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XXXV

Als Wilfrid Adrians Arbeitszimmer im Museum verlassen hatte, wanderte er ziel- und planlos hin, wie man es manchmal in einem jener endlos scheinenden Angstträume tut, bis man schließlich erwacht. Er ging die Kingsway-Street zum Themsekai hinab, betrat die Westminsterbrücke und lehnte sich über die Brüstung. Ein Sprung und alles war vorüber. Stromabwärts rann das Wasser der Flut, dem Meere zu, kehrte nimmer nach England zurück, eilte froh davon! Flucht! Flucht vor allen, die ihn zwangen, an sich selbst zu denken. Nur diesem ewigen Selbstbespiegeln, diesen Selbstvorwürfen entrinnen! Wie satt hatte er diese verdammte, jämmerliche Unentschlossenheit, diese erbärmliche Angst davor, ihr nicht allzu großen Kummer zu bereiten! Ach was, ihr Kummer würde nicht allzu groß sein! Ein paar Tränen, und sie kam gewiß darüber hinweg. Diesmal hatte ihm sein Gefühl übel mitgespielt! Aber nie wieder! Bei Gott, nie wieder!

Lang stand er über die Brüstung gelehnt, betrachtete das schimmernde Wasser und die stromaufwärts kriechenden Frachtschiffe; ab und zu trat ein Mann aus dem Volk neben ihn, offenbar in dem Glauben, da unten gebe es etwas Besonderes zu sehn. Er sah dort wirklich etwas Besonderes, sah sein zukünftiges Leben in ungewisse Fernen gleiten, sah sich auf Nimmerwiederkehr davonsegeln, wie der Fliegende Holländer übers weite Meer von einem Ende der Welt ans andre fahren. Na, wenigstens mußte er sich nicht als Held aufspielen, nicht zu Kreuz kriechen, um Beistand bitten oder sich verstellen, konnte die eigne Flagge hissen.

Da vernahm er eine Stimme: «Wenn man zu lang aufs Wasser schaut, springt man manchmal hinein.»

Wilfrid lief es kalt über den Rücken, dann ging er weiter. Herrgott! Wie derb und ungeschlacht die Menschen jetzt nur sprachen! Er verließ die Brücke und schritt das Ende von Whitehall zum St. James-Park hinüber, an dem langen Teich vorbei zu den Geranien, den steinernen Männern und Frauen vor dem Königlichen Palast, in den Green-Park; dort warf er sich ins dürre Gras. Die Hand über den Augen, lag er etwa eine Stunde so auf dem Rücken da, dankbar für die Sonne, die auf ihn herabbrannte. Als er sich erhob, war er schwindlig und mußte ein paar Minuten stehnbleiben, ehe er zum Hydepark hinüberging. Kaum war er ein paar Schritt gegangen, da bog er rasch nach rechts ab. In der Nähe der Reitallee hatte er eine junge Dame und einen kleinen Buben bemerkt, die ihm entgegenkamen. Dinny! Er sah, wie sie nach Atem rang und die Hand zum Herzen hob. Und er war abgebogen und davongeschritten. Es war brutal, abscheulich, aber endgültig! So fühlte sich wohl ein Mörder nach dem Dolchstoß. Brutal, abscheulich, aber endgültig! Kein Schwanken mehr! Nun blieb ihm nur eines übrig: so rasch wie möglich abzudampfen! Wie besessen rannte er in seine Wohnung, um die Lippen ein starres Lächeln, wie ein Patient auf dem Stuhl des Zahnarztes. Die einzige Frau, die ihm je des Heiratens wert geschienen, hatte er niedergeschmettert, die einzige Frau, für die er etwas wie wahre Liebe empfunden. Besser, sie so niederzuschmettern, als sie zu Tode martern durch ein Zusammenleben mit ihm! Wie Esau, wie Ismael war er nicht würdig einer Tochter Israels. Ein kleiner Laufbursche wandte sich um und starrte ihm nach – Wilfrids Tempo schien dem Jungen ganz ungewöhnlich. Er überquerte die Piccadilly, ohne sich um den regen Verkehr zu kümmern, und rannte in die enge Bond Street. Plötzlich fiel ihm ein, er werde die Hüte der Firma Scott nie wieder sehn. Man hatte den Laden eben geschlossen, doch lagen die Hüte in langen Reihen zur Schau, hypermoderne, Tropenhüte, Damenhüte und einige Modelle des neuesten ‹Trilby› oder ‹Homburg›, oder wie das Zeug sonst hieß. Er eilte weiter, kam an einem duftenden Parfümerieladen vorbei und erreichte die Haustür. Am Fuß der Treppe mußte er sich hinsetzen, um für den Aufstieg Kraft zu sammeln. Der jäh aufflackernden Energie nach dem Schreck über das Wiedersehn folgte nun völlige Erschöpfung. Eben schickte er sich an, die Treppe emporzuklimmen, als Stack und der Hund herabkamen. Das Tier sprang an ihm hoch und reckte ihm seinen Kopf entgegen. Wilfrid spielte mit den Ohren Fochs. Zum zweiten Mal blieb der Hund ohne Herrn zurück!

«Morgen zeitig früh fahr ich fort, Stack. Nach Siam. Wahrscheinlich komm ich nicht wieder nach England.»

«Überhaupt nicht, Sir?»

«Überhaupt nicht.»

«Soll ich mitkommen, Sir?»

Wilfrid legte dem treuen Diener die Hand auf die Schulter.

«Sehr lieb von Ihnen, Stack; aber Sie würden sich dort zu Tod langweilen.»

«Verzeihn Sie, Sir, aber in Ihrem Zustand ist es nicht ratsam, allein zu reisen.»

«Mag sein, ich fahr aber doch!»

Ernst und angestrengt richtete der Diener den Blick auf Wilfrids Antlitz, als wolle er sich diese Züge für immer einprägen.

«Sir, ich bin schon sehr lang bei Ihnen.»

«Jawohl, Stack; und niemand hätte aufmerksamer für mich sorgen können. Für den Fall, daß mir etwas zustößt, hab ich für Sie vorgesorgt. Ich nehme an, Sie bleiben weiter hier und halten die Zimmer für meinen Vater bereit.»

«Ich geh ungern von hier fort, Sir, wenn ich Sie nicht begleiten darf. Aber ist das wirklich Ihr Ernst, Sir?»

Wilfrid nickte. «Wirklich, Stack. Was soll mit Foch geschehn?»

Stack zögerte einen Augenblick, dann stieß er hervor: «Ich muß Ihnen was sagen, Sir. Am Abend, als Sie nach Chingford fuhren, bei ihrem letzten Besuch, sagte Miss Cherrell: Falls Sie je ins Ausland gehn, möchte sie den Hund gern zu sich nehmen. Der Hund hängt an ihr, Sir.»

Wilfrids Züge wurden starr.

«Führen Sie ihn wie gewöhnlich spazieren», sagte er und schritt weiter die Treppe empor.

Wieder war er aufgewühlt. Mord! Doch es war nun einmal geschehn! Sehnsucht und Reue machten einen Leichnam nicht mehr lebendig. Wenn ihr an dem Hund lag, sie sollte ihn natürlich haben! Warum klammerten sich die Frauen an Erinnerungen, wenn Vergessen das einzig Gute für sie war? Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb:

‹Ich geh fort für immer. Foch bringt Dir diesen Brief. Wenn Du den Hund magst, gehört er Dir. Ich tauge nur zum Einsiedler. Vergib mir, wenn Du kannst, und vergiß mich!

Wilfrid›

Er adressierte den Briefumschlag und blieb am Schreibtisch sitzen, während sein Blick langsam durch das Zimmer glitt. Kaum drei Monate, seit er zurück war. Ihm war's, als läge ein Leben dazwischen. Und wieder sah er Dinny dort drüben am Kamin, nach dem Besuch ihres Vaters! Sah sie dort auf dem Diwan sitzen und zu ihm aufblicken! Dinny hier und Dinny dort! Ihr Lächeln, ihre Augen, ihr Haar! Dinny und das Erlebnis im Zelt des Arabers, diese beiden Erinnerungen wurden in ihm wach, stritten und rangen um ihn! Warum hatte er nicht von allem Anfang an das Ende vorausgesehn? Sich selbst hätte er doch kennen müssen! Er nahm ein zweites Blatt und schrieb:

‹Mein lieber Vater!

Offenbar ist mir England nicht bekömmlich, morgen reise ich nach Siam ab. Von Zeit zu Zeit erhält meine Bank die Adresse. Stack wird wie bisher die Zimmer in Ordnung halten, so daß sie jederzeit für Dich bereit stehn. Hoffentlich gibst Du auf Deine Gesundheit acht. Ich werde trachten, Dir dann und wann eine Münze für Deine Sammlung zu senden. Leb wohl! Dein Dich liebender

Wilfrid›

Sein Vater würde es wohl lesen und sagen: ‹Du meine Güte! Ein plötzlicher Entschluß! Seltsamer Kauz!› Sonst würde kaum jemand an ihn einen Gedanken verschwenden, außer –!

Er nahm noch ein Blatt und schrieb an seine Bank; dann streckte er sich erschöpft auf den Diwan hin.

Stack mußte packen, Wilfrid fehlte die Kraft dazu. Zum Glück war sein Paß in Ordnung, jenes merkwürdige Dokument, dessen Besitz uns von unsern Landsleuten unabhängig macht und die einsamsten Weltwinkel erschließt. Im Zimmer war es ganz still, von der Straße her drang zu dieser Stunde fast kein Geräusch empor, der Abendverkehr hatte noch nicht begonnen. Die Arznei, die er nach Malariaanfällen zu sich nahm, enthielt Opium, und er verfiel in einen traumhaften Zustand. Ein tiefer Atemzug, er nickte ein. In dieser Betäubung roch er allerhand Düfte – frischgerösteten Kaffee, Kamelmist, Teppiche, Gewürze und Menschen auf den dumpfen Märkten, er roch die scharfe, reine Wüstenluft, Gestank und Dünste eines Dorfes am Bach; er vernahm Laute – Winseln der Bettler, heiseres Wiehern eines Kamels, Schakalheulen, Rufe des Muezzins, Trappeln von Eselshufen, Hämmern von Silberschmieden, stöhnendes Knarren von Ziehbrunnen. Und an seinen halbgeschloßnen Augen zogen Bilder vorbei; der Orient stieg vor ihm empor, den er erlebt hatte. Jetzt kam er in ein andres Morgenland, ein noch ferneres, fremderes! Da versank er in einen wirklichen Traum …


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