Adolf Glaßbrenner
Neuer Reineke Fuchs
Adolf Glaßbrenner

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Neununddreißigstes Capitel.

                   

Wir sind nun auf dem Weltenmeere.
    Es rauscht das urgewalt'ge, hehre,
Unüberdenkbar weit
    Und unermeßlich breit,
Laut und geheim,
    Im Wogenreim,
Fort immer fort zu Gottes Ehre.
    Es rauscht und rauscht,
Und tauscht und tauscht,
    Stillgewaltig,
Tausendgestaltig,
    Die schwungvoll schönen, schnellen,
Die leichten und lichten Wellen.
    Und rauscht und umrauscht
Wogend den Erdenball,
    Und spiegelt nächtens
Das ganze funkelnde All,
    Und birgt, so endlos groß!
Das Wunder in seinem Schooß,
    Und will uns mahnen,
Und läßt uns ahnen,
    Daß in seiner unergründlichen Tiefe
Die Kraft der Schöpfung schliefe.

Doch wenn es murrend rollt
    Und stärker wogt und grollt,
Und endlich wuthentbrannt
    Schäumend bespeit den Strand;
Mit furchtbarem Geräusch,
    Mit Donner und Gekreisch
Alles vernichtend,
    Geifernd
Und eifernd
    Die gepeitschten Wässer schichtend,
Als wollt' es auf seinen Wellenthürmen
    Mit rasendem Dröhnen,
Und heulendem Höhnen
    Den finstern Himmel erstürmen:
Dann mit Angstgeberde
    Zittert das Wesen der Erde,
Bis der Ewigkeit Geist
    Die Schrecken endlich schweigen heißt.

Doch das tobende, wogende Meer
    Beruhigt sich schwer;
Noch hört man es murrend rollen,
    Noch immer heulen und grollen,
Noch schäumen
    Und sich bäumen;
Bis es ruhiger wieder
    Dichtet die Wogenlieder,
Und rauscht und rauscht,
    Und tauscht und tauscht
Stillgewaltig,
    Tausendgestaltig
Die schwungvoll schönen, schnellen,
    Die leichten und lichten Wellen.

Und in dies Grab so weltengroß,
    In diese Fremde so hoffnungslos,
In diese verderbenschwere
    Erbarmenleere,
In diese Alles bezwingende,
    Alles verschlingende
Endlose Wasserwüste
    Wagt sich von blumiger, nährender Küste,
Verlassend das sichere Haus,
    Voll Zuversicht, ohne Wanken,
Das kleine Wesen hinaus
    Mit seinem Gedanken!

Auf seinem geschnitzelten Splitter
    Zieht der kecke, tollkühne Ritter,
Kämpfend mit Wellen und Winden,
    Mit unsäglichen Hindernissen:
Um neue Welten zu finden,
    Und Schätze zu suchen und Wissen!

Und diesen Gedanken
    Läßt sich von seinen Herren
Auf sicherem Lande er sperren
    In die niedrigsten, schmachvollsten Schranken!
Wirft den Gedanken, den Gott!
    Statt ihn als Gott zu begrüßen,
Zu ekelstem Dienste und Spott
    Den Gedankenfeinden zu Füßen!

Du geist'ger Staub, Du staub'ger Geist,
    Der, kriechend, durch die fernsten Himmel kreist,
Du kleines, großes Zwitter-Wesen,
    Zum Gott, zum Wurme auserlesen:
Du bleibst ein unauflösliches Problem!
    Nachdem das große Weltmeer es besiegt,
Geht es aufs Land und winselt, wedelt, kriecht!
    Vor wem?!


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