Adolf Glaßbrenner
Neuer Reineke Fuchs
Adolf Glaßbrenner

 << zurück weiter >> 

Fünfundzwanzigstes Capitel.

                       

Der König Stier lag krank darnieder,
    Ein Fürst, von Herzen brav und bieder,
So daß sein Volk, das gut gezähmte,
    Ihn sehr beklagte, sehr sich grämte
Und fürchtete, er könne sterben.
    Denn ob es auch des Thrones Erben
Als lichten Kopf verehrte sehr,
    Als Redner, Freigeist und noch mehr,
Und Dieser oft geäußert hatte:
    Die Thierwelt sei des Zwanges satte;
Als einst'ger König sei sein Streben,
    Vollkommne Freiheit ihr zu geben, –
So dachte doch das Volk: es walte
    Nur fort und fort das gute Alte!
Das Junge könnte besser sein,
    Allein, allein, allein, allein,
Oft schlägt ein Donnerwetter drein!
    Der Weg zur Kron',
Der Weg zum Thron,
    Wir kennen's schon,
Macht oft den freien Königssohn
    Dem eigenen Princip zum Hohn!
Grün ist das Feld! Stark ist das Thier!
    Es lebe unser alter Stier!

Allein die Vivats nützen wenig,
    So bei dem Bettler, so beim König;
Faßt uns der Tod erst beim Genicke,
    Hält ihn kein Lebehoch zurücke;
Ja, wenn Millionen für uns beten,
    Er ist drum nie zurückgetreten;
Sogar das heil'ge Messelesen
    Ist niemals störend ihm gewesen.

Der Kronprinz wandelte allein
    Durch Wiese, Wald, Gebirg und Hain,
Neuaufgeschmückt vom holden Lenz,
    Fern von des Vaters Residenz.
Ihm war die Brust so voll und schwer,
    Er hatte Gedanken hoch und hehr;
Er rief: »Mir fehlt es nicht an Muth,
    Doch soll mein Lorbeer nicht dem Blut
Der Feinde entsprießen!
    Im Frieden, im süßen,
Sollen ihn umfließen
    Die Wonnezähren meiner Nation,
In deren Freiheit mein Thron
    Schützend soll prangen;
Für deren langen, ewiglangen,
    Heißen Schmerz,
Das erste Königsherz
    In Lieb' und Mitleid aufgegangen!
O selig, wem ein Gott das Loos gegeben,
    Ein Gott der Erde hier zu leben,
Deß schaffend Wort durch weite Kreise dringt,
    Abstreift der Thierwelt schnöde Fesseln,
In Rosen wandelt alle Nesseln,
    Und Segen in die kleinste Hütte bringt!
O schöne Macht, geliebt, verehrt zu thronen,
    Ein milder Vater glücklicher Millionen!
O Himmelsmacht, o Himmelslust,
    Zu groß, zu groß für Eines Staubes Brust!
Der Armen
    Sich zu erbarmen,
Ihr Loos und das der Reichen
    Versöhnend auszugleichen;
Vor Geistesgröße sich zu beugen,
    Und Großes dadurch zu erzeugen;
Dem reu'gen Sünder zu verzeihn,
    Die Tugend, das Verdienst zu krönen,
Thierheit und Leben zu verschönen:
    O selig Loos, ein Gott der Erde sein!
Doch Fluch! wer mißbraucht diese Himmelsmacht!
    Wer sie nur übt in Sklaverei und Pracht;
Durch hochgeborne Creaturen
    Die Freiheit treibt von seinen Fluren,
Den Geist verfolgt, das Volk betrügt,
    Und sich nicht seinem höchsten Willen fügt!
Fluch ihm! Denn er hat Gott geschworen,
    Der ihn an Seiner Statt erkoren:
Daß er in blut'gem Purpur nicht und goldner Krone
    Sich selbst zum Zweck, der Wesen Recht zum Spott,.
Nein, daß er so wie Gott
    Im Sinn und Herzen seiner Völker throne!
Fluch ihm! Denn . . . .«

                            . . . . Sieh, da stand vor ihm,
    Der so wollt' führen sein Regime,
Vor'n Königssohn, dem jungen Stier,
    Der Fuchs, das schlaue, falsche Thier,
So plötzlich, wie's der Teufel pflegt,
    Wenn er nach einer Seele jägt. –

Dem Prinzen bebten alle Glieder,
    Doch bald erholte er sich wieder
Und sagte lächelnd: »Herr, verzeih' uns!
    Ihr kommt ja wie der Gottseibeiuns!«

»Herr,« sprach der Fuchs, »ich muß gestehen,
    Ein Glück, daß Ihr mich nicht gesehen!
Mir half der Wald, der eben rauschte,
    Daß ich das schönste Wort erlauschte,
Den höchsten, frommsten Schwur vernahm,
    Der je von Königslippen kam.«

»Mich freut es, Reinhard, daß Ihr lobt,
    Was ich gefühlt, gedacht, erprobt,
Doch gab ich diesen heil'gen Schwur
    Dem schwachen Selbst bis jetzo nur.
Bringt Ihr ihn, Priester, gleich zur Stunde
    Hinaus zu des Allmächt'gen Kunde:
Die bösen Würmer Angst und Reue,
    Sie sollen mir mein Herz zerfressen;
An Kindeslieb' und Weibestreue,
    An Leib und Sinn soll Gott mich strafen,
Und nimmer will ich ruhig schlafen,
    Wenn je ich dieses Schwur's vergesse!«

»Des Schwur's,« versetzte Reinhard schnelle,
    »Der hier nicht gilt auf dieser Stelle!
Den Ihr vom Thron herab müßt schwören,
    Soll Gott ihn und sein Diener hören.
So eilt denn hin zum goldnen Thron!
    Die Großen harren Eurer schon.«

»Wie?« rief der edle Prinz betroffen;
    »Mein Vater . . . todt? Ich will nicht hoffen!«

»Ihr habt das Jenseit nur zu hoffen!
    Denn diese Welt liegt Euch nun offen
Mit allen Gütern, allen Schätzen,
    Euch zu erheben, zu ergötzen,
Glück, Ehre, Segen zu verbreiten,
    Die Thiere fromm und ernst zu leiten
Durch diese kurze Erdenzeit
    Zur langen Himmelsseligkeit.«

»Todt!« rief der Prinz, vor Schreck ganz roth,
    »Ist's möglich, ist mein Vater todt?«

»Todt, Majestät! todt und begraben.
    Ja, Majestät! vergebens haben,
Bevor der hohe Herr vollendet,
    Wir überall nach Euch gesendet.
Ihr wandeltet im schlichten Kleid
    Hier in der fernen Einsamkeit.
Der König mußte seinen Segen
    Für Euch in meine Hände legen.
So bin ich denn der Erste, der
    Dich, edler Stier, großmächtiger,
Der Du in Kraft und Jugend blühst,
    Als Herrscher dieses Reichs begrüßt,
Als höchsten Träger aller Ehre,
    Als höchsten Herrn der reinen Lehre!«

Der König warf mit Dankgeberde
    Sich hin auf seines Erbes Erde
Und rief: »Ich küss' Dich, heil'ger Sand!
    Ich küsse Dich, geliebtes Vaterland!
Laß Deine Adern jugendlich erglühen,
    Laß Deine Blumen duftig blühen,
Laß Deine Bäume munter sprießen
    Und Deine Ströme heiter fließen!
Vorüber sind all' Deine Schmerzen!
    Mein Vaterland, Du liegst an meinem Herzen!
Ich segne Dich mit diesem Königskusse
    Zur Freiheit und zum süßesten Genusse!«

»O welchen großen Augenblick
    Gewährt mir huldvoll das Geschick!«
Rief nun der Fuchs und hätt' vereint
    Beinahe mit dem Herrn geweint.
»Doch jetzt laßt auch zu Gott uns flehen,.
    Daß Alles möge so geschehen,
Wie's lebt in Eurem edlen Geiste,
    Und daß sich Keiner mehr erdreiste,
Was eine Rotte gestern:
    Die Königswürde so zu lästern!
Auf lautem Markte schrieen sie:
    Freie Verfassung, nun oder nie!
Freie Verfassung,
    Oder bei Unterlassung
Dem neuen Herrscher keinen Schwur!
    Das Volk ist nicht des Königs Creatur!
Wir geben uns selber Gesetze,
    Und sorgen,
So heut wie morgen,
    Daß kein Tyrann sie verletze!
Ihr freien Bürger, merkt es Euch:
    Unser ist der Wille, unser ist das Reich!«

»Wie?« rief der König zorngeröthet,
    »Hat Gott die Frevler nicht getödtet?
Mich, mich, den König! will man zwingen?
    Die unverschämten Gesellen!
In den Thurm mit den frechen Rebellen!
    Frei will ich meinem Volk die Freiheit bringen!
In dieser Brust wohnt meines Volkes Recht!
    Und wer es wagt,
Und fürder schreit und klagt,
    Bei'm Ew'gen dort, dem geht es schlecht!
All, was mich hindernd
    Auftritt, Noth lindernd,
Freiheit zu geben:
    All solches Streben
Will ich so entehrend bestrafen,
    Daß man in jedem Lande
Dem ausweicht ob seiner Schande,
    Den meines Zornes Blitze trafen!
Niemals, ich schwör' es! nie
    Soll rohe Anarchie
Mein blühend Reich zertreten! –
    Nun, Reinke, laßt uns beten!«


 << zurück weiter >>