Heinrich Lersch
Hammerschläge
Heinrich Lersch

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Ich fuhr wieder nach Duisburg

und bekam im Arbeitsnachweis eine Überweisung nach Ruhrort, Hütte Niederrhein, Abteilung Kesselschmiede; fuhr mit der Elektrischen durch die alte Stadt hin, hörte an den Häfen die Hämmer der Schiffswerft Beminghaus rasseln. Dort hatte mein Vater vor vierzig Jahren schon genietet und gestemmt. Reihenweise lagen die Kähne in den Gerüsten, Feldschmieden flackerten, krumm und kniend hockten die Nieter an den Wänden, die Hämmer in ihren Händen klinkten auf die Nieten. An den Uferrändern lagen Haufen von zersprungenen Schiffsschrauben, alte Ruderplatten, Steventeile; Schrott, der als Reklame und Parade zeigte, wieviel Schiffe die Werft schon repariert hatte.

Die Elektrische sauste durch eine lange Straße, stieg über sieben oder acht Brücken, unter denen die Kähne von kleinen Schleppern an die Rampen gezogen wurden. Kräne hoben Schrott und Erz, Holz und Steine, Kies und Zement auf die Waggons. Ich sah mich im Wagen um: alle Plätze waren mit Männern besetzt; Männer auch auf den Schiffen, Dämmen, Straßen.

Mit mir stiegen noch ein Dutzend Mann aus und gingen den Weg zum Portier der Hütte. Der nahm auch mir die Überweisung ab und schob mich zur Annahme, zu zehn wurden wir vor den Werksarzt gebracht, nach Handwerkern und Arbeitern sortiert. Die Arbeiter kamen zuerst an die Reihe, jeder bekam einen Schein; uns fragte er nur, ob wir gesund wären. Ich reckte mich extra breit und bekam nur einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. Ich war unter Maurern und Zimmerleuten der einzige Kesselschmied, bekam den Schein und tauschte ihn an der Annahme gegen Buch und Marke. Dann suchte ich mir ein Quartier. Lief durch dreißig Häuser, roch in ungelüftete Hucken wie Taubenschläge groß, überall rot und blaukariertes Bettzeug, das »morgen« gewaschen werden sollte. Ich war von Haus Dreck und Armut gewöhnt, aber Luft mußte ich haben.

Ein Schlosser brachte mich in eine Ruhrorter Gastwirtschaft, ich bekam Logis bei voller Kost, ein Zweibettenzimmer und mußte dreizehn Mark bezahlen. Nun holte ich meinen Krempel von der Musfeldstraße in Duisburg und zog ein. Ein andrer Kollege saß am Tisch und hielt die Hände an die Ohren, als wollte er nichts sehn und hören. Das Gaslicht flackerte und zischte bis Mitternacht, da erwachte ich, weil der Kollege, in großen harten Schritten durch das Zimmer ging. Auf dem Tisch lag ein Buch.

Er kam an mein Bett, stieß seine Nase fast auf meine Stirn, stellte sich mit einem Ruck hoch und zischte: »Schläfst du nicht? Du hast zu schlafen, oder ich ekle dich in drei Tagen raus. Hab sie noch alle rausgekriegt, könnt doch Löcher genug zum Pennen haben.«

»Machst du das Licht bald aus?« sagte ich ruhig, »sonst schmeiß ich einen Stiefel in den Zylinder! Mit Männikes von deiner Sorte bin ich schon als Schuljung fertig geworden!«

»Du redest gern gut!« höhnte er.

»Besser werd ich schmeißen und schlagen!« sagte ich grimmig, »machs Licht tot!«

Er ging tatsächlich ans Gas und drehte es klein, dann zog er sich aus. »Fenster auf!« kommandierte ich, »sonst schlag ich die Scheiben auf den Hof hinunter.«

Er kam wieder zu mir und hielt mir die Faust aufs Auge. Ich tat, als wenn ich schlief. Das Licht ging aus, das Fenster auf.

Als mein Wecker ablief, fragte er nach der Zeit. Wir standen auf, gingen in die Wirtschaft, frühstückten und bekamen unser Butterbrot eingepackt. Wir traten zusammen aus der Tut, ich fragte einen Vorübergehenden nach dem nächsten Weg zur Hütte. Schweigend ging der Kollege mit bis zum Werk. Als ich meine Nummer aufhing, da lachte er: »Du wirst doch kein Kesselschmied sein?« »Ne, Kopfschlächter!« grunzte ich.

Das donnerte und daberte in der Fabrik. Ich bekam ganz neues Werkzeug und stand bald in der Kolonne beim Verstemmen von großen Gasleitungsröhren. Taktaktaktaktaktaktak! Von oben herunter auf den Stemmer, das konnte ich so gut wie einer. Die Kollegen kümmerten sich nicht um mich, auch beim frühstücken fragte niemand nach mir. Sie sprachen vom Akkord, von einer Schlägerei, von den neuen Lufthämmern, die eingeführt würden und von den Riesenverdiensten, welche mit der Revolverarbeiterei herauskommen sollten.

Zu Mittag gingen einige Kollegen in die Kantine, holten Wurst, Brot und Flaschenbier. Ich trank klares Wasser. Da wurden die Kollegen aufmerksam, boten mir ihre Pullen und sagten, ich verdürbe mir den Magen. Als ich das Bier nicht nahm, hatte ich es schon mit ihnen verdorben. Sie fragten mich; ob ich im blauen Kreuz wäre oder im Jungmännerverein. Nachmittags schien mir die Werkstatt voll von Gas und Dunst zu sein, ich spürte es sehr beim atmen. Als ich den Kollegen neben mir danach fragte, sagte er, es gingen Gasrohre unter der Erde hin, die müßten wohl undicht sein, das qualmte jeden Nachmittag so.

Das war nun ganz das Gegenteil von dem, was mir gut tat. Ich dachte an den Akkord und wollte nicht hinter den anderen zurückbleiben; die Zeit wurde mir doch lang, ich lauschte zwischen dem Getöse auf das Feierabendzeichen.

Als es um fünf noch nicht kam, fragte ich. »Heut wird eine Stunde länger geschafft«, schrie mir ein Kollege ins Ohr.

Endlich war Schluß.

Ich aß in der Wirtschaft, an den Tischen saßen viele Arbeiter, ganz lustige und ganz müde, Krakehler und Stille. Die Lauten erzählten vom Manöver, von Bauernquartieren, Fressereien, Weibern, Feldwebeln und Kameraden. Ein Kollege stand auf, schmiß einen Groschen in den Schlitz des Musikautomaten und sofort leuchtete ein buntes Bild an dem großen Orchestrion auf: eine Alpenwiese mit glühendroten Bergen, ein Wasserfall lief, wie natürlich immerzu, vor der Sennhütte saß ein Hirt und blies in eine Schalmei. Ich müßte immer auf den buntbeleuchteten Wasserfall sehn, der von den Felsen stürzte.

»Friß Kerl! Oder bist du noch so neu in der Welt!« Mein Quartierkollege stieß mich an. »Das olle Hammelfleisch wird ja kalt, das ist dann nicht zu fressen. Du, wo hast du zuletzt geschafft, was hast du da verdient?«

Ich verschwieg, daß ich von Hause kam und sprach von dem großen Schrottgeschäft.

»Je größer die Bude, je höher der Lohn! Bei die Krauters wird nicht viel geschafft, wird nicht viel gezahlt. Ich mach nach Berlin zu Borsig, da gibt's doppelt so viel Lohn wie hier, eine Mark die Stunde! Mehr Kostgeld zahlt man auch nicht, im Gegentum, man lebt in Berlin billiger als hier. Hier nehmen die Logismütter es von den Lebendigen. Selbst die Arbeiterfamilien wolln sich an Arbeitern gesund machen. – Ein Bierchen, Herr Wirt!«

Er trommelte mit der Faust den Takt zum Orchestrion.


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