Adolf Glaßbrenner
Neuer Reineke Fuchs
Adolf Glaßbrenner

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Achtundzwanzigstes Capitel.

       

Mit großem, funkelndem Gepränge,
    Durch ungeheures Volksgedränge,
Nach althistorischer Manier
    Hielt seinen Einzug König Stier.
Zur Seite zogen die Soldaten,
    Vorauf die Priester und Prälaten,
Dann, all' nach dem Patent-Register,
    Ambassadeure und Minister,
Zwölf Präsidenten seines Staates,
    Die Herren des Geheimenrathes,
Darauf der Oberhofmarschall,
    Der Obermeister von dem Stall,
Sodann der König, purpurprächtig,
    Durchlauchtig, allerhöchst, großmächtig,
Den Scepter in der Hand, getragen
    Vom gläsernen Gold-Krönungswagen,
Den vierundzwanzig Schimmel zogen,
    Hellwiehernd, stampfend und verwogen.
Hierauf des Sel'gen Beichtiger,
    Dann Kammerherr auf Kammerherr:
In Massen waren diese Thiere
    Und gingen immer Vier auf Viere.
Sodann erschien der Admiral,
    Des Landes erster General,
Die ganze Generalität,
    Auch die Municipalität;
Vom Leibe alle Medici
    Und noch gar manches andre Vieh
Vom allerhöchsten Königsleibe,
    Die ich nicht näher hier beschreibe:
Weil die Programme der Comödien
    Den Leser nimmermehr entschäd'gen,
Wenn ihm's das Schicksal nicht vergonnte,
    Daß er sie selbst genießen konnte,
Die immer so interessant
    Wie die Programme, ennuiyant.
Doch Eines muß ich noch berichten,
    Sonst möchte man's als Brodneid richten,
Wenn ich es nicht berichten thäte:
    Ganz hinten kam der Hofpoete.

Von allen Thürmen tönten Glocken:
    Als sollten sie zu Heil'gem locken;
Kanonen brüllten mittendrein:
    Als wollt' der Feind zur Stadt herein.
Viel Fahnen wehten auf der Gasse,
    Ein jauchzend »Hoch« ließ los die Masse,
Wo sich der Krönungswagen zeigte
    Und König Stier sich grüßend neigte.
Denn dieser trübe Frühjahrsmorgen
    Nahm von dem Volke alle Sorgen.
Vier Tage war es ohne König!
    Da wurde es beinah' argwöhnig,
Es müsse frei umher sich treiben
    Und immer ohne König bleiben!
Doch Gott, der Allbarmherzige,
    Nahm von dem Lande solches Weh
Und wendete das Herz des Stieren,
    Noch eh' ihn Jemand bat und fragte,
Daß er dem Throne nicht entsagte
    Und sich herabließ zum Regieren.

Die Wolken wurden immer dichter:
    Trotz Tausend glücklicher Gesichter,
Entschloß sich nur die Sonne nicht
    Zu einem freundlichen Gesicht.
Das schwarz' Gehäng' zog nicht vorüber;
    Es wurde trüber, immer trüber,
Bis daß der Himmel ganz und gar
    Verhüllt im Trauerkleide war.
Nun tröpfelte es leis' herab
    Wie Thränen auf das Erdengrab.

Doch schon nach wenigen Minuten
    Ergoß das Wetter sich in Fluthen;
Zum Wasserfall ward jedes Dach,
    Jedwede Rinn' zum schnellen Bach,
Zum Strome jede Straß' und Gass',
    Und alle Thiere wurden naß!
Man las es im Gesicht den Leuten,
    Wie sie sich's gar nicht konnten deuten,
Daß sich der Himmel unterfinge
    Solch' revolutionärer Dinge!
Wie es ihn könne an nur wandeln,
    So gegen das Programm zu handeln,
Da jede laute Störung sei
    Verboten von der Polizei.

Es regnete in einem fort,
    Selbst auf den Königswagen dort!
Selbst auf die hohen Staatsminister,
    Selbst auf die Priester und Magister!
Man sah den hohen Admiral
    Endlich im Wasser hier einmal!
Das hohe, alte Tribunal,
    In seinem Busen mitleidskahl,
Ward hier um Aug' und Wange feucht
    Und wurde durch und durch erweicht. –
Und selbst die Kammerherrn, die edeln,
    Sie hörten einmal auf zu wedeln;
Sie faßten selber sich bei'm Schopfe,
    Und eiligst ward ihr Wasserkopfe
Vom Tressenhute schwer bewuchtet:
    Weil doch an jener Stell' Nichts fruchtet.
Zuletzt der große Hofpoete,
    Der seufzte manches Nothgebete
Und wurde blasser stets und blasser,
    Denn er ertrug kein fremdes Wasser.

Es regnete wahrhaftig stark!
    Der ganze Einzug ward zu Quark,
Und selbst der Pöbel blieb nicht da,
    Weil man nur Regen hört' und sah.
Zuerst thät man die Schirme spannen,
    Da Das nichts half, lief man von dannen.

Die Zeitungsschreiber traurig dachten
    Nun dran, wie den Bericht sie machten;
Zwar war derselbe längst schon fertig,
    Und nur der Correctur gewärtig,
Allein sie hatten All' geschrieben:
    »Der Himmel muß den Herrscher lieben!
Er lächelte so gnädig drein
    Mit seinem goldnen Sonnenschein,
Als spräch' der Höchste Segen aus
    Schier über's Allerhöchste Haus.«
Nun aber kam der böse Regen
    Sehr illegal und ungelegen,
Und schwemmte aus dem Schmeichelwort
    Den herrlichsten Gedanken fort.

Doch Einer war ein groß Genie,
    Der jauchzte plötzlich auf und schrie.
»Ich hab's, ich hab's! O Wonne, Wonne!
    Was schiert mich diese dumme Sonne!
Sie glänze nimmer meinetwegen!
    Ganz unbezahlbar ist der Regen!
Ich danke Dir, Gott des Parnassus!
    Ich ändre so den Sonnen-Passus:
»Der Himmel weinte Freudenzähren!««
    Ja, wenn nicht die Gedanken wären!

Die anderen Correspondenten
    Und Referenten, Recensenten,
Kurz alle die Scribenten-Enten
    Von den verschiedensten Talenten,
Die schauten diesen eminenten,
    Potenten und intelligenten,
Ganz vehementen, excellenten
    Und eloquenten Concurrenten
So an, als müss' mit Monumenten
    Gelohnt ihm werden, daß die Enten
Der späten Nachwelt noch ihn nennten;
    Erstickten fast als sie sich trennten,
Ihn mit den schönsten Complimenten,
    Und dachten Alle doch bei sich:
Er hat nicht so viel Geist als ich!

Der Regen hatte aufgehört,
    Allein der Einzug war gestört,
Denn ob der Himmelsfreud', der nassen,
    War alles Volk schon aus den Gassen,
Und wo kein Publicum man hat,
    Da findet nie Komödie Statt.
Drum, als die Gaffer ferne waren,
    Ließ auch der König schneller fahren,
Und war mit seinem ganzen Trosse
    Sehr bald in seiner Väter Schlosse.


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