des Kessels; mit flackerndem Knallen warf sich die Flamme über die Kohlen, die nun in genauem Zeitabstand immer wieder von der Schaufel flogen. Ohne hinzusehen, schmetterte der Heizer schleudernd die Kohlen von der Schaufel ins Feuer, sie flogen wohl einen Meter weit durch die Luft, als besäßen sie selbst Intelligenzen, die sie, wie es sich gehörte, in das Feuer lenkten. Ohne hinzusehen, ohne sich aus der gebückten Stellung zu erheben, schlug der Alte, mit sicherm Griff den Haken fassend, die Feuertüre zu, stützte sich, kaum bemerkbar, auf die Schaufel. Und ging an das nächste Feuer.

Als er am vierten Flammrohr fertig war, kam der Schlosser zurück; er hatte sich nur die blaue Jacke angezogen. Er rieb ein paar Flocken von der gestreiften Straßenhose, spuckte in die Hände und sagte: »So, Alter, nun schmeiß ich die andern Feuer voll!«

Und ob er versuchte, den Stiel der Schaufel dem Alten zu entreißen, ob er ihm lachend drohte, der Alte gab die schwingenden Bewegungen nicht auf, und der Schlosser sprang leichtfüßig um die stechende, schleudernde Schaufel herum. In immer gleichem Schlag flog die Kohle, sprangen die Türen auf, bis der Schlosser den Kopf schüttelte und lachend weglief: »Wenn du nicht besser willst, – na, wer nicht will, der hat schon!«

In der Tür blieb er wieder stehn und bat die Neugierigen, die in der Heizraumtür standen, ihn vorbei zu lassen.

»Es ist rein ein Wunder«, sagte der alte Herr Thelen von der Wiegkammer, »nun seht mal, wie das geht! Schrumm, schumm! Schrumm! Schumm! Wie geschmiert! Schon dreißig Jahr seh ich das jeden Morgen, und nun denk ich, jeden Morgen, am Tor schon: Na! Heute wird der Alte aber die letzte Schicht gemacht haben! Ich mein, er müßte eines Morgens lang vor den Kesseln liegen, das Gesicht, das nur Kohle und Feuer gesehn, in den Schlacken und die Schaufel im Arm, wie ein Soldat, gefallen in der Schlacht! Ich bin gespannt, wie...«

»Dat glöv ich, ihr papiere DaglüenerPapierne Taglöhner: Spottname für Büroschreiber. Ihr witt ja auch nit, wat Werk un Arbeet heesch! Schrumm! Schumm! So jeht dat rein mechanisch. Da spür ich nix mehr von. Schrumm, Schaufel erein, Schumm! Eraus! hin, her, her, hin, – un wat wollt ihr noch mehr. Un wenn ich vorher so müd bin, dat ich die Schaufel nit mehr gehoben krieg, aber hab ich sie, dann hat sie mich! Dat is egal, so egal, wie achtundachtzig oder Anna oder Otto! Sie hat mich! Hä! Ihr Herren! Do lacht Ihr!«

Wie er nun, an seiner Schaufel gestützt, zusammenknickte, zu seinem Platz struffelte, da kam der Schlossermeister wieder durch den Heizraum. »Ha, Herr Thelen, nun seht euch diesen Alten an, wackelt er nicht dahin, wie ein Affe? Der mit einem krummen Ast durch den Wald schaukelt? Ha! Wie ein kranker, alter Affe! Wenn der mal mit seiner Schöpp in den Himmel will, da sagt Petrus: Du has dich verlaufen, – eure Himmel is bei Hagenbeck!«

»Jo!« heulte der Alte hinüber, »t is alles mar auch Aapenarbeit! Immer mar so: Schumm! Schrumm! Schumm! Schrumm! Dat geht all mechanisch! Do bruckste kein Denken un nix! Mar immer mechanisch! Söns war man längs doll! So! Dat hab ich all ganz früh im Leben gemerkt, dat die meiste Arbeit mechanisch gemacht wird. So! In der Schlacht von Mars-Latour! Da war ich Kavalleris an der Tete! In ein französisches Battaljon erein! Dat wich nich un dat wankt nich! Hin! Rin! Un wir Drajoner, mit die blanken Säbels dreinjehauen, immer an die Kopp, un wenn man an sich herunterkuckte, dann standen die Menschen offenjeschlagen vor einem, wie ein Schrank aufgemacht steht. Ich hab mich vor Ekel vom Pferd herunterjekotzt, als ich dat sah! Un dat Signal schmetterte: Avang! Avang! Na, Augen zujemacht un mar immer ereingehauen in die Franzosen; die standen an einem Wall un konnten nich zurück, un die Preußen standen hoch auf die Leichen, aber, wir haben mar ereingeschlagen, – de Augen zu, mit zwei Hand der Säbel gepackt un immer mechanisch! mechanisch! Sons hätten wir et nich gedonn gekriegt! Schrumm! Schumm! So sauste der Säbel!«

Und immer noch »Schrumm, Schumm!« vor sich hinzischend, lag er wieder auf dem Schaufelstiel und fing wieder von vorne an, die Reihe der Feuer zu bedienen.

Man hatte den alten Mann immer entlassen wollen. Aber er war dreißig Jahre an den Kesseln gewesen, und wenn einmal der neue Nachtwächter und der Heizer nicht fertig wurden, so holte man ihn immer wieder zur Aushilfe. Und da er der Einzige war, der in dem komplizierten Betriebe mit aufgewachsen, so blieb er einfach unentbehrlich. Man hätte an seiner Stelle zwei neue Männer einstellen müssen, einen besonderen Nachtwächter und einen besonderen Nachtheizer. Er aber war beides zusammen und nie war ein Grund zur Klaggewesen.

Ein neuer Betriebsleiter hatte den Lehrheizer zur Kontrolle kommen lassen, in der Hoffnung, die amtliche Aufsichtsstelle würde die Bedienung ungenügend finden. Aber der Alte bestand die Probe ohne Rüge.

Jeden Abend um sieben kam er ins Kesselhaus, nahm die Schaufel aus der Hand seines Kollegen vom Tage und um sieben Uhr morgens gab er sie wieder ab. So ging das Tag um Tag.

Nun war es Winter geworden und den Alten plagte die Gicht. Krummer, als sonst, schlich er in die Fabrik. Kaum konnte er sich, im heißen Kesselhaus angekommen, allein ausziehen, fiel auf seinen Sitz hin und rollte vor Schmerzen die Arme ein, wenn er seine Arbeit getan hatte. Aber wenn er nur die Finger um den Schaufelstiel geklemmt hatte, dann kam Bewegung in ihn. Und riß er die Feuertüren auf, dann war es, als strömte die ungeheure Dampfkraft, die hinter den eisernen Kesselplatten sich spannte, in ihn hinein, als kehrte die Kraft aus fünfzig Jahren verschaufelten Lebens aus den rotflackernden Feuern zurück in die schweißnassen, kohlenstaubschwarzen Arme, die wie rissiges Holz dürr in der Luft glänzten.

Nun rief der Schlosser den Alten jeden Morgen an: »Mensch! So melde dir doch krank! Dat sieht ein Blinder, dat du nick mehr kannst. Ruhe brauchst du un jute Luft!«

Endlich aber blieb er eines Abends aus und ein Junger tat die Nacht den Dienst, bis ein neuer Mann beschafft war.

Als es Winter wurde, fror den Alten in seinem Zimmer. Das Krankengeld reichte nicht zur Heizung seiner Dachkammer. Er sehnte sich nach der Wärme des Kesselhauses; dreißig Jahre hatte er in ihr wie unter der Tropensonne gelebt. Wenn er sich erkältet hatte, so kroch er in den Trockenraum der Appretur, ließ die Wärme auf vierzig bis fünfzig Grad steigen und heizte sein Blut. Er haßte die Kälte wie Gift. Haßte die Einsamkeit der Dachhöhle. Er war an Menschen gewöhnt, an Kollegen, an gute Gespräche. In der Fabrik war er ein Ebenbürtiger, – hier ein Überflüssiger, Abfall, unnützer Fresser. Soviel überschüssige Wärme im Kesselraum, soviel Feuchtigkeit und Kälte hier, – also auf! sagte er sich, riß seine Knochen zusammen, marschierte zur Fabrik, schwatzte mit dem Portier und ging dann mit dem Nachtheizer in den Kesselraum. Um Mitternacht trank er mit ihm Kaffee, übernahm eine Stunde Wache, indes sein Kollege die Runde zu den Kontrolluhren machte. Unterdessen hatte er den Trockenraum eingeheizt und sich ein wohlig weiches Lager gemacht. Als der Nachtheizer zurückkam, legte er sich in die trockene Wärme des sauberen Raumes und schlief ohne Schmerzen. Das war eine Kur, besser, als die dumme Einschmiererei mit dem teuren Zeug aus der Apotheke.

Nun sparte er seine armen Groschen, kaufte eine kleine Flasche Korn und ging wieder zur Fabrik. Das Schnäpschen machte ihn hochwillkommen; er richtete es so ein, daß er erst dann kam, wenn der Portier zu Bett war und der Nachtheizer die erste Runde machte. Der ließ ihn ein und weckte ihn, ehe der Portier von neuem seinen Tagesdienst antrat, um ihn hinauszulassen. Das ging bis an den Frühling, ohne, daß es auffiel. Bis eines nachts der Heizer nicht zur Zeit öffnete.

Er läutete den Pförtner aus dem Schlaf. Der schalt ihn und klingelte zum Heizraum. Sie warteten, der Nachtwächter kam nicht; der Portier rannte ins Kesselhaus, der Alte hinterher. Der Dampf schoß aus den Sicherheitsventilen. Der Alte ging sofort in das Pumpenhaus, stellte die kleine Reservepumpe ab, nahm das Ventilrad mit und lief an die Kessel. Da sah der Pförtner den Nachtheizer mit dem Gesicht an der Erde liegen, – der Raum war voll Kohlengas; – der Alte ging hinter die Kessel, tastete die Drahtseile der Rauchschieber ab und fand eines der Seile zerrissen, so daß der Schieber in den Rauchgang hinuntergefallen war und den Zug abgesperrt hatte. Das Feuer hatte den Kohlenrauch nach vorne in den Heizraum gestoßen und den Heizer erstickt. Die andern Feuer, die inzwischen ohne Aufsicht weiter- und durchgebrannt waren, hatten den Rest Wasser, der über den Flammröhren stand, verdampft. Nun untersuchte der Alte die Kessel: zwei Paar Feuerplatten waren glühend geworden. Der Druck hatte die Röhren bis auf die Feuer gebeult. Wenn nun ein anderer die Pumpe in Bewegung gesetzt hätte, dann hätte das kalte Wasser auf den glühenden Platten Dampf im Übermaß erzeugt und in ungeheurer Explosion wären die Kessel zerrissen.

Nun, in geschäftiger Eile humpelte der Alte von Wasserstand zu Wasserstand, nahm dann die lange Feuerkratze von der Wand und begann, die Feuer zuerst aus den gefährdeten, dann auch aus den andern Kesseln herauszureißen, indessen der Pförtner dem Betriebsleiter und dem Schlossermeister telephonierte.

Das Kesselhaus glühte im roten Schein der fallenden Glutmassen, als der Schlossermeister kam und den Alten die Feuerkratze aus der Hand nehmen wollte. »So!« wehrte der Alte ab, »Schumm! Schrumm! So geht dat!« lachte er und warf seine alten Knochen in fünfzigjähriger Gewohnheit in die Wucht der schwingenden Stange. Die alte Gestalt flog in der ewig wiederkehrenden Bewegung des Stoßens und Reißens mit den lohenden Kohlenglutmassen auf, als sei diese Bewegung nicht die letzte am Ende seines siebzigjährigen Lebens, sondern die erste, als er mit jugendlicher Kraft am Beginn seiner Heizerlehrzeit die Stange zum erstenmal in die Glut des Kesselfeuers stieß.

»Jetzt habt ihr alle Feierabend für ewige Zeiten, Heizer, Kessel und Dampfmaschinen!« sagte der Betriebsleiter. »Das Unglück kam uns grade recht! Vielleicht wird jetzt der ganze alte Kram herausgeworfen und neue Elektromotoren kommen hinein. An jeden Webstuhl einer! Schad, es war besser gewesen, der ganze, alte Kasten wär in die Luft geflogen! Dann hätten wir einen schönen Neubau gesetzt. Nun bekommen wir ein neues Herz in einen alten Körper! Verflucht!«

»Und die Menschen?« sagte der Alte, »die Menschen?«

»Na! Ich meine man bloß!« lachte der Betriebsleiter vor sich hin.

»Jo! so ähnlich sagt mein Junge auch immer!« erzählte der Alte vor sich hin. »Er sagt, der Dampf, das ist der König, und der Motor, das ist der Arbeiter. Der kleine Motor, der elektrische, der stürzt den König Dampf von seinem Herrscherthron, und mit ihm stürzen die Herrscher der Welt. Und dann übernehmen die kleinen Motore die Dampfarbeit, ja, das sind die Arbeiter selber. Die Könige und die Kessel fliegen auf die Schrotthaufen! Und die Motore und Arbeiter, die erben das Reich, – so sagt mein Junge, – und der ist einer von den Neuen; und jetzt sagt es der Betriebsleiter auch: da muß es also wahr sein, da können wir alten Herren uns ins Grab legen, ja, wir alten Kriegs- und Kesselveteranen. Dann sind wir also Schrott, das ist der Lauf der Welt. Das ist der Fortschritt, – man wird auf den Schrotthaufen geschmissen für treue Dienste.«

Nur der junge Schlosser hatte ihm zugehört. »Aha! Nun merkt selbst der Alte, was die Glocke schlägt!«

Ihm zunickend, packte er die Schubkarre und schob die Schlacke hinaus.

Wir brachen das Mauerwerk ab und legten die Kessel frei, die verbrannten Feuerrohre sollten herausgeschlagen, neue eingesetzt werden. Da kam der Ingenieur und sagte: die Direktion hat es anders bestimmt, wir bekommen eine ganz neue Anlage.

So saßen wir wieder ohne Arbeit.

Eine kleine Flickarbeit kam und wir hatten wieder eine ganze Woche beim Schreinermeister Lingens in Hardt zu schaffen: einen Satz Röhren aus der Lokomobile herauszuhauen, die verschmutzte und durch Unkenntnis verdorbene Maschine wieder zu reinigen, neue Röhren einzuziehen. Der Schreiner fragte am vorletzten Tag um die Rechnung, die die Mutter auch ausgeschrieben hatte; den Betrag brachte Paul auch am Samstag mit nach Haus. Sonntagsmorgens kam der Geselle den Lohn holen, die Mutter legte das Geld für die neugekauften Röhren an die Seite, da fehlten hundert Mark. Im Buch stand die Summe, zweihundertfünfundachtzig Mark, das stimmte nach mehrmaligen Überrechnen; dann mußten die hundert Mark fortgekommen sein. Die Mutter suchte im Haus nach, sie fand sie nicht. Da kam Paul aus der Kirche und fragte nach dem Grund von Mutters Tränen. Er wußte noch, daß er hundert Mark in Papier, das andere in Gold und Silber bekommen hatte einhundertfünfundachtzig Mark. »Zweihundertfünfundachtzig war die Summe!« sagte Mutter und zeigte im Buch auf die Zahlen.

»Einhundertfünfundachtzig steht auf der Rechnung, Kopierbuch her!« Tatsächlich hatte die Mutter die einzelnen Posten wohl richtig hingeschrieben, aber falsch zusammengezählt, und anstatt der zwei eine eins geschrieben. »Das sieht doch jeder!« sagte sie, »wenn die Röhren allein einhundertvierzig Mark kosten, die Verpackungen dreiundzwanzig, für zwei Mann Lohn und Fahrt, neunzig Mark Auslagen, neue Ventile und Armaturteile zweiundvierzig – so kommen zweihundertfünfundachtzig Mark heraus«. Paul setzte sich aufs Fahrrad und fuhr wieder hin. Er traf den Meister nicht an, er würde erst spät, um zehn nachts oder noch später, nach Haus kommen, er sei auf Verwandtenbesuch.

Ich hatte gesehn, daß am Montag ein Wechsel fällig war, die Mutter hatte es schon seit Monaten im Buch unter dem Datum eingetragen: Wechsel Eisenhändler. Wenn der nicht eingelöst wurde, war der Kredit zu Ende. Das war ein trauriger Sonntag: hundertmal und mehr sprach die Mutter vom Meister Lingens, der doch ein Christenmensch sei und rechnen könnte, der doch mit einem Blick sehen mußte, daß da ein Irrtum vorlag; er würde gewiß die hundert Mark nachzahlen.

Es waren anderthalb Stunde zu Fuß zu dem Dorf. Um acht Uhr abends zogen Mutter und ich los, den nahen Weg über die Felder, am Wald vorbei. Der Vollmond ging auf, es wäre ein wunderbarer Gang gewesen, wenn die Mutter nur nicht immer vom Geld, vom Meister Lingens und dem Wechsel gesprochen hätte.

»Weißt du, was ich grade dachte, Junge?« fragte mich die Mutter.

Ich sah sie von der Seite an.

»Wir sind so oft diesen Weg zum Heiligenberg beten gegangen, warum sollen wir nicht diesen Gang zu einer Wallfahrt machen, wenn wir doch an der Kirche Heiligenberg vorbei kommen? Wir werden einen schmerzhaften Rosenkranz beten, damit Gott den Sinn des Meisters Lingens zum Rechten lenkt.« Darauf war ich nicht gefaßt. Dachte ich auch selber an Gott, so klein wollte ich ihn aber nicht haben, daß er sich in Geldsachen mischte. Schon fing die Mutter mit dem Glaubensbekenntnis an. Ich betete es still mit: »Ich glaube an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde, und an Jesum Christum seinen eingebornen Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist vom heiligen Geist, geboren aus Maria der Jungfrau, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, abgestiegen zu der Hölle, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten. Aufgefahren in den Himmel, sitzend zur rechten Hand Gottes des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten.« Nun war ich an der Reihe: »Ich glaube an den heiligen Geist, eine heilige allgemeine Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Nachlaß der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben! Amen!«

In der Kirche hätte mir es nichts ausgemacht, laut oder leise zu beten. Hier ging mir ein Stich durchs Herz, als das »Vaterunser« begann. Mir war, als triebe unser Gebet den allmächtigen Gott aus Wald und Wiese, Baum und Strauch, aus Feld und Flur hinweg. Wie verbrannte Erde lag nun das weite Feld. Ein Weidenstumpf stand am Wegrand. Er stand vornübergebeugt wie ein Mensch in einem langen Gewand. Das war Jesus, ich hörte seine Stimme: »Sorget nicht!« Wir gingen an ihm vorüber, ich sah in den Sand auf dem Weg. Als ich meine Augen wieder hob, stand wieder ein Weidenbaum da. Mir war als bitte Jesus uns, doch ihm, der das Leben und der Weg ist, zu vertrauen. Endlich kamen wir an die ersten Häuser, die Mutter hörte auf zu beten und war doch nicht eine Spur gefaßter.

Der Schornstein der Lokomobile war unser Wegweiser, es war nur der eine Kamin da. Wir gingen auf die hellerleuchteten Fenster zu, also war der Schreinermeister zu Hause. Die Mutter sagte ihm gleich Bescheid.

Er aß erst fertig, an seinem Gesicht konnte ich sehn, daß er sich schon seine Worte zurecht legte.

»So ist es, gute Frau«, begann er, »das ist so: mechanisch sah ich zuerst nach der Summe, dachte, wie anständig und billig, da brauchst du nicht erst nachzurechnen, ich holte gleich das Geld und ließ mir quittieren, legte die Rechnung fort. Hier ist sie noch.« Er ging an den Geldschrank und holte sie wieder heraus. Die Mutter nahm den Bleistift, strich jeden Posten an und der Meister nickte. »Gut, gut! Ich erkenn ja gern an, daß Ihr euch geirrt habt. Seh ich ja selber. Aber ich brauch Euch keinen Pfennig mehr zu geben, seht, was Euer Sohn quittiert hat: ›Den ganzen Betrag für die Lokomobilreparatur einschließlich Lieferung von Röhren und Ersatzteilen erhalten! Einhundertfünfundachtzig Mark.‹ Das hat Euer Sohn unterschrieben. Ob nun die Rechnung spezifiziert ist oder nicht, ich hab die ganze Reparatur mit einem Schlag ohne Abzug in bar bezahlt und Zeugen dafür, daß Euer Sohn, als ich ihn fragte: »Kommt auch keine Nachforderung mehr?« deutlich sagte: »Ausgeschlossen!«

Der Mann sah nicht danach aus; als könne man ihn bewegen, von seinem Standpunkt abzugehn. Die Mutter legte ihm auseinander, bewies ihm, wieviel Schaden wir erlitten, daß wir nicht einmal die Lieferungen bezahlt hätten. Der Mann lachte und sagte, das sähe er doch selber. Dagegen stände die Quittung. Sie solle nur gerichtlich vorgehen, er wisse genau, daß er korrekt und geschäftsmäßig rein gehandelt habe. Jedermann müsse anerkennen, daß er gleich bar bezahlt habe und die Sache sei für ihn aus der Welt.

Weil unser Vater sich arm prozessiert hatte, wollten wir keinen Prozeß mehr durchführen. Die Mutter rechnete noch einmal nach; soviel sie auch rechnete, der Lohn war so niedrig gestellt, der Aufschlag auf das Material so klein: zwanzig Mark war der Gewinn. Den wollte sie abgeben.

»Pah! Zwanzig Mark! der Dreck!!!« lachte der Meister aus seinem dicken Gesicht und verschloß die Rechnung wieder in den Geldschrank. »Es ist jetzt halb Zwölf, ich bin bettreif!« sagte er und zog die Weste aus. »Gleich steh ich in Unterhosen da und wenn ich nicht meinen soll, Ihr wollt was anders von mir, so geht jetzt nett nach Haus!« Ich sprang auf und hielt ihm beide Fäuste ans Gesicht. Er nahm mit einem Griff meine Hände in eine Faust und preßte mir die Finger zusammen, das ich ihm das Knie in den Leib stoßen mußte, damit er losließ. Ich hatte ihn an der richtigen Stelle getroffen, er stieß mich vor die Brust das ich taumelte. »Frau, komm herein!« schrie er, »hier will jemand Hausfriedensbruch machen, ich brauch einen Zeugen!«

Die Frau kam. Die Mutter stürzte auf sie los und erklärte ihr unter Tränen, worum es sich handele. »Ich habe noch nie mit armen Leuten zu tun gehabt!« sagte sie still und voll Hohn. »Dat is mich zo unnüesel!« Da griff die Mutter nach dem holzgeschnitzten Kruzifix, daß auf dem Büffet stand, wies auf die vielen Heiligenbilder hin und sagte, daß der Heiland auch aus einer Schreinerfamilie gekommen war und nur mit armen Leuten zu tun gehabt hätte.

»Kommt morgen wieder!« sagte der Mann.

»Morgen ist der Wechsel fällig!« Sie hielt dem Meister das Kruzifix vor die Augen: »Ihr habt diesen Heiland am Kreuz sicher selber geschnitzt, Ihr habt ihn selber an das Kreuz genagelt, was habt Ihr Euch dabei gedacht, als Ihr Euch mit Gott und dem Heiland in so vielen Stunden beschäftigt habt? Daß Ihr nichts mit armen Leuten zu tun haben wollt? Nein, daß Ihr arme Leute um das ausgelegte Geld, um den armen Stundenlohn betrügen wollt, daran habt Ihr gedacht!«

»Seid vernünftig Frau!« redete der Meister der Mutter zu.

»Gebt mir achtzig Mark«, sagte die Mutter.

Der Meister sah seine Frau an, die wie eine angestrichene Holzfigur auf dem Sofa saß. Sie tat, als hätte sie nichts gehört.

Es war Mitternacht.

Mit einem Gebrüll, als hätte ihn der Schutzmann beim Kragen und zwinge ihn, etwas gegen seinen Willen zu tun, begab er sich zum Geldschrank, holte die Rechnung heraus und legte fünfzig Mark auf den Tisch: »Unterschreibt!«

»Nein! Nur mit Achtzig!« antwortete sie.

Der Mann nahm Geld und Zettel und trug sie zum Schrank. Ehe er es hinlegte, drehte er sich wieder um: »Na, wollt Ihrs?«

»Es ist eine himmelschreiende Sünde, die ihr da begeht!« fuhr die Mutter auf und setzte sich: »Ich gehe hier nicht eher fort, bis Ihr mich mit der Polizei holen laßt; ich geh nicht weg. bis die Polizei kommt!«

Nun hörte die Mutter auf kein Wort mehr, sie stopfte sich die Finger in die Ohren und der Mann bot zehn Mark mehr.

Die Meistersfrau saß mit offenen Augen da, als müsse sie photographiert werden.

Nun lagen fünfundsiebzig Mark vor ihr. Ich schüttelte die Mutter, steckte das Geld ein und zwang ihr die Feder in die Hand. »Ich mach mich unglücklich, Mutter. Wenn du nicht unterschreibst, schlag ich dem Meister das Kruzifix ins Gesicht!« Ich packte den halbmeterhohen Christus beim Kopf und sah den Meister an. Der grinste so verächtlich, wie es ihm nur möglich war. Die Mutter schrieb und dankte. Ich stand mit dem Christusbild und hatte das Gefühl, ich müßte damit wie mit einer Keule zuschlagen, nicht nur auf den Meister, auf das ganze Menschenpack, das da vor Geld und gutem Leben platzt und so mit der Angst und der Not der Armen spielt, wie eine Katze mit der Maus. »Gerechtigkeit! Und wenn der Christus zum Teufel geht!« Ich stieß den Schmerzensmann auf den Tisch. Ich dachte, jetzt brächen Arme, Kopf und Beine ab. Ich hätte etwas drum gegeben, wenn er zerbrochen war. Aber er war zu gut gemacht, handwerksmäßig fest aus Eichenholz, ein Meisterchristus, der meiner Wut spottete und für meine Kraft zu grob war. Wir gingen.

»So hab ich doch wenigstens fünfundsiebzig Mark gerettet!« sagte die Mutter in die Nacht hinein.

Die Mutter war übermüde, ich nahm sie in den Ann und sie hing sich so schwer hinein, wie sie konnte; ich hätte sie auf den Armen nach Haus tragen mögen.

Wir kamen gegen zwei nach Hause, der Vater saß in der Küche, empfing uns mit finsterem Schweigen. Als die Mutter ihm die Sache erzählt hatte, tat er, als sei sie nicht der Rede wert, obgleich ihm das Geld teurer war wie seine Seligkeit »Aber gut amüsiert habt ihr zwei euch doch sicher, hä! So allein durch die Nacht zu streifen! Hä! Das hatte ich mir schon lang gesagt! Da stimmt etwas nicht zwischen Mutter und Sohn! hä! Da hat man sich was geheiratet und aufgezogen! Einen Waschkessel voll Weihwasser hat man nötig um das wieder loszukriegen!«

»Was willst du damit sagen, Vater!« fragte ich.

»Sagen ist Luft! Tatsachen! Ich will überhaupt nichts sagen! Aber wenn ich Beweise hab, dann geht es zum Staatsanwalt! Eine Verschwörung gegen mich. Ich steh euch im Wege! Aber wartet, Heimlichkeiten, ich werd euch noch im Weg stehn! Aber was sag ich! Sagen ist Luft. Tatsachen!« Er spie mitten in die Stube, spie mir auf die Schuhe und sagte: »Einen Revolver muß ich haben, da rennt so ein läufiger, junger Hund herum, ich hab ihn selbst aufgezogen...«

»Von wem sprichst du?« herrschte ich ihn an.

»Vom Cäsar natürlich! Wenn die jungen Hunde in die Jahre kommen, fragen sie nicht, ob das Tier, daß bisher mit ihnen herumläuft, ihre Mutter ist oder nicht. Ich will nicht, daß Zenta Junge vom Cäsar kriegt. Inzucht nennt man das. Ja, so was gibt es!« Er sah mich ins Gesicht, lachte und spuckte wieder. »Einer ist zu viel im Hause!« sagte ich, »ich werde sorgen, daß ich nicht mehr wiederzukommen brauche!«

»Und was das Wort nicht sagen kann, das zeigt man mit Gebärden an!« Trällerte er vor sich hin. »Ihr wollt mich – aber ich krieg euch! Einen Revolver muß ich ja sowieso haben!«

Die Mutter räumte wortlos auf, sagte gute Nacht und ging ins Nebenzimmer, wo sie mit den Mädchen schlief. Der Vater schlief in der Kammer neben der Küche an der entgegengesetzten Seite. »Laß die Tür aber auf!« schrie er ihr nach.

»Geh nach oben!« sagte die Mutter, »sag mir nichts, sonst denkt er sich wieder was!«

»Hä, Theaterspieler, wie fein sie das markieren!« hörte ich, als ich die Treppe hinaufging.

Ich packte meine Arbeitskleider ein, ging still hinunter und wartete bis der Bahnhof geöffnet wurde.

Der erste Zug fuhr nach Duisburg. Es war ja gleich, wohin ich fuhr: nur fort!


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