Adolf Glaßbrenner
Neuer Reineke Fuchs
Adolf Glaßbrenner

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Einunddreißigstes Capitel.

               

Inzwischen war der Dachs gezogen
    Mit mehr als fünfzig Demagogen,
Wildfluchend alle Pestilenz,
    Zur Nachtzeit durch die Residenz.
Sie schrien: Freiheit! Vernunft-Anbetung!
    Gleichheit! Kein Adel! Volksvertretung!
Und fanden viele Hundert noch,
    Die abhold waren ihrem Joch,
Und eh' zwei Stunden noch vorbei,
    Da war die ganze Stadt Geschrei,
Und durch die kleine Rott' der Dachsen
    Der Aufruhr schrecklich angewachsen.
Selbst Frösche hörte man koaxen.

Der König fuhr zu seinem Lager
    Und hörte, wie ihn: Völkerplager –
Trotz des von jeher eingeimpften
    Respectes – seine Sklaven schimpften;
Wie ihn dieselben Kehlen schreckten,
    In denen noch die Vivats steckten
Und Hurrah-Hoch's und all der Jubel
    Vom kaum gestillten Einzugstrubel.

Er lachte wild vor Zorn und Wuth
    Und rief: »Wohlan, so fließe Blut!«
Drauf fuhr er hastig in den Rock
    Und klingelte dem Kämm'rer Bock,
Befahl den ersten General,
    Und als nun Der trat in den Saal,
Da herrschte er ihn also an:
    »Herr General, seid Ihr ein Mann?
Und Mann! seid Ihr ein General,
    Daß Ihr nicht endigt den Skandal?
Auf! nehmt das ganze Militair
    Mit scharf geladenem Gewehr,
Und führt's, als ging' es zur Bataille!
    Und will der Plebs sich nicht zerstreuen,
So soll er bitter es bereuen,
    So schießt sie nieder, die Canaille!«

Der General that wie befohlen,
    Derweil der König stand auf Kohlen.
Bald sah man reiten hin und her
    Die Ordonnanzen en carrière
Nach allen Plätzen, allen Fernen;
    Alarm erscholl in den Casernen;
Bald rückten an dreitausend Mann
    Zum Angriff auf den Pöbel an!
Und ob's auch Freunde, Brüder waren,
    So brannten doch die Söldnerscharen
Vor Lust, die Freunde aufzuspießen
    Und ihre Brüder todtzuschießen.

Jedoch der Pöbel, als er sah,
    Daß wirkliche Soldaten da,
Daß Ernst geworden aus dem Spaße,
    Und knallen hörte auf der Straße:
Nahm er die Beine in die Hände,
    Um zu erreichen die vier Wände;
Denn selbst das beste Paraplüie
    Schützt bei dem Kugel-Regen nie.

Nein, dacht' er, nein, mein schönes Leben
    Will ich nicht für Ideen geben!
Und lieber will ich gar nicht mucken,
    Als solches heiße Blei verschlucken.
Auch kann ich keine Säbel leiden,
    So Glieder mir von Gliedern scheiden;
Will gerne auseinandergehen,
    Soll's mir allein nur nicht geschehen!
Mit Freuden will ich Freiheit! schrei'n,
    Verfassung! Gleichheit! hinterdrein,
Verfluchen alle Potentaten:
    Nur muß man mich dabei nicht fassen!
Denn lieber, wahrlich, als Soldaten,
    Will ich die Freiheit schießen lassen!

So dachten Alle nun und rannten,
    Als ob die Füße ihnen brannten.
Und dennoch wurden Neunundachtzig,
    Die wohl ein Weilchen noch bedacht sich,
Durch die Soldaten in der Hast
    Dienstgierig in's Genick gefaßt,
Und arretiret ohn' Erbarmen
    Vom neuen Fatum, den Gensdarmen,
Und saßen nun bei Weh und Ache
    Vorläufig

Der Codex nennt gescheidter es;
    Dort heißt es: Bis auf Weiteres!
Weil Viele, die auf Weitres schwitzen,
    Nach Jahr und Tag erst enge sitzen
Viel' aber, die gerechtermaßen
    Als schuldlos freigesprochen werden,
Doch eben auch auf Weitres saßen,
    Weil's auf der weiten Gotteserden
Nichts Weitres als die Freiheit gibt,
    Die selbst das ärmste Würmchen liebt.

Und drum muß man nicht die verfluchen,
    Die vor dem Recht das Weite suchen;
Denn in dem Recht ist's oft sehr enge,
    Da ist das Weitere: die Länge. –

D. Verf.
in der großen Wache.

»Nun, Reinhard!« sprach voll Zorn und Sorgen
    Der König Stier am nächsten Morgen;
»Ich ließ Euch rufen, Priester! Nun
    Gebt Euern Rath: was ist zu thun?
Auf meinem Arbeitstische dort
    Liegt schon der Polizei-Rapport.
Denkt: Neunundachtzig thät man fassen!
    Soll ich sie Alle hängen lassen?
Was soll ich mich mit ihnen balgen!
    Ich übergebe sie dem Galgen!
Ja, das ist's Beste, ja, das thu' ich!«

»Mein Fürst,« sprach drauf der Fuchs sehr ruhig,
    »Seid nicht so heiß! denkt an die Fabel!
Was war der Sinn von der Parabel?
    Wohl der: Willst, Herrscher, Du genießen
Die Macht, und soll aus ihr entsprießen
    Des Volkes Segen und Gedeihn,
So muß der Priester thätig sein.
    Ihr kommt, Sire, auf der Insel an:
So seid erst Priester, dann Tyrann!
    Wollt Jenen Ihr das Leben nehmen,
Macht Ihr die Andern um so wilder;
    Doch zeiget Ihr Euch stolzer, milder,
So werdet Ihr sie Alle zähmen.
    Erlaßt aus Eurem Cabinete,
Was ich Euch rathe, und ich wette,
    Lorbeer und Blumen wird es regnen,
Mit Jubel wird man Euch begegnen,
    Die lächerlichen Wünsche stillen
Und stumm sich beugen Eurem Willen.«

»Dictirt! ich schreib' es eigenhändig;
    Hier ist ein rascher Schritt nothwendig!
Wie Ihr es meint, so soll es heißen;
    Scheint mir's dann nicht, kann ich's zerreißen.«
Drauf setzt' er sich und nahm die Feder,
    Wie es bei'm Schreiben macht fast Jeder.

Der Fuchs besann sich eine Weile
    Und dann dictirt' er Zeil' für Zeile:
»Ich schreibe an Mein Volk, Mein gutes,
    Ganz ungetrübten, frohen Muthes.
Mein Thron, erbaut von Gottes Gnaden,
    Ihm kann ein roh Gebrüll nicht schaden.
Nie wird sein heilig Holz zersplittern,
    Nie seine heil'gen Pfosten zittern,
So sich auf Babba's Felsen stützen
    Und dessen Gottespriester schützen!
In unserm Glauben, in dem ein'gen,
    Dem einzig ächten und allein'gen,
Hab' Ich gebetet zu Marie,
    Auf daß Mein Herz entbrenne nie
Gen Mein getreues Volk in Zorn,
    Wenn an der Rose seiner Liebe
Auch immerdar ein spitzer Dorn
    Gehässig Meinem Glücke bliebe,
Dem höchsten Glück, Glück zu verbreiten
    Für jetzo und der Zukunft Zeiten!
So geb' Ich denn in freud'ger Wehmuth,
    Und in dem Stolze Meiner Demuth
Frei die gefangenen Rebellen:
    Will sie vor keinen Richter stellen,
Der, nach Gesetz und altem Recht,
    Die Thäter an den Galgen brächt'!
Doch durch die neue Puppen-Strafe
    Jeden Rebellen nun verhöhn' Ich!
Zu meinen Füßen liege der Sklave!
    So soll's geschehen. Ich,
                                              der König.«

Der König sah den Priester an,
    Halb ernst halb lächelnd und begann.
»Es ist sehr viel für Euch darin!
    Doch ist's im Grund nach meinem Sinn
Und soll verbotenus so bleiben;
    Nur müßt Ihr mir zuvor beschreiben,
Was Ihr die Puppen-Strafe nennt,
    Und die bis dato Niemand kennt?«

»Als ich,« sprach Reinhard, »ganz allein
    Den Kronprinz traf in grünem Hain,
Zuerst als König ihn begrüßend,
    Doch diesen Gruß ihm nicht versüßend,
Ihm kündend, daß schon Rebellion
    Laut werdend sei in der Nation,
Da rief er: All, was hindernd
    Auftritt, Noth lindernd,
Freiheit zu geben:
    All solches Streben
Will ich so entehrend bestrafen,
    Daß man in jedem Lande
Dem ausweicht ob seiner Schande,
    Den meines Zornes Blitze trafen!«

»So sprach ich, ja, vom Schmerz bewegt
    Und übermannt, unüberlegt.«

»Unüberlegt, mein König, nein!
    Wie könntet Ihr wohl milder sein?
Wenn Dem, der im Gesetz schon hängt,
    Ihr gnädiglich das Leben schenkt,
Das Eure Krone angetastet:
    So sei dies Leben so belastet
Mit Schmach, die auch kein Gott verwischt,
    Daß es ohnmächtig nun erlischt,
Ohnmächtig jemals noch zu schaden
    Der Majestät von Gottes Gnaden.«

»Wahrhaftig, Priester, Ihr habt Recht!
    Ich folge dem Gedanken. Sprecht!«

»Solch' fürchterliche Schmach allein
    Kann nur die Puppen-Strafe sein!«
Sprach frommen Blick's der Fuchs darauf.
    »Ihr stellt auf einer Felsengruppe
Von Euch 'ne wohlgetroffne Puppe
    Auf öffentlichem Markte auf.
Dort müssen alle die Rebellen
    Nun Euch am Mittage, am hellen,
Auf beiden Knieen und inmitten
    Des Volkes um Verzeihung bitten.
Das wird zugleich dem Pöbel lehren,
    Den König so wie Gott verehren,
Und fördert auch den ächten Glauben,
    Dem die Vernunft will jetzo rauben
Die Lehre, daß die Puppen blind
    Als Heil'ge anzubeten sind.«

»So ist's!« Es klingelte der Stier.
    »Dies Blatt zu meinem Kanzler hier!
Er soll es eiligst drucken lassen
    Und anschlagen in allen Gassen.«
Drauf klingelte er einem Andern:
    »Zum Kutscher, rasch, zu Alexandern!
Die schlecht'ste Chais', er soll sich sputen!
    Zwei Pferde nur, in fünf Minuten!«
Drauf klingelte er noch dem Dritten,
    Dem Kammerpudel einen Britten,
Und deutete ihm mit der Hand:
    »Gib schnell mir das Civilgewand!
Den Hut! Lauf dem Kartusch nach, geh!
    Ich will Incognito-Livrée!«
Und schon im Gehen sagte er
    Zum Fuchs, der sich verbeugte sehr:
»Verzeiht, der König ist verdrießlich;
    Das ist dem Volke nicht ersprießlich:
Mit allen Launen, bösen, närr'schen,
    Muß man sich stets nur selbst beherrschen.
Drum will auf Berg, in Thal und Hain
    Ich heute Thier, nicht König sein.
Die freie Lust treibt jedes Weh
    Aus Kopf und Busen fort. Adieu!«

Kaum war er weg, so streckte sich
    Der Fuchs empor gewaltiglich,
Nachrufend höhnisch: »Schwachkopf, Du!
    Du willst hinaus zur schönen Kuh!
Das Nachtmahl, das Du dort geleckt,
    Mir hat es auch sehr gut geschmeckt!
Wo Du auch gehst,
    Und wo Du stehst,
An allen Oertern, allen!
    Was Du auch treibst,
Du bist und bleibst
    In den Fuchsitenkrallen!
Die Welt gehört Dem, der sie lenkt!
    Ihr Könige seid zu beschränkt!
Der Fuchs ist dieser Erde Gott!
    Ich, Reineke, und mein Complot!«

Nachdem er also sich ergossen,
    Sprach er: »Nun zu den Narrenspossen!«
Und schrieb auf einem Blatt Papier:
    »Für Seine Majestät den Stier,
Von Babba, durch den letzten Bullen:
    Das Ordensband der goldnen Nullen.
Der Ueberbringer dieses Schmucks,
    Des heil'gen:
                                    Reineke der Fuchs.«

Drauf legte er das Ordensband
    Dazu, und schon zum Gehn gewandt,
Noch schielend auf das Blatt Papier,
    Sprach er für sich: »Nun binden wir
Auch noch den Völkerlenker fest,
    Der sich so prächtig lenken läßt!
O diese bunten Narrenbänder!
    Sie flattern hin durch alle Länder
Und machen alle Würde klein,
    Und Ehre so hanswurstgemein!
Um's göttlichste Verdienst die Bande
    Der Armuth, Ketten oft und Schande!
Um's sklavische die Narrenschleifen,
    Nach denen sie wie Kinder greifen,
Als wär' die Welt noch nicht genug
    Voll Schein und Unsinn, Lug und Trug!
Wie schwer ist's, Gutes zu bewirken
    Nur in den kleinsten Weltbezirken!
Wie leicht, den ganzen Erdenklumpen,
    So voll von Thoren und voll Lumpen,
Im bösen Sinne zu regieren,
    Und bei der Nas' herumzuführen!
Ein Engel sein, das wäre viel!
    Der Satan hat zu leichtes Spiel!
Ich werde nächstens idealisch
    Und fortschrittsmäßig mich geberden,
Und wie ein Schäfchen so moralisch,
    Vielleicht sogar gemüthlich werden!«


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