Adolf Glaßbrenner
Neuer Reineke Fuchs
Adolf Glaßbrenner

 << zurück weiter >> 

Vierunddreißigstes Capitel.

                 

Der König Stier regierte grade
    Und trank dazu die Chocolade,
Da ward er Allerhöchst erschreckt
    Vom Priester Fuchs, der schweißbedeckt,
Benutzend seine große Geltung,
    In's Cabinet trat sonder Meldung.

Er konnte gar nicht sich erholen,
    Doch, als zu reden ihm befohlen
Der König, zeigte er nach oben,
    Als sollt' der Herr den Herren loben,
Und, Wonnethränen spendend, that er
    Die Worte rufen: »Ihr seid Vater!«

Der König war ganz außer sich:
    »Gott dankend,« rief er aus, »bin ich
Ob dieses Glücks, das mich betraf!
    Doch keine Gräfin!?«

                                    »Nein, ein Graf!«

»Ein Graf! O laßt sogleich uns hin!
    Doch sagt, wie geht's der Wöchnerin?«

»Gefahrlos, wie die Aerzte meinen,
    Zwar fühlt sie Lähmung in den Beinen,.
Doch eh' ein Mond vorbei, ich wette,
    Verläßt sie schon ihr Wochenbette
Und deckt, gesund und lebensfrisch,
    Euch wiederum den Abendtisch.«

Sie fuhren Beide nun hinaus
    Zum fernen Wald, in's stille Haus,
Das schon seit einem Vierteljahr
    Die Herberg' nur des Königs war,
Den Hahn und Hund und Niemand kannte
    Und den man gnäd'ger Herr nur nannte.

Als nun der fürstliche Papa
    Den Sprößling in den Windeln sah,
Dacht' er bei sich: Ei, Schwerenoth!
    Woher ist denn sein Haar so roth?
Woher die Augen denn so böse,
    Woher um's Maul so malitiöse?
Das hat doch weder Sie noch Ich!
    Ich muß gestehn, das ärgert mich.
Wie er so roth nur werden konnt',
    Da wir, die Eltern, Beide blond?
Und wir, die Eltern, Beide mild,
    Und er so boshaft und so wild!
Hm, hm! Ich glaube gar, er schielt?
    Wie die Natur doch manchmal spielt!

Kaum konnt' er Vaterfreude heucheln,
    Der armen Wöchnerin zu schmeicheln.
Und als nun gar das Kindlein weinte,
    Und mit dem Thränenstrom vereinte
Ein ganz abscheuliches Geblärr,
    Ward er des Unmuths nicht mehr Herr.
Er hielt sich beide Ohren zu
    Und sprach verdrießlich zu der Kuh:
»Ihr habt Euch nicht sehr angestrengt
    Mit Dem, was Ihr mir da geschenkt!
Ich hätt', der Eltern in Betracht,
    Den Grafen schöner mir gedacht.«

Der Fuchs sprach: »Majestät, ich find',
    Es ist ein reizend hübsches Kind!
Was Euch daran erscheint noch graus,
    Das wächst sich ja noch Alles aus.«

»Ja,« stöhnte nun die Mutter matt,
    »Es wächst sich aus! Das Würmchen hat
Gewiß schon in ganz kurzer Zeit
    Mit Euch die größte Aehnlichkeit.
Schon jetzt strahlt Hoheit aus den Mienen,
    Als könnt' es herrschen nur, nicht dienen;
Es hat gar nichts Gewöhnigliches,
    Im Gegentheil, was Königliches.«

»Ja wohl!« rief Reineke geschwind,
    »Daß dieses Kalb ein Königskind –.
Der Himmel straf' mich, wenn ich lüge! –
    Das sagen alle seine Züge.
Mein Ehrenwort will ich drauf geben:
    Zehntausend Kinder legt daneben,
Und jedes Thier von Bildung wird,
    Ohn' daß es sich nur ein Mal irrt,
Sogleich das Königskind erkennen,
    Und dieses hier als solches nennen.«

»Meint Ihr?« versetzte der Tyrann,
    Und sah das Kalb noch ein Mal an
Und fand so manches Hübsche doch,
    Was ihm bisher entgangen noch.
»Ja!« sprach er, »ja, es ist kein Trug;
    Was ich für böse nahm, ist klug,
Und was ich nahm für Tück' und Rohheit,
    Das ist im Grunde nichts als Hoheit.
Ich küsse Dich, Du theures Wesen!
    Zu hohen Dingen auserlesen.«

Und frommen Blickes trat der Gauch,
    Der böse Fuchs, zur Wiege auch,
Und segnete den jungen Grafen,
    Und lullt' ihn ein zu süßem Schlafen,
Gab noch ein Häubchen auf dem Kinde,
    Und ging dann mit dem Kön'ge hin
Zum Bett der schönen Wöchnerin
    Und fragte, wie sie sich befinde.

»Ach,« sprach sie, »weckt nicht meinen Gram!
    Die Beine sind mir gänzlich lahm!
Der Himmel scheint's mir zu mißgönnen,
    Daß an der Mühl' ich stets so lange
Des Königs harr' und ihn empfange:
    Ich werde nie mehr gehen können!«

»Davor soll Gott Euch wohl bewahren!«
    Rief König Stier. »Doch, wenn's auch wäre,
Bei meiner ritterlichen Ehre:
    Könnt Ihr nicht gehn, laß' ich Euch fahren!«

»Getrost!« gab nun der Fuchs sein Wort.
    »Das Uebel geht wohl balde fort!
Und macht profane Arzenei
    Euch nicht von dieser Lähmung frei,
Der eitlen Wissenschaft zum Spott
    Thut's dann der Glaube, thut es Gott! –
Denn wo zu Ende die Vernunft
    Der Schuster- und Gelehrtenzunft,
Erhebt, all irdisch Werk verachtend,
    In so gemeiner Logik schmachtend:
Den frommen Seelen Heil zu bringen,
    Das Wunder seine Glaubensschwingen!
Im Nonnenkloster zu den Krähen
    Weiß ich ein uralt Kästchen stehen,
Zu dem schon vor fünfhundert Jahren
    Hinzogen fromme kranke Schaaren,
Und durch das Herz in diesem Kasten,
    Verbunden mit Gebet und Fasten,
Reinwuschen sich von jeder Fehle
    Des Körpers und der gläub'gen Seele.
Dies Herz, es ist: von Sankt Ambrosen
    Ein Paar geflickte heil'ge Hosen.
Wer einen Flicken von ihm küßt,
    Flugs heil an Leib und Seele ist!
Vorausgesetzt, daß er die Lehre
    Des ew'gen Tempels rein verehre.
Die Lahmen konnten plötzlich sehen,
    Die Blinden konnten plötzlich gehen,
Jedwede Wunde heilte zu,.
    Jedweder Schmerz fand seine Ruh'.
Ja, selbst bei ein'gen tauben Damen,
    Die gläubend zu der Hose kamen,
Der heil'gen, hat nach wen'gen Stunden,
    Ich schwör's! man schon Gehör gefunden.«

»O wie viel Glück ist da zu schaffen!
    Mich wundert's aber, daß die Pfaffen,«
Erwiderte der Fürst erstaunt,
    »Es nicht schon früher ausposaunt,
Daß dies, mein glücklich Reich, umschließt
    Solch Kleinod, dem solch Heil entsprießt?«

»Mein König, nur in frommen Zeiten
    Kann diese Hose Heil verbreiten.
Eu'r Vater herrschte ganz vorzüglich,
    Nur etwas weltlich, frei und klüglich.
Ach, so viel irdisches Int'resse,
    Und ja die Lehren noch der Presse,
Der frechen, gott- und glaubenlosen:
    All Dieses bildet nicht
In seinem gefährlichen Licht
    Die Zeit der Kraft für heil'ge Hosen.«

Und als der König seufzend nickte,
    Und drauf zum Fenster ging, erblickte –
Er traute seinen Augen kaum –
    Die Nachtigall er auf dem Baum',
Der, dieser Hütte treuer Freund,
    Ihr schon früh Morgens Blüthen streu'nd,
Mit seinen Zweigen sie bedeckte,
    Daß nie der tolle Sturm sie schreckte;
Der Mittags, wenn sie wollt' ermatten,
    Ihr gab den kühlen, linden Schatten,
Und wenn die Abendsonne lachte,
    Ihr noch ein Sänger-Ständchen brachte,
Bei trübem Wetter mit ihr weinte, –
    Und ganz in Liebe sich ihr einte.

Auch Reinhard sah den Sänger sitzen;
    Vor Wuth thät ihm das Auge blitzen;
Denn allem heuchelnden Gelichter
    Ist nichts so wider als der Dichter.
Er sprach: »Wie kann's Euch, Herr, gefallen,
    Zu dulden noch die Nachtigallen?
Das sind die furchtbarsten Rebellen,
    Da sich die List'gen so verstellen,
Als sängen sie aus edlem Triebe
    Der Welt, dem armen Volk zuliebe.
All frommes Werk vernichten sie
    Mit ihrer Worte Harmonie,
Denn Nichts weckt so den Freiheitsdrang
    Als Sang und schöner Worte Klang.
Zwar bringt uns auch genug Odiosa
    Das schlimme Federvieh in Prosa,
Doch von der schweren, steifen, kalten,
    Kann's Volk nur Weniges behalten.
Auch übt es stets, halb unbewußt,
    An Prosa seine Zweifellust;
Dagegen ist's schon Sprachgebrauch:
    Was nur gereimt, das reimt sich auch,
Und wenn die Wahrheit selber spricht:
    Das Ungereimte glaubt man nicht.
Das nutzt dies Volk der schönen Lügen,
    Die rohe Menge zu betrügen,
Die Freiheitspest ihr einzuimpfen,
    Auf Pfaff und Pfaffenwerk zu schimpfen,
Die Majestät herabzusetzen
    Und Sitt' und Ordnung zu verletzen.
Die Zwang- und Glaubenswelt, beweist es,
    Sei Gott und der Vernunft zuwider,
Und so verlangen ihre Lieder
    Die Welt der Schönheit und des Geistes.«

Der König sah ihn lange an
    Und seufzte tief, als er begann:
» Die Welt war's, die ich schaffen wollte,
    Die mich als König haben sollte!
O schöne Welt, o schönster Traum,
    Und nun gedenk' ich eurer kaum!
Nun ist ein Ochs des Reiches Geist,
    Der alle Schönheit von sich weist;
Nun ist das ganze Reich ein Stier,
    Und seine Kraft ein elend Wir!
Statt alles Böse zu befehden,
    Halt' ich jetzt wörterstrahlend Reden,
In denen Das ich böse nenne,
    Was ich als Tugend selbst erkenne!
Mein Thun ist, daß mein Reich verfaule,
    Und doch will ich ein Schöpfer scheinen:
Das »Vorwärts!« hab' ich stets im Maule,
    Das »Rückwärts« aber in den Beinen!«

Da sang die holde Nachtigall
    Vom Baum herab mit süßem Schall:
»Was bist Du, armer König, nun
    Mit Deinem herrisch eitlen Thun?
Ein Schrecken nur der edlen Geister,
    Ein tiefverhaßter Kerkermeister!
Wenn, statt an der Brust der Alten,
    Der ausgelebten, der kalten,
Wo Du kaum fühlen darfst:
    Du liebewarm
Dich in der Jugend Arm,
    Der kräftigen, warf'st,
Wenn, wie Du wolltest, es geschah:
    Wie groß, wie göttlich ständ'st Du da!

Noch ist es Zeit!
    Noch ist bereit
Mit innigem Verlangen,
    Dein Volk Dich zu empfangen!
Noch wird die Welt Dich bekränzen,
    Verehren nah' und fern,
Noch wird aus Deiner Brust Dein Stern
    Als hellster der Geschichte glänzen!
O folge Deiner Zeit,
    Von der Du jetzt so weit!
Was aus Millionen Herzen zu Dir spricht:
    Es ist das Weltgericht!

Doch ihm trau' nicht,
    Dem Bösewicht,
Dem Fuchs, dem hinterlist'gen Heuchler,
    Dem gift'gen Schmeichler!
Er braucht Euch Staatenlenker
    Nur stets als Geisteshenker!
Dann, in der Kirchhofsstille,
    Herrscht nur des Tempels Wille!
Dann, wenn zum Glaubens-Aas
    Ein jed's Geschöpf geworden:
Dann dient's als fetter Fraß
    Dem frommen Schurkenorden!«


 << zurück weiter >>