Adolf Glaßbrenner
Neuer Reineke Fuchs
Adolf Glaßbrenner

 << zurück weiter >> 

Sechsunddreißigstes Capitel.

               

Acht Tage später kam im Wagen
    Die Kuh hier an und ward getragen
Zur Kirch' hinein bis zum Altar,
    Wo prachtvoll aufgehängt nun war,
Von Blumenvasen rings umstellt,
    Von hundert Kerzen rings erhellt:
Die wunderthät'ge, heil'ge Hose
    Des einst'gen Mönches Sankt Ambrose.

Die Sache war gut eingeleitet:
    Durch alle Zeitungen verbreitet,
Daß Gott jetzt wiederum geruhe
    Und durch Reliquien Wunder thue,
Besonders aber beispiellose
    Und herrliche durch diese Hose.
Auch sei der Ablaß aller Sünden
    Durch einen Kuß dabei zu finden:
Man heile Leib- und Seelenweh
    Für sieben Kreuzer nur Entrée.

Da strömte nun aus allen Nähen
    Zum Kloster der barmherz'gen Krähen
Neugierig Groß und Klein herbei,
    Zu sehn, was Wahres daran sei.
Denn freilich, was die Pfaffen sagen,
    Das soll der Zweifel nie benagen,
Weil Gott durch ihre Zunge spricht:
    Doch Viele glauben Dieses nicht
Und denken: Ach was! Vieh ist Vieh!
    Ich bin ein Sünder, Sünder Die!

Doch ewig ist der reine Glaube,
    Der keinem Spotte fällt zum Raube!
Und wunderhold und Wundern hold
    Steht er, umstrahlt vom Sonnengold,
Das Auge licht emporgerichtet
    Zu Dem, der's Weltenall gedichtet,
Um's schöne Haupt die Gloria:
    Ein Engel dieser Erde da!
Die Sühne seiner Sinnenlust,
    Das Kreuz, drückt er an seine Brust
Und ruft: Du ew'ges Ist im Werde,
    Allmächt'ger, der Du lebst in mir!
Die Ehre, hoher Geist, sei Dir,
    Und Lieb' und Frieden auf der Erde.

Und wenn nun Priester sich beschulden,
    Die nicht dem lichten Glauben hulden,
Und borgen seine alten Normen,
    All' seine ehrenwürd'gen Formen:
Um Afterglauben zu verbreiten
    Und Finsterniß in hellen Zeiten,
Mit Angst beladen alles Leben,
    Um ihre Pfaffenmacht zu heben,
So fangen in der Schlinge sie
    Noch manches arme, dumme Vieh.

Und so auch hier! Als nun gewesen
    Erst Litanei und Messelesen,
Introitus in's Heilige,
    Der Beter lautes Kyrie,
Und Gloria, Evangelium,
    Und Credo, Offertorium,
Das Sanctus und der Weiherauch,
    Wandlung und Agnus Dei auch,
Bei vielem Beugen und Bewegen
    Das Paternoster und der Segen;
Als nach dem Ite missa est
    Die Kuh, das fuchsisch-schlaue Beest,
So that, als könne sie nicht gehen,
    Und als das Wunder nun geschehen,
Und nach dem Kusse auf die Hose
    (Die heilige des Sankt Ambrose!),
Sie aufsprang frisch und kerngesund:
    Stand staunend offen jeder Mund,
Und Alles fiel auf seine Knie
    Und schlug die Kreuze fromm und schrie:
»O Sankt Ambros! O Sankt Ambros!
    O Du bist heilig, Du bist groß!
Nun sind wir aller Schmerzen los!
    Gesegenet sei Deine Hos!«

Und als nun lief von diesem Plunder
    Die Kunde und von seinem Wunder,
Da galt die noch nicht alte Leinwand
    Nur als der Frevler böser Einwand;
Da hörte Alles auf! Da schwand
    Bildung und Wissen und Verstand,
Und Die selbst, die sich früher sträubten,
    Sie hörten Wunder – und sie gläubten.

Da brachte nun manch armes Thier
    Sein letztes Geld dem Kloster hier,
Und ließ als Bruder Liederlich
    Werk, Wirthschaft, Weib und Kind im Stich.
Und Weib und Jungfrau auch nicht minder
    Verließen Stube, Herd und Kinder,
Und zogen sonder Sittlichkeit
    Durch Nacht und Tag, durch Dorf und Haid',
Von Pfaffen angeführet schon,
    In schmutzig-ekler Procession,
Das nackte Laster kaum verhüllend
    Und fromme Lieder dabei brüllend,
Zum Kloster der barmherz'gen Krähen,
    Daß sie das Wunder dorten sähen.
Nach aller Sünde und Gemeinheit
    Gab's hier die schönste Seelenreinheit,
Balsam für jegliches Gewissen,
    War's auch zerbissen und zerrissen!
Der Gott der Sternen-Myriade
    Trieb Wucher hier mit seiner Gnade!
Der große Gott, der Herr der Welt,
    Nahm durch die Priester Ablaßgeld,
Sprach frei und rein von jeder Fehle
    Für ein Paar Kreuzer jede Seele!

Und blieben auch die Kranken krank,
    Sie wußten doch der Hose Dank,
Daß ferner ihre schweren Sünden
    Nicht in dem Schuldbuch Gottes stünden.
Und blieben auch die Kranken krank,
    Trotz Hosenkuß, Gebet und Sang,
Sie sagten sich: Um zu genesen,
    Ist's doch der erste Schritt gewesen.
Und blieben auch die Kranken krank,
    So sprach ein Pfaff: Die Kur mißlang,
Weil Du nicht die Gebote ehrtest
    Und mit den Ketzern noch verkehrtest!
Und blieben auch die Kranken krank,
    So lautete der Pfaffenschwank:
Mein Gott, von Zwölfen hilft sie Elfen!
    Die Hose kann nicht Jedem helfen!

Und wurden Kranke nun gesund,
    Wie's hier auf diesem Erdenrund,
Trotz der Recepte, langgeschmiert,
    Und trotz Reliquien, oft passirt –
(Weil's die Natur nicht anders will!
    Sie, die so manche bittre Pill'
Vom Arzt verschluckt, ihm gern verzeiht
    Und ihr Verdienst sogar ihm leiht):
Dann schrie die große Weltposaune,
    Die Presse, flugs in alle Winde:
Horch, Welt, was ich Dir jetzt verkünde!
    Horch, horch! und staune, staune, staune!

Und ach! die Thierwelt rundherum
    Ist noch ganz riesenmäßig dumm!
Selbst dummer, als der Polizei
    Begehren stets ist, daß es sei!
Rock, Hos' und aller äußre Plunder
    Bewirken wirklich in ihr Wunder.

Als Reineke nun lachend sah,
    Daß Alles, wie er's wollt', geschah,
Und daß auch in der Politik
    Die Sachen ständen magnifique,
Rief er ein brusterleichternd: »So!
    So ist es recht, so geht es gut!
Und daß es bleibt in statu quo,
    Dafür sorgt meine schwarze Brut.
Ich selber will nun weiter wandeln,
    Für unsre Weltenmacht zu handeln.
Wo aber hin? Die Fürsten sind,
    Bewußt, die Schlauen,
Die Andern blind,
    Mit Haut und Haar in unsren Klauen.
Die mächtige Fuchsitenhyder
    Hat auch in Ketzerreichen Glieder:
Die heuchelnden, die dunklen, tristen
    Blindschleichen die, die Pietisten!
Der Eisbär drüben schwingt die Knute,
    Und hier die kleinen Republiken,
Wenn Die nur schreien oder quieken,
    Drohn rings die Fürsten mit der Ruthe.
Die Herrschenden beherrschen sich –
    Und über Alle herrsche Ich!
Der Fuchsitismus ist im Gange
    Und bleibt's – nun ist mir nicht mehr bange!
Nun will ich auf dem Globus sehen,
    Wo Glück und Frieden noch zu morden,
Um unerkannt dorthin zu gehen
    Und zu verbreiten meinen Orden.

Zuvor jedoch wohn' ich noch bei
    Dem Hundestag in Mankomai,
Der von den Fürsten, unsern Lieben,
    So eben wurde ausgeschrieben.
Vielleicht, daß doch ein Herrscher dächte:
    Wie, wenn der Zeit man Opfer brächte,.
Und theuer von den Liberalen
    Mit Ehr' und Ruhm sich ließ bezahlen
Die Macht, meist eine schwere Bürde,
    So man dabei verlieren würde?
Wenn man dem armen Vieh vergönnte,
    Daß es sich selbst regieren könnte?
Solch schlimmes und manch ander Streben
    Wär' jetzt nicht unwahrscheinlich eben,
Und könnte doch die Folge haben,
    Mein Tempelchen zu untergraben,
Das nur besteht in alten Normen
    Und feind ist jeglichen Reformen.
Drum will ich etwas spioniren
    Und nöth'gen Falles intriguiren;
Dem kleinsten ketzerischen Weiter
    Dreh' ich die Kehle um ganz heiter;
Den kleinsten, dünnsten Freiheitsschwindel
    Ersticke ich in seiner Windel!
Denn Vorsicht ist der Weisheit Mutter,
    Und Reue schmeckt wie alte Butter.«

Drauf schmeichelte er sich das Kinn,
    Und ging in aller Demuth hin
Zum Könige, ihm anzurathen,
    Nicht seinen schwachen Diplomaten,
Den Spürhund Blaff von Blafferei,
    Zu senden hin nach Mankomai.
»Es ist,« sprach er, »manch' wicht'ge Frage
    Zu lösen auf dem Hundestage,
Und zu beachten manch Int'resse,
    Wie Kirche, Volksvertretung, Presse,
Mit denen ich doch viel bekannter.
    Auch bin ich schlauer, schnauzgewandter,
Kann schärfer in die Dinge blicken,
    Und muß dahero petitiren,
Den Spürhund zwar zu designiren,
    Als sei Er Hundestagsgesandter,
Doch mich statt seiner hinzuschicken.
    Ich habe Aehnlichkeit mit ihm,
Und wenn ich seine Kleider trage,
    Kann ich Euch nützen pseudonym
In mancher schlimmen Tagesfrage.«

Der König hatte Nichts dagegen,
    Gab die Befehle schnell deßwegen,
Und Reinhard reiste alsobald
    Zum Hundestag in Hundsgestalt.


 << zurück weiter >>