Adolf Glaßbrenner
Neuer Reineke Fuchs
Adolf Glaßbrenner

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Dreiundvierzigstes Capitel.

                       

Vom Vetter Grimbart war das Schreiben,
    So Reineken nicht länger bleiben
Ließ in der Freiheit Liebesreich;
    Ich theil's in Abschrift mit sogleich
Ganz worttreu dem copirten Brief,
    Den im erbrochnen Fuchsarchiv,
Nebst vielen andern wicht'gen Kunden,
    Der Staar, der Doctor, aufgefunden,
Und den mir dieser hochgeschätzte
    Gelehrte Vogel übersetzte.

Er lautete: »Mein theurer Vetter!
    O eilt zurück und seid der Retter
Des Ordens, der zum zweiten Male
    Das Opfer schändlicher Kabale!
Kaum noch vermag uns Siebenspitzen
    Hier vor des Pöbels Wuth zu schützen!
Der große Ochs, das heil'ge Thier,
    Sitzt sorgebrütend neben mir.
Sein Stuhl, er kracht!
    Der Stuhl der dunkeln Nacht,
Aus dem er stets die Welt, beflissen
    Gottedeln Eifers, hat gerissen
An's Herze der allein'gen Lehre:
    Ihm drohen jetzt der Ketzer Heere,
Ihn wollen die verdammten, frechen
    Abtrünn'gen nun zusammenbrechen!
Im freien Reich der stolzen Meerer
    Verhöhnte längst man unsre Lehrer;
Im weiten Lande der Espriten
    Will man den Priestern, den Fuchsiten
(Mit aller Macht bekämpfen wir's,
    Mit Ränken und mit Anathemen),
Auf Antrag des gewandtsten Thiers,
    Die Schulen, die Erziehung nehmen!
Die Knute, deren Herrschbegier
    Nichts Mächt'ges duldet neben ihr,
Treibt uns in ihrer rohen Weise
    Aus ihrem furchtbar-großen Kreise.
In den Gebirgen-Republikchen,
    Beherrscht von Herrscher-Domestikchen,
Die alle Kraft des Reichs zersplittern
    Und vor der Tyrannei erzittern,
So ihre Freiheit eng umschließt
    Und jede Lebensregung spießt:
Dort wollten wir mit Tausend Listen
    Zu guter Hecke ein uns nisten;
Schon öffneten uns Fuchs-Subjecte,
    Rathsherren dort, das Thor:
Da springt der tief erschreckte
    Gebirgegeist hervor,
Und will aus unsern Ketten,
    Aus allen sich retten!
Und so entsteht ein Krieg der Bürger;
    Der Bruder wird des Bruders Würger,
So daß die ganze Thierewelt
    Bis in das fernste, fernste Feld,
Ein Wehe brüllt auf unsern Orden,
    Deß Schuld nun ist das grause Morden.
Ein Unheil aber tausendsprossig
    Für Babba und für uns ergoß sich
Aus jener alten Plunderhose,
    Die Ihr getaufet Sanct Ambrose,
Und die Ihr Wunder ließ't verrichten,
    An denen Das nur wunderbar,
Daß, was gebaut wir manches Jahr,
    Sie niederreißen und vernichten.
Ja, Wunder wirkte diese Hose
    Beispiellose!
Indignation
    Ergriff die ganze Nation!
Die Presse war nicht mehr zu halten,
    Die Publicisten schimpften, schalten,
Und in Broschüren mannigfaltig
    Wortwetterte man so gewaltig
Gen unsere Mirakel,
    Auf unsre Paradoxen,
Auf uns und unsern Ochsen,
    Daß wir in dem Spectakel
Dastanden mit verwirrtem Sinn
    Und wußten nicht wo aus, wo hin!

Und nun zum Ueberflusse noch,
    Feind weltlichem und geist'gem Joch,
Stand aus der Mutterkirche Schoos
    Ein Priester auf, und sprach so beißend,
Dabei so herzig, innig, groß,
    Von Babba's Stuhle los sich reißend,
Aufdeckend unsern Trug
    Und schnöden Witz,
Daß wie ein rascher Blitz
    Sein Wort in die Gemüther schlug,
Und sie entflammte fort und fort
    Zum Feuer hier, zum Feuer dort,
Bis endlich rings das weite Land,
    In hellem Ketzerfeuer stand.

Es ist kein Zweifel:
    Aufwacht der alte Haß!
Man wirft das Dintenfaß
    Schon wieder nach dem Teufel! – –

Eilt, Vetter, daß uns Rettung werde
    Vom Schicksal, das so hart uns traf!
Tagtäglich flieht aus unsrer Heerde
    Zur neuen Kirche Schaf auf Schaf!
Zur neuen Kirche sag' ich, ja!
    Schon steht sie hoch, lichtstrahlend da,
Befreit von all' den Schlingen,
    So uns die Seelen fingen,
Und die seit mehr als tausend Jahren
    Uns knechten ließ die frommen, dummen Schaaren.
Schon steht sie da mit offnen Thüren,
    Die über Kurz oder Lang –
So will es aller Herzen Drang:
    Zum großen Friedenstempel führen! –
Dann aber, o daß Gott es wende!
    Dann, Fuchs, ist unser Reich zu Ende.

Noch ein Mal rufe ich Euch: weilt
    Nicht eine Stunde länger! Eilt,
Loslassend Eure neue Beute,
    Hieher, zu dämpfen diese Meute!
Und möge – will's der Himmel nicht,
    Der, ach! in diesen letzten Phasen
Von uns gewendet sein Gesicht, –
    Die Höll' Euch günst'ge Winde blasen!

Noch läßt der Vater Ochs Euch fragen,
    Ob's nicht in solchen schlimmen Tagen
Und bei der Völker Wuthgeschrei,
    Für unsern Bund gerathen sei,
Von seinem »weltverfluchten« Streben
    Das Deutlichste draus aufzugeben,
Da der Gesellschaft Fortbestand
    In Frage stehe vor der Hand?

Noch ein Mal: eilt und kommt als Retter!
        Dachs Grimbart,
                                    Euer Knecht und Vetter.«

»Nein, nein, Fuchsiten, Glaubenskämpfer!«
    Rief Reineke, der auf dem Dämpfer
Nicht fern vom Steuermanne saß
    Und seiner Brut dies Schreiben las.
»Um Ketzertoben in Ketzerländern
    Sollten wir die kluge Verfassung ändern?«
Hier sprang er auf von seinem Platze
    Und rief mit wuthentbrannter Fratze:
Bei Sankt Ignazens Ehr'!
    Nein! Nun und nimmermehr!
Treibt der Fels mit uns seinen Scherz?
    Ein Nadelstich, er trifft unser Herz!
Was hielt den Tempel so lange Zeit?
    Seine starre Unveränderlichkeit!
Was ist seine letzte Regung?
    Seine erste Bewegung!
Dasselbe gilt von dem Fuchsitenorden:
    Er ist nicht mehr, ist er anders worden!«

Und zur Erde werfend den Brief,
    Aufschwingend zum Schwur die Hand,
Den Blick zum Himmel gewandt,
    Er: »Sint, ut sint, aut non sint!« rief.


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