Adolf Glaßbrenner
Neuer Reineke Fuchs
Adolf Glaßbrenner

 << zurück weiter >> 

Zweiundvierzigstes Capitel.

           

Doch Reinke und Fuchsiten wissen
    Zu kämpfen mit den Hindernissen;
Sie lassen sich so leicht nicht schrecken,
    Sie gehen langsam wie die Schnecken
Und wie die Mäuse leise, leise,
    Und ziehen schlaue Schurkenkreise,
Und glauben, daß dem schnöden Gold
    Selbst in Utopen Viele hold,
Und gucken über Nacht und Graus
    Am Ende doch bei'm Ziel heraus.

Drum, war auch Reinhard abgeblitzt,
    Er dachte: Ei, Du bist gewitzt
Genug, um solch' Naturgeschmeiß
    Zu führen endlich doch auf's Eis.
Auf einen Hieb fällt nie ein Baum,
    Der schwankende der Freiheit kaum!
Ein Trunk erschöpft noch keinen Bronnen;
    Ein Schuß macht keine Schlacht gewonnen;
Ein Räuber ist noch keine Mauth,
    Rom nicht in einem Tag gebaut;
Nicht Sommer wird's durch eine Schwalbe,
    Ja nicht einmal durch anderthalbe;
Ein Wölkchen löscht noch nicht die Sonne;
    Ein Kindchen macht noch keine Nonne,
Ein Seufzer keinen Knutenthron,
    Ein Schafskopf keine Nation,
Ein Sklave keinen Archidux,
    Ein rothes Haar noch keinen Fuchs!«

Er sann und lief nun hin und her;
    Er pries die heil'ge Taube sehr;
Er war so sanft und tugendlich:
    Doch ließ der Teufel ihn im Stich,
Und Nichts gedieh und Nichts gerieth,
    Was Füchschen wollte und Fuchsit.
Den Vätern dieser freien Horden,
    Er brachte ihnen Babba-Orden,
Doch wiesen sie mit strengem Blicke
    Solch lächerliches Zeug zurücke.
Es gab sein Scheusal Fledermaus
    Ein großes Zeitungsblatt heraus,
Auf daß es nach und nach erwecke
    Den Sinn für die Fuchsitenzwecke.
Und Vieles war so fein geschrieben,
    So schlau-sophistisch und durchtrieben,
Daß manch' Utoper schon verdutzt war,
    Und's Blatt im Kaffeehaus beschmutzt war.

Er machte sich an alte Weiber
    Und lobte ihre schlanken Leiber,
Und wie sie jugendlich noch blickten,
    Und tadelte die ungeschickten
Putzsücht'gen jungen Frau'n und Mädchen,
    Riskirte auch 'mal ein Gebetchen
Und ein Capitel aus der Bibel:
    Und da war sein Erfolg nicht übel.
Denn wer den alten Frauen schmeichelt
    Und ihre kleinen Fehler streichelt,
Und fromm zu thun weiß und zu schleichen,
    Kann in Utopen selbst erreichen,
Daß sie das Biedere verkennen
    Und Schurken Biedermänner nennen.

Und da, wie die Touristen melden,
    Allüberall Pantoffelhelden,
So gab's, wenn auch sehr eng und klein,
    Bald einen biblischen Verein,
Wo man mit Recht hochheilig hieß
    Die Lehren, und sie Weisheit pries,
Die dort, mit fromm erhob'nen Nasen,
    Die schwarzen Priester eifrig lasen.
Ja, nach sechs Monden sprach man schon
    Im Reich von Buße, Knecht und Thron,
Von heil'gen Priestern, von Verehrung,
    Von Demuth, Wehmuth und Entbehrung.

Doch war nicht faul Utopens Presse!
    Es sprühten aus der Feueresse,
Die tactvoll, kräftig, unermüdet
    Am Wohl des Staats und Volkes schmiedet,
So viele Geist- und Witzesfunken,
    Auf Kopf und Busen der Hallunken,
Daß sie dem Feuer weichen mußten,
    Und kaum sich noch zu retten wußten.
Man höhnte ihren Glauben nicht,
    (Man hielt's nicht werth, darum zu streiten:)
Doch Die in Prosa und Gedicht,
    Die ihn so schmachvoll falsch verbreiten,
Um mehr und mehr, in Geist und Knochen,
    Das Thiergeschlecht zu unterjochen. –
»Schaut hin, welch eine Welt sie machten!
    Wie weit das arme Vieh sie brachten!«
So hieß es hier, so hieß es da:
    »Hoch, drei Mal hoch Utopia!«
Und nun begann in bunten Bildern
    Ein solches unbarmherz'ges Schildern
Der Thränenländer, wo die Lehre
    Der fremden Priester heimisch wäre,
Daß (wär' mein Vaterland
    Dabei genannt),
(Und wäre ich ein Thier),
    (Und läse Dieses hier),
Ich wegen solch' Geredes,
    Und wär' es auch per pedes,
Hin nach Utopen marschirte
    (Vorausgesetzt, es existirte!),
Und trotz Tiger und Hyänen
    Und der Löwen mit ihren Mähnen:
Die verdammten Demokraten,
    Die Schlechtepreß-Literaten
In Banden legte und Ketten!
    (Versteht sich, wenn sie Unrecht hätten!)

Ich weiß, es bringt mir nicht Gewinn,
    Daß ich so schrecklich hitzig bin,
Nie sehen Elend, Schmach und Schand' will,
    Und mit dem Kopfe durch die Wand will; –
Doch ist mein Herze dabei gut,
    Und Niemand kann ja für sein Blut!
Drum mögen Die mit mir nicht hadern,
    So nie ein Kochen in den Adern,
Und die bei allem bösen Treiben
    In ihrer kalten Rohheit bleiben.

Auch Reinke zeigte keinen Zorn.
    Er sprach so milde im Verein,
Als trüg' er einen Heil'genschein.
    »Nie blüht die Rose ohne Dorn!
Des Höchsten Blut, für uns vergossen,
    Ihm ist die Rose einst entsprossen,
Die Himmelsrose seiner Lehre,
    Bethaut von seiner Liebe Zähre.
Ihr Duft beseligt alle Herzen;
    Wir Träger nur der Wunderblume,
Wir tragen zu der Allmacht Ruhme
    Demüthig ihres Dornes Schmerzen.«

So sprach er, wenn auch oft gestört,
    Und nur von Wen'gen noch gehört:
Als plötzlich nun ein böser Brief,
    Den ihm ein Seehund überbrachte,
Den Streichen hier ein Ende machte,
    Und eiligst ihn zurücke rief.

»Ist's möglich!« rief er zitternd aus;
    »Stürzt ein das schwer erbaute Haus,
Als sei es Gottes Will', so jach,
    Bevor es noch gekrönt sein Dach?
Verflucht sei das verfluchte Licht,
    Das durch die bunten Scheiben bricht!
Verflucht sei das verfluchte Wissen!
    Es hat die Mauern umgerissen,
Es hat die Pfosten uns erschüttert,
    Es hat den Balkenbau zersplittert!
Verflucht sie Alle, die es wagten,
    Und von dem Tempel los sich sagten!
Verflucht die Lenker aller Landen,
    Die ihren Vortheil nicht verstanden,
Und, statt die Durstigen zu schlachten,
    Sie an den Quell der Wahrheit brachten!
Verflucht, verflucht, verflucht, verflucht!
    Doch sei die Rettung noch versucht.«

Nun war er außer Rand und Band,
    Strich noch die Nacht umher im Land
Und ließ der Gier den vollen Zügel:
    Fraß Fünfundvierzig Eier süß
Und viele schöne Colibris
    Und noch manch' anderes Geflügel;
Dann ließ er schnell sein Schiff bemannen,
    Und spie aufs Land – und zog von dannen.


 << zurück weiter >>