Adolf Glaßbrenner
Neuer Reineke Fuchs
Adolf Glaßbrenner

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Zwanzigstes Capitel.

                   

In ihrem rothen Himmelsbette,
    Als ob sie süß geträumet hätte,
Schlug ihre Augen auf voll Wonne
    Des Erdensternes Braut, die Sonne.
Sie schielte auf den Buhlen nieder,
    Verhüllend ihre schönen Glieder
In einem leichten Wolkenschleier,
    Hielt ihre Morgen-Andachtfeier,
Und thät sich gar so lieblich schmücken,
    Nur um ihr Sternchen zu beglücken,
Mit dem, ohn' Pfaffe und Altar,
    Auf ewig sie verbunden war;
Mit dem sie lebte im Genusse,
    In liebewarmem Strahlenkusse;
Dem, wenn sie Abends ihn verließ,
    Bald Wiederkommen wohl verhieß;
Sich schöner, immer schöner zeigte,
    Je mehr sie sich zum Abschied neigte,
Und hold und freundlich ihm noch nickte,
    Und sehnsuchtsvoll hinunterblickte, –
Bis daß die alte Mutter Nacht
    Das Himmelsbette zugemacht.

Die Kreuz-Aebtissin Spinne schlief
    Noch fest, da weckte sie ein Brief
Vom Tulpenthurme, von dem neuen
    Prinzlichen Hof- und Leiblakeien
Floh Stichgern, der bei Malpertaus
    Dort in der Gegend war zu Haus',
Und dringend von dem Archivar
    Des Königs Stier empfohlen war,
Und just zur selben Zeit traf ein
    Beim Prinzen mit dem goldnen Schein,
Als hier, ihr Fädennetz zu ziehen,
    Die gift'ge Spinne bei Marieen.

Die fromme Schwester las die Zeilen,
    Und thät sogleich zum Pulte eilen,
Und schrieb auf einer Kart' dem Boten,
    Und zwar auf einer blutigrothen,
Ein stehend schwarzes Kreuz, desgleichen
    Von selber Größ' ein Ausrufzeichen,
Und sprach: »Nun, Bote, reite schnelle,
    Und sei um neun Uhr schon zur Stelle!«

Darauf befahl Johann, der flotte,
    Zur Spinne hin den Beicht'ger Motte.
Dem zeigte sie den Brief sogleich;
    Er las und wurde blaß und bleich
Und sprach: »Man wird uns also fassen,
    Wenn wir nicht heut das Land verlassen!
Geschehn ist, was geschehen sollte;
    Entfliehen wir nun der Revolte!
Hier wird es immer ängstiglicher;
    In Unkrautshausen sind wir sicher.«

»Wie?« schnaubte ihn die Spinne an,
    »Gelüst't's Euch nach dem schwarzen Bann?«
(Hier machte sie ein drohend Zeichen,
    So ihn noch tiefer ließ erbleichen.)
»Ihr zittert um ein Eigenthum,
    Das Ihr zu unsres Ordens Ruhm
Vor zwanzig Jahren hingegeben:
    Wem, Knecht, gehöret Euer Leben?«

Dem Schuld'gen zitterten die Glieder;
    Er fiel auf seine Kniee nieder
Und flehte stumm – die Spinn' jedoch
    Fuhr fort im höchsten Zorne noch:

»Wie könnt Ihr, Sünder, Euch erfrechen,
    Von Eurem Leben so zu sprechen, –
In Seinem Willen nur lebendig,
    Als wär's ein eignes und selbstständig?
Seid Ihr des Schwurs nicht eingedenk:
    Ich bin nicht mehr als ein Gelenk
Mit größter sklavischer Partiellkraft
    Im Geist und Körper der Gesellschaft!?
Und wie entflöhet Ihr dem Tod,
    Ihm, der Euch hier noch gar nicht droht,
Als Lohn für die verletzte Pflicht?
    Der Orden schont die Frevler nicht!
Wo Ihr Euch wolltet auch verbergen,
    Niemals entrinnt Ihr seinen Schergen.
Im letzten Winkel dieser Erde
    Gibt's Lämmer unsrer frommen Heerde,
Die auf Befehl des mächt'gen Hirten
    Mit Gift und Dolchstoß Euch bewirthen!
Ja, Lämmer, die beim kleinsten Wink
    In Wölfe sich verwandeln flink!
Ich selbst, ein Lamm von diesem Orden,
    Bin heut zur Wölfin schon geworden.
Schaut her! Das Zeichen unsres Bannes!
    Das letzte Wort! Es trifft Johannes!«

So rufend, schrieb sie das Symbol,
    Was sie dem Boten anbefohl,
Jach vor dem Beicht'ger in der Luft.
    Darauf erholte sich der Schuft,
Und schöpfte frischen Athem wieder,
    Und warf sich wieder vor ihr nieder,
Sie dringend bittend um Verzeihung,
    Und auch um ihre Benedeiung.

Die Spinne aber sagte: »Nein!
    Ihr wißt, ich darf Euch nicht verzeihn;
Ich muß des Tempels größtem Helden
    Umständlich das Vergehen melden,
Denn grad', wie Euer Treiben ich,
    So auch bespionirt Ihr mich,
Und sendet dann, nach Schwur und Pflicht,
    Dem Fuchs' vollkommenen Bericht.
Und wenn ich's unterließe nun
    Zu schildern Euer sünd'ges Thun,
Und Ihr verriethet es nachher:
    Träf' Schande mich und Strafe schwer,
Ihr aber wäret gänzlich frei,
    Verdientet Euch noch Lohn dabei! –
Wir selbst sind unsre Polizei,
    So will's der Orden, daß es sei!
Denn Mißtrau'n ist der feste Grund,
    Auf dem sich hält der mächt'ge Bund.
Nur Einem trauen die Fuchsiten,
    Blindlings ihm folgend, früh und spat!
Mag Leben er, mag Tod gebieten:
    Sein Wort ist Recht, sein Wille That!«

Nach einer Pause fuhr sie fort:
    »Seht, wie Ihr Euch entschuldigt dort;
Ich will der Gnade werth Euch schildern,
    Und Eure Strafe dadurch mildern.
Ihr habt in Dem, was hier geschehen,
    Schon ein vollendet Werk gesehen,
Ihr, der so lang Fuchsit sich nennt
    Und unsre weise Lehre kennt.
»Eh' nicht Dein Fuß auf seinem Zopf,
    Gehört uns nicht des Wesens Kopf« –
Ihr seht nicht, alter, schwacher Mann,
    Wie hier das Volk erst halb bezwungen
Im Rosenlande, und errungen
    Das Nachbarländchen werden kann!
Noch denkt an das entfloh'ne Glück.
    Der Käferbürger oft zurück;
Noch ist die Hoffnung nicht gestorben,
    Und drum das Reich erst halb erworben.
Und hier soll unser Werk nicht enden;
    Dort drüben müssen wir's vollenden.
Die freien Ketzer, die wir hassen,
    Wir werden sie in's Herze fassen!
Der Fürsten Bund, so liebewarm,
    Die Kirche mußte ihn verneinen;
Dafür wird nun ihr Mutterarm
    Die beiden Länder süß vereinen.
Nicht ferne kann der Fuchs mehr sein
    Vom Reiche jenes Tulpenthurmes,
Und: diese Nacht erlischt der Schein,
    Der goldne, des Johanniswurmes!
«

Derweile aber die Fuchsiten
    Sich hier belehrten und beriethen,
Lag unser liebes Gotteslämmchen
    Bei einer Lampe sterbend Flämmchen,
Dort oben in dem welken Dorn,
    Verzehrt der Leib, der Sinn verworr'n
Ihr war's, als säße sie im Frei'n
    Mit ihren Thränen ganz allein
An einem Hyacinthenstengel,
    Und droben winkte ihr ein Engel,
Gestaltet wie ein Schmetterling
    Mit einem lichten, goldnen Ring.
Und als sie langsam stieg hinauf,
    Da ging ihr Herz und Seele auf;
Denn um sie her da zirpten Heimchen
    Im Chore zarte Liebesreimchen,
Und wundersüßer Thauwein rinnte
    Hernieder von der Hyacinthe,
Und ihrer Glocken bunt Gebimmel,
    Das klang als käm' es aus dem Himmel;
Und laut und lauter es ertönte,
    Und weiter es und weiter dröhnte,
Bis im Gebet lag Flur und Feld,
    Und rings die ganze grüne Welt!
Und als sie nun kam in die Glocken,
    Ward dringender des Engels Locken,
Und als das liebe bunte Ding,
    Das Engelsköpfchen, sie umfing,
Da zu verwandeln sich begann es,
    Und ihr im Arm lag Prinz Johannes!
Doch als sie pflegten nun der Minne,
    Da plötzlich kroch herbei die Spinne,
Da wurde welk der Blüthenraum,
    Ein Seufzer endigte den Traum!
Das war ein Klang,
    So krank, so bang,
Des süßen Lebens Schwanensang!


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