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XXXI

Wie ein Lauffeuer hatten sich Wilfrids Worte: ‹Ich reise ins Ausland. Bitte, teilen Sie das ihrer Familie mit›, und Dinnys Erklärung: ‹Es ist aus!› in der Familie Cherrell verbreitet. Man frohlockte über diese Nachricht nicht wie über einen reuigen Sünder. Dinny tat allen so leid, man hatte fast Angst um sie. Jeder wollte ihr sein Mitgefühl zeigen und niemand wußte wie. Denn aufdringlich bekundetes Mitgefühl war schlimmer als gar keins. Drei Tage verstrichen, ohne daß irgendein Familienmitglied den richtigen Weg fand. Dann jedoch hatte Adrian eine Eingebung, er lud Dinny zum Lunch ein. Freilich hatte er ebensowenig wie irgendein andrer ergründet, warum gerade Essen Trost bringen sollte. Er traf sie in einem Kaffeehaus, das offenbar einen bessern Ruf genoß, als es verdiente.

Dinny gehörte nicht zu der Sorte junger Damen, die Schicksalsschläge zum Vorwand nehmen, sich das Gesicht zu bemalen, drum sah er deutlich, wie blaß sie war. Er verlor kein Wort über ihr Aussehn. Ein Gespräch in Gang zu bringen, schien ihm tatsächlich schwierig. Er wußte nur zu gut: Männer können noch so sehr im Bann einer Frau stehn, sie bleiben doch ihren geistigen Interessen treu. Frauen dagegen sind körperlich weniger stark, geistig aber ganz und gar dem Geliebten verfallen. Endlich begann er zu erzählen, wie ihn jemand übers Ohr haun wollte.

«Stell dir vor, Dinny, der Kerl verlangt fünfhundert Pfund für einen Cromagnon-Schädel, einen Fund aus der Grafschaft Suffolk. Das Exemplar sieht täuschend echt aus. Doch zufällig treff ich den Prähistoriker von Suffolk. ‹So!› ruft der, ‹Ihnen wollt der Bursche jetzt den Plunder aufschwatzen? Das ist ja der berühmte Schädel von Suffolk! Zumindest dreimal hat er ihn schon ausgegraben. Dieser Mann gehört von rechtswegen ins Kriminal. Er bewahrt den Schädel in einem Schrank auf und alle fünf oder sechs Jahre scharrt er ein Loch, legt ihn hinein, nimmt ihn wieder heraus und versucht, ihn an den Mann zu bringen. Es ist vielleicht wirklich ein Cromagnon-Schädel, aber er hat ihn vor ungefähr zwanzig Jahren in Frankreich aufgegabelt. Als britischer Fund wäre er natürlich einzigartig.› Draufhin suchte ich die letzte Fundstätte nochmals auf. Und für den Eingeweihten war es sonnenklar, daß er ihn erst unlängst dort vergraben hatte. Ja, Antiquitäten verführen so manchen gar leicht zum Schwindel.»

«Was war das für ein Mensch, Onkel?»

«Er sah begeistert drein, etwa so wie mein Friseur.»

Dinny lachte. «Du solltest ihn anzeigen, sonst verkauft er ihn das nächste Mal wirklich.»

«Die Wirtschaftskrise wird ihn dran hindern, liebe Dinny. Gebeine und Erstauflagen kriegen die Krise besonders zu spüren. Es wird gewiß gute zehn Jahre dauern, bis er einen anständigen Preis herausschindet.»

«Versuchen viele Leute, dir etwas anzuhängen?»

«Einige mit Erfolg, Dinny. Mir tut es trotzdem leid um den ‹Schädel von Suffolk›, ein Prachtexemplar war das! Heutzutage gibt's wenig schöne Schädel.»

«Wir Engländer werden bestimmt immer häßlicher.»

«Glaub doch das nicht. Steck die Leute, die wir in Salons und Läden treffen, in Priesterröcke und Mönchskutten, in Rüstungen und Wämser, dann hast du genau dieselben Gesichter vor dir wie im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert.»

«Aber wir verachten doch die Schönheit, Onkel. Uns scheint sie mit Verweichlichung und Unmoral verbunden.»

«Na, das zu verachten, was sie nicht besitzen, macht die Leute eben glücklich. Wir sind nur etwa das dritt-, nein das vierthäßlichste Volk in Europa. Aber denk dir den keltischen Einschlag weg, dann wären wir das häßlichste.»

Dinny blickte sich im Kaffeehaus um. Doch sie fand dabei nichts Neues heraus, weil sie von ihrem Platz aus nicht viel sah und außerdem, weil sich unter den Gästen fast nur Juden und Amerikaner befanden.

Bekümmert ruhte Adrians Blick auf Dinny. Sie schien heute so interesselos für Gebeine.

«Hubert ist also schon fort?» fragte er.

«Ja.»

«Und was hast du vor, liebes Kind?»

Dinny starrte auf ihren Teller. Plötzlich hob sie den Kopf und erklärte:

«Ich möchte verreisen, Onkel, ins Ausland.»

Adrian strich sich den Ziegenbart.

«So», sagte er zuletzt, «und das Geld?»

«Ich hab genug.»

«Wohin?»

«Irgendwohin.»

«Allein?»

Dinny nickte.

«Die Schattenseite beim Reisen ist das Heimkommen», murmelte Adrian.

«Für mich gibt es jetzt hier kaum etwas zu tun. Drum geh ich meinen Leuten eine Weile aus den Augen, das wird sie aufheitern.»

Adrian überlegte hin und her.

«Nun, liebe Dinny, du allein kannst beurteilen, was für dich am besten ist. Doch da fällt mir etwas ein. Wenn es dich zu einer weiten Reise drängt – Clare wäre vielleicht sehr froh, dich in Ceylon zu sehn.»

Dinny hob überrascht die Hand; offenbar war ihr dieser Gedanke neu. Er fuhr fort:

«Mein Gefühl sagt mir, Clare dürfte es dort nicht sehr leicht haben.»

Beider Blicke trafen sich.

«Das dacht ich schon an ihrem Hochzeitstag, Onkel; mir hat sein Gesicht nicht gefallen.»

«Du hast eine besondere Gabe, andern zu helfen, Dinny; und wenn auch am Christentum manches schlecht sein mag, der Grundsatz ‹Geben ist seliger denn Nehmen› ist es bestimmt nicht.»

«Selbst der Menschensohn war einem kleinen Scherz nicht abgeneigt, Onkel.»

Adrian blickte sie fest an und sagte:

«Wenn du also nach Ceylon gehst und dort Mangos ißt, dann beug dich dabei immer über die Schüssel, diese Frucht ist so saftig.»

Bald darauf empfahl er sich ihr und ging in die Pferdeausstellung; die Begegnung hatte ihm die Arbeitsfreude geraubt.


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