Adolf Glaßbrenner
Neuer Reineke Fuchs
Adolf Glaßbrenner

 << zurück weiter >> 

Neuntes Capitel.

             

Am Tage drauf gefunden hat
    Concilium sacrosanctum Statt.
Auf goldnem Stuhle präsidirte
    Der alte Babba oder Hirte;
Zur Rechten saß ihm sein Verwandter,
    Baron Brüll-Brüll, der edle Panther,
Und links, durchaus von gleichem Range,
    Giftblick von Starr, die Klapperschlange.
Daneben saß, des Amtes Feier
    Im Antlitz, Husch, der Lämmergeier,
Und unten an des Thrones Stiege
    Der Ritter Au, die Span'sche Fliege;
Auch sah man in dem Kreise ferner
    Den alten Freiherrn Steinbock-Hörner,
Und aus dem schwimmenden Geschlecht
    Den Missionär Passion, den Hecht,
Den Bischof auch, das Faulthier,
    Und seinen Vetter I-a-Maulthier;
Am Schluß der Linken man erblickte
    Kannich, den Hammel, der stets nickte,
Zur rechten Seite Scharf, den Luchs,
    Und in der Mitte stand: der Fuchs.

Dem Babba gegenüber saß vorn,
    Auf der Tribune, Fürst von Nashorn.

Derselbe fing nun an zu sprechen,
    Und malte förderst die Gebrechen
Der Welt zwei volle Stunden lang,
    (Ich war dabei nicht, Gott sei Dank!)
Und kam dann auf den Tempel endlich,
    (Der große Ochse schnarchte schändlich!)
Und malte deutlich, wie verletzt
    (Der Reinke hatte sich gesetzt!)
Die allgemeine Lehre sei
    Durch die verdammte Ketzerei,
Und wie nun dieser gift'ge Hauch
    (Kannich, der Hammel, schnarchte auch!)
Die ganze Thierwelt könnt' anstecken,
    (Der Panther gähnte zum Erschrecken!)
Wenn nicht besonders die Vasallen
    (Der Hecht, der war vom Stuhl gefallen!)
Des Tempels jetzt in Stadt und Land
    (Das Schnarchen nahm sehr überhand!)
Auch heimlich zu erwirken strebten
    (Dies schrie er, daß die Wände bebten!)
Den Tod der ganzen Ketzerei,
    Und was noch sonst vonnöthen sei!
»Dies Sonst wird, so wie ich, Euch flugs
    Erklären Reineke, der Fuchs.«
Hiermit verließ er die Tribüne.

    Mit höhnischer und sichrer Miene
Bestieg sie Reineke und sprach
    Ganz leis, wie wenn ihm Kraft gebrach:
»Ich wünsche, wohl geruht zu haben! –
    Mir fehlen jene hohen Gaben
Der Rede, so Rhinozer schmücken,
    Und alle Hörer stets entzücken. –
Drum mögt Ihr meine Mängel schätzen
    Und sie durch Merksamkeit ersetzen;
Ich will mich kurz und bündig fassen,
    Und nur den Dummkopf schnarchen lassen.«

Rings spitzten schnell sich alle Ohren;
    Kein Wort des Redners ging verloren.

Der Fuchs fuhr fort: »Ihr Herren, wißt,
    Der heil'ge Tempel Babba's ist
Dem Einsturz nahe; all' die Kraft
    Des Geistes und der Wissenschaft,
Hoch über Form und Wort erhaben,
    Hat seine Pfeiler untergraben,
Und schon das Himmelslicht gebracht
    Dem, was die Finsterniß erdacht.
So ist denn mit den graden Waffen
    Der finstern Lehre nicht zu schaffen
Des Tempels alte Herrlichkeit
    In alle, alle Ewigkeit!
Doch gehen wir auf krummen Wegen
    Der lichten Feindesmacht entgegen,
So – da die Masse dumm und feil –
    Gelangen wir wohl noch zum Heil.
Das aber heischt: auf allen Seiten
    Angst, Noth und Widerstand verbreiten,
Bis endlich die erschöpfte Welt
    In unsre frommen Hände fällt. –
Die Thiere, die nach Freiheit streben,
    Die Fürsten, so sich selbst nur leben,
Wir müssen Beide unterstützen,
    Nicht ihnen, sondern uns zu nützen.
Die Macht der Herrschenden zu brechen,
    Ist's nöthig, für das Volk zu sprechen,
Auf daß, wenn Diese nicht mehr wissen
    Wohin, an uns sich wenden müssen,
Bis endlich alle Majestät
    Um unsre Gunst und Gnade fleht,
Und wir um so gewisser dann,
    Was Kunst und Wissenschaft ersann,
Verfolgen können und vernichten
    Und, Herrn der Erde, diese richten!«

Hier hielt nun Reinke weislich ein,
    Daß Bravo brüllen konnt' und schrei'n
Ein löbliches Concilium,
    Das wundernd sich sah an und um,
Derweil der Fuchs an seinem Haupte
    Gemächlich sich die Nase schnaubte.

Drauf sprach er weiter: »Ob ich nun,
    Ihr Herrn, auch kenne Euer Thun,
Und weiß – ich will damit nicht schmeicheln! –
    Daß Ihr geübt in Lug und Heucheln,
(Wenn's gilt des Tempels Ruhm und Ehre,
    Und zu verbreiten unsre Lehre!)
So bin doch Ich – verzeiht es mir! –
    Das schlauste, ränkevollste Thier,
Und darum auch Ich und mein Orden
    Vom Himmel auserkoren worden
Zu jenem äußerst schweren Posten,
    Dem – sollt's Millionen Leben kosten
Und Glück und Ruhe auch auf Erden –
    Wir keine Schande machen werden.«

Wiewohl nun Mancher ihn verlachte
    Und propria laus sordet dachte,
Und sich bei weitem klüger fand
    Als Jener, der dort oben stand,
So blieb doch das Concilium
    Bei diesen Worten gänzlich stumm.

»Und sollen wir uns nun bequemen,
    Solch göttlich Amt zu übernehmen
Als Eure Ritter, Eure Streiter,«
    Sprach Reineke energisch weiter,
»So müssen wir mit allen Mitteln,
    Bei denen uns nicht Geiz noch Kritteln
Beschränkt, reich ausgestattet sein,
    Sonst kann der Kreuzzug nie gedeih'n.
Dann aber, hört es! fordre ich
    Den nächsten Babba-Stuhl für Mich!«

Ein Murren lief bei diesem Wort;
    Der Fuchs fuhr aber lauter fort:

»Der Himmel mög' noch lang' beschützen
    Den großen Ochs auf Siebenspitzen!
Wenn's aber doch der Himmel wollt',
    Und Seine Hoheit sterben sollt',
So, ja Ihr Herren, fordre Ich,
    Der Fuchs, den Babba-Stuhl für Mich!
Könnt Ihr mir Dieses nicht gewähren,
    So geh' ich über zu den Lehren
Der Ketzer, und mit uns ist's aus,
    Ich kehr' zurück nach Malpertaus!«

Nach dieser Red' stieg er hinab,
    Und wartete den Eindruck ab.

Man murrete, man brummte sehr;
    Man zischelte wohl hin und her,
Zum Beispiel: »Er, der Hühner frißt?
    Dem nimmermehr zu trauen ist,
Und der einst die Frau Isegrimm –
    Da ständ' es um den Tempel schlimm!
Er sollte – heil'ger Babba – sein?
    Das ist nicht möglich! Nein, nein, nein!«
Doch wenn man nach dem Ochsen guckte,
    Sah man, daß er die Achseln zuckte,
Und so war man zuletzt gewillig,
    Die Fordrung anzusehn als billig.

Nur Einen höchlich sie verdroß:
    Das rechtliche Rhinozeros,
Das wollte gar Nichts davon wissen,
    Und schriee, stampfend mit den Füßen:
»Der Reinke auf den hohen Stuhl!
    Nein, lieber in den Höllenpfuhl!«

»Mein Gott, er ist schon wieder krank!«
    Rief Reinke mitleidsvoll. »Nicht lang
Noch ist es her, auf meiner Feste –
    Hier steht's geschrieben im Atteste
Des Arztes, war er« . . . »Haltet ein!«
    Rief schnell Rhinozer. »Mag's drum sein!
Ich will mich länger nicht mehr sperren;
    Wir nehmen Euch als künft'gen Herren.«

Als Punkt für Punkt war festgestellt,
    Ging Reineke in alle Welt.


 << zurück weiter >>