Adolf Glaßbrenner
Neuer Reineke Fuchs
Adolf Glaßbrenner

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Fünfunddreißigstes Capitel.

                 

Indeß der Sänger ihn verklagte
    Und solche böse Dinge sagte,
Das Herz des Königs zu erweichen,
    Gab Reineke geheime Zeichen
Der Kuh aus dem Fuchsitenbund,
    Die diese auch gar wohl verstund.

Und als die Nachtigall geendet
    Und sich zum grünen Wald gewendet,
Der König nun auf Reinke sah:
    Da stand ohn' allen Zorn er da,
Das Auge glaubensvoll gelichtet
    Und zu dem Himmel aufgerichtet,
Auf seine Brust die Hände legend,
    Und seine Lippen leis bewegend.

»So ruhig, Reinhard?« sprach der König.
    »An solche Vorwürfe gewöhn' ich
Mich nie! Der Purpur, wird mir hell,
    Ist lange kein so dickes Fell
Als Meßgewand und Reverende,
    Die Euch umschließen Herz und Lende.«

Doch eh' der Fuchs noch Antwort gab,
    Hob, wie ein Geist aus seinem Grab,
Das Antlitz bleich und sehr entkräftet,
    Die Augen starr auf Nichts geheftet,
Die Kuh sich auf von ihrem Pfühle,
    Als sei sie etwas somnambüle.
Doch balde wurd' es Beiden klar,
    Daß sie 'ne Clairvoyante war.

Und sprach: »O heilige Marie!
    So glanzvoll-schön sah ich Dich nie!
So licht bist Du mir nie erschienen!
    Und doch ist Gram in Deinen Mienen.
Du hast das Kind an Deiner Seite,
    Und sprichst zu mir, Gebenedeite.
O laß von Deinen süßen Lippen
    Die Himmelslaute all' mich nippen,
Und sie mir wiederholen,
    Auf daß, was Du befohlen,
Nie aus dem Sinn mir gehe,
    Wenn ich Dich, Gottmagd, nicht mehr sehe!«

Und stierte immer fort und fort,
    Und holte langsam Wort um Wort:
»»Laß sonder Zagen
    Dich balde tragen
Zur heil'gen Hose
    Des Sankt Ambrose.
Zum Kusse biete,
    Nachdem er vor mir kniete,
Sie Dir der Fuchs,
    Der heil'ge Lehrer,
Der Glaubensmehrer.
    Dann stehst Du flugs
Mit heilen Füßen auf
    Und richtest Deinen Lauf
Zum König Stier,
    Dem großen Thier,
Dem treu Du bleibst und warst,
    Dem Du ein Kind gebarst.
Und also sprich,
    Verbeugend Dich,
Was durch die hohe Himmelsmagd
    Der Herr der Herren zu Dir sagt:
Die Nachtigall ist verdammt
    Auf ewig, denn sie stammt
Aus dem Höllenpfuhle,
    Aus des Teufels Schule.
Der gab ihr süße Töne,
    Daß sie die Macht verhöhne,
Die himmelgleiche,
    Die segensreiche,
Stets böses Feuer schüre,
    Zur Ketzerei verführe,
Um dann die armen Seelen
    Im Höllenpfuhl zu quälen.
Verbanne sie,
    Und an Dein Herze zieh'
Den Fuchs und alle Pfaffen,
    So Heil und Segen schaffen.
Wenn Du, so bleibend,
    Freisinn vertreibend,
Thiertrug betrügst,
    Gottwillen Dich fügst,
Alles lässest wie es war:
    Dann soll zum Lohn
Dein Sohn,
    Den Dir die Kuh gebar,
Im Felsen Siebenspitzen
    Auf Babba's Thron einst sitzen!««

Nach diesen Worten fiel die Kuh
    Rücklings dem Bette wieder zu,
Und ihre breiten Augenlider,
    Sie senkten langsam sich hernieder.
Und athmete so schwer und krank,
    Und schlief zween volle Stunden lang,
Obschon das Kalb erst weinend quäkte,
    Und dann ganz unbarmherzig blökte.

Und als sie endlich nun erwachte,
    Und des Geschehenen gedachte
Voll Lieb' und Glauben der Tyrann:
    Da sah sie ihn betroffen an,
Und mußte erst den Fuchsen fragen,
    Ob sich dies wirklich zugetragen,
Ob Majestät mit dieser Sache
    Vielleicht nicht einen Scherz sich mache?

Doch als nun ward bestätigt ihr,
    Was ihr erzählt der König Stier,
Da rief sie: »Ach, ich möchte springen,
    Ich möchte jubeln, möchte singen!
Solch Wunderglück, solch Himmelsheil
    Ward selten Sterblichen zu Theil!
Ach, Majestät, laßt mich allein:
    Ich will mich ganz der Andacht weihn.
Und Ihr, hochwürd'ger Herr, ich bitte,
    Lenkt bald zum Kloster Eure Schritte,
Wo die geflickten heil'gen Hosen
    Befinden sich von Sankt Ambrosen,
Und schafft, daß ich in wen'gen Tagen
    Zur Stätte werde hingetragen.
Ach, meine Beine schmerzen sehr!
    Geschieht es nicht durch Wunderdinge,
Und wär's nicht höchster Will', ich ginge
    In diesem Leben nimmermehr!«

Darauf nun ließen Fuchs und Stier
    Die schöne Kuh alleine hier,
Und fuhren in des Königs Chaise,
    Und sprachen über Exegese,
Und stellten manche Hypothese,
    Und fuhren durch Gebirg und Thal,
Da bald die Zeit zum Abendmahl,
    Jach hin zum Kloster zu den Krähen,
Um dort das Wunder zu erspähen.

Die schwarzen Nonnen gingen grade
    Langsam in schweigender Parade –
Am Himmel glänzte schon der Hesper –
    Mit krummen Schritten zu der Vesper;
Doch Alle, selbst die Priorin,
    Sie blickten etwas seitwärts hin,
Als sie den Wagen hörten rasseln
    Und gleich darauf die Thüre prasseln,
Und Mannesstimmen wechseln Worte
    Zur Pförtnerin an ihrer Pforte.
Es nahm die Himmelsbräute Wunder,
    Als an der Mauer, bei'm Holunder,
Auf ihrem Klosterhof, dem glatten,
    Sich zeigten nun zwei lange Schatten.
Und waren Alle ganz Erstaunen,
    Als schnell ein fremder Priester kam,
Die Priorin bei'm Arme nahm
    Und ihr thät in die Ohren raunen.
Sie dachten nicht an Gott, die Krähen;
    Sie dachten nur: was wird geschehen?

Die Priorin war ganz erschreckt
    Und ging, sehr einwärts, nun direct
Hin zu dem Kön'ge, ihn gebührend
    In diese Glaubensstätte führend.
Sie schickte eine fromme Schwester
    Schnell in die Kirche zu Sylvester,
Dem Raben, dem Patibulienser,
    'Nem alten Priester von immenser
Ultramontaner Eiferung,
    Der aber sehr nach Branntwein stunk.
Sie ließ ihm sagen: Da der Stier,
    Der König, angekommen hier,
So sei für heute er entledigt
    Der Litanei und Vesperpredigt;
Dafür sei er geladen um
    Halb Neun in's Refectorium.

Der sprach noch schnell ein Te laudamus,
    Und zu der Nonne dann: Eamus!

Derweile nun in Küch' und Keller
    Die Flaschen klapperten und Teller,
Und Mägde liefen hin und her,
    Damit die Tafel werde schwer:
Sah'n Reinke, Priorin, Tyrann
    Sich die geflickten Hosen an,
Und als das Kleeblatt sie gefunden,
    Und an dem Altar aufgebunden,
Ging's durch den Klostergang herum
    Hin nach dem Refectorium;
Denn eben bracht' die jüngst' Novize,
    Daß angerichtet sei, Notize.

Der König sah ihr in's Gesicht:
    Ganz weltenmüde schien sie nicht!
Sie setzte ihre Füßchen nett
    Und ging und äugelte kokett,
War schlank und wenn auch etwas bläßlich,
    Doch gar nichts weniger als häßlich.
Sie hatte einen Schelmenmund,
    Und einen Busen lieblich rund;
Sie war ganz Liebenswürdigkeit,
    Und trug ein glänzend schwarzes Kleid.

Zuerst ging's in dem langen Saale
    Sehr still her bei dem Abendmahle;
Die Herren waren annoch nüchtern,
    Die Nonnen aber äußerst schüchtern,
Da ja der Herr vom Landesthron
    In höchsthöchsteigener Person
An ihrem Speisetische saß,
    Und höchsthöchsteigenmäulig fraß.
Doch durch des Fuchses lust'ge Reden,
    Des Witzigsten der Quadrupeden,
Ward's in dem Nonnenkloster mälig
    Ganz aufgeräumt, profan und fröhlich.
Die Nonnen kicherten und lachten
    Champagneraufgeregt und machten
Oft Scherze, die, wie ich gesehen,
    In keinem Breviarium stehen.

Der Pfaffe Rabe, von dem Fusel
    Schon immer im gelinden Dusel,
Ward, da er tapfer ein sich schenkte,
    Bald so, daß er den Dickkopf senkte,
Und seine große Kupfernase
    Fast immer mittrank aus dem Glase.
Zuletzt, mit schwerer Zunge lallend,
    Und endlich von dem Stuhle fallend,
Lag an der Erde er ganz schweinisch,
    Und schrie und predigte lateinisch.

Die dicke Priorin versäumte,
    Vom Weine, der so lieblich schäumte,
Und noch aus ein'gen andern Flaschen,
    Auch nicht zu kosten und zu naschen,
Bis daß sie angetrunken sich
    Ein'n außerordentlichen Strich.
Sie machte mit dem Reinke Witze –
    Der auch schon war im schönsten Spitze –
Daß all' die frommen Himmelsbräute,
    Die einmal losgelassen heute,
Aufkreischend ihren Beifall zollten,
    Und sich vor Lachen wälzen wollten.

Ja, selbst die niedliche Novize
    Genoß von diesem Benefize,
Was immer zu genießen war.
    Sie gab dem Könige sogar,
Der liebeglühend bei ihr saß,
    Und seine Würde ganz vergaß,
Manch Küßchen, füßelte mit ihm
    Und schäkerte gar sehr intim.
Dann zeigte sie ihm ihre Wade,
    Und sang mit Volubilität
Zu Füßen Seiner Majestät
    Die schöne Arie: »Gnade! Gnade!«
Und thät bei'm Nonnen-Applaudiren
    Sich wie 'ne Primadonna zieren;
Sang auf Verlangen auch ancora,
    Und brachte aus, ohn' zu ermatten,
Ein Hoch auf Sodom und Gomorrha,
    Eh' Beide Pech und Schwefel hatten. –
Und endlich sprach sie von Ambrose,
    Dem Heiligen und seiner Hose,
Woher dieselbe so beschädigt,
    Und hielt darüber eine Predigt:
Für alle Nonnen höchst erquicklich,
    Doch mitzutheilen gar nicht schicklich.

So tief war hier die Sitte sunken!
    Das ganze Kloster war betrunken.


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