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IV

Von ihrem erstaunlichen Geheimnis ganz verwirrt, empfand Dinny zunächst das Verlangen, allein zu sein, doch hatte sie schon eine Einladung zum Dinner bei Adrian und Angela Cherrell angenommen. Nach ihrer Heirat hatten die beiden das Haus in der Oakley Street mit seinen trüben Erinnerungen aufgegeben und sich in weisem Sparsinn in einem jener geräumigen Häuserblocks des Bloomsbury-Viertels eingemietet, das jetzt allmählich den vornehmen Charakter wiedergewann, den es in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts verloren. Man hatte diese Gegend vor allem darum gewählt, weil sie in der Nähe von Adrians ‹Gebeinhaus› lag – als Mann in vorgerückten Jahren hielt Adrian es für geboten, jede freie Minute der Gesellschaft seiner Frau zu widmen. Dinny hatte ihm ja prophezeit, er werde von der einjährigen Forschungsreise nach Neu-Mexiko mit Professor Hallorsen als ‹männlicher Mann› zurückkehren, und diesen Eindruck erweckten nun auch seine gefurchten, sonngebräunten Wangen und das häufigere Lächeln auf seinem langen Gesicht. Immer wieder freute sich Dinny über den Gedanken, ihr Rat habe sich bewährt und sei treulich von ihm befolgt worden. Auch Angela gewann jetzt jene sprühende Anmut zurück, der sie vor der Heirat mit dem armen Forest ihre Erfolge in der Londoner Gesellschaft verdankte. Doch Adrians hoffnungsloser Beruf und die Zeit, die sie ihrem Manne widmete, beraubten sie der Möglichkeit, wieder in jenem geheiligten Kreis Einzug zu halten. Sie neigte immer mehr dazu, nur ihren Pflichten als Gattin und Mutter zu leben. Und Dinny liebte ihren Onkel so herzlich, daß sie das nur natürlich fand. Unterwegs ging sie mit sich zu Rat, ob sie den beiden ihr Erlebnis mitteilen solle. Da sie Ausflüchte und Hinterhältigkeit nicht leiden mochte, entschloß sie sich, offen zu sein. ‹Auch spricht ja ein verliebtes Mädel immer gern vom Gegenstand ihrer Neigung›, dachte sie. Da es ihr also schwer wurde, ohne Vertrauten zu bleiben, fiel die Wahl auf Onkel Adrian, weil er aus eigener Erfahrung Kenntnis vom Orient hatte, vor allem aber, weil er Onkel Adrian war.

Beim Abendessen drehte sich das Gespräch jedoch selbstverständlich in erster Linie um Huberts Heimkehr und Clares Hochzeit. Dinny war über die Wahl ihrer Schwester etwas beunruhigt. Sir Gerald (Jerry) Riven war vierzig, mittelgroß, draufgängerisch und hatte ein kühnes Gesicht. Dinny fand ihn allerdings sehr reizvoll, nur war er es zu sehr, wie sie besorgte. Er bekleidete ein wichtiges Amt im Kolonialdienst und gehörte zu den Leuten, denen man in mancher Hinsicht eine ‹Zukunft› prophezeite. Dinny legte sich die Frage vor, ob Clare ihm nicht allzu sehr gleiche, auch sie brillierte in der Gesellschaft, begab sich gern in Gefahr und war – wohlgemerkt! – siebzehn Jahre jünger. Angela, die ihn genau kannte, sprach die Ansicht aus:

«Die siebzehn Jahre Altersunterschied sind bei der ganzen Geschichte noch das Beste. Jerry muß sein Umherflattern endlich aufgeben. Wenn er ihr zugleich Vater sein kann, mag es noch gehn. Er hat eine ungeheure Erfahrung hinter sich. Bin froh, daß er nach Ceylon kommt.»

«Warum?»

«Dort wird er wenigstens nicht seiner Vergangenheit begegnen.»

«Hat er denn eine so bewegte Vergangenheit?»

«Meine Liebe, für den Augenblick ist er bis über die Ohren in Clare vernarrt, aber bei einem Mann wie Jerry kann man nie wissen. Soviel Charme und soviel angeborne Vorliebe für Glatteis.»

«Die Ehe macht aus uns allen zage Tröpfe», murmelte Adrian.

«Aus Jerry Riven bestimmt nicht. Er liebt die Gefahr wie ein Goldfisch die Mückenlarven. Ist Clare arg in ihn verschossen, Dinny?»

«Gewiß, aber auch sie wagt sich gern aufs Glatteis.»

«Und dennoch», meinte Adrian, «sind beide keineswegs modern. Beide haben Hirn und wissen es zu brauchen.»

«Stimmt, Onkel. Clare schlägt aus dem Leben heraus, was sie nur kann, aber sie glaubt inbrünstig an das Leben. Vielleicht spielt sie noch im Orient eine bedeutende Rolle.»

«Ausgezeichnet, Dinny! Doch da müßte sie zuvor Jerry Riven los werden. Und wie ich Clare kenne, macht sie sich vielleicht doch Skrupel.»

Mit weitgeöffneten Augen starrte Dinny den Onkel an.

«Sagst du das, weil du Clare kennst, oder weil du ein Cherrell bist, Onkel?»

«Weil sie eine Cherrell ist, meine Liebe.»

«Skrupel!» murmelte Dinny, «ich glaube nicht, daß Tante Emily Skrupel kennt. Und doch ist sie ebensogut eine Cherrell wie irgendeiner von uns.»

«Emily erinnert mich stets», meinte Adrian, «an einen Knochenfund, dessen Teile nicht zueinanderpassen, kein Mensch weiß, von wem sie herrühren. Skrupel beziehn sich doch immer auf etwas Bestimmtes, Tante Emilys Einfälle aber nicht.»

«Still, Adrian!» mahnte Angela, «nichts von Skeletten bei der Mahlzeit! Wann kommt Hubert an? Ich kann es kaum erwarten, ihn und Jeanne wiederzusehn. Wer von beiden wird nach achtzehn Honigmonden im Sudan Herr im Hause sein?»

«Natürlich Jeanne.»

Dinny schüttelte den Kopf. «Davon bin ich keineswegs fest überzeugt, Onkel.»

«Schwesternstolz, Dinny.»

«O nein. Hubert hat mehr Ausdauer. Jeanne stürmt mit kühnem Schwung drauf los und will die Dinge gleich im ersten Anlauf nehmen; Hubert aber führt das Steuer, davon bin ich überzeugt. Onkel, wo liegt eine Stadt namens Darfur? Und wie wird das Wort geschrieben?»

«Mit r oder ohne. Im Sudan, ringsum fast nur unzugängliche Wüste. Warum?»

«Heut nahm ich mit Mr. Desert, Michaels Brautführer, den Lunch; der hat Darfur erwähnt.»

«Ist er dort gewesen?»

«Mir scheint, er war schon überall im nahen Orient.»

«Ich kenne seinen Bruder Charles Desert», bemerkte Angela, «einer unserer angriffslustigsten jungen Politiker. Im nächsten Kabinett der Konservativen wird er so gut wie sicher Unterrichtsminister. Dann zieht sich Lord Mullyon wohl gänzlich in seine Einsamkeit zurück. Wilfrid bin ich nie begegnet. Ist er nett?»

«Hm!» warf Dinny ihrer Ansicht nach ganz gleichmütig hin, «ich traf ihn erst gestern. Ein anziehender Mensch. Ob er auf die Dauer zu ertragen ist, weiß ich nicht.»

«Ich möchte diesen jungen Mann gern kennenlernen», sagte Adrian.

«Im Krieg zeichnete er sich aus, und seine Gedichte kenn ich auch.»

«Wirklich, Onkel? Das will ich gern vermitteln. Wir sprechen uns täglich.»

«So?» sagte Adrian und sah sie an. «Ich würde gern über den Hettitertyp mit ihm sprechen. Euch ist vermutlich bekannt, daß der sogenannte spezifisch jüdische Typ auf Grund alter Darstellungen der Hettiter als hettitisch anzusehn ist?»

«Sind denn die Juden keine einheitliche Rasse?»

«Nein, Dinny. Die alten Israeliten waren Araber; die Rassenzugehörigkeit der Hettiter ist ein noch ungelöstes Problem. Die Juden bei uns in England und die in Deutschland stammen vermutlich eher von den Hettitern als den Semiten ab.»

«Kennst du vielleicht Mr. Jack Muskham, Onkel?»

«Nur vom Hörensagen. Ein Vetter von Lawrence, Autorität auf dem Gebiet der Pferdezucht. Er tritt, glaub ich, für die Zufuhr arabischen Bluts bei unsern Rassepferden ein. Dieser Versuch, Rassen hochzuzüchten, hat manches für sich. Ist der junge Desert je in Nejd gewesen? Echte Araberrosse findet man, glaube ich, nur dort.»

«Ich weiß nicht. Wo hegt Nejd?»

«Im Mittelpunkt Arabiens. Muskham jedoch wird seine Idee nie durchsetzen. Diese eingefleischten Pferdezüchter sind übrigens die borniertesten Kerle auf Gottes Erdboden. Muskham selbst ist ein schlagender Beweis dafür – außer an seinen Lieblingssport denkt er an gar nichts.»

«Jack Muskham», warf Angela ein, «war vor Jahren in eine meiner Schwestern romantisch verliebt. Das hat ihn zum Weiberfeind gemacht.»

«Hm! Klingt geheimnisvoll.»

«Ein stattlicher Mann!» meinte Dinny.

«Trägt sich höchst elegant und gilt als wütender Gegner der Moderne. Ich hab ihn schon seit Jahren nicht mehr gesehn, kannte ihn aber einst recht gut. Warum fragst du, Dinny?»

«Unlängst traf ich ihn.»

«Da wir grade von den Hettitern sprachen», bemerkte Angela, «ich habe mir oft gedacht, diese ganz alten Familien aus Cornwall wie die Deserts verraten phönikischen Einschlag. Seht euch doch nur Lord Mullyon an! Seltsamer Typ!»

«Phantastische Hypothese, meine Liebe. Eher könntest du diesen Einschlag im Volke finden. Seit vielen hundert Jahren müssen die Deserts in fremde Familien geheiratet haben. Je höher du die soziale Leiter emporsteigst, um so weniger findest du reine, unvermischte Rasse.»

«Sind die Deserts wirklich so uralter Adel?»

«Alt und grau und obendrein Eigenbrötler. Doch du kennst ja meine Ansicht über alte Familien, Dinny. Ich brauche also dieses Thema nicht näher zu erörtern.»

Dinny nickte. Nur zu gut entsann sie sich jenes nervenaufreibenden Spaziergangs am Themseufer in Chelsea, kurz nach Forests Rückkehr. Warm und herzlich sah sie Adrian ins Gesicht. Wie gut, daß er nun endlich ein eigenes Heim gefunden! …

 

Als sie an jenem Abend in die Mount Street zurückkam, waren Onkel und Tante schon zu Bett gegangen, doch der Kammerdiener saß noch immer in der Halle. Bei ihrem Eintritt stand er auf.

«Ich wußte gar nicht, daß Sie einen Schlüssel haben, Miss.»

«Tut mir wirklich leid, Blore, Sie hatten schon so gut geschlafen!»

«Wahrhaftig, Miss Dinny, ich hab geschlafen. Von einem gewissen Alter an pflegt man grad im ungeeignetsten Augenblick einzunicken. Zum Beispiel Sir Lawrence! Er hat eigentlich keinen guten Schlaf, doch mein Wort drauf, so oft ich während der Arbeitszeit in sein Studierzimmer trete, find ich ihn jedesmal dabei, wie er grad die Augen aufschlägt. Und die gnädige Frau, sie schläft acht Stunden, doch ab und zu hab ich schon bemerkt, daß sie mitten im Gespräch einnickt, besonders wenn der alte Pfarrer von Lippinghall, Mr. Tasburgh, da ist, ein freundlicher, alter Herr, aber er wirkt so einschläfernd! Und sogar Mr. Michael – aber der ist ja im Parlament und dort gewöhnt man sich das an. Doch Miss, ich weiß nicht recht, ist der Krieg dran schuld, oder die trostlose Wirtschaftslage, oder das zwecklose Herumrennen der Leute – jedenfalls hat sich der Hang zum Schlafen verstärkt. Für alle Fälle tut einem so ein Schläfchen gut. Mein Wort drauf, Miss, bevor ich mein Nickerchen machte, war ich tot für die Welt, jetzt aber könnt ich noch stundenlang mit Ihnen plaudern.»

«Das wäre reizend, Blore. Aber ich bin leider am schläfrigsten zur Schlafenszeit.»

«Warten Sie, Miss, bis Sie erst verheiratet sind. Aber hoffentlich lassen Sie sich damit noch Zeit. Erst gestern nacht hab ich zu meiner Frau gesagt: ‹Wenn Miss Dinny einmal heiratet, dann hat das Haus hier die Seele verloren.› Miss Clare hab ich nie viel zu Gesicht bekommen, da läßt mich ihre Hochzeit kalt, doch erst gestern hörte ich, wie die gnädige Frau zu Ihnen sagte, Sie sollten selbst hingehn und herausfinden, wie man's heutzutage macht. Und dann sag ich zu meiner Frau: ‹Miss Dinny›, sag ich, ‹ist wie eine Tochter des Hauses und› – na, Sie kennen ja meine Gefühle, Miss.»

« Lieber Blore! Leider muß ich jetzt hinauf, hab einen anstrengenden Tag hinter mir.»

«Versteh schon, Miss. Angenehme Träume!»

«Gute Nacht!»

Angenehme Träume! Nun, vielleicht würden die Träume angenehm sein, aber die Wirklichkeit? Ein unentdecktes Land wollte sie betreten und nur ein einziger Stern war ihr Führer! War es ein Fixstern oder ein unstet flackernder Komet? Mindestens fünf Männer hatten sie schon heiraten wollen und alle waren ihr soweit annehmbar erschienen, daß eine Ehe mit ihnen kein großes Wagnis bedeutet hätte. Und jetzt wünschte sie sich nur diesen Einen zum Gatten, doch gerade ihn umschwebte etwas Dunkles, Ungeklärtes; er aber rief Gefühle in ihr wach wie kein anderer. Das Leben war doch ein Narrenspiel – man fuhr mit der Hand in eine Glücksurne und zog – was? Morgen wollte sie mit ihm einen Ausflug machen. Bäume würden sie zusammen sehn und Rasen, Landschaften, Parks, vielleicht auch Bilder, die Themse, blühende Obstbäume. Zumindest würde sie herausfinden, ob beider Ansichten in manchen Punkten, die ihr wichtig schienen, übereinstimmten. Doch ob ihre Anschauungen nun in Einklang standen oder nicht, konnte das an ihren Gefühlen etwas ändern? Nein.

‹Verliebte Leut sind nie gescheit!› dachte sie; ‹erst jetzt erkenn ich, wie wahr das ist. Mich kümmert nichts in der Welt, wenn nur er mein Gefühl erwidert und auch so närrisch verliebt ist wie ich. Doch das ist er wohl kaum – warum sollt er's auch?›


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