Adolf Glaßbrenner
Neuer Reineke Fuchs
Adolf Glaßbrenner

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Dreiunddreißigstes Capitel.

                 

Der Fürst kam ohne Unterlaß
    Zur schönen Kuh; die wurde blaß
Und war, wenn auch sehr stark und rund,
    Doch innerlich nicht recht gesund.
Sie fühlte sich oft äußerst matte;
    Auch konnte man, obgleich sie hatte
Was Kindliches in ihrem Wesen,
    Schon Gram in ihren Zügen lesen.
Denn war ihr Zustand auch gesegnet,
    Und war sie guter Hoffnung auch,
War ihr im Grund doch 'was begegnet,
    Was nicht so recht nach Sitt' und Brauch.
Und daß ich's ohne Umschweif sage:
    Das Nachtgespinnst kam bald zu Tage,
Und an die Stelle ihrer Schlankheit
    Trat eine allbekannte Krankheit.

Man wurde in der Dienerschaft
    Scheu achselzuckend, plauderhaft;
Thät durch die Schlüssellöcher sehen
    Die Kuh an kleiner Wäsche nähen,
Und munkelte schon halb und halb:
    Die Welt wird reicher um ein Kalb.

Der König war sehr glücklich drüber,
    Und hatte nur die Kuh noch lieber;
Er konnt' vor Wonne gar nicht schlafen,
    Gedachte er des neuen Grafen,
Den er von Herberg nennen wollte,
    Und der Minister werden sollte.

Auch hatte er sich vorgenommen,
    Bald mit dem Stern zur Kuh zu kommen,
Damit es dieser ihr verrathe,
    Daß er ein großer Potentate,
Und über diese hohe Ehre
    Wo möglich außer sich sie wäre.

Er theilte Dieses Reinken mit,
    Der ihn bewachte Schritt für Schritt,
Und dem er's schon gestanden bald,
    Was ihm die schöne Wirthin galt.
Der sagte: »Sire, wenn Ihr es thut,
    Ich habe Nichts dawider, gut!
Doch dann kommt jetzt zu ihr, nicht später,
    Als so beglückender Verräther.
Jetzt dürft Ihr's mit dem Schreck noch wagen,
    Jetzt kann sie ihn wohl noch ertragen,
Doch später könnte er sie tödten,
    Die Liebste käme nicht in Nöthen,
Der gnäd'ge Graf ging' Euch verloren,
    Und würde gar nicht hochgeboren.«

Und Dies entschied. Der König trat
    Zur Kuh im prächtigsten Ornat,
Worauf dieselb' in Ohnmacht fiel,
    'Ne kurze Zeit blieb immobil,
Die Augen aufschlug und, schwachsinnig
    Noch um sich blickend, fragt': Wo bin ich?
Ganz eben so wie diese Sachen
    Die Bühnenkünstlerinnen machen.
Dann senkte sie die Augen wieder,
    Und warf sich vor dem König nieder
Und rief: »Ach, Hoheit, ist es möglich!
    Ach! O, mein Glück ist ganz unsäglich!
Verzeiht, daß solche niedre Magd
    Zu Euch emporzublicken wagt!
Ich, ich, die arme blonde Jule
    Vom Dörfchen an der Maienkuhle,
Ich eines Königs liebe Buhle!
    Ich Mutter (hierbei thät sie blinzen
Nach ihrem Nähzeug), Mutter eines Prinzen!
    Solch Glück und Ehren macht mich schwindeln!
Ich küsse euch, geliebte Windeln!«

Der König war gar sehr gerührt,
    Daß er solch edles Weib verführt;
Es dauerte ihn ungemein,
    Daß er die Buhle nicht durft' frei'n,
Zur Königin sie nicht erheben,
    Ihr nicht den Scepter übergeben;
Daß er nicht durfte daran denken,
    Als Mutter sie dem Reich zu schenken.
Denn, dacht' er, wahrlich, diese Kuh,
    Sie eignete sich sehr dazu.

Die Politik und Convention,
    Sie rissen manche Seele schon
Aus ihrer holden Harmonie
    Und ihrer Liebespoesie.
Ich frage alle Menschen hier:
    Was paßt wohl mehr als Kuh und Stier?
Was besser wohl als Stier und Kuh?
    Das ist ein Pärchen doch partout,
Das gibt selbst jeder Ochse zu! –.
    Nun aber heißt's bei'm Vieh: Nein, nein,
Das kann nicht, nein, das darf nicht sein!
    Er und die Kuh, quelle différence!
Das wär' ja eine Mesalliance,
    Das ungeheuerste Verbrechen!
Davon darf man ja gar nicht sprechen!
    Der Stier die Kuh, das wäre einzig!
Schon Dreizehnhundertfünfundneunzig –
    Man kann es in der Chronik lesen –
Da ist ein Stier-Gefecht gewesen!
    Auch zählt uns der Chroniste Täuber
Viel Ahnen her als Straßenräuber
    Aus diesem edlen alten Stamme!
Wo stammt die Kuh her? Aus dem Schlamme!
    Ihr Vater selig war ein Schuster,
Und schon bei'm Großpapa wird's duster!
    Er von Geburt! Sie nur geboren!
Er wär' bei'm Adel ja verloren!

Na, Leser, nehmt es mir nicht krumm.
    Das ist doch wahrlich viehisch dumm!
Wenn Menschen solche Streiche machten,
    Gott selber müßte sie verachten,
Der durch die Unbehülflichkeit
    In unsrer erst' und letzten Zeit,
Durch Speis' und Trank et caetera,
    Durch ganz gemeine Lebenszeichen:
Es deutlich ausgesprochen ja,
    Daß wir einander Alle gleichen.

Doch bleiben wir bei'm dummen Thiere,
    Und sprechen wieder von dem Stiere.

Wie schon gesagt, er hätte gern
    Mit ihr getheilet Kron' und Stern,
Doch eine ewiglich Verdammte,
    Die aus dem rohen Pöbel stammte,
Hätt' seinen Stammbaum, reichgeästet,
    Durch ihr gemeines Blut verpestet.
Sie durfte sich schon glücklich schätzen,
    Den Herrn des Landes zu ergötzen,
Der, wie Herr Reinhard meinte klug:
    Im bloßen Kopf' die Krone trug.

Nun freilich konnte – ich muß lachen!
    Ha, ha, ha, ha! – die Kuh er machen,
Ha, ha! durch ein Diplom im Nu
    Zur Gräfin, ja zur Fürstin Kuh!
Dann wär' sie der Gemeinheit ledig,
    Ha, ha! und Excellenz und Gnädig!
Es hätte plötzlich die Durchlauchte
    So viel der Ahnen, als sie brauchte,
Und Prinzen würden alle Kälber!
    Wer lachte hier? Ich war es selber.
Nein, was von lächerlichen Dingen
    Das dumme Vieh auch mag vollbringen.
Nichts kann den riesendummen Streichen,
    Die ihre Tyrannei macht, gleichen!
Sagt, Menschen, die Ihr doch gesundern
    Verstand habt und auch cultivirt seid:
Was Ihr dabei müßt mehr bewundern,
    Die Frechheit oder die Bornirtheit?

Jedoch da früher oder später,
    In zwei, drei Jahren propter praeter,
Er, um die Macht des Reichs zu heben,
    Mußt' einmal enden dieses Leben
Und allergnädigst sich bequemen,
    'Ne Königsmaid zur Frau zu nehmen:
So durften Seine Hochgestrengen,
    So Politik wie Ehrenhalber,
Dies lästerliche Kuhgekalber
    Nicht an die große Glocke hängen.

So ließ er denn die Kuh gemein,
    Und harrte aus ihr Kindelein.


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