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XXIX

Wilfrid hatte einem Impuls gehorcht, als er auf die Straße hinablief. Seit jenem plötzlichen Abbruch der wilden, unwürdigen Schlägerei in Royston, seit Dinny damals im Auto gestanden und die Augen mit der Hand beschattet hatte, war sein Gefühl für sie in entsetzliche Verwirrung geraten. Sobald er sie unverhofft sah, ihren Duft und den Klang ihrer Stimme wahrnahm, durchströmte ihn heiße Liebe und entlud sich in Küssen; doch kaum war sie zur Tür hinaus, so hatte ihn sein Wahn wieder in das Treiben von London hineingerissen, wo man wenigstens herumwandern konnte, ohne einen Bekannten zu treffen. Er ging in südlicher Richtung und sah sich plötzlich inmitten einer Menschenschlange, die in das ‹His Majesty's Theatre› hineinwollte. Wilfrid blieb stehn und dachte: ‹Einerlei, ob hier oder anderswo.› Doch als er eben drankommen sollte, sprang er aus der Reihe und wandte sich gen Osten, durchquerte das Covent Garden-Viertel, das verlassen dalag und nach Abfällen roch; endlich kam er in die City nach Ludgate Hill. Hier gemahnte ihn der Geruch von Seefischen daran, daß er seit dem Frühstück noch nichts gegessen habe. Er trat in ein Gasthaus, trank einen Cocktail und verzehrte eine Vorspeise. Dann verlangte er Briefpapier und einen Umschlag und schrieb:

‹Ich muß fort. Wär ich geblieben, dann hätten wir beide einander ganz gehört. Ich weiß nicht, was ich tun werde – vielleicht spring ich heut nacht in die Themse, oder ich reise ins Ausland, oder ich kehre zu dir zurück. Was ich auch tun mag, verzeih und glaub mir, daß ich Dich liebe.

Wilfrid.›

Er schrieb die Adresse auf den Umschlag und steckte ihn in die Tasche. Doch er konnte sich nicht entschließen, ihn in den Briefkasten zu werfen. Niemals fand er den richtigen Ausdruck für seine Gedanken und Gefühle. Wieder schlug er den Weg nach Osten ein, durchschritt die City, die so still und verlassen dalag, als sei sie vom Feind vergast worden, und kam dann in die belebtere Whitechapel-Road. Er ging und ging, wollte sich todmüde wandern, um den Sturm seiner Gefühle zum Schweigen zu bringen. Jetzt wandte er sich nordwärts und kam gegen elf Uhr in die Nähe von Chingford. Ganz still lag die Gegend im Mondlicht, er schritt an dem Hotel vorbei, auf den Epping-Wald zu. Ein Wagen, ein verspäteter Radfahrer, ein oder zwei Pärchen und drei Vagabunden – sonst traf er niemanden auf der Straße; dann verließ er sie und ging in den Wald hinein. Die Nacht war angebrochen, der Mond übergoß die Blätter und Zweige mit silbrigem Licht. Ganz erschöpft ließ sich Wilfrid auf den Boden mit den Bucheckern nieder. Die Nacht war wie ein ungeschriebenes Gedicht – das Glitzern und Rieseln des Lichts schien wie das launische Spiel eines sprunghaften Geistes, dieses Flirren, dieses Gleiten in die Wirklichkeit und aus der Wirklichkeit. Und nie kam dieses Flimmern zur Ruhe, nahm es den steten Glanz metallischen Silbers an; es glomm wie ein Traumbild auf und zerrann. Und dort oben kreisten die Sterne, unter denen er schon so oft dahingewandelt, der Wagen und all die andern Sternbilder, die in dieser Großstadtwelt namenlos, bedeutungslos blieben.

Er kehrte sich um und lag mit dem Antlitz auf dem Boden, preßte die Stirn an die Erde. Da hörte er plötzlich das Rattern eines Flugzeugs. Seine Umrisse und die Flugrichtung konnte er durch das dichte Laub nicht sehn. Irgendein Nachtflugzeug nach Holland, wohl ein englischer Flieger, der aus dem Lichtmeer von London emporstach oder zwischen Hendon und einem Landungsplatz an der Ostküste Übungen machte. Seit er als Luftschiffer im Kriegsdienst gestanden, hatte er nie wieder fliegen gemocht. Schon beim bloßen Hören der Propeller ergriff ihn jenes Gefühl des Überdrusses und der Übelkeit, von dem ihn der Waffenstillstand befreit hatte. Das Surren ging vorüber, erstarb; von London her drang gedämpftes Brausen zu ihm, kein andrer Laut war in der stillen, warmen Nacht zu hören – nur das Quaken eines Frosches, leises Vogelzirpen, das Kreischen zweier Eulen, die zu zanken schienen. Wieder kehrte er das Gesicht zu Boden und sank in ruhigen Schlaf.

Im ersten Morgengrauen erwachte er, schwerer Tau war gefallen. Er fühlte sich steif und durchkältet, doch sein Geist war klar. Er stand auf, schlenkerte mit den Armen, steckte sich eine Zigarette an und sog tief den Rauch ein. Dann saß er wieder da, schlang die Arme um die Knie, rauchte die Zigarette zu Ende, ohne sie einen Augenblick vom Mund zu entfernen, und ließ den Stummel mit dem langen Aschenrest fallen, gerade noch ehe er sich die Lippen versengte. Plötzlich befiel ihn ein Schüttelfrost. Er stand auf, wollte auf die Straße zurück. Jämmerlich langsam kroch er vorwärts, fühlte sich steif und elend. Endlich kam er im Morgenlicht auf die Straße, doch obwohl er den Weg nach London genau kannte, schlug er die entgegengesetzte Richtung ein. Er schwankte weiter, immer wieder vom Fieberfrost durchschüttelt. Endlich setzte er sich nieder, beugte sich auf die Knie herab und verfiel in eine Art dumpfer Betäubung. Da rief eine Stimme: «He!» Er fuhr auf. Ein junger Mann mit frischem Gesicht hielt sein kleines Auto auf der Straße an.

«Ist Ihnen was passiert?»

«Nichts», knurrte Wilfrid.

«Es scheint Ihnen aber doch schlecht zu sein. Wissen Sie, wie spät es ist?»

«Nein.»

«Steigen Sie ein, ich bringe Sie ins Chingford-Hotel. Haben Sie Geld bei sich?»

Wilfrid maß ihn mit grimmigem Blick und lachte auf.

«Ja.»

«Nur nicht gleich so empfindlich! Sie brauchen Schlaf und eine Tasse starken Kaffee. Kommen Sie!»

Wilfrid erhob sich. Er hielt sich kaum auf den Beinen. Dann saß er zurückgelehnt in dem kleinen Auto, ganz zusammengesunken neben dem jungen Mann. «Gleich sind wir dort», tröstete sein Begleiter.

Nach zehn Minuten, die ihm in seinem Fieberfrost fünf Stunden dünkten, hielten sie vor dem Hotel.

«Ich kenn hier den Hausknecht», sagte der junge Mann, «dem werd ich Sie anvertraun. Wie heißen Sie?»

«Teufel!» knurrte Wilfrid.

«He, George! Ich hab diesen Herrn da unterwegs aufgelesen. Ihm ist ein wenig übel. Bringen Sie ihn in ein anständiges Schlafzimmer, geben Sie ihm eine Wärmflasche und legen Sie ihn dann ins Bett. Dann brauen Sie ihm eine Schale starken Kaffee und sorgen Sie dafür, daß er ihn trinkt.»

Der Hausknecht grinste. «Sonst nichts?»

«Nein. Messen Sie seine Temperatur und lassen Sie den Arzt holen. Passen Sie auf, mein Herr», wandte sich der junge Mann dann an Wilfrid, «diesen Hausknecht kann ich Ihnen bestens empfehlen, er putzt die Schuhe spiegelblank. Lassen Sie ihn nur machen – keine Sorge. Ich muß weiter, es ist sechs.» Er wartete einen Augenblick, sah Wilfrid am Arm des Hausknechts ins Hotel wanken und fuhr schleunig davon.

Der Hausknecht brachte Wilfrid in ein Zimmer.

«Können Sie sich allein auskleiden, Herr?»

«Ja», murmelte Wilfrid.

«Dann geh ich und hol Ihnen Wärmflasche und Kaffee. Keine Angst, wir haben hier keine muffigen Betten. Waren Sie die ganze Nacht unterwegs?»

Wilfrid kauerte auf dem Bettrand und gab keine Antwort.

«Los!» rief der Hausknecht. «Her mit dem Ärmel!»

Er zog Wilfrid den Rock aus, dann Weste und Hosen. «Mir scheint, Sie haben sich da eine nette Erkältung zugezogen. Ihre Wäsche ist ganz feucht. Können Sie sich auf den Beinen halten?»

Wilfrid schüttelte den Kopf.

Der Hausknecht deckte das Bett ab, zog Wilfrid das Hemd über den Kopf. Dann befreite er ihn mit einiger Anstrengung von der Unterwäsche und wickelte ihn in eine Decke.

«Jetzt einen Ruck, Herr, einen Ruck ins Bett!» Er drückte Wilfrids Kopf in die Kissen, hob seine Beine aufs Bett und legte noch zwei Decken auf den Kranken.

«Bleiben Sie liegen, in spätestens zehn Minuten bin ich wieder hier.»

Wilfrid lag da, derart vom Fieber geschüttelt, daß er weder zusammenhängend denken noch sprechen konnte, so heftig klapperten ihm die Zähne. Er nahm ein Stubenmädchen wahr, dann Stimmen.

«Zwischen den Zähnen? Da zerbricht es ja. Kann man ihn nicht woanders messen?»

«Ich werd's unterm Arm versuchen.»

Man schob ihm ein Thermometer unter den Arm und hielt es dort fest.

«Sie haben doch nicht gelbes Fieber, Sir?»

Wilfrid schüttelte den Kopf.

«Können Sie sich aufrichten und das da trinken?»

Kräftige Arme hoben ihn auf, er trank.

«Fast vierzig Grad!»

«Donnerwetter! Da, legen Sie ihm die Wärmflasche an die Füße, ich klingle den Doktor an.»

Wilfrid sah, daß das Mädchen ihn anstarrte, als wollte sie ergründen, was für ein Fieber sie sich holen könne.

«Malaria», sagte er plötzlich. «Geben Sir mir eine Zigarette! In meiner Weste.»

Das Stubenmädchen steckte ihm eine Zigarette zwischen die Lippen und zündete sie an. Er tat einen langen Zug.

«Hier in der Gegend soll es Moskitos geben. Haben Sie gestern nacht welche gefunden?»

«Im Blu-Blut.»

Jetzt waren die Fieberschauer nicht mehr so heftig, er sah ihr zu, wie sie im Zimmer herumging, seine Kleider über einen Stuhl hängte und die Vorhänge zuzog, so daß sein Bett im Schatten lag. Dann trat sie näher, er lächelte zu ihr empor.

«Noch einen Schluck heißen Kaffee?»

Er schüttelte den Kopf, schloß die Augen wieder und verkroch sich, von Frost geschüttelt, in die Decken; er merkte, daß sie ihn noch immer ansah, und vernahm Stimmen.

«Seinen Namen find ich nicht, aber er muß ein vornehmer Herr sein. In seinem Rock hat er Geld und den Brief da. In fünf Minuten ist der Doktor hier.»

«Gut, ich bleib so lang bei ihm, aber ich hab meine Arbeit.»

«Ich auch. Melden Sie das der Frau, wenn Sie mit ihr sprechen.»

Er sah, wie ihn das Mädchen mit einer gewissen Ehrfurcht anstarrte. Ein Fremder, ein vornehmer Herr mit einer sonderbaren Krankheit scheint für ein schlichtes Gemüt hochinteressant. Von seinem Gesicht konnte sie nicht viel sehn – er hielt es ins Kissen gedrückt – nur eine sonngebräunte Wange, ein Ohr, ein paar Haare, ein zusammengekniffenes Auge unter der Braue. Er spürte, wie sie schüchtern mit dem Finger ihm die Stirn berührte. Brennendheiß, natürlich!

«Möchten Sie, daß man Ihren Freunden schreibt, Sir?»

Er schüttelte den Kopf.

«Der Doktor wird gleich hier sein.»

«So werd ich zwei Tage liegen – nichts zu machen – Chinin – Orangensaft –» Er verstummte, von heftigem Fieber geschüttelt. Dann sah er, daß der Arzt eintrat und das Stubenmädchen noch immer an der Kommode lehnte und an ihrem kleinen Finger sog. Sie nahm ihn aus dem Mund und fragte:

«Soll ich hierbleiben, Herr Doktor?»

«Ja, Sie können hierbleiben.»

Die Finger des Arztes umschlossen Wilfrids Puls, zogen ihm das Lid hoch, die Lippen auseinander.

«Hm! Sie hatten wohl schon öfters einen Anfall, Sir?»

Wilfrid nickte.

«Schön! Bleiben Sie, wo Sie sind, nehmen Sie Chinin, mehr kann ich nicht für Sie tun. Ein heftiger Anfall.»

Wilfrid nickte.

«Sie haben keine Karte bei sich. Wie heißen Sie?»

Wilfrid schüttelte den Kopf.

«Schon gut! Keine Sorge! Nehmen Sie das.»


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